Landwirtschafts-Simulator 2013

(Artikel)
Kristin Riedelsberger, 15. November 2012

Landwirtschafts-Simulator 2013

Mein einer Tag in Hegenstedt

Schweißperlen auf der Stirn, feuchte Hände, nervöses Blinzeln... Als mich Nex vor zwei Wochen bat, Mitglied des D-Pads zu werden, mehr noch, den Flashsamstag zu ersetzen, da war mir schlagartig bewusst, welch immenser Druck da auf mir lasten würde! Ich, die 2D-Adventure-Tante, die 3D-N00bine, die sich eigentlich in sämtlichen Konsolentiteln nur durch Buttonmashing behauptet, ICH sollte mit meinen Reviews die Kurzweiligkeit des Flash-Samstags toppen? Manchmal sogar an anderen, noch bedeutungsschwangeren Tagen zum Einsatz kommen?! So wie heute?! Aber er beruhigte mich und raunte beschwichtigend, während er mich mit seinen bleichen Gamerfingern hinter den Ohren kraulte: "Keine Aaangst. Wir werden dir ein Spiel zum Rezensieren geben, da werden alle staunen! Eine gute Rezension schreibt sich bei diesem Meilenstein der Videospielgeschichte quasi von ganz allein! Du KANNST es gar nicht verkacken! Sie werden dir aus der Hand fressen!" Und ich schnurrte, nickte und rollte mich auf seinem Schoß zusammen. Und dann, einige Tage später, überreichte er mir den Landwirtschafts-Simulator 2013.

Und ich weinte ein bisschen.

Tatsächlich glaube ich ja, dass die Jungs mich nur engagiert haben, weil sie selbst dieses Spiel nicht spielen wollten.

Und ich kann sie verstehen!

Glaubt mir: Ich hätte auch lieber mit Papa Pancakes gebacken, bei Castaway 2 gelevelt oder den Parapluesch-Patienten ordentlich Elektroschocks verpasst. Aber diese Zeiten sind nun mal vorbei! Nun gut. Geteiltes Leid ist halbes Leid! Nehmt mich also bei den Händen und lasst mich euch entführen in die... "facettenreiche Welt der Landwirtschaft." So steht’s jedenfalls auf der Packung.

So viele Trecker und... Golfcaddys? Nun, die Anleitung sagt dazu: "Es lohnt sich, an oft besuchten Stellen ein billiges Fahrzeug abzustellen, damit sie mit der Tabulator-Taste jederzeit dort hinspringen können." Das ist doch mal ein innovatives Port-System...

Gut, man muss dem Spiel anrechnen, dass das nicht komplett gelogen ist. Was das landwirtschaftliche Equipment angeht, lässt der Landwirtschafts-Simulator zum Beispiel keine Wünsche offen! Da gibt es zahlreiche verschiedene Traktoren, Sämaschinen, Ballensammelwagen, Grubber, Schwader, Miststreuer... Alles was das Bauernherz begehrt! Außerdem kann man sich Hühner, Schafe und Kühe auf den Hof holen (die Nutztiere liefern hier Eier, Wolle und Milch. Wer in die Fleischindustrie gehen möchte, der muss leider erst noch auf die Ankündigung eines Schlachthofsimulators warten. Da gibt es dann vielleicht auch Schweine!), Biogasanlagen, Gewächshäuser und Bienenstöcke aufstellen uuund... Hm. Im Grunde war’s das.

Und dann sitzt du also im schönen Dörfchen Hegenstedt und darfst 42 Felder bestellen. Hmmm. Kartoffeln, Korn oder Zuckerrüben? Hmmm, so viele Möglichkeiten! Egal. Erst mal muss sowieso gepflügt werden. Also: Rein in den Traktor, Pflug angekuppelt und auf zum Feld. Mit 20 kmH höchstens, denn sonst fällt der Pflug wieder ab. Also, man kann es nicht anders sagen: Was das angeht, macht Giants Software dem Titel "Simulation" wirklich alle Ehre, denn die Strecke vom Bauernhof bis zum Feld legt man in Echtzeit zurück! Das kann schon einige Minuten dauern, bis man bei Feld 41 angekommen ist!

