Sonic Generations

(Artikel)
Rian Voß, 20. November 2011

Sonic Generations

Zwanzig Jahre lang blau

Mario hat's leicht - der olle Klempner durchforstet seit 28 Jahren gemütlich 2D- und später auch 3D-Welten, lernt ab und an ein paar Tricks dazu und die Kundenschaft sowie die Kritiker fressen Shigeru Miyamoto nur so aus der Hand. Da müsste man meinen, dass das Maskottchen von Nintendos damaligem Erzkonkurrenten Sega, der superschnelle Igel Sonic, doch eigentlich einen ganz ähnlichen Werdegang bestritten hätte. Leider hat sich mein blauer Kindheitsheld nach dem tragischen Untergang des Dreamcasts an Katastrophen wie Sonic the Hedgehog (2006), Shadow the Hedgehog und Sonic Heroes ziemlich stark die Beine gebrochen. Umso erstaunlicher, dass das Sonic Team nach den vielen Blamagen mit Back-to-the-Basic-Ansätzen wie dem unterschätzten Sonic Unleashed und dem vielgelobten Sonic Colors ihren Rhythmus wiedergefunden haben. Mit Sonic Generations, einem wilden Ritt auf der Nostalgiewelle, will diese Formel noch weiter optimiert werden, bevor man sich wieder an neue Konzepte wagt.


Ich war ja zuerst skeptisch. Mir ist der Sonic Cycle bekannt und ich muss zugeben, dass ich inzwischen schon ziemlich abgestumpft war. Mit Sonic Unleashed konnte ich mich eigentlich noch ganz gut anfreunden, aber die Werehog-Level waren zu langatmig und die klassischen 2D-Level waren zwar schön, doch für mich nicht originell genug. Sonic Colors hat mir auch gefallen. Sonic 4 war langweilig. Aber wenn man diese Titel im Durchschnitt mal mit Mario vergleicht, dann ist die Qualität in Bezug auf Äquivalente zu New Super Mario Bros. vollkommen abgedeckt, absolut keine Frage. Solange Sonic sich nur entlang zwei Koordinatenachsen bewegt, wissen die Entwickler, was sie zu tun haben. Was mir persönlich aber fehlt, ist der wahre Nachfolger der Sonic-Adventure-Serie und ein aktueller, ebenbürtiger Gegner für Mario Galaxy. Insofern war ich doch nur mild angetan, als mit Generations eine Zelebrierung der Geschichte des Igels mit von Fans gewünschten Karten und zwei verschiedenen Sonics (dem modernen Sonic und dem klassischen ohne Homing Attacks, Lightspeed Dash und dem ganzen Pipapo) angekündigt wurde.

Und obwohl ich mir fest vorgenommen habe, sehr nüchtern und analytisch an das Review heranzugehen, hatte ich doch einen Kloß im Hals und Tränen in den Augen, als die absolut fantastische Violinenversion des Green-Hill-Zone-Themas aus den Lautsprechern flötete. Wirklich, das sah so aus:

Rian: Aha. Sonic. Press Start Button. Naja, okay, die Titelmelodie aus dem ersten Teil, da hätten sie sich ja mal was besseres überlegen könnten. >_>

*Start drück*

*Green Hill Zone*


Rian: T__________T

Das passierte mir in den nächsten Minuten noch häufiger, etwa als ich den Endpunkt der wunderschönen Nacharbeitung der ultimativen Tutorial-Zone durchlief und dieser kleine, niedliche Sonic mit dem Kugelbauch voll süß zu jubeln begann, als die Endwertung langsam aber sicher in Richtung S-Rank schoss. Ich war so glücklich, ich hätte sterben können! Da ist Sonic jahrelang ein Arsch, hurt auf anderen Konsolen rum, ruft nicht an und meint, sich alles erlauben zu können - aber dann kann ich doch nicht anders als ihn zurückhaben zu wollen, sobald er mit einem Strauß Rosen vor der Tür steht. T__T


Aber mal zurück auf den Boden der Tatsachen und zur Berichterstattung ohne Smileys: Die Realität ist am Ende. Ein riesiges, zeitfressendes Monster macht alles kaputt, nimmt Sonics Freunde während seiner Geburtstagsparty gefangen und nun liegt es wie üblich am Helden mit den roten Schuhen, alles zu reparieren - nur dass er Unterstützung von der einzigen Person erhält, die ihm das Wasser reichen kann: Sich selbst. Ist Sonic selbstverliebt? ÜBERHAUPT NICHT!
Um die Existenz aller Dinge wiederherzustellen, müssen selbstverständlich alle sieben Chaos Emeralds gefunden und der Zeitfresser besiegt werden. Dazu passiert man neun Level aus jeweils einem "richtigen" Sonic-Spielen seit 1991 (sorry, Sonic 3D Blast wurde rechtmäßig unter den Teppich gekehrt) in zwei Akten, ein Akt pro Igel, besiegt insgesamt vier Bossgegner und fertig ist die Laube.

Der erste Akt einer Zone wird immer vom alten (jungen? Zeitreisen sind komplex...) Sonic übernommen. Hier finden sich keine Überraschungen. Aber mal so überhaupt keine. Springen, rennen, Spindash. Was damals funktioniert hat, funktioniert heute immer noch sehr gut und das Sonic Team hat sich sehr viel Mühe gegeben, die einwandfreie Steuerung von einst zu erhalten, dem Leveldesign treu zu bleiben (mit all ihren unfairen kleinen Kniffen, die man über die Jahre selbstverständlich auswendig gelernt hat, man deswegen nicht mehr bei den alten Teilen meckert und sich dann wundert, warum Sonic heutzutage so schwer ist) und Areale aus neueren Titeln samt ihren Eigenheiten artgerecht in die Retro-Perspektive zu konvertieren.

Die Zonen:
Green Hill (Sonic the Hedgehog), Chemical Plant (Sonic the Hedgehog 2), Sky Sanctuary (Sonic 3 & Knuckles), Speed Highway (Sonic Adventure), City Escape (Sonic Adventure 2), Seaside Hill (Sonic Heroes), Crisis City (Sonic the Hedgehog (2006)), Rooftop Run (Sonic Unleashed), Planet Wisp (Sonic Colors)
Spielerisch interessanter sind da aber tatsächlich noch die modernen Interpretationen alter und zeitgemäßer Level. Wie bei Sonic Colors wechseln wir hier immer mal wieder zwischen der traditionellen Seiten-Ansicht, die ein bisschen schneller und mit Gimmicks nur so vollgestopft ist, und der actiongeladenen Schulterperspektive, in der man sich ein wenig freier bewegen kann und in den meisten Fällen gekonnt Hindernissen ausweichen muss. Anstatt eines Dash-Angriffs verfügt Sonic über eine Boostleiste, die sich mit eingesammelten Ringen füllt und dafür sorgt, dass während der Aktivierung die Gegner bei Berührung das Zeitliche segnen.
Die modernen Akte fließen in einem unerhörten Tempo nur so vor sich hin, bauen aber auch viel auf Reaktion und Timing, welches stark von Bildschirmanzeigen und Geräuschen unterstützt wird - etwa durch das Piepsen zur möglichen Homingattacke, welches man schon lange hört, bevor man auf dem Screen was sieht. Diese Last an Hilfsmitteln stört nur in den seltensten Fällen und sorgt so dafür, dass der Flow nur wenig unterbrochen wird, was nicht heißt, dass man hier unterfordert wird oder ausschließlich unkontrolliert am Herumflitzen ist. An einigen Stellen nimmt das Spiel sogar bewusst das Tempo raus und lässt auch hier einen klassischen Vibe durchklingen.

Die Bosskämpfe können mit den durchgehend guten und stellenweise fantastischen Akten nicht mithalten, da sie weder anspruchsvoll noch ergiebig noch sonderlich abwechslungsreich daherkommen. Und wer sich das Überlegen einer Taktik ersparen will, der kann sich von dem (wahlweise abstellbaren) Navi Omochao auch sämtliche Vorgehensweisen vorkauen lassen. Ein wenig spannender sind da schon die Rivalenkämpfe gegen Metal Sonic, Shadow und Silver, in denen es ebenfalls um jeweils einen Chaos Emerald geht.


Wer an der Jagd nach der schnellsten Zeit in den üblichen Leveln noch nicht genug Spaß hat, der kann sich auf die vielen, vielen Herausforderungen stürzen. Manchmal probiert man in ihnen eine neue Fertigkeit aus, manchmal muss man viele Gegner besiegen und häufig gibt es ganz andere Ziele. Da muss man zum Beispiel auf dem Weg zum Ziel mit Scheinwerfern das Ninja-Chamäleon Espio ausfindig machen, mit Krokodil Vector in Pong-Manier einen Beat in der Luft halten oder an Tails' Fuchspfötchen hängend ansonsten unüberwindbare Gebiete überfliegen. Für das Abschließen dieser Missionen bekommt man einen ganzen Haufen Artworks, Musik, Skills und sonstiger Goodies.

