Blackguards 2 im Test

(Artikel)
Paul Rubah, 16. Februar 2015

Blackguards 2 im Test

Der Zweck heiligt die Mittel

Das Leben ist nicht fair. Seit Generationen bringt Mario Kart unseren Kindern diese Weisheit bei. Auch für Cassia ist das Leben ungerecht. Sie hat zwar keine blaue Schildkröte auf den Fersen, dafür hat ihr treuer Ehemann sie während seines Eroberungsfeldzugs in ein Verlieslabyrinth voller Giftspinnen geworfen. Warum? Das hat Cassia vergessen. Denn das Gift der Corapie entstellt sein Opfer nicht nur aufs Schrecklichste, sondern es tötet oder treibt einen in den Wahnsinn. Cassia lebt noch. Nach Jahren unter der Erde kann sie entkommen. Und sie hat nur noch ein Ziel. Nicht Rache, nicht Vergeltung und auch nicht die Wahrheit möchte sie. Sie will herrschen, und wenn auch nur für einen Tag.

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Warum, warum, warum?
Es passiert nur selten, dass ein Spieler in die Haut einer wirklich verrückten Person schlüpft. Meistens ist das auch gut so, denn Wahnsinnige, denen das humorvolle Augenzwinkern fehlt, sind nur schwer zu ertragen. Irgendwann muss die Identifikation mit der Figur schließlich brechen, denn nur die wenigsten wollen sich eingestehen, dass sie ernsthaft eine psychopathische Ader ausleben wollen. Aber nach diesem Text muss ich sagen, dass Cassia wohl die wahnsinnigste Figur ist, in der ich mich jemals wohlgefühlt habe. Der Anfang ihrer Geschichte - und ihrem Versuch, ihre Heimatstadt aus den Fängen ihres Mannes zu entreißen - ist bewusst langsam und baut gut auf. Nachdem ich ein paar Stunden in den barfüßigen Fußstapfen der Frau mit der eisernen Maske geschritten bin, stimmte ich mit ihr vollkommen überein: "Scheiß auf alles, ich will dieses Land erobern und es ist mir egal, wer mir im Weg steht und wem ich die Kniescheiben zertrümmern muss." Bravo!

Allerdings soll das nicht heißen, dass Blackguards 2 die Geschichte komplett glatt erzählt. Ich finde es gut, dass Cassia einfach nur plemplem ist (oder zumindest an den letzten seidenen Fäden ihres Verstandes hängt), aber viele Plotpunkte werden dem Spieler einfach nur vor die Füße geschmissen und schnell wieder weggeräumt. Wie etwa die große Enthüllung, dass der Eroberer von Mengbilla, der erste Kyrios und Endboss dieses Spiels, Cassias Ehemann ist. Das wird mal so beiläufig erwähnt. Auch andere Charakterentwicklungen, insbesondere die der vier Begleiter, spielen sich wie im Zeitraffer. Mit etwa dreißig Stunden Spielzeit ist Blackguards 2 kein kurzer Titel, aber ein bisschen mehr Zeit für Geschichten der alten bekannten Naurim, Takate, Zurbaran und des Neuzugangs Faramud hätten dem Spiel nicht geschadet.

blackguards2-sichtAuf einen Blick weiß man, wo der Bogenschütze am besten platziert ist.

Hauptsächlich gute Nachrichten
Die meisten Änderungen zum Vorgänger finden sich im Kampf. Und das sind wunderbare Nachrichten, denn dem Vorgänger hat es ja doch an einigen Ecken und Ende gemangelt. Inzwischen lassen sich für Scharfschützen die Sichtbereiche für jede beliebige Position auf dem hexbasierten Schlachtfeld anzeigen. Fernkämpfer können hinter Objekten in Deckung gehen und auch an den Trefferwahrscheinlichkeiten wurde gedreht. Jetzt muss der Spieler nicht mehr in Kauf nehmen, dass ein Gegner bei einer neunzigprozentigen Trefferchance dreimal hintereinander dem todbringenden Schwinger ausweicht.

Generell ist das gesamte Spiel taktischer geworden und divergiert von seinen Rollenspiel-Wurzeln weg. Allein schon, dass jede Figur einen Kampf mit voller Gesundheit und regeneriertem Mana beginnt, macht einen riesigen Unterschied - man kann genussvoll planen ohne die Wunden einzelner Charaktere abzuzählen. Das hat insbesondere genervt, wenn man eine Konfrontation im originalen Blackguards knapp überlebte und danach noch ein weiterer, noch knackigerer Kampf ohne Ruhepause wartete. Dann konnte man den letzten einfach wiederholen, obwohl man gewonnen hatet. Bizarr.

