Dragon's Crown

(Artikel)
Rian Voß, 31. Oktober 2013

Dragon's Crown

Stramme Meisen und Fantasy

Man muss kein Fan klassischer 2D-Hack-'n'-Slays wie Streets of Rage oder Double Dragon sein, um von Vanillawares Dragon's Crown gehört zu haben. Da einige Charaktere den Sex-Appeal-Drehknopf im Bereich Brust, Beine und Po bis zur Karikatur auf Anschlag gedreht bekommen haben, rankte sich eine Sexismus-Diskussion königlichen Ausmaßes um den neuen Titel der Macher von Muramasa: The Demon's Blade und Odin Sphere. Wenn man aber die gigantomanischen Möpse der Sorceress, den Pyramiden-Po der Amazone oder den Anabolika-Oberkörper des Zwergs mit einem Lacher nimmt und optisch verschmerzen kann, offenbart sich ein Prügelspiel für den gehobenen Geschmack.

2013-09-30-224459Zwei Zauberer und eine Amazone - Magische Kicks!

Als Untertan des Königreichs Hydeland und waschechter Abenteurer macht man sich auf in Verliese, um die eigenen Taschen zu füllen. Zumindest für kurze Zeit, denn nachdem man ein wenig durch die maßlos hübschen 2D-Dungeons navigierte und sich in der Hauptstadt wieder eingefunden hat, um das erste Loot zu verscherbeln, wird es ernst: Der König ist in Gefahr, der Nebel des Verrats umgibt den Thron und zudem wollen Feinde des Königreichs einen unsterblichen, alten Drachen aus dessen Verbannung befreien. Aber gegen Drachen gibt es ein Mittel: Die sieben Dragonballs neun Talismane!

2013-09-30-232453USK 12.

Neun Talismane, neun Level: Jedes Dungeon ist für sich ein spielerisches und optisches Unikat, das es zu erkunden gilt. Hier Elfenruinen, dort eine Brückenschlacht gegen die orkische Armee, dann ein Floßritt durch unterirdische Katakomben, ein Magierturm, ein dichter Zauberwald und mehr. Die einzelnen Level sind mit Schätzen und Feinden bis obenhin gefüllt und bieten ein gutes Maß an Abwechslung und, durch die Wunder der Randomisierung, auch immer wieder leichte Variationen der Feindbegegnungen. An den Wänden befinden sich Runen, die man per Touchdisplay (PS Vita) oder Analogstick zu Zaubersprüchen kombinieren kann, während quasi jeder Screen, den man betritt, kleine Secrets und versteckte Räume bereithält, von denen man zuerst nichts weiß. Wildes Ausprobieren oder eine der vielen Dutzenden Nebenmissionen geben Hinweise oder Lösungen vor, so dass man etwa an die durch ein Farbschalterrätsel versperrte Truhe mit dem garantierten S-Rang-Loot (und wie DPad-Leser wissen: S ist gut!) herankommt. Hinzu kommt, dass jedes Areal über zwei Pfade verfügt, die zu unterschiedlichen Bossgegnern führen und so die Levelanzahl auf 18 erhöhen. Und jeder Obermotz hat seine eigene Siegesstrategie sowie teilweise mehrere Stufen, die es zu durchlaufen gilt - wer den fürchterlichen roten Drachen im ersten Anlauf kleinkriegt, vor dem ziehe ich meinen Hut! Daneben muss man sich aber auch vom steinernen Blick der Medusa abwenden, eine Chimäre durch mehrere Stockwerke eines Turmes jagen und einen Kraken davon abbringen, die Trägersäulen einer Ruine einzureißen. Kaum ein Spiel wartet mit so vielen grundverschiedenen Missionshöhepunkten auf - da gibt es fast zu viel zu tun für nur eine Person!

2013-10-01-100403Wie bei Golden Age darf man auf Tierchen reiten.

Glücklicherweise ist man nicht allein, sondern in Gesellschaft von bis zu drei Computer-Kompagnons oder echten Spielern (offline, online und inzwischen auch cross-plattform zwischen Heimkonsole und Handheld). Beim Zerschlagen von diversen Geistern, Zyklopen und anderen mythischen Wesen zeigt sich sehr gut, wie sehr sich die Figuren voneinander unterscheiden: Die Amazone wirbelt wie bekloppt durch die Luft, Zauberer und Magierin beschwören Computerhelfer und füllen den Bildschirm mit thaumaturgischen Naturkatastrophen, der muskelbepackte Zwerg kann Gegner greifen und wegschmeißen, die Elfe konzentriert sich mit Bogen auf den Fernkampf und muss schauen, dass ihr die Munition nicht ausgeht, und der Kämpfer blockt mit seinem Schild alle Angriffe und vergeltet sie vielfach. Dabei unterscheiden sich sogar die Kontrolleingaben von Figur zu Figur - wo der Zwerg seinen Superangriff hat, feuert die Magierin gleißende Geschosse, wo die Elfe eine Ausweichrolle aufs Parkett legt, teleportiert sich der Zauberer. Auch sind gängige Beater-Konzepte formvollendet vertreten: wer mit den Begriffen Juggling oder Cancelling etwas anfangen kann, darf hier beruhigt aufatmen.
Durch die vielen schönen Effekte, die die Spezialmanöver der Figuren auf den Bildschirm projizieren, geht einem aber leider öfter mal die Orientierung flöten - vor allem auf dem Vita-Bildschirm muss man da doch manchmal erst mal seinen Charakter suchen, nachdem alles fünffach explodiert ist. Das kann manchmal etwas frustrierend sein, aber wegen der kunstfertigen Animationen und der großartigen Effekte nimmt man so eine kleine Hürde doch gerne noch so in Kauf.

2013-09-30-225241In diesem Bosskampf kann man einen mächtigen Dschinn beschwören.

Leider wird trotz vieler Spezialisierungen, die man im Level-Up-Bildschirm in der Stadt nach einer Mission durchführen kann, der Kampf mit der Zeit ein bisschen eintönig. Im schnell erreichten New Game+ hat man dann schon lange seine üblichen Strategien für Feinde aller Größenklassen gefunden, und funktionierende Strategien werden nur wenig geändert. Abhilfe schafft dort das Zusammenkommen mit anderen Spielern, die die doch recht beschränkte CPU ersetzen (man kann nur stöhnen, wenn das bekloppte Computergefolge einem durch offenes Feuer nachsetzt) und mit denen man ordentliche Dungeonruns durchführen kann, denn: Je mehr Dungeons man zufällig hintereinander absolviert, desto größer die Chance auf bessere Belohnungen, mehr Erfahrungspunkte und alles, was sonst noch so das Ego streichelt. Der Haken an der Sache ist jedoch, dass die Ausrüstung mit der Zeit leidet, berstet und bricht und auch so nützliche Utensilien wie Tränke oder mächtige Zaubersprüche nur über die zufällig verstreuten Runen wieder aufgefüllt werden können. Wie beim Konsum von Tequila gilt hier: Wenn man denkt, man schafft gerade noch einen, dann sollte man aufhören.

Dragon's Crown macht alles richtig, wenn es um Dungeoncrawler geht: Der Optik wird man nie müde, die Spieler bestimmen selbst die Herausforderung, können durch die Dungeonruns sogar spannend auf ihre eigenen Fähigkeiten wetten und ansonsten sind die Level auch so schon vollgestopft genug mit grafischen wie spielerischen Inhalten, um dutzende Revisitationen zu rechtfertigen. Einzig das Kampfsystem erreicht seinen Höhepunkt doch recht schnell und verkommt im Endgame ein wenig zu Automatismen. Aber falls einem das Lootgesammele mit einem Char zu öde wird, beginnt man einfach mit einem anderen von vorne und das Spiel ist wieder wie neu! Und wer einen Kumpel dabei hat, dem sind ein paar durchzockte Nächte voller von Gier getriebenen Expeditionen gewiss. Es sei denn, man findet die sehr überzeichneten Spielfiguren und den überaus plumpen Fanservice zu widerlich. Rian

Dragon's Crown

(Ranking)
A
RANK
Reife Leistung. A-Spiele machen alles richtig oder sind nah dran. Kleine Schwächen werden durch Stärken mehr als wett gemacht. Das ist Spieldesign auf hohem Niveau.

Kommentare

Heiler
02. November 2013 um 02:32 Uhr (#1)
Vielen Dank für das Ziehen deines Hutes,
aber das ist der Ehre zuviel alter, niemals getroffener Freund.

Ich hab vor Monaten/Jahren/gestern ja mal meine alte Liebe zu Guardian Heroes hier kund getan und bei Gott,
ich musste mir nen Sega Saturn "ausleihen" um es zu spielen,
weil Treasure Sony hasst....was daran liegen könnte,
dass die Playstation Terroristen Segata Sanshiro
in den Weltraum gesprengt haben...verdammte Playstation,
sei verflucht! Verfluuuuuuucht!

Da ich aber ein alter Sony Nerd bin, der sich in seinem langen, nerdigen Nerdnerdsenleben nur Playstations gekauft hat verfolgte ich Dragons Crown bereits, seit Kamitani beim Bible Black gucken die Idee dazu kam. Und bei Gott (hab ich das nicht oben schon mal geschrieben?) das Spiel ist wie Heroin für den Stricher, Blindheit für einen Masseur im Altenheim oder Heroin und Blindheit für mich!
*räusper*
Tolles Spiel.
Eine 126 von 114 auf der Heilerskala.
Heil dir Elfin, du hast den menschlichsten Körper im Spiel, welch köstliche Ironie.
Ironie?
Ganz Recht ironische Ironie der Ironisierung!
Hör auf dauernd Ironie zu sagen!
Nicht bevor du nich über die Ironie nachdenkst!
Niemals!

Guten Tag.
Rian
04. November 2013 um 23:58 Uhr (#2)
Ach, der Zauberer sieht doch auch noch recht human aus. Diese armen, armen Outsider in einer Welt komödiantisch überdimensionierter Proportionen.
Gast
24. Mai 2017 um 17:39 Uhr
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Spiele des Artikels

RELEASE
11. Oktober 2013
PLATTFORM
Playstation 3
Plattform
PS Vita
Plattform

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