Mittelerde: Schatten des Krieges im Test

(Artikel)
Benjamin Strobel, 26. Oktober 2017

Mittelerde: Schatten des Krieges im Test

Vom Tellerwäscher zum Orkbefehlshaber

Mittelerde: Schatten des Krieges ist beinahe eine klassische Aufstiegsgeschichte. Man beginnt mit nichts - und verliert sogar noch den Ring, den man gerade neu geschmiedet hat. Dann arbeitet man sich hoch. Ork für Ork, Skillpunkt für Skillpunkt. Und ehe man sich versieht, befehligt man eine Orkarmee.

Mittelerde: Schatten des Krieges spielt in den 60 Jahren zwischen dem Hobbit und Herr der Ringe und ist eine direkte Fortsetzung zu Mittelerde: Mordors Schatten. Spielerinnen und Spieler schlüpfen erneut in die Rolle von Talion, einem Waldläufer aus Gondor, der am Schwarzen Tor von Saurons Armee getötet wurde. Das heißt: beinahe jedenfalls, denn er wurde vom Geiste Celebrimbors wiederbelebt, dem Schmied der Ringe. Er hatte sich mit Sauron eingelassen und wurde dann ziemlich über den Tisch gezogen. Gemeinsam wollen sie Rache an Sauron üben. Doch um den Herrscher von Mordor zu schlagen, braucht es mehr als ein Spiel, und so setzt man in Schatten des Krieges den Rachefeldzug fort.

Sexy Waldspinnenhexe
Wenig subtil: Das lateinische 'talio' bedeutet übersetzt so viel wie Vergeltung.
Einen wichtigen Dreh- und Angelpunkt spinnt die Geschichte um Kankra (Shelob im Original). Fans dürften die Riesenspinne noch aus dem zweiten Band vom Herrn der Ringe kennen bzw. aus dem dritten Film. Gollum unternimmt den Versuch, Frodo und Sam an Kankra zu verfüttern, in der Hoffnung, dass der unverdauliche Ring für ihn übrig bleibt. Tolkien-Fans dürften aber wenig begeistert sein, denn in Schatten des Krieges ist Kankra deutlich anders gezeichnet als in den Originalwerken. Die wohl verwirrendste Änderung ist die Tatsache, dass Kankra sich nach Belieben in Menschengestalt verwandeln kann (das Spiel impliziert außerdem ein Techtelmechtel mit Sauron).

Damit schlägt Schatten des Krieges voll ins Sexy Spider Trope, das Frauen als verführerisch, aber gefährlich zeichnet - sozusagen als Männerfresserin. Darüber hinaus ist Kankra am Ende des Tages nur ein simples Story-Device, das Talion zunächst den neuen Ring abnimmt, sodass man auch im Skilltree wieder ganz unten anfängt. Mit Visionen weist sie ihn anschließend an, was als nächstes zu tun ist.

Die schwache Story weiß Schatten des Krieges jedoch mit unterhaltsamen Gameplay zu kompensieren.

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Best of Gameplay
In Schatten des Krieges kehrt ein buntes Best of an Gameplay-Ideen zurück, die bekannte Elemente aus Assassin's Creed und Batman: Arkham mit dem einzigartigen Nemesis-System paaren, das seit Mordors Schatten erstaunlicherweise keine Nachahmer gefunden hat. Aus Assassin's Creed hat man sich das Klettern abgeschaut: Talion kann jede Wand mühelos erklimmen und lässt dank Celebrimbors Superkräften die renommierten Assassinen ziemlich alt dabei aussehen (so ein Türmchen schafft der Ranger aus Gondor mit zwei bis drei Sprüngen). Bei der Arkham-Reihe hat sich das Team hinter Schatten des Krieges das Free-Flow-Kampfsystem abgeschaut und steht dem Original in fast nichts nach. Die Kämpfe sind sehr dynamisch und erlauben mit einer Vielzahl von Skills die unterschiedlichsten Taktiken (Griffe, Konter, Finisher - ihr kennt den Spaß).

Das Kernstück des Spiels ist jedoch das eigens entwickelte Nemesis-System. In Mordor bekommt man es mit zahlreichen Ork-Armeen zu tun, die man erst zerschlagen muss, später aber auch für sich gewinnen kann. Dabei werden in jedem Spieldurchlauf einzigartige Orks generiert, die eigene Persönlichkeiten, Stärken und Schwächen besitzen. Töten sie Talion, steigen sie im Rang auf und werden sich bei der nächsten Begegnung an ihren Triumph erinnern. Andersherum können sie in einem Kampf auch die Beine in die Hand nehmen und einem davon laufen, um später Rache zu üben. Mitunter kommt es vor, dass man sich gerade einen Hauptmann vorknöpfen möchte, da fällt einem ein anderer plötzlich in den Rücken. Die skurrilste Geschichte aber habe ich mit zwei Blutsbrüdern erlebt: als ich die Schwerter mit dem einen kreuzte, tauchte plötzlich der andere auf, um seinen Busenfreund zu beschützen. Mit Müh und Not konnte ich den ersten schlagen und mit dem Ring der Macht auf meine Seite bringen. Als ich dann fröhlich auf den zweiten eindreschen wollte, verfällt mein neuer Kumpane plötzlich in Rage, weil ich sein Brüderchen angegriffen habe. Am Ende musste ich beide umbringen, weil sie so sauer auf mich waren, dass nicht mal der Ring der Macht sie überzeugen konnte, für mich zu kämpfen.

Gelingt es einem jedoch, die Hauptmänner von Saurons Armeen auf die eigene Seite zu bringen, kann man allerhand Schabernack treiben. Man kann sie beauftragen, andere Hauptmänner zu assassinieren oder anderweitig zu sabotieren. Oder man bestellt sie als eigenen Bodyguard ab und kann sie im Kampf jederzeit herbeirufen. Manchmal retten befreundete Orks einem sogar das Leben, wenn man kurz davor ist niedergestreckt zu werden. So spinnt das Spiel kleine Geschichten um die eigenen und feindlichen Orks. Sogar später noch erinnert sich das Spiel an jeden Vorfall und lässt die Orks passende Sprüchlein aufsagen, wenn man ihnen wiederbegegnet.

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Mein Ork, meine Armee, meine Festung
Klein anfangen, groß rauskommen ist das Motto. Wenn man den ersten Hauptmann besiegt, freut man sich noch wie Bolle. Da weiß man noch gar nicht, mit welch eiskalter Routine man diese Aufgaben im weiteren Verlauf noch erledigen wird. Zuerst geht es noch um einzelne Orks, dann zerlegt man eine ganze Armee, baut selbst eine auf und stürmt komplette Festungen. Bei einer Belagerung kann man zunächst entscheiden, welche Gefolgsleute man mitnehmen möchte. Für Ingame-Taler kann man die Armee zusätzlich mit besonderen Einheiten aufrüsten. Ist man zufrieden mit der Aufstellung, kann man sein Glück versuchen. Wie im übrigen Spiel lassen sich die Chancen im Vorfeld zu eigenen Gunsten manipulieren. Beispielsweise können Gefolgsleute beim Feind als Bodyguards anheuern, die bei einer Belagerung ihren Herren in den Rücken fallen, anstatt ihnen zu helfen. Oder man metzelt sich vorher akribisch durch die Bodygaurds und erlebt dann keine bösen Überraschungen mehr.

Belagerungen sind die größten Schlachten im Spiel. Hier dreht Schatten des Krieges auf der Eskalations-Skala noch mal richtig auf und sprengt die Begrenzungen des Vorgängers. Stück für Stück müssen mehrere Punkte einer Festung eingenommen werden, indem man sie eine Weile hält und schließlich für sich beansprucht. Währenddessen bekommt man es mit den Beschützern der Festung zu tun, die sich entweder mit Talion selbst oder seinem Gefolge anlegen. Auch wenn es dabei mitunter chaotisch zugeht, lohnt es sich, ein Auge auf das eigene Gefolge zu haben und Mitstreitern in Nöten zu Hilfe zu eilen oder einen Kampf durch Überzahl für sich zu entscheiden. Belagerungen sind ein sehr belohnender Abschluss für den Aufbau der eigenen Armee. Leider lässt man seine Kumpels dann in der Festung zurück und wiederholt den ganzen Spaß im nächsten Gebiet des Spiels.

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Grind to the top
Die zweite Spielhälfte von Schatten des Krieges kann ein ziemlicher Grind werden. Einerseits öffnet sich die Welt für mehr emergentes Gameplay und persönliche Geschichten rund um die Orks. Aber mit jeder neuen Karte, die das Spiel freischaltet, beginnt man wieder bei null, muss Hauptmänner töten oder für sich gewinnen und sich eine weitere Armee aufbauen, um schließlich die zugehörige Festung zu stürmen. Nachdem man den Prozess schon ein- bis zweimal durchlaufen hat, wird es etwas müßig. Um das Spiel abzuschließen, genügt es aber nicht, vorgefertigte Story-Missionen abzuarbeitet - der Aufbau der Armeen und das Stürmen von Festungen ist essentiell, um weiterzukommen. Dabei geht dem Spiel etwas die Puste aus.

Fazit
Mittelerde: Schatten des Krieges hat viel zu bieten: Verschiedene Gameplay-Säulen machen das Spiel abwechslungsreich und dynamisch. Das Nemesis-System bleibt ein spannendes Alleinstellungsmerkmal der Reihe, auch wenn es nur wenige Neuerungen gibt. Obwohl die Hauptstory deutliche Schwächen hat, weiß Schatten des Krieges mit persönlichen Ork-Geschichten zu überzeugen, die das Erlebnis sehr individuell machen. Schatten des Krieges ist ein abwechslungsreiches Spektakel für Action-Fans. Ben

Mittelerde: Schatten des Krieges wurde auf der Xbox One getestet. Ein Testmuster wurde uns von Warner Bros. zur Verfügung gestellt.

Mittelerde: Schatten des Krieges

(Ranking)
A
RANK
Reife Leistung. A-Spiele machen alles richtig oder sind nah dran. Kleine Schwächen werden durch Stärken mehr als wett gemacht. Das ist Spieldesign auf hohem Niveau.

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18. November 2017 um 03:51 Uhr
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