Rogue Legacy

(Artikel)
Haris Odobašić, 02. Juli 2014

Rogue Legacy

Die Kinder mit dem gewissen Extra

Erinnert ihr euch noch an die gute, alte Zeit beim Dpad, als wir euch wöchentlich Flash-Games präsentierten? Eines meiner Lieblingsflashspiele war dabei Don’t Shit Your Pants, ein humoristischer "Survival-Horror"-Titel, in dem es darum geht, die absolute Katastrophe zu verhindern. Entsprechend groß war meine Überraschung, als ich vor kurzem feststellte, dass die Entwickler hinter diesem Titel mittlerweile Flash aufgegeben haben und nun auf traditionellere Art und Weise Spiel entwickeln. Rogue Legacy ist das Resultat dieser Bemühungen.

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Der Name verrät schon ein bisschen, worum es geht: Rogue Legacy ist nämlich ein Rogue-like-Spiel, sprich: euer Tod ist endgültig, die Welten sind zufallsgeneriert und der Schwierigkeitsgrad hoch. Allerdings ist das quasi nur das Dressing am Gameplay, denn im Herzen ist Rogue Legacy vor allem ein waschechter Metroidvania-Titel, wenn auch mit einem dezent höheren Vania-Anteil. Es gibt zwar viel zu erforschen, aber die Progression wird nicht geblockt dadurch, dass man bestimmte Ausrüstungsgegenstände sammeln muss. Dafür ist das Gameplay sehr dicht an Castlevania dran: Neben Schlag- und Sprungaktionen hat man nämlich auch immer einen Zauberspruch parat, beispielsweise eine magische Axt oder einen Feuerwirbel, welcher eben sehr an die gleiche Mechanik in den Konami-Spielen erinnert. Selbst die Funktionsweise ist oftmals identisch: die magische Axt fliegt in beiden Spielen im genau gleichen Bögen durch die Luft.
Auch ansonsten findet sich Castlevania im Design immer wieder. Das Setting ist, natürlich, ein altes Schloss mit Anwesen. Ihr zerstört Kronleuchter und Lampen, um Items freizugeben, wie zum Beispiel das allseits beliebte Wallchicken. Zu euren Gegnern zählen wild herumschwebende Köpfe und Skelette, die mit ihren Knochen werfen. Selbst die Musik erinnert an Konamis Jagd nach Dracula.

Allerdings bringt Rogue Legacy reihenweise eigene Ideen mit, die sich euch aber erst offenbaren, wenn ihr zum ersten Mal sterbt. Denn euer Tod stellt eigentlich erst den Eintritt in das richtige Spiel dar, wo ihr beispielsweise mit Upgrademechaniken und Shops vertraut gemacht werdet, sowie mit der Nachfolger-Mechanik. Denn nach jedem Tod könnt ihr aus drei Kindern euren Sprössling wählen. Dieser erbt nicht nur eure Charakterupgrades und Gegenstände, sondern hat auch ein bisschen Individualität zu bieten. So gibt es mehrere Klassen und es ist dem Zufall überlassen, welcher Klasse eure Kinder angehören.


Außerdem ist es wahrscheinlich, dass euer Nachfahre die ein oder andere spezielle Eigenschaft mitbringen wird, beispielsweise Farbblindheit, Flatulenzen oder schwache Muskeln. Das hat teilweise dann auch einen direkten Einfluss auf das Spiel. Ein farbblinder Charakter sieht alles in Grautönen, weswegen gerade das Ausweichen von Gegnerprojektilen plötzlich zur großen Herausforderung wird, während eine Figur mit Muskelschwäche Gegner nicht mit den Schlägen wegstoßen kann, um sich Luft zu verschaffen.

Bei diesen Zusatzeigenschaften erlauben sich die Entwickler von Cellar Door Games sogar ein kleines bisschen Gesellschaftskritik. Denn auch Homosexualität ist eine mögliche Eigenschaft und als ich meinen ersten schwulen Nachfahren auswählte, hatte ich leichte Sorgen. Videospiele tendieren nämlich gerne dazu bei diesem Thema schnell in Stereotypen zu verfallen, um mit schlechten Witzen ein paar billige Lacher auf ihrer Seite zu haben. Entsprechend positiv überrascht war ich, dass die Homosexualität meines Nachfahrens im weiteren Spielverlauf kein Thema, sondern eine rein "kosmetische" Entscheidung war. In manchen Regionen auf der Welt undenkbar, aber in Rogue Legacy ist eure Figur ganz normal, ungeachtet der sexuellen Orientierung.

