Warum denn so förmlich?

(Artikel)
Rian Voß, 19. März 2017

Warum denn so förmlich?

Siezen und Duzen in deutschen Games

Es ist ja kein Geheimnis, dass Synchronsprecher schlecht bezahlt werden. Würden deutsche Stimmtalente so viel Kohle kassieren wie die Menschen hinter den amerikanischen Simpsons, dann würde Robert Missler (Stimme von James Wilson aus Dr. House) nicht für lokale Automärkte vor Kinofilmen werben. Auch Videospiele, wo mit dutzenden Stunden aneinandergereihter Sprechzeit die eierlegende Wollmilchsau der Synchronisation liegen sollte, geben nicht viel her. Sonst wäre es nicht erklärlich, warum seinerzeit The Elder Scrolls: Oblivion etwa sechs Stimmen für über hundert individuelle Figuren hatte. Aber die Probleme liegen nicht nur in den mangelhaften Finanzen.

Dieser Beitrag wurde erstmals am 24.4.2013 veröffentlicht.

Auch an Qualität wird gespart. Habt ihr euch schon mal richtig über eine miese, deutsche Synchro aufgeregt? Dann haben da nicht unbedingt die Sprecher schuld. Ohne Vorführung entsprechender Sequenzen müssen die Skripte innerhalb weniger Tage fehlerfrei durchgepaukt werden - meistens unchronologisch und befreit von jeglichem Kontext. Nora Tirschner hatte für Tomb Raider acht Tage bekommen, was schon unerhört viel war. Üblich sind sechs, aber da darf man bloß nicht glauben, dass da in Einzelfällen nicht noch ordentlich nach unten reguliert wird.

Und manchmal wird einfach falsch gecastet. Es werden Sprecher für Charaktere eingestellt, die sich in keinster Weise grün sein können. Da kann sich die Stimme noch so sehr anstrengen, sie passt einfach nicht zur Figur. Wo falsch gecastet wurde, da mangelte es jemandem entweder an Zeit, Motivation oder Fähigkeiten.

Ein Paradebeispiel für Faul- oder Dummheit - und etwas, das mich sehr stört - ist die Schwierigkeiten, die Charaktere mit dem Duzen und Siezen in deutschen Übersetzungen haben. Vielleicht waren sich die Übersetzer auch einfach nie so recht klar, wie bestimmte Figuren zueinander stehen, weil sie nie alle Dialoge am Stück bekamen und alle übersetzten Brocken am Ende zusammengetackert werden mussten. Jedenfalls stellt die förmliche Anrede einen Problembrunnen ohne Boden dar. Gerade in nicht-linearen Rollenspielen, man denke nur an Mass Effect, herrscht eine Überförmlichkeit. Da haben sich werdende Freunde gerade einander das Leben gerettet und im nächsten Moment führen sie den eloquenten Knicks voreinander aus.

Aber gut, ich sehe ein, dass das Beispiel unfair ist. Im englischen Original gibt es diese Problematik nicht und es wäre zu viel verlangt, dass die Entwickler einen Gewichtungsalgorithmus bauen, der bewertet, wie respektvoll die Charaktere miteinander hantieren müssen und wann sie sich endlich duzen dürfen. Aber es ist ja nicht so, dass das Sie nicht auch in sehr viel lineareren Abenteuern nur so um sich geworfen würde.

Ich bin seit langer Zeit ein Anhänger des O-Tons. Gar nicht mal, weil ich deutsche Synchros so schlimm finde, sondern weil unser Kontingent an guten Sprechern in dieser Industrie doch sehr schnell ausgereizt zu sein scheint und man immer wieder dieselben Leute hört. Und wenn es dann noch hapert, dann eher an der hölzernen Übersetzung als an den eigentlichen Audioerzeugern. Insofern habe ich meist auch immerhin keine Probleme mit Übersetzungen von Fantasy-Spielen - da sprechen sich ja ohnehin alle mit "Ihr" an und das vokabulare Bouquet scheint nicht ganz so blumig zu sein. Außerdem gibt es Elfen und Paladine, danach lecken sich doch übersetzende Germanistik-Studenten nur so die Finger. Trotzdem ist es schade, dass ein Land, das eine fast schon übertriebene Übersetzerkultur hat, doch in allen Ebenen des Prozesses eher minderwertige Ergebnisse an den Tag legt. Rian

Übrigens: Meine liebste deutsche Synchro steckt im Titel Aquanox 2: Revelation.

