60 Euro nur für Multiplayer?

(Artikel)
Torsten Ingendoh, 12. Januar 2016

60 Euro nur für Multiplayer?

Aber natürlich!

Wenn etwas das Potential für unendlich viel Spielspaß hat, dann Multiplayer. Durch den Wettstreit mit anderen Spielern kann so viel passieren, jede Partie hat unendlich viel Potenzial. Viele Spiele leben davon, dass man so viel erleben kann, wenn man sich online oder auf der Couch mit anderen Spielern misst. Manche Spiele leben sogar ausschließlich davon und bieten den Spielern kein Einzelspielererlebnis. Dadurch fehlt eine für viele essentielle Komponente. Sollte das Fehlen eines Singleplayers sich dann auch im Preis niederschlagen?

In den letzten Jahren sind einige erstklassige Multiplayerspiele erschienen, die komplett auf eine Kampagne verzichten. Wer alleine spielen will, der kann sich höchstens mit Bots herumschlagen, sofern das Spiel es zulässt. Da kommen aber schon die ersten Stimmen, die sagen, dass ein Spiel ohne Singleplayer keine 60 Euro wert sei. Allen voran AngryJoe, der bei so gut wie jedem Multiplayer-only-Spiel am Preis mäkelt. Nun, ich finde, dass ein guter Multiplayer durchaus den Vollpreis wert ist, vor allem, wenn ich sehr viel Spielzeit damit verbringen werde. Im Gegensatz dazu ist die Singleplayer-Spielzeit zuweilen sehr begrenzt. Irgendwann habe ich alles gesehen, alles gespielt, alles erlebt. Daher ist die Frage nach dem Wert des Multiplayers für mich auch eine Frage nach dem Wert des Singleplayers, vor allem, da das Fehlen eines Singleplayers für viele scheinbar eine Wertminderung des Spieles darstellt.

titanfall-xbox-oneIst das wirklich 60 Euro wert?

Wonach bemessen wir also, dass ein Spiel ohne Multiplayer den vollen Preis wert ist? Ein Kriterium dürfte die Spielzeit darstellen. Wenn ich 60 Euro ausgebe, dann möchte ich nicht schon nach vier Stunden fertig sein. Die erwartete Spielzeit hängt stark vom Genre ab. Wenn ich ein Rollenspiel kaufe, dann plane ich weitaus mehr Zeit ein, als wenn ich mir einen Shooter ins Haus hole. Acht Stunden für die neueste Ballerorgie sind durchaus vertretbar, aber absolut inakzeptabel für die epische Weltrettung mit Schwert und Magie - da sollte man schon mindestens 20 Stunden lang mit beschäftigt sein. Zeit alleine ist aber nicht alles, denn die lässt sich durchaus strecken. Qualität muss geliefert werden - in Form von Gameplay, Story, Grafik, Atmosphäre und so weiter. Stimmt alles, dann dürfte eigentlich niemand über den Preis meckern. Oft genug kommt es vor, dass Entwickler dann auf einen Multiplayer verzichten oder dieser wegen schlechter Balance oder ödem Design dahingeschlunzt wirkt. Der Fokus lag ganz klar auf dem Erlebnis für Einzelspieler.

Demnach sollte man Spiele ohne Einzelspieler doch nach demselben Maßstab bewerten. Hier verschwimmen die beiden Kriterien für Singleplayer ein wenig, denn die vom Entwickler projizierte Spielzeit ist wegen der immer wieder neuen Herausforderungen kein Faktor mehr. Stattdessen wird die Qualität des Gameplays umso wichtiger. Macht das Spiel keinen Spaß, werde ich es nach kurzer Zeit wieder deinstallieren. Den Zeitfaktor würde ich daher mit Umfang austauschen. Wie viele Karten und Spielmodi werden einem geboten? Prügelt man sich nur auf vier oder fünf Karten, kommt schneller Langeweile auf, da man irgendwann alles gesehen hat und nicht viel Variation geboten bekommt. Extra-Spielmodi erhöhen da die Abwechslung. Stimmt der Umfang, dann liegt es am Gameplay, ob man sich der Content-Masse stellen will. Sollte das alles passen, dann dürfte das doch auch die geforderten 60 Euro wert sein. Denn was, wenn der mitgelieferte Singleplayer kurz und schlecht ist?

Dafür haben Multiplayerspiele ein ganz anderes Problem. Eines, das kein Singleplayer-Spiel hat: Irgendwann kann man sie nicht mehr spielen. Sei es, weil der Publisher die Masterserver schließt, oder, wie kürzlich bei Gamespy-Spielen geschehen, keine Ersatzserver beim Wegfall gestellt werden, oder weil sich schlicht und ergreifend niemand findet, der das Spiel noch spielen will. Letzteres passiert häufig bei Multiplattformtiteln, wenn eine Konsole nicht so viel Unterstützung erntet - wie zum Beispiel die Wii U. Ein Problem, das mit zunehmendem Alter immer häufiger vorkommt. Auch das sollte berücksichtigt werden.

The_Witcher_3_Wild_Hunt_Geralt_alone_in_a_deep_and_dark_forestUnd warum ist das hier 60 Euro wert?