Je tiefer ihr in Rogue Legacy vorrückt, desto weiter entfernt sich das Spiel von der Castlevania-Blaupause. Spätere Feinde feuern nämlich gerne auch mal dutzende Projektile gleichzeitig auf euch, so dass ihr euch stellenweise wundert, ob ihr nicht gerade in einem Shmup gelandet seid, während die Plattforming-Passagen irgendwann auch mehr mit den Rage-Plattformern à la Super Meat Boy gemeinsam haben, statt mit dem vergleichsweise lässigem Gehüpfe klassischer 2D-Spielkunst.

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In diesem Kontext ist es auch ein netter Kniff, dass euch das Spiel zum Experimentieren zwingt. Die meisten Läufe auf das Schloss dauern nämlich nur fünf bis zehn Minuten, entsprechend ist die mentale Hürde auch ziemlich tief, um sich an eine neue Ausrüstungskombination heranzutrauen oder eine unbekannte Klasse auszuprobieren, wenn sie sich anbietet. Dadurch kehrt nur selten Routine ein, was das schon starke "Nur noch ein Durchgang"-Gefühl nur noch weiter verstärkt.

Außerdem müsst ihr sämtliches, gesammeltes Gold vor jedem Durchgang ausgeben, da es danach verfällt. Auch sammelwütige Spieler werden so gezwungen, entgegen ihrer Instinkte zu arbeiten und statt auf ein teures Upgrade zu sparen eben lieber kleine Schritte zu gehen. Dadurch habt ihr aber das konstante Gefühl, stärker zu werden, was allerdings auch bitter nötig ist, da die Gegner euch nicht nur mit cleveren Bewegungsabläufen vor Herausforderungen stellen, sondern in den späteren Arealen des Schlosses auch immer mächtiger werden und mit neuen Fähigkeiten zu überraschen wissen. In diesem Sinne machen euch die Upgrades nicht wirklich stärker, sondern stellen höchstens Parität wieder her. Es gibt Spiele, die lächerlich einfach werden, wenn man den Upgrade-Baum fast voll hat - Rogue Legacy zählt nicht dazu.

Im Bereich der Metroidvania-Spiele zählt Rogue Legacy mit zu dem besten, was es in den letzten Jahren gab. Das Gameplay ist einwandfrei und der Suchtfaktor riesig: jeder Tod ist gleichzeitig die Motivation, es noch einmal zu versuchen, sei es um zu schauen, ob man weiter kommt, oder einfach nur um Geld für Upgrades und ähnliches zu sammeln. Und der hohe Abwechslungsgrad durch die Nachfahren und den Levelgenerator sorgt dafür, dass Langweile gar keine Möglichkeit hat einzutreten, während der knackige aber immer faire Schwierigkeitsgrad euch vor eine große Herausforderung stellt, aber auch entsprechend für das Weiterkommen belohnt. Haris

Rogue Legacy

(Ranking)
A
RANK
Reife Leistung. A-Spiele machen alles richtig oder sind nah dran. Kleine Schwächen werden durch Stärken mehr als wett gemacht. Das ist Spieldesign auf hohem Niveau.

Kommentare

Ben
03. Juli 2014 um 11:28 Uhr (#1)
Mir hat Rogue Legacy auch sehr gut gefallen, und nicht nur weil es Metroidvania ist. Auch wenn nicht alle Charaktereigenschaften einen Einfluss auf das Gameplay haben, hat es immer Spaß gemacht, sich die Nachkommen und ihre oftmals skurrilen Eigenschaften anzuschauen. Manchmal war ich dann auch davon überrascht, was für einen Unterschied es für das Spiel machte.
Farbenblindheit hat mich ziemlich vewirrt, weil ich irgendwelche Magier nicht mehr auseinander halten konnte und mich dann schlechter auf ihre Angriffe einstellen konnte.
Hier spielen Inhalt und Gameplay gut zusammen, ich mag solche Ideen.
Haris
03. Juli 2014 um 12:16 Uhr (#2)
Am schlimmsten ist Vertigo :( Wenn da alles auf dem Kopf steht geht bei mir rein gar nichts. Da war ich froh, wenn meine Figur wenigstens ein paar Goldmünzen für die Nachfahren zusammen sammeln konnte.
Gast
24. November 2017 um 00:57 Uhr
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