Kommentare

Meykota
Gast
24. April 2013 um 22:43 Uhr (#1)
Wuhu, endlich mal ein Artikel zur deutschen Sprache! Da lacht das Germanistikherz, lieber Rian^^

Du hättest noch erwähnen können, dass die Übersetzung ja schon immer ein wenig hapert, denkt man dabei nur an die alten PS1-Spiele (*hust*FF7*hust*), wo die Übersetzung scheinbar wirklich von Ersties aus der Germanistik gemacht wurde ;)
Allerdings ist es tatsächlich so, dass die Sprecher oft nur die Texte bekommen und dann eben losplappern müssen. So hat's mir Stefan Margenfeld erzählt (seines Zeichens La Volpe in Assassin's Creed II). Dass die gute Frau Tschirner (übrigens meiner Meinung nach eine schlechte Wahl) direkt zu Lara sprechen konnte, ist da wirklich schon die Ausnahme.

Bitte mehr Artikel zur deutschen Sprache :)
Rian
25. April 2013 um 00:18 Uhr (#2)
Naja, "immer haperte" ist pauschalisiert. FF7 ist da bestimmt ein Negativbeispiel, aber wenn ich im Gegenzug an Baldur's Gate oder Planescape: Torment denke, dann relativiert sich das. Zumal ich das Gefühl habe, dass sich früher Übersetzer mehr Mühe gemacht haben (oder nicht so stark reglementiert waren), dass sie eigene Ideen reinbringen konnten, die eher zur Zielgruppe passten. Ich gehöre zwar nicht dazu, aber ich kenne Leute, die es ganz klasse fanden, dass bei FF9 der eine Typ mit 'nem bayrischen Dialekt sprach.
Haris
25. April 2013 um 08:25 Uhr (#3)
Früher war die Übersetzung ja nicht wirklich so stark kontrolliert wie heute, das war ja auch mal teilweise nur ein einziger Kerl, der nicht nur übersetzte, sondern auch gleichzeitig Lektor und QA in einer Person. Da hatte man eben Freiheiten, die heutzutage so nicht mehr existieren oder in der Bürokratie untergehen. Als ich in dem Bereich arbeitete gab es beispielsweise auch mal einen Fall, wo ein Übersetzer eine etwas "freie" Übersetzung gewählt hatte (obwohl es eine offensichtliche direkte Übersetzung gab, aber die Variante des Übersetzers klang besser) und die wurde dann direkt von einem Kollegen von mir gebuggt und geändert.
Rian
25. April 2013 um 12:47 Uhr (#4)
Ich habe auch gelesen, dass im Film- und Serienbereich viel Wert auf Originalklang gelegt wird. Bedeutet: Wenn der Soundschneider nachher am Computer die Originaltonspur mit der lokalisierten Version abgleicht und die Amplituden nicht übereinstimmen, dann wird der Take abgelehnt. Habe aber keine Ahnung, wie viel Wahres da dran ist und ob das für die Spielebranche auch so gilt.
AsgarZigel
29. April 2013 um 20:38 Uhr (#5)
Kann ich garnicht genug zustimmen... inzwischen mache ich mir garnicht mehr die Mühe die deutsche Version überhaupt zu spielen. Da wird halt meist ordentlich gespart und auf den letzten Drücker alles durchgezogen... was ich bis zu einem gewissen Punkt nachvollziehen kann, aber dann sollte man doch lieber den GTA-Weg gehen und nur Untertitel übersetzen.

Richtig schade eigentlich, vor allem weil es früher einfach tatsächlich war. Habe vor kurzem Sacrifice gespielt und da ist die deutsche Synchro stellenweise sogar deutlich besser.
Gast
24. November 2017 um 01:05 Uhr
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