Vor jedem Kampf um eine Stadt auf dem Weg nach Mengbilla darf man neben seinen Helden auch Söldner-Einheiten auswählen, die einen im Kampf unterstützen. Das ist eine schöne Idee, denn die vier Protagonisten können kaum sämtliche Aspekte des Spiels abdecken. Lücken im Team werden so leicht mit ein wenig schlechteren Einheiten gekittet. Manchmal sind die Söldner sogar besser für den Auftrag geeignet als die Protagonisten. Wenn es etwa darum geht, ein gegnerisches Waffenlager abzufackeln, dann ist eine Horde Bogenschützen mit Brandpfeilen genau das Richtige. Upgrades für die verschiedenen Söldnerklassen - oder sogar ganz neue, mächtigere Veteraneneinheiten - spielt man nach Eroberungen frei.

blackguards2-brueckeÜber die Brücke!

Wohin mit der Kohle? Man sammelt über das ganze Spiel massenweise Dukaten, aber bis zum letzten Kampf gibt es kaum Ausrüstung, die die Ausgaben wert ist.
Ohne Witz: Ich mochte die Kämpfe von Blackguards 2 gerne. Jedes Level bietet seine eigene Karte mit Zielen, die nur selten aus "Besiege alle Feinde" bestehen. Oft gibt es auch Guerilla-Missionen, in denen man schnell zuschlagen, jemanden befreien und dann den Exfiltrationspunkt erreichen muss. Manchmal muss man auch seine Figuren auf zwei parallel laufende Missionen aufteilen - dann gibt es ein A-Team mit der geballten Kraft und ein agiles B-Team, das der großen Gruppe das Leben leichter machen soll. Etwa indem es die Katapulte des Feindes zweckentfremdet und sie auf die eigene Stadt ballern lässt. Bosse sind noch einmal eine Klasse für sich und sind oft so komplex, dass man diese Kämpfe fast wie Puzzle lösen muss.
Es gibt zwar nicht viele Gegnertypen, aber man lernt sie alle irgendwie zu lieben und zu hassen und prägt sich ihre Eigenheiten ein. Man kann an einigen Missionen inklusive Replays gut eine ganze Stunde oder im Ernstfall auch mal zwei knabbern. Es ist ein schönes Gefühl, wenn man einen Kampf, der zuerst komplett unfair konzipiert zu sein schien, mit ein wenig unkonventioneller Taktik für sich entscheiden kann. Hier spielen auch die Fähigkeiten der Zauberer mit rein. Ein Feuerball macht zwar enorm viel Schaden, aber manchmal ist man froh, dass Zurbaran die undurchdringliche Magiewand beherrscht, wenn einem durch enge Gänge hindurch ein Quasi-Hippogreif verfolgt. Auch die Musik unterstützt das Spielgeschehen wunderbar: in ausweglosen Situationen nimmt sie dunkle Töne an, beim nahenden Sieg geht die Stimmung ins Triumphierende.

blackguards2-kampf-seiteMan kann auch näher ans Geschehen zoomen, aber dann leidet die Übersicht.

Haare in der Suppe
Das soll aber nicht heißen, dass Blackguards 2 endlich alle Macken ausgebügelt hat. Oh nein, nicht mal annähernd. Einmal wäre da Cassias Skillentwicklung. Man darf sich zwar keinen eigenen Protagonisten mehr basteln, aber für Cassia stehen alle Progressionszweige offen. Leider weiß man zu Spielbeginn natürlich noch nicht, welche Klasse die beste ist. Hinweis: Es ist der Magier. Inklusive Cassia sind nur drei Magier spielbar und manchmal ist man gezwungen, die Thaumaturgen aufzuteilen. Skillpunkte sind begrenzt und es ist für einen einzigen Magier nicht ansatzweise möglich, alle wichtigen Zauber zu lernen. Dafür packt jeder Zauberer eine riesige Menge Schaden aus, die immer trifft, sobald Sichtkontakt besteht. Gegen Ende waren Zurbaran und Cassia die Alleinverantwortlichen für das Durchