The Last Guardian im Test

(Artikel)
Rian Voß, 11. Dezember 2016

The Last Guardian im Test

Mein Leben in den Pfoten einer Katze

Ich stehe auf alten Planken an einem Turm, der über einen Abgrund ragt. Unter mir hängt ein Bild aus Buntglas in Form eines Auges. Es schüchtert Trico ein. Die große Kreatur hat Angst vor dem Symbol. Ich betätige den Hebel auf den Planken, das Auge stürzt in die Tiefe. Allerdings zischt das Gegengewicht nach oben, rammt meine Plattform und bricht sie fast komplett. Ich baumele am Hebel über leerer Luft. Trico schnellt auf, starrt mich an, schaut sich um. Die Kreatur flitzt den Turm hinab, positioniert sich zwanzig, dreißig Meter unter mir auf der Wendeltreppe. Ich weiß, was mein Freund plant. Ich lasse den Schalter los, stürze in die Tiefe. Als ich an Trico vorbeisause, verlangsamt sich die Zeit. Trico starrt mir ins Gesicht. Eine Sekunde, zwei Sekunden, drei Sekunden. Dann endet die Zeitlupe und ich stürze zu Tode. Game over.

Ich habe mich wohl in meinem ganzen Leben noch nie so betrogen gefühlt. Und das ist ein riesiges Problem für das Basiskonzept von The Last Guardian.

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How to Train your Dragon – Das Spiel
In The Last Guardian erwacht man als ein verschollener kleiner Junge in einem Ruinental, um ihn herum Wände und Abgründe. Neben ihm ein gefangenes, halbtotes Monster. Das Trico ist größer als ein Elefant, erinnert aber von seiner Erscheinung und seinen Gebaren an eine Mischung aus Hund, Vogel, Katze und Maus. Diese Kreatur hat zuerst Angst vor uns und kreischt uns an. Da es aber unser einziger Ausweg aus der präkären Situation ist, füttern wir es mit blau leuchtenden Fässern, nehmen ihm die Ketten ab, entfernen die Speere, die in ihm stecken, und gewinnen so nach und nach sein Vertrauen.

Trico ist unser Allzweck-Werkzeug in dieser gefährlichen Welt. Es ist eine wandelnde Leiter, es zieht an schweren Ketten zu schweren Toren, es springt von Dach zu Dach und Säule zu Säule. So erreicht der Junge Orte, die ein Mensch alleine nie erreichen könnte. Und Trico zieht auch Nutzen aus uns. Da die Flügel des Biests verletzt sind, kann es nicht einfach davonfliegen. Stattdessen muss der Junge Rätsel lösen, um in den Ruinen die kaputten Mechanismen irgendwie zum Laufen zu bringen. Oder er quetscht sich durch enge Passagen, holt Futter für Trico aus Tunneln oder klettert an Efeu die Wände entlang. Es ergibt sich eine fühlbare symbiotische Beziehung zwischen den zwei Protagonisten. Vertrauen ist wichtig. Der eine kann nicht ohne den anderen. So reisen wir durch das Tal, um immer neue wundersame Orte zu entdecken und uns an dem grandiosen Lichtspiel, das durch Blätter, Schächte und Gärten tanzt, zu ergötzen.

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Diese Katze ist zu realistisch
Leider liefert Trico in dieser Beziehung nicht so viel wie es sollte. Die Geschichte am Anfang des Beitrags ist nur ein Beispiel für Verrat und Unzuverlässigkeit. Beim zweiten Versuch hat Trico übrigens ohne zu mucken zugegriffen und meine Haut gerettet. Aber es gab während des Spielens viele Momente, in denen ich einfach nur ungläubig in die Augen des Katzenviehs starrte.

In einer Ruine relativ am Anfang muss man an Trico hinaufklettern, um zu ein paar Vorsprüngen zu kommen. Von dort klettert man eine Kette hinauf. Die führt zu einem Raum mit einem riesigen Gitter, an dem oben aber ein Stück fehlt. Auf der anderen Seite: blauer Himmel, grüne Bäume, Freiheit. Ich höre ein Rummsen hinter mir, Trico ist mir gefolgt. Ich führe meinen Freund zum Gitter, springe auf seinen Rücken und warte. Nichts passiert. Okay, es springt wohl nicht von selbst rüber. Ich suche nach einem Weg hinaus, finde nichts. Was ich finde, ist ein Tunnel, in dem ein Fass steckt. Ich grabe es aus, gehe zu Trico zurü-- Wo ist Trico? Und da springt das Vieh auf einmal von der anderen Seite des Gitters in diesen Raum zurück! Ist das dein Ernst?