Immerhin ist das Spiel technisch so fortschrittlich, dass man es nicht nur mit WASD und den Pfeiltasten/Maus, sondern auch mit einem Controller spielen kann. Und das möchte ich euch wärmstens empfehlen, um der drohenden Sehnenscheidenentzündung vorzubeugen. Und das ist mein voller Ernst!
Denn ein Feld zu pflügen – was im Grunde nur bedeutet, immer wieder laaange geradeaus zu fahren, zu wenden und wieder laaange geradeaus zu fahren – dauert tatsächlich, je nach Größe des Feldes, zwischen dreißig Minuten und 1 1/2 Stunden. Echtzeit. Echtzeit! WARUM?!? Wer hat ernsthaft Spaß daran, stundenlang nur geradeaus zu fahren?! Und während man dabei ist, vor lauter Langeweile bei eingeschaltetem Tempomaten in die Weite zu starren, ploppt auch noch ein "Spieltipp" auf, der da besagt: "Wenn sie möchten, können sie das Feld vor dem Einsäen noch ein zweites Mal pflügen; es ist aber nicht unbedingt nötig." Hallo?! Wer zur Hölle würde das ernsthaft TUN? Schlimm genug, dass man zum Einsäen, Düngen und Ernten noch mal wieder zum Hof juckeln, die neue Maschine ankuppeln, zurückfahren und NOCH MAL das ganze Feld abfahren MUSS, wenn man denn irgendwann mal was zum Verschachern haben will; aber FREIWILLIG einen Arbeitsvorgang noch mal wiederholen? Und das bei 42 Feldern?

Wenn während des Spiels die Aggressionen zu groß werden, hilft nur noch Zerstörung! Aber irgendwie... So richtig spektakulär... Es ist halt kein Just Cause 2...

Und dann kommst du irgendwann frohen Mutes zu deinem Feld, um zu checken, ob das Korn schon in voller Blüte steht – und dann ist alles vergammelt, weil es zu viel geregnet hat oder so. Boah. Ich glaube, ich würde dem nächsten, der mir über den Weg läuft, den Hals umdrehen...

...Oder meinen 444 Hühnern, wenn ich sie denn sehen könnte. Aber... Na ja. Sie gackern. Es liegen auch Eier rum. Aber die Hühner selbst sind unsichtbar. Ich habe mich auch etwas gewundert, als ich in einer anderen Rezension las, das Dorfleben sei ja im Vergleich zur Vorgängerversion so viel "lebhafter" geworden, man könne jetzt Menschen auf den Straßen sehen! Also entweder reichen die Skills meiner Grafikkarte einfach nicht, um die bestimmt traumhaft detailreich programmierten Menschen und Tiere anzuzeigen, oder es ist einfach ein winzig kleiner, kaum wesentlicher Bug daran schuld, dass ich weder das eine noch das andere sehen kann. Vielleicht ist es aber auch Absicht; könnte man nämlich wirklich sehen, wie sich 444 Hühner auf schätzungsweise fünf Quadratmetern Fläche vergnügen, hätte Giants Software bestimmt ein Tierschutz-Problem. (Damit hätte dann PETA gleichzeitig zum ersten Mal WIRKLICH Grund dazu, ein Videospiel durch den ethischen Kakao zu ziehen...)

Die einzigen anderen Lebewesen, die mir während des Spiels begegnet sind, waren ein paar seeehr geduldige Autofahrer ohne Unterleib.

Erst dachte ich ja, es wären keine Menschen auf den Straßen, weil sie einfach ihre Häuser nicht verlassen können. Aus etlichen Schornsteinen des schönen Dorffachwerks dringen zwar Kaminrauchschwaden, aber wenn man näher an sie heran tritt, stellt man fest, dass es keine Chance gibt, die Tür irgendeines Gebäudes (also auch die des Landhandels, der Gaststätte und des Landmaschinenhändlers) zu öffnen. Sie sind sozusagen Eins mit der Hauswand. Das wiederum ist nicht ganz so realistisch. Und ich finde: Wenn ich schon einsam und verlassen ganz Hagenstedt mit Getreide versorge, dann muss ich ich mich wenigstens abends im Dorfkroog von meinen Strapazen bei Bier und Skat erholen können! So. Gerade auch, weil das Spiel einen Coop-Modus hat, wäre sowas in meinen Augen total naheliegend gewesen.

Eine nette Freizeitalternative wäre auch Golf gewesen, denn Hagenstedt verfügt tatsächlich über einen ansehnlichen Goldplatz! Allerdings kann man mit dem nicht viel anstellen... Abgesehen vom Rasenmähen...