Wie sieht dieser Maßstab für Singleplayer-Spiele denn in der Praxis aus? Nun, Deus Ex: Human Revolution bietet rund 15 bis 20 Stunden Spielspaß für einen Durchlauf. Multiplayer gibt es nicht - ein Aspekt, der nie kritisiert wurde. Auch bei The Witcher 3 wurde nie erwähnt, dass man nicht mit Freunden zusammenspielen kann. Und das natürlich aus gutem Grund, denn beide Spiele bieten viel Abwechslung und Spaß für ihr Geld. Hingegen stand Titanfall in der Kritik, weil bis auf ein Tutorial alles Multiplayer war. Dabei bot es, meiner Meinung nach, eines der durchdachtesten und ausbalanciertesten Multiplayererlebnisse von 2014. Einzig der Umfang an Karten fiel gering aus, doch diese waren dafür sehr gut designt. Für mich war es den vollen Preis wert.
Es gibt da aber viel größere Sündenböcke. Evolve bot erschreckend wenig zum Launch und wer mehr wollte, musste den DLC kaufen. Gefühlt fünf Karten, drei Monster und zwölf Jäger hätte man noch verkraften können, doch die Partien wurden zu schnell zu gleich und eigentlich machte es nur als Monster wirklich Spaß, da man den Ausgang des Matches in der Hand hatte.

Hätte hier ein Singleplayer den Wert gesteigert? Das würde ganz klar vom Singleplayer abhängen. Battlefield 3 und 4 boten eine Kampagne, trotz des klaren Multiplayerfokus. Und sie waren furchtbar. Schlechtes Missions- und Leveldesign trafen auf eine uninspirierte Story und dann war das Ganze auch nach wenigen Stunden wieder vorbei. Niemand hätte etwas verpasst, hätte man beide Spiele einfach nur mit dem Multiplayer geliefert und es hätte den Wert der Spiele auch nicht gemindert. Vermutlich weil diese Aspekte so schlecht ankamen, hatte DICE bei Battlefront auf einen Singleplayer verzichtet. Und prompt hieß es, dass Battlefront dadurch nicht sein Geld wert sei. Dabei bietet es in etwa genauso viele Maps und Modi wie Battlefield 3 und 4 ohne DLC und lief im Gegensatz dazu ohne größere Probleme zum Launch.

BlOps3_01Hier fragt keiner, ob das 60 Euro wert ist.

Was ich damit sagen will, ist, dass man den Wert eines Spieles nicht davon abhängig machen sollte, ob man auch einen Singleplayer geliefert bekommt. Forderungen wie "40 Euro für reine Multiplayer-Titel" lassen sich übersetzen in "Singleplayer erhöht den Wert um 20 Euro", egal wie gut dieser Teil des Spiels ist. Nicht jedes Spiel schafft es wie Call of Duty öfter mal sowohl ein erstklassiges Single- als auch Multiplayer-Erlebnis zu bieten - viele Spiele glänzen mehr auf der einen als auf der anderen Seite. Und das ist auch nicht schlimm. Wer kauft schon Battlefield wegen der Story? Keiner. Und Spiele wie Spec Ops: The Line bleiben dafür wegen der Story im Gedächnis, nicht wegen des Mehrspielermodus. Stattdessen sollten die Spiele nach dem bewerten werden, was sie liefern: schöne Stunden alleine oder mit anderen.

Kommentare

Laura
Gast
13. Januar 2016 um 12:33 Uhr (#1)
Generell stimme ich dem Autor zu. Multi-Player sind von der Zeit, die man damit verbringen kann durchaus auch mal mehr wert. Wenn es aber danach gehen würde müsste ein Flummi für einen Dreijährigen auch 60 Euro kosten.

Vielmehr ist die Entwicklungszeit, der Aufwand und das künstlerische Schaffen hinter dem Spiel entscheidend. Und genau das ist bei einem Multiplayer mit guter Einzelspieler-Mission doch viel größer, da eben nicht nur Server und eine Rahmenumgebung, sondern auch Charaktere und Story geschaffen werden muss.
Rian
14. Januar 2016 um 00:40 Uhr (#2)
"Muss" ist da ein starkes Wort. Nicht jedes Spiel hat das gleiche Ziel. Kategorien wie Story, Grafik, Atmosphäre und mehr teilen sich zwar viele Spiele, aber es liegt ein riesiger Unterschied zwischen der Spielspaßquelle zum Beispiel eines The Walking Dead und eines Just Cause. Wo das eine von Story und Charakteren lebt, sind diese beim anderen nur in einer Alibimenge vorhanden - und das ist genau richtig so.

Damit will ich nicht sagen, dass mehr gute Spielmodi, darunter ein Singleplayermodus, nicht gut für das Spiel wären. Niemand hat etwas von Mortal Kombat 9s Storymodus erwartet - und dann war er fabelhaft.

Aber alles ist endlich und so auch die Entwicklungszeit. Und wenn es soweit ist und die Entwickler von Battlefield, Call of Duty oder eines neuen Franchises einsehen müssen, dass sie nicht mehr innerhalb ihrer Vertragszeit alles schaffen, was sie sich gewünscht haben, dann werden sie sich anhand ihrer projizierten Zielgruppe entscheiden, welche Komponenten fallen gelassen werden müssen. Das ist in allen Entertainmentbranchen üblich, deswegen gibt es auch zwanzig überarbeitete Versionen der originalen Star-Wars-Trilogie. Und wenn der Tag dieser Entscheidung kommt, dann bin ich auf jedem Fall im Lager der Leute, die sich lieber ein vollständiges und spaßiges Multiplayerspiel wünschen, als eines, wo der halbe Content fehlt und der Singleplayer ein dahingeschludertes Stück Dreck ist.

Außerdem verbringen auch Multiplayerentwickler zuweilen viel Zeit mit Lore, Hintergründen und Designs. Torstens angesprochenes Titanfall ist von den Setpieces her eine Wucht.
Gast
20. August 2017 um 21:15 Uhr
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