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Es geht noch weiter. Ich kehre in den ersten Raum zurück, weil ich mir dachte, ich hätte vielleicht was übersehen. Habe ich aber nicht. Trico folgt mir dennoch wieder runter. Okay, alles noch mal. Trico zu den Vorsprüngen rufen, raufklettern, rüber spri-- HALT! Nicht weggehen! Warum gehst du woanders hin!? Noch mal runter springen, Trico rufen, raufklettern. Ab nach oben. Ich bin wieder beim Gitter. Oho, und ich finde einen komplett unmarkierten und schwer zu erspähenden Mini-Durchgang, durch den ich kriechen kann. Freiheit! Und natürlich denke ich mir: Das Spiel ist bestimmt so programmiert, dass Trico jetzt hinterher kommt. Ich gucke hinter mich. Trico kommt nicht. Ich rufe es. Nichts. Ich gehe zum Verbindungsgang zurück. Rufe. Nichts. Ich gehe zurück in den ersten Raum. Gucke nach unten. Trico guckt mich an. Stille. An dieser Stelle wünschte ich mir eine Geste, damit sich der kleine Junge an die Stirn fasst. Okay, Trico noch mal gerufen, es springt hoch. Ich gehe durch den Kriechgang, Trico kommt hinterher. Super!

Ich bin noch nicht ganz fertig mit der Anekdote, aber vorher ein kurzer Schlenker rüber zur Darstellung. Optisch ist The Last Guardian so eine Mischung aus antiquierter Technik, die sich auf eine Weise mit starker Stilisierung vereint, so dass das alles doch ganz hübsch ausschaut. Man merkt deutlich die Handschrift vom leitenden Entwickler und Designer Fumito Ueda, die für den Stilcharakter von ICO und Shadow of the Colossus gesorgt hat. Dazu zählen etwa die Details in der Architektur von Ruinen, exotisch und doch vertraute Vistas und natürlich eine gehörige Portion Überbeleuchtung und Kontrast. Teilweise wusste ich im Guten wie im Schlechten nicht, ob ich nun auf der PS2, PS3 oder PS4 spiele, so sehr haben mich die Eindrücke zurückgeworfen.

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Technisch dürftig
Was bei der Entwicklung leider auch sehr zurückgeworfen wurde, war die technische Optimierung. The Last Guardian ruckelt oft und stark. Der Garten, den Trico und ich betreten haben? Ich habe keinen FPS-Zähler für Konsole, aber das waren garantiert keine 30. Auch Zwischensequenzen und viele spätere Orte, an denen auch nur ein bisschen was (oder manchmal auch gar nichts) passiert, werden von droppenden Framerates heimgesucht. Und es gibt dafür absolut keinen Grund, wenn man davon absieht, dass Sony Japan Studios und GenDesign es vielleicht mit der Anzahl an autonomen Federn auf Tricos Rücken übertrieben haben. Auf der PS4 Pro soll das Spiel wesentlich glatter laufen. Und das ist schon etwas, was ich seit der Ankündigung der "neuen" Konsole befürchtet hatte: Besitzer der Standard-PS4 werden mit gerade so funktionierenden Versionen der Spiele abgespeist. Das ist eine furchtbare Entwicklung.

Hinzu kommt, dass in diesem Garten ein weiteres Manko schmerzhaft offensichtlich wurde. Denn man befindet sich stets im Kampf - mit der Kamera. Die Kamera will einem immerzu etwas zeigen. Manchmal ist das eine Quirligkeit, die Trico gerade anstellt, zum Beispiel wenn es einem Schmetterling hinterher jagt oder pieseln geht. Oft guckt man aber an den Boden oder die Decke. Ich konnte im ganzen Spiel nie den Daumen vom rechten Stick lassen, musste ständig nachjustieren und in diesem blöden Gartenwald musste ich ganz aufgeben, denn ich hatte keine Ahnung mehr, wo ich hin sollte, weil ich absolut nichts sehen konnte.

tlg-trico-badetTrico wäscht sich den Ruinenstaub ab. Putzig!

Quo vadis?
Das ist ebenfalls symptomatisch für den ganzen Spielverlauf: Was soll man als nächstes tun? Manchmal ist der Weg offensichtlich: Da ist eine verschlossene Tür, schau also, wie du die auf bekommst. Oft rennt man aber von Sackgasse zu Sackgasse und wartet darauf, dass das Spiel so gnädig ist, einen weiterkommen zu lassen. Der größte Bullshit war wohl eine wortwörtliche Sackgasse, in die ein morscher Balken führte. Ich schaute mir das von weiter weg an und dachte mir: "Na ja, da geht's nicht weiter, aber das ist der einzige Ort, den ich noch nicht untersucht habe?" Also bin ich dort hingegangen, per Skript stürzt der Balken ein und ich lande sicher. Der zweitgrößte Bullshit ist ein Käfig, in dem man gefangen wird. Dann darf man fünf Minuten herumrollen und sich fragen, was man tun soll, bis der Bildschirm endlich schwarz wird und das Spiel weitergeht.

Der drittgrößte Bullshit passierte in diesem Garten. Ihr erinnert euch: Ich stand vor diesem Gitter, oben die Lücke, sprang auf Trico und hoffte, dass es mit mir hinüberhüpft - aber das tat es nicht? Nun, es gibt in dem Garten noch so ein Gitter, das in einen anderen Bereich führt. Wenn man an dieser Stelle auf Tricos Rücken hüpft, dann springt es von ganz allein rüber! Hurra! WOHER SOLL MAN WISSEN, DASS DAS JETZT GEHT?!

Im späteren Spielverlauf darf man dann genauere Kommandos an Trico richten. Dann zeigt man auf Wände, Türme zum Springen oder andere Hindernisse. Das funktioniert manchmal ganz gut, auch wenn man ewig warten muss, bis sich die Kreatur positioniert hat. Das Spiel wäre wohl halb so lang, wenn Trico ein wenig mehr darauf programmiert wäre, die richtige Lösung zu bevorzugen statt sich hinzusetzen und wie ein Wookie zu jaulen. Manchmal funktionieren die Kommandos aber überhaupt nicht. Dazu ein Video:

SPOILERWARNUNG. Dunkey stellt sich an einigen Stellen sehr blöd an, aber gerade dann, wenn er Trico dazu bringen will, sich an einer Wand aufzustellen, muss ich im Dauerfeuer nicken.

Es gibt einfach so viele Stellen, an denen das Spiel fragwürdig designed ist, zumindest für ein Mainstream-Publikum. Denn alles, was ich hier moniere, könnte bei bestimmten Spielern genauso gut großen Anklang finden. Es gibt mit Sicherheit Leute, die es großartig finden, dass Trico etwas unberechenbar ist - eben wie ein echtes großes Tier. Aber wenn ich nicht weiß, ob ich bei einem Rätsel etwas übersehen habe oder ob Trico einfach mal wieder nicht in der Laune ist, dann ist das frustrierend. Es ist das emotionale Äquivalent dazu, dass die Katze miauend vor der Haustür tigert. Dann steht man seufzend auf, weil man das Geplärre nicht mehr ertragen kann, öffnet die Tür und die Katze guckt einen nur doof an. "Verarscht die mich?" frage ich mich dann. Und es ist bestimmt eine künstlerische Leistung, dieses Gefühl so astrein in eine virtuelle Fantasiewelt zu übertragen, aber es ist keine Erfahrung, die ich stundenlang am Stück ertragen möchte. Dafür habe ich eine echte Katze.

Knapp aufgewogen
Nach all dem Gemotze muss ich aber auch sagen: Auf jeden großen Moment des Seufzens kommt auch ein Ooh!-Aaah!-Moment. Ich liebe es, wenn Trico voller Freude an mir vorbeiprischt, weil wir wohl eine Stunde in engen Gängen gefangen waren und es einfach nur happy ist, wieder Sonnenlicht zu sehen. Die Momente, in denen mich animierte Rüstungen bedrohen und durch mysteriöse blaue Türen schleppen wollen, sind extrem spannend und musikalisch thematisch wunderbar unterlegt. Die leisen Klarinetten jagen mir einen Minischauer über den Rücken und das panische Buttongemashe, das mich befreit, wenn ich gepackt werde, setzt den Gemütszustand des Jungen zu dem Zeitpunkt perfekt um. Wenn ich Trico dann noch knapp ermögliche, durch ein Tor zu kommen, um mir den Hintern zu retten, dann bin ich lauthals am Quieken und rufe: "Ja, schnapp sie dir, mach sie fertig!"

tlg-tooltippsDie Tutorial-Tooltipps bleiben einem bis zum Ende des Spiels erhalten und lassen sich nicht abschalten.

Ich mag auch sehr die Welt, die GenDesign und die Sony Studios aufgebaut haben. An jeder Ecke gibt es etwas zu entdecken und die Entwickler haben sehr viel Herzblut hineinfließen lassen, um eine runde Erfahrung zu bieten und das Mysterium hinter Trico und diesem verwunderlichen Tal voller altertümlicher Sci-Fi-Technologie aufzudecken. Einige Wendungen in der Geschichte sind zwar vorherzusehen, andere haben aber selbst mich als großer Fan des Monster-Buddy-Genres noch sehr überrascht und mich angespannt vornübergebeugt in meinen Stuhl gefesselt.

Und auch wenn einige Rätsel einfach zu sehr darauf beruhen, dass man ein winziges Minidetail erspähen muss, sind viele Puzzle doch sehr schön und logisch in die kaputte Umgebung eingepflegt. Besser noch: Die kaputte Umgebung ist der Grund, warum man nicht weiterkommt, und man muss sie schlau verwenden, um Hindernisse zu überwinden. Ob man nun gewitzt Fässer einige Schrägen entlangrollen lässt (was einfacher geht als es Dunkey in dem Video vormacht) oder einen Weg durch einen zerfetzten Dachstuhl finden muss - solange der Junge nicht das unberechenbare Trico-Element an den Hacken hat, kann man beim Lösen eines Rätsels richtig stolz auf sich sein. Trotzdem solltet ihr vorsichtig sein: Wer nicht damit klar kommt, auch mal an einem Puzzle eine Weile hängen zu bleiben, für den ist The Last Guardian wahrscheinlich nichts.

tlg-springenIn den spannenden Sprungpassagen muss man schon mal den Atem anhalten.

The Last Guardian hat viele Macken. Es weiß nicht so recht, ob es eine dahinfließende, emotionale Erfahrung oder ein knallharter Logikpuzzler sein möchte. Es kommuniziert sein Gameplay schlecht, verzichtet teilweise auf grundlegende Leveldesignprinzipien, die den Blick des Spielers oder der Spielerin leiten sollten, und legt vieles in die Hände einer Kreatur mit der Intelligenz einer Katze. Nicht zu vergessen, dass das Spiel so lange in Entwicklung war, dass das Konzept "Ich und mein Monster" bereits von anderen Studios umgesetzt wurde. Trotzdem ist The Last Guardian nicht schlecht. Irgendwann fühlte ich zu Trico so etwas wie eine innige Hassliebe - wie halt zu meiner Katze. Die krallt sich auch in mein Bein oder pinkelt auf den Teppich, aber ich habe sie trotzdem lieb, wenn sie sich an kalten Tagen in meinen Schoß rollt. Und etwa so ist auch The Last Guardian für mich. Manchmal habe ich es lieb, manchmal möchte ich es zurückgeben.

The Last Guardian wurde auf der Playstation 4 getestet. Ein Testmuster wurde uns von Sony zur Verfügung gestellt.

The Last Guardian

(Ranking)
B
RANK
Anständig. Stärken und Schwächen halten sich die Waage. Positive Überraschungen sind genauso selten wie negative. Unterm Strich muss man seine Spielzeit keinesfalls bereuen.

Kommentare

Adrian
13. Dezember 2016 um 19:44 Uhr (#1)
Vor dem großen DPAD-SCHIEDSGERICHT klage ich an: The Last Guardian wäre besser bewerten worden, wenn es auf Xbox One erschienen wäre! Was sagt ihr nun?!
Rian
14. Dezember 2016 um 11:28 Uhr (#2)
Natürlich wäre es besser gewesen - mit Kinect-Support.
Adrian
14. Dezember 2016 um 13:03 Uhr (#3)
Fehlt nur noch, dass man das Vieh mithilfe eines Geruchssensors und Katzenfutter anlocken kann.
Gast
22. August 2017 um 01:53 Uhr
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RELEASE
07. Dezember 2016
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Playstation 4
Plattform - Die Playstation 4 (PS4) von Sony ist eine Spielkonsole der 8. Generation. Sie erschien am 29. November 2013 europaweit als Nachfolger der Playstation 3.

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