Apropos Skills: Die sind nicht wichtig, aber können helfen. Eigenschaften wie ein Einwegschild oder eine doppelte Boost-Leiste müssen beim Omochao erkauft werden und lassen sich dann ausrüsten. Dabei hat jede Fertigkeit eine Gewichtung, so dass man nicht unendlich viel Zeug in beliebiger Kombination einstecken kann, sondern man muss sich schon entscheiden, was man nun mitnimmt. Für das eigentliche Spiel sind diese Skills nicht gerade unumgänglich, aber bei der Highscorejagd kann es schon nützlich sein, in der feuerumwälzten Crisis City einen Brandschild dabei zu haben.

Die Zwischensequenzen sind wie gewöhnlich mit typischem Sega-overacting besetzt, aber ich würde es auf keine andere Weise haben wollen. Die Interaktionen zwischen Sonic und seinem 90er-Jahre-Pendant, das genauso stumm ist wie Gordon Freeman, sind putzig zu beobachten und werden für Fans der Serie durch verschiedene Insider noch versüßt. Als Sonic vor der Green Hill Zone zu Tails meint: "Hm, kommt dir das hier nicht bekannt vor?" "Öh, nö?", dafür Tails aber beim Betrachten des pinken Wassers aus der Chemical Plant Zone auf einmal nervöse Zuckungen bekommt, zeigt sich erst recht, an wen dieses Spiel in erster Linie gerichtet ist. Wobei mir gerade an den Videos auffällt, dass irgendjemand bei der Bildschirmauflösung gepfuscht hat - zumindest konnte ich auf der 360-Version die Bildpunkte einzeln zählen und das lag nicht daran, dass ich aus Versehen von 1080i auf 720p runtergestellt habe.


Und selbst wenn euch das alles jetzt nicht dazu überzeugt, Sonic Generations zu kaufen, dann habe ich immer noch eine Bitte an euch: Bitte, bitte, bitte besorgt euch den Soundtrack! Der ist gefüllt mit Songs aus allen Spielen, Remixes, Arrangements, Medleys und was man sonst noch so als Sonic-Fan haben möchte. Nichts. Zu. Meckern. Ich habe sofort bei City Escape mitgesungen, die Melodei vom Rooftop Run gepfiffen und bei Open Your Heart musste ich ein paar Mal fistpumpen, bevor ich Perfect Chaos auf die Fresse hauen konnte.

Ist Sonic Generations ein gutes Spiel? Klar doch! Das Gütesiegel gibt es aber hauptsächlich nur, wenn man ignoriert, dass viel Gameplay aus Sonic Colors recyclet wurde, und wenn man seine eigene Nostalgiebrille mitbringt. Das ist okay, denn dieses Spiel ist von vorne bis hinten als Homage konzeptualisiert. Viele Fans wollten genau Sonic Generations haben, nämlich bewährtes Gameplay in neuer Hülle. Ich habe meine Zeit im Kanal der Erinnerungen durchaus genossen, bin jetzt aber bereit für einen Folgetitel, der mir mal so richtig die Socken auszieht. Sonic Generations ist ein gutes Sonicspiel, welches das Vertrauen der Kunden in keinster Weise missbraucht - ich hoffe nur, dass sich das Sonic Team durch einen kommerziellen Erfolg nicht auf seinen Allerwertesten setzt und die Suche nach dem wahren Erben der Adventure-Reihe aufgibt. Rian

Wir testeten Sonic Generations für die Xbox 360, die inhaltsgleich mit der PC- und PS3-Version ist. Die 3DS-Version lag uns nicht vor.

Kommentare

AsgarZigel
24. November 2011 um 12:46 Uhr (#1)
Bei der Green Hill Zone wurde sogar ich nostalgisch... und ich war ein Nintendo-Kind! xD
Habe die alten Sonic Spiele nur ab und an bei Freunden gespielt, mit den späteren Leveln konnte ich daher dann nichts anfangen.

Aber ja, ich stimme voll und ganz zu, ein gutes Spiel. Freue mich vor allem dass sie auch mal einen eigentlich typischen Konsolentitel für PC rausbringen, auch wenn die Umsetzung nicht wirklich optimal ist. (vor allem in der chemical plant gibt es ein paar slowdowns.)
Rian
24. November 2011 um 18:30 Uhr (#2)
Sonicspiele sind ja tatsächlich schon häufiger mal für den PC gekommen, vor allem in alten Tagen. Da gab's dann Sonic 3D Blast, Sonic CD und so'n Krams. xD
Gast
18. November 2017 um 03:53 Uhr
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Spiele des Artikels

RELEASE
04. November 2011
PLATTFORM
Nintendo 3DS
Plattform
PC
Plattform - PC-Spiele haben mit die älteste Tradition. Heutzutage laufen die meisten Games unter dem Microsoft Windows.
Playstation 3
Plattform
Xbox 360
Plattform

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