Indie-Games aus Polen

(Artikel)
Robert Mitchell, 06. September 2019

Indie-Games aus Polen

Kreative Vielfalt dank Förderung

Der offizielle polnische Auftritt auf der Gamescom 2019 ließ keinen Zweifel daran, dass verschiedene geldgebende Institutionen ernsthaft in polnische Videospielentwicklung investieren wollen. Der sogenannte Polnische Pavillon im Businessbereich der Gamescom war ein entsprechend großer Stand, der Besucher*innen schon im Empfangsbereich mit Zahlen und Fakten über Games in Polen umwarb. Aber bei trockenen Zahlen und politischen Versprechen blieb es zum Glück nicht. Denn hinter dem Empfang warteten würfelförmigen Räume, die vollgestopft mit polnischen Indie-Spielen und ihren Entwickler*innen waren. Die Spiele wie auch die dazugehörigen Personen machten das riesige Talent deutlich, das die polnische Spielförderung bereits unterstützt.

Die Spiele waren so geordnet, dass sie thematisch und stimmungsmäßig zusammen passten. Meine Reise durch die Welt der polnischen Indieproduktionen begann in der 'Spaßecke' des Polnischen Pavillon.

Jet Kave Adventure
jetkave

Jet Kave Adventure ist ein 2,5D-Platformer, in dem ihr einen Höhlenmenschen spielt. Es wirkt ganz so, als hätte 7LEVELS, das 15-köpfige Studio hinter dem Titel, Donkey Kong Country genommen, aber den Diddy Kong, der beim Springen nur schwach helfen kann, mit einem viel besseren Jetpack ausgetauscht. So bewegt man sich im ersten Level, ehe man den Düsenantrieb hat, wie Donkey Kong, wobei man als Höhlenmensch passenderweise stets eine Keule dabei hat, mit der man Feinden eins überbraten kann. Nachdem man aber den Düsenantrieb in den Trümmern eines abgestürzten Raumschiffes findet, werden die Level deutlich vertikaler. Die Geschichte eines Roboters, der den Antrieb seines Raumschiffes wiederherstellen will, dabei aber einen für unseren Höhlenmenschen verheerenden Vulkanausbruch verursachen würde, wird sehr süß über Cutscenes erzählt, in denen die Sprechblasen nicht mit Text, sondern den geistigen Fähigkeiten unseres Helden entsprechend mit Piktogrammen gefüllt sind.

Jet Kave Adventure soll noch in den nächsten Monaten für die Nintendo Switch escheinen.

Bug Academy
bugacademy

Um den PC, auf dem das Spiel Bug Academy vom Entwickler Igrek Games lief, war bereits vor meiner Ankunft eine glückliche Stimmung zu vermerken. Dies war nicht nur dem netten Entwickler, sondern auch dem Spiel selbst zu verdanken. In einer niedlich-bunten 2D-Grafik steuert man zunächst eine Fliege, findet aber bald weitere geflügelte Kumpanen im Level, die sodann bei den verschiedenen Aufgaben helfen, wie z.B. entlaufene Kühe anheben und mit Kühlschränken und anderen schweren Gegenständen mittig im Level wieder einhegen. Nicht nur steuert man einen Schwarm Hausfliegen, sondern später wird es wohl Stechmücken und Bienen geben, mit je eigenen Fähigkeiten. Zudem konnte ich schon einen Einblick in die Mechanik von verschiedenen Flüssigkeiten bekommen: saugt die Fliege Wasser oder Chilli-Öl auf, kann man im ersteren Fall Feuer löschen, im letzteren einen Schub beim Fliegen bekommen, wobei mir nicht klar war, ob meine Fliege rülpst oder eher untenrum etwas macht.

Bug Academy soll noch 2019 für PC bei Steam erscheinen und fliegt die Switch etwas später an.

Contraband Police
contrabandpolice

Für mich zunächst etwas verstörend, begegnete ich dem Spiel namens Contraband Police von Crazy Rock Studios ebenfalls in der Spaßecke. Mein Befremden lag aber daran, dass ich das Spiel, in dem man Grenzkontrollpolizist*innen spielt, fälschlicherweise als ein politisch-kritisches Spiel wie Papers, Please eingeordnet habe. Aber die Ähnlichkeit, außer dass man in beiden Fällen Grenzkontrollen durchführt, bleibt eher auf der Oberfläche. In Contraband Police nähert man sich Autos oder LKWs aus der Egoperspektive, kontrolliert Fahrer*innen auf Korrektheit hin und widmet sich dann Auffälligkeiten des Fahrzeugs. Bei Verdachtsmomenten können zerstörerische Aktionen wie die Abnahme eines Benzintanks vorgenommen werden - die Fahrer*innen scheinen zum Glück von eingehenderen Untersuchungen im Spiel verschont zu bleiben. Nur wenn man falsch liegt und sich keine Schmuggelware finden lässt, bekommt man eine Warnung eingeblendet. Findet man jedoch illegale Waffen, Drogen oder ungültige Papiere, können die Fahrer*innen in eine Zelle abgeführt werden und man bekommt auch noch belohnend angezeigt, dass dies eine 'gerechte Verhaftung' war. Den Spielspaß, etwa verdächtig aussehende Sitze aufzuschlitzen, konnte ich zwar gut nachvollziehen, aber in dem aktuellen politischen Klima war mir schon etwas mulmig bei der anscheinend unkritischen Darstellung von Grenzkontrollen.

Contraband Police soll noch dieses Jahr für PC bei Steam erscheinen.

Survive the Blackout
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Nach meiner schönen Zeit auf der Spaßseite der polnischen Gamescom-Insel wurde es bei zwei Spielen ausgesprochen düster. Beim narrativen Überlebensspiel Survive the Blackout von Baby Bison Games ging es darum, als Anführer*in einer Gruppe von postapokalyptischen Überlebenden möglichst weit bzw. eigentlich bis an einen sicheren Ort zu kommen. Dialogfenster präsentierten mir schwierige Entscheidungen: einem heulenden Mädchen helfen oder einfach zurücklassen? Den verhungerten Freund begraben oder liegen lassen? Meine Entschlüsse in diesen Fragen führten dazu, dass meine Überlebenden entweder verschwanden, Selbstmord begingen oder verhungerten, sodass wir insgesamt nur 96 km des Weges bis zum sicheren Ende schafften. Offensichtlich beherbergt dieses stark narrativ strukturierte Spiel neben den Dialogen und Entscheidungen Überlebensmechaniken, z.B. bezüglich Hunger und der Psyche der Überlebenden, die man erst genauer verstehen muss. Darüber hinaus war klar, dass sich die Erzählung je nach Entscheidung und Gesundheit der Überlebenden verzweigen wird, was zum mehrmaligen Spielen animieren soll. Jedenfalls hatte ich trotz düsterer Stimmung Lust auf mehr.

Survive the Blackout soll Anfang 2020 für PC bei Steam und für Nintendo Switch erscheinen.

This is the Zodiac Speaking
zodiac

Mit dem Feinkorneffekt des Filmnoir-Grafikstils beim nächsten Spiel, This is the Zodiac Speaking, ging es im wörtlichen Sinne des Wortes düster weiter. Das Studio Punch Punk Games präsentierte mir eine stimmungsvolle erste Szene des Thriller-Spiels, in dem ich aus der Egoperspektive die Hauptfigur eines Detektivs, der wohl im Laufe des Spiels dem berüchtigten Zodiac-Killer auf der Spur sein wird, durch sein Haus steuerte, den Anrufbeantworter abhörte und, einer Nachricht entsprechend, dann Hinweise für einen Fall sammelte. Dies war zwar nur ein kleiner Ausschnitt des Spiels, aber Lust auf weitere Spurensuche machte er durchaus.

This is the Zodiac Speaking soll 2020 für PC bei Steam sowie für Nintendo Switch, PS4 und Xbox One erscheinen.

Brassheart
Brassheart

Meine Tour durch Polens Indiespielangebot endete in der 'Retroecke'. Ganz klassisch spielte ich zuerst das Point-and-Click-Abenteuerspiel Brassheart von Hexy Studio, das ein Alternativuniversum der 1920er darstellt. Ich durfte ein Rätsel lösen, das wie bei diesen Spielen üblich die Kombination von verschiedenen Gegenständen benötigte, die man erst in der Umgebung finden musste. Auffällig war ein schöner Grafikstil sowie der Fokus auf Details: so hinterließ mein 'falsches' Bewegen eines Fahrzeugs eine Delle in einer noch geschlossenen Tür. Bei Point-und-Click-Spielen ist meist die Frage, ob man Genre-Fan ist. Hexy Studio scheint jedoch erstmal nichts falsch zu machen, sondern überzeugt mit einer schönen Ästhetik und interessantem World-Building.

Brassheart soll noch dieses Jahr auf PC bei Steam erscheinen.

Jupiter Hell
jupiter

Mit Jupiter Hell macht der Entwickler ChaosForge kein Geheimnis daraus, dass mit diesem Spiel zurück zu spielerischen Wurzeln gefunden werden soll. Einerseits erinnert der Grafikstil - z.B. durch simulierte CRT-Effekte - absichtlich an vergangene Zeiten. Aber viel wichtiger ist es dem Studio, dass das Gameplay dem Roguelike-Geist von früher treu bleibt. Den rundenbasierten Top-Down-Shooter durfte ich kurz ausprobieren und musste schnell lernen, mich mit Bedacht durch die Level zu bewegen, da ich sonst Spielzüge leicht verschenkte. Darüber hinaus konnte ich Deckung nutzen und, nach dem Ausschalten von Gegnern, sammelte ich zufällig erzeugte Beute in Form von Waffen. Da das Studio offenbar auf Roguelikes spezialisiert ist - ChaosForge hat unter anderem DoomRL und DiabloRL entwickelt -, scheint hier große Kompetenz am Werke zu sein.

Jupiter Hell ist im Early Access auf Steam bereits erhältlich.

Obwohl ich keineswegs alle Spiele im Polnischen Pavilion spielen konnte, hinterließen meine Einblicke keinen Zweifel daran, dass Polen es ernst mit der Spielförderung meint. Sorgen müssen sich die Geldgeber wohl nicht machen, da die Zukunft für 2019/20 aus meiner Sicht ziemlich gut aussieht.

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15. November 2019 um 04:42 Uhr
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