Indie-Games aus der Schweiz

(Artikel)
Robert Mitchell, 08. September 2019

Indie-Games aus der Schweiz

Fliegende Dinosaurier, Terraforming und mehr

Als ich in den 90er Jahren arbeitsbedingt und ohne Sprachkenntnisse nach Deutschland kam, sah ich viel fern, um Deutsch zu lernen. Neben viel zu viel Wissen über GZSZ ist mir in diesem sprachlich naiven Stadium meines Lebens durch eine Bonbon-Werbung vermittelt worden, dass 'die Schweizer' äußerst erfinderisch sind. Dem kulturellen Reduktionismus von Halsbonbon-Herstellern zum Trotz hat der schweizerische Auftritt auf der Gamescom mein so geformtes Vorurteil nur bestätigen können.

Vom VR-Fliegen und -Fußball
birdly

Vor allem in Sachen VR hatte der Messestand einige abgefahrene Sachen zu bieten. Ganz vorne dabei war Jurassic Flight, ein VR-Spiel, in dem man als Dinosaurier durch die Lüfte vergangener Zeiten fliegt. Ganz wesentlich fußt - oder eher flügelt - das Spielerlebnis auf der Technologie vom Schweizer Unternehmen Somniacs, die Birdly heißt und nichts weniger als eine technologische Meisterleistung ist: Auf Birdly liegt man bäuchlings, während Motoren im Sockel der Liege die Bewegungen des Fluges simulieren und - zu allem Überfluss - ein Ventilator einem Luft der Geschwindigkeit entsprechend ins Gesicht bläst. Eine Zeit habe ich die Dino-Menschen bei ihren Flügen beobachten dürfen und konnte in den gelegentlich blassen Gesichtern beim Abstieg erkennen, dass sie wirklich das Gefühl hatten, über die Wolken einer anderen Zeit transportiert worden zu sein. Leider bleibt Birdly erstmal nur ein Erlebnis für besondere Anlässe wie die Gamescom, da das Gerät kaum in unsere Wohnzimmer passt, geschweige denn für Normalverdienende erschwinglich wäre.

tisch

Ähnlich innovativ, aber für Wohnzimmer genauso unrealistisch war der VR-Tischkicker von Kynoa. Deren Gerätschaft ist ein Hingucker für öffentliche Räume, der aufgrund seiner seitlichen Griffe zunächst wie ein gewöhnlicher Kicker aussieht, bis man bemerkt, dass keine Figuren, Tore oder ein Ball zu sehen sind. Stattdessen befinden sich im Sockel des Tisches PCs, an die VR-Brillen angebunden sind. Wem gewöhnliche Tischkicker zu altbacken sind, der kann in Zukunft vielleicht auf die VR-Variante ausweichen.

Kukulcan
kulkulcan

Kukulcan von Black Spoon Games wirkt wie eine Weiterentwicklung des Nokia-Handy-Klassikers Snake. Hier steuert man eine bunte mayanische Schlange, die titelgebende Schlangengottheit, durch verschiedene Wasser-, Dschungel- oder Feuerlevel, muss aber über das Gameplay von Snake hinausgehend Puzzle lösen, indem man etwa Teile des eigenen Schlangenkörpers abwirft, um Treppen zu bauen. Visuell ansprechend ist das Spiel allemal und die Puzzle waren immerhin nicht trivial.

Kukulcan soll 2020 auf mobilen Plattformen erscheinen.

Tower of Babel
babel

Tower of Babel von dna studios ist ein kurzweiliges, buntes Partyspiel, bei dem es darum geht, Etagen eines Hauses möglichst gerade aufeinander zu stapeln. Das Problem dabei ist, dass die Etagen an einem Kabel hängen, das schwingt, sodass man das Abwerfen auf den eigenen Turm richtig timen muss. Auf der Switch hat jede Person ihren eigenen Joycon und die Türme stapeln sich nebeneinander auf. Das Spielprinzip ist leicht erlernbar, die Beherrschung des Timings ist knifflig genug, um Spannung ins Spiel zu bringen. Es gibt auch weitere Spielmodi, bei denen man anderen das Bauen wie bei Tetris Battle erschweren kann, um den kurzweiligen Spaß, der bei Partyspielen schnell fad werden kann, durch Variation anzureichern.

Tower of Babel ist auf AirConsole verfügbar und soll demnächst für die Nintendo Switch erscheinen.

Bämeräng
baemeraeng

Beim Bämeräng von LuLuLu Entertainment ging es ähnlich bunt im Partyspaßmodus weiter. Das Studio hat hier den tollen Einfall gehabt, das Prinzip von Nidhogg zu nehmen, aber dieses Mal mit der meiner Meinung nach viel witzigeren Waffe des Bumerangs. In einer Arena versucht man, den eigenen Bumerang in Richtung des Gegners zu werfen. Da die Steuerung des Bumerangs mit dem rechten Analogstick erfolgt, ist das gleichzeitige Ausweichen und Werfen oft leichter gesagt als getan. Die Grafik mit sehr eigenen Rosa- und Hellblautönen sticht stark hervor und das sicherlich nicht überkomplexe Gameplay hat für spannende Bumerangkämpfe mit dem Entwicklerteam gesorgt.

Bämeräng soll im Sommer 2020 für PC und Nintendo Switch escheinen.

Persephone
Persephone

In Persephone von Momo-pi steuert man die gleichnamige Figur, die aus griechischer Mythologie bekannt ist und zu ihrem Geliebten in den Hades hervordringen möchte. Vor ihr liegen jedoch jede Menge - über einhundert - knifflige Puzzle, für deren Lösung sie mehrmals sterben muss. Ganz genau: um durch Puzzle zu kommen, etwa über Stachel oder unüberquerbare Flüsse, muss Persephone sterben, damit man ihre Leiche sogleich als Plattform nutzen kann. Da es nur zwei Leichen gleichzeitig geben kann, gibt es kein Schlachtfeld voller Persephones am Ende. Stattdessen muss man ihr Ableben sinnvoll einsetzen. Da der Grafikstil mich an Bastion erinnert, hatte Persephone bereits einen Stein bei mir im Brett. Das tödliche Puzzle-Prinzip schien auf jeden Fall auch sehr gut zu funktionieren.

Persephone ist bereits für Android und iOS erhältlich. Anfang 2020 sollen weitere Level als Add-On erscheinen.

Terraformers
terraformers

Noch strategischer und umfangreicher war das Spiel Terraformers von Asteroid Lab. In den Nachrichten ist ja immer wieder zu vernehmen, wie die Kolonisierung des Mars vonstattengehen sollte - zuletzt hat Elon Musk wohl vorgeschlagen, die marsianischen Eiskappen mit Nuklearwaffen zu sprengen. Die Idee des Spiels ist es, die Formung unseres Nachbarplaneten selbst vorzunehmen, ohne vorher den Reichtum eines Musk anhäufen zu müssen. Mit einer extrem realistischen Modellierung des Mars - es sind NASA-Bilder in Verwendung -, sodass man auch die Namen der Berge und Täler auswendig lernen und im nächsten Mars-Quiz ordentlich abräumen könnte, kann man im Zeitraffer die Begrünung des roten Planeten vorantreiben oder kläglich dabei scheitern. Grafisch bleibt das Spiel zwar bei einer Planetenansicht, sodass man sich das nicht wie ein Anno-Spiel vorstellen kann, aber die Schönheit des Mars hat mich bei dieser Demo zunächst völlig überzeugt.

Terraformers soll für den PC erscheinen.

AVA
AVA

Bei AVA von dem Schweizer Studio Stardust, das ausschließlich aus der Gamedesignerin Tabea Iseli besteht, wird kognitiv anregendes Puzzeln emotional untermalt. Ausgeschildert als ein interaktives Märchen wird die Geschichte von der Prinzessin Ava mittels wunderschöner Tarot-Karten erzählt. Zu diesen gibt es jeweils einen Text (z.B. ein Gedicht oder ein Rätsel), der dazu anleitet, was in der vorliegenden Karte zu bewegen ist, um sie zu 'lösen'. So waren in der einen Karte neben dem Gesicht der jungen Ava zwei Kerzen anzuzünden. Beim Spielen schlug die Mischung aus melancholischer Erzählung auf der einen Seite und der Kunst der Karten auf der anderen Seite richtig ein. Die Entwicklerin deutete auch an, dass es bei diesem Spiel nicht 'schlicht' um ein Märchen geht, sondern dass sie metaphorisch vermitteln will, wie es sich anfühlt, eine Frau in der Techwelt zu sein. Meine Nachdenklichkeit nach dieser Demo sah ich als Beleg dafür, dass sowohl die märchenhafte als auch die metaphorische Geschichte angekommen sind.

AVA soll auf mobilen Plattformen veröffentlich werden.

Als Fazit bleiben meine kulturellen Vorurteile unangetastet: Die Mischung aus spaßigen, anregenden und emotionalen Spielen belegt weiterhin den Erfindungsreichtum 'der Schweizer', welche die Grenzen ausreizen, was es heißt, Videospiele im 21. Jahrhundert zu entwickeln.

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21. September 2019 um 09:41 Uhr
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