Nicht ganz realistisch auch die Tatsache, dass ich zu Fuß schneller bis als mit einem 40km/h schnellen Traktor, dass den anderen Autofahrern der komplette Unterleib fehlt oder dass ich mit meinem Golfcaddy senkrechte Wände hochfahren kann... Ach ja, oder die hin und wieder aufploppenden Mini-Missionen, die wohl Abwechslung ins Gameplay bringen sollen, von denen es aber auch nur drei oder vier verschiedene zu geben scheint. Missionen wie: "Es ist ein Elefant entlaufen! Liefern sie Erdnüsse in den Wald! Belohnung: 163859256254849364,63 €!" Ganz ehrlich: Wenn ich in einer Viertelstunde Spielzeit 8.000 € machen kann, nur indem ich mit meinem Frontlader ein Paket Luftballons drei Häuser weiter trage, wozu soll ich dann überhaupt noch Felder pflügen?! Ach ja, vielleicht um die teure Hilfskraft zu bezahlen, die ich fürs Feldpflügen eingestellt habe und mich 2.000 für ein großes Feld kostet. Und weil ich ja sonst nichts zu tun habe, außer auf neue "Quests" und meinen Umsatz zu warten... IN MEIN HAUS KOMM' ICH JA NICHT REIN, UM MAL GEMÜTLICH FERNZUSEHEN!

Um das Gameplay etwas abwechslungsreicher zu gestalten, haben sich die Entwickler überlegt, hin und wieder ein paar... herausfordernde Quests zu starten. Meistens muss man irgendetwas von irgendwo irgendwoanders hinbringen. Dafür kriegt man dann Geld. Viiieeel Geld.

Na gut. Ein Fazit. Mein Fazit.

1. Für Menschen, die absolut nicht wissen, was sie mit ihrer Zeit anfangen sollen, bietet der Landwirtschafts-Simulator eine nette Alternative, denn er gibt einem das Gefühl – auch schon nach wenigen Minuten! – man würde sehr, sehr hart und ausdauernd arbeiten. Er schafft es bemerkenswert gut, dem Spieler tatsächlich sowohl körperlich als auch emotional zu vermitteln, wie sich wohl der Arbeitsalltag in einem Dorf im absoluten Nirgendwo anfühlen könnte. Wer sich schon immer gefragt hat, weshalb es tatsächlich Menschen gibt, die sich freiwillig in die Fänge von RTL begeben und sich als "schüchterner Schweinebauer Schorsch" bei "Bauer sucht Frau" bewerben: Der Landwirtschafts-Simulator 2013 liefert euch die Antwort!
2. Für alle Traktorbegeisterten kann der Landwirtschafts-Simulator ein großes Vergnügen sein, denn hier hat man wirklich viel Auswahl! Allerdings ersetzt die WASD-Pfeiltasten-Steuerung den wahren Ritt auf einem bulligen Lanz Bull nicht wirklich... Glaub' ich. Außerdem ist die Landschaft, durch die ihr von Feld zu Feld zuckeln müsst, doch eher mäßig spannend...
3. Für euch, die Fans des D-Pads, ist der Landwirtschafts-Simulator 2013 mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nichts. Denn... irgendwie... sind wir da wohl die falsche Zielgruppe. Vermute ich.

Danke für eure Anteilnahme.

Quis.


Fragen, die noch offen blieben:
1. Wie viele Arbeitsgänge braucht so ein Feld nun eigentlich insgesamt?
2. Warum fährt mein Trecker nicht schneller, wenn ich die Zeit schneller laufen lasse?
3. Gibt es Jahreszeiten in Hagenstedt? Und wenn ja, muss ich das Spiel dann den halben Winter über im Hintergrund laufen lassen, bevor ich im Frühjahr wieder grubbern kann?

Kommentare

Rian
15. November 2012 um 00:33 Uhr (#1)
Ich glaube immer noch, dass man mit viel Geduld und Hingabe und einem gewissen Maß an unerbittlicher Sturheit Spaß an diesem Spiel haben kann. Das glaube ich fest! Wenn der Betrieb nach fünfzig Realstunden erst mal so richtig rund läuft, ist das bestimmt ein tolles Gefühl. Dann hat man alles erfolgreich automatisiert und kann sich vor der Türtextur seines Landwohnsitzes so richtig schön in den Schaukelstuhl hocken.
Gast
23. Juni 2017 um 17:40 Uhr
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