Gravity Rush 2 im Test

(Artikel)
Rian Voß, 23. Februar 2017

Gravity Rush 2 im Test

Beflügeltes Abenteuer mit schwerem Fehler

Ich hatte mich überhaupt nicht auf Gravity Rush 2 gefreut. Kein bisschen. Letztendlich habe ich mich zum Test überreden lassen, weil ich ja auch den ersten Teil gespielt hatte. ...Rund 20 Stunden später bin ich in dieses Spiel verliebt, auch wenn mich ein altbekannter Fehler unglaublich stört.

Nicht zu sehr drüber nachdenken
Die Geschichte von Gravity Rush ist verwirrend und nahezu undurchdringlich. Damals ist Kat, ein amnestisches Mädchen, in Hekseville aufgeschlagen. Überlebt hat sie das durch ihre Katze Dusty, die ihr die Fähigkeit verleiht, ihre eigene Schwerkraft zu ändern. Im Grunde kann Kat also fliegen. Eine Invasion durch tentakelige Schattenmonster, eine Fehde mit einer anderen Gravity Shifterin und eine Intervention durch Götter später, ist Kat zwar die Heldin von Hekseville, wird aber von einem Gravitationssturm verschluckt.

gravity-rush-cutsceneHauptmissionen erzählen die Geschichte als interaktive Comics.

Sie landet in der fliegenden Siedlung Banga. Ohne Dusty, ohne Fähigkeiten. In Banga muss sie jetzt hart als Minenarbeiterin schuften, um sich ihren Unterhalt zu verdienen. Natürlich wäre das auf lange Sicht etwas langweilig, also kommt Dusty (Überraschung!) zurück und die Gravity Queen ist wieder im Rennen! Nächster Hafen: Jirga Para Lhao, die fliegende Stadt. Dort erhoffen wir uns Antworten und einen Weg zurück nach Hekseville. Im Laufe der rund 20 Stunden (plusminus einige Stunden, je nachdem wie sammelwütig ihr seid) bekommen wir zwar die gewünschten Antworten, aber auch viele, viele weitere Fragen. Um ehrlich zu sein: So ganz schlau bin ich immer noch nicht. Aber das macht auch nichts.

Jirga Para Lhao ist der Dreh- und Angelpunkt des Großteils von Gravity Rush 2. Und in dieser Stadt ist der große Plot um die monströsen Nevi, Schöpfer und Kats Vergangenheit schnell vergessen. Denn kaum bekommt man die Gelegenheit, Kats unsichtbare Schwingen zu spannen, taucht man auch schon kopfüber in diese kunterbunte Atmosphäre ein. Zuerst wirkt dort alles friedlich aber lebhaft und exotisch, aber bald entblößt sich die klaffende Schlucht zwischen Arm und Reich.

Oben, über den Wolken, leben die wohlhabenden Schnösel in ihren fliegenden Schlössern. Und unter dem Marktplatz dümpelt die Sperrholz-Wellblech-Flotte der Armen und Kriminellen im Zwielicht. Durch die Hauptmissionen und intelligent in die Welt eingeflochtene Nebenaufgaben lernen wir mehr über die Situation in Jirga Para Lhao - und handeln. Die Geschichte um die Figuren und ihre kleineren, persönlichen Schicksale involviert viel kunstvoller als das ganze metaphysische Drumherum, und als ich erst den Geruch vom Schießpulver der Revolution erschnuppert hatte, ließ mich die Welt bis zum heftigen Ende nicht mehr los.

gravity-rush-2-ravenRaven ist wieder da! Ach kommt, das ist kein Spoiler, sie ist auf der verdammten Verpackung.

Slice of Life
Dabei ist ein Großteil des Spiels fast schon banal. Kat kann halt von A nach B fliegen und mit Telekinese schwere Gegenstände schmeißen. Das ist in einer fliegenden Inselwelt zwar praktisch, aber versetzt keine Berge. Also, was macht man die meiste Zeit? Man trägt Zeitungen aus! Oder bringt für den Transportdienst eine stinkende Kiste vom tiefen Elgona bis zum hohen Havina. Oder man hilft einem Landvermesser, seine Höhenangst zu überwinden. Kaum eine der Dutzenden Missionen gleicht der nächsten und fast alle machen Spaß. Nach einer Weile wandelt sich das fast schon in krankhafte Neugierde: Was haben die Entwickler jetzt schon wieder für mich in petto? Muss ich Vorräte aus einem Lager der Regierung stehlen? Oder mit einer Möwe um die Wette fliegen? Oder einen Hund bespaßen? Alles ist möglich!

Diese Banalität ist es, was Gravity Rush 2 so eine tiefe Verbindung mit der Welt schenkt. Klar, ab und an passieren auch mal aufregende Dinge, derer sich nur Kat annehmen kann. Welt retten und so. Aber dadurch, dass Kat so hilfsbereit ist, lernt man die Stadt, ihre Einwohner und auch die Protagonistin immer besser kennen. Und auch wenn man nicht behaupten kann, dass Kats Hirn am rechten Fleck sitzt - ihr Herz tut es auf jeden Fall.

gravity-rush-schluchtenEgal, wo man hinkommt: Der Ausblick ist atemberaubend schön.

Dinge! Sammeln! Gib!
Mit der Zeit lernt Kat zwei weitere Stile, die sich zum aus dem Vorgänger bekannten "Normal Style" hinzugesellen: Lunar und Jupiter. Im Grunde wird man durch Lunar leichter und kann hoch springen ohne Schwerkraftsenergie zu verbrauchen. Jupiter macht einen dagegen schwerer und schneller - wenn man es eilig hat, zischt man nur noch so durch die Lüfte. Mit allen drei Stilen, der frei beweglichen Kamera und der Bewegungssteuerung ist Gravity Rush 2 nicht gerade einfach kontrollieren zu lernen, aber eine Freude zu meistern.

Zu Beginn bin ich gegen jedes Haus gekracht und habe geflucht, weil mir in der Luft ständig die Energie ausging. Aber mit der Zeit lernte ich, wie man effizient fliegt und sogar die Stile dynamisch wechselt. Würde ich beim Spielen meine Hände beobachten, hätte mich die dargebrachte Fingerakrobatik zwanzig Stunden zuvor noch schwindelig werden lassen. Aber durch diese etwas steile Lernkurve fühlt man sich irgendwann wie eine Göttin - oder eben eine Gravity Queen.

gravity-rush-kampfNicht alle Gegner sind Monster.

Und durch die Stile wird das Sammeln von Edelsteinen erst richtig spaßig. Überall sind Edelsteine versteckt - auf Dächern, unter Inseln, in kleinen Gassen, hinter Wäscheleinen. Überall! Und die Steuerung macht so einen Spaß, dass ich irgendwann nur noch auf Entdeckungsreise gegangen bin, um Upgradesteine einzusammeln. Hier gleite ich eine Häuserwand hinab, dort durchtauche ich ein paar Motoren. Ich habe Methoden entwickelt, wie ich besonders schnell in engen Passagen navigiere oder um Kurven herumkomme. Die Upgrades waren mir eigentlich egal, aber jeder schwebende Diamant ist seine eigene Herausforderung.

Apropos Herausforderung: Es gibt eine Handvoll Challenge-Missionen und versteckte Schätze. Wenn man die meistert oder findet, kann man seinen Highscore oder ein Foto in den Äther schicken. Dann können andere Spieler versuchen, die Zeit zu schlagen oder den Schatz zu finden. Dafür bekommt man Dusty Tokens und dafür allerlei Goodies. Auch durch Nebenmissionen schaltet man Gesten, neue Requisiten für Fotos, Möbel und Kostüme frei. Die Kostüme sind alle schön gestaltet, wenn auch, ahem, ein wenig japanisch und klischeebehaftet. Ihr wisst schon. Schuluniform, Krankenschwester, Pop-Idol...

Mörderische Protagonistin
Können wir kurz über eine Sache reden, die mich wirklich stört? Gravity Rush 2 lebt von der Atmosphäre. Die lebendigen Straßen von Jirga Para Lhaos Marktplatz zaubern mir ein Lächeln auf die Lippen, die beeindruckenden Wolkenkratzerinseln reißen mir die Augen auf. Und wenn ich in die Tiefe stürze, dann fällt auch meine Stimmung, sobald ich die abgewirtschaftete Bootsflotte Lei Elgona sehe. Ich kenne die Menschen, die hier wohnen. Es sind meine Mitbürger, meine Nachbarn, meine Freunde. Vielen helfe ich, einige helfen mir und es fühlt sich so an, als wären wir alle Teil einer Welt - besonders weil Kat sehr menschlich und ihr Tagewerk erstaunlich normal ist. Es geht nicht immer darum, die Welt zu retten. Manchmal bringt man einfach nur jemanden von einer Insel zur nächsten, weil sein Fluggerät kaputt gegangen ist. Und egal, wo ich mit Kat hinreise - die Details sind atemberaubend, die Immersion greifbar.

Was glaubt ihr, wie schlecht ich mich da gefühlt habe, als ich aus Versehen eine Familie samt Kind in die ewigen Abgründe schleuderte? Aus irgendeinem Grund reißt Kat jedes Mal alle Menschen mit, die in ihrer Nähe stehen, sobald sie die Schwerkraft ändert. Aber nur für ein paar Sekunden. Und selbst wenn man vorsichtig ist, kann es passieren, dass dann mal ein kleines Mädchen - huiiiii - im hohen Bogen hinter den Wolken verschwindet.

gravity-rush-menschenIch gleite mal kurz durch diese Einkaufspassa-- oh... OH GOTT...

DAS IST GRAUSAM! WARUM... WARUM IST DAS EIN FEATURE IN DIESEM SPIEL? Das würde Kat niemals tun! Das würde ICH niemals tun! Warum zwingen mir die Entwickler also diese grundlose Grausamkeit auf? Soll das ein Witz sein? So schlecht hatte ich mich schon lange nicht mehr gefühlt, und ich habe seitdem immer darauf geachtet, erst von einer Insel zu hüpfen, bevor ich die Schwerkraftsmaschine anschmiss. Brrr.

Eine Welt ohne Kämpfe
Neben diesem einen schockierenden Immersionsbruch habe ich das größte Beef mit dem Kampfsystem. Gravity Rush 2 käme wunderbar ohne Kämpfe aus. Und das sollte es auch, denn jeder einzelne Kampf ist mies, nervig und fühlt sich an, als hätte er nicht Not getan. Meist kämpft man gegen Nevi, die leuchtende Murmel-Schwachpunkte haben. Die muss man oft aus der Luft anvisieren. Gezielte Tritte gehen wegen der erwähnten, nicht sehr action-orientierten Kamera aber oft daneben. Auch die Lock-On-Funktion für Wurfgeschosse ist alles andere als akkurat, zumal die Objekte auch gerne mal zufällig an nahen Gegenständen zerschellen. Kats erstes Supermanöver lässt sich kaum lenken, die Feinde wiederholen sich zu oft und auch die neuen Stile bringen nur wenig Fluss ins Getümmel.

Am Ende jedes Kampfes, auch der erfolgreichen, war ich frustriert und dachte mir eigentlich nur: Das hätte jetzt nicht Not getan. Glücklicherweise gibt es nicht so schrecklich viele Scharmützel, aber jedes einzelne sägt nachhaltig am Spielspaß und jedes Mal, wenn mich die Kamera wieder verraten hat, wollte ich eigentlich nur die Konsole abschalten.

Fazit
Gravity Rush 2 ist für mich so eine Art Liebesbrief an die Dreamcast-Zeit. Das Spiel ist bunt und viel zu detailliert, um es wirtschaftlich zu rechtfertigen. Aber das macht diese ziemlich einmalige Atmosphäre aus. Darüber hinaus ist das Spielprinzip originell und wirkt trotz des Vorgängers niemals abgedroschen. Gravity Rush 2 rührt tief in mir und sorgt für ein wohlig-warmes Gefühl der Zufriedenheit. Abgesehen von den Kämpfen. Die machen, dass ich gar nichts mehr fühle. Aber das ist okay - Kat würde von uns allen wollen, dass wir einander leichter verzeihen.

Gravity Rush 2 wurde auf der Playstation 4 getestet. Ein Testmuster wurde uns von Sony zur Verfügung gestellt.

Gravity Rush 2

(Ranking)
A
RANK
Reife Leistung. A-Spiele machen alles richtig oder sind nah dran. Kleine Schwächen werden durch Stärken mehr als wett gemacht. Das ist Spieldesign auf hohem Niveau.

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19. November 2017 um 00:11 Uhr
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RELEASE
18. Januar 2017
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Playstation 4
Plattform - Die Playstation 4 (PS4) von Sony ist eine Spielkonsole der 8. Generation. Sie erschien am 29. November 2013 europaweit als Nachfolger der Playstation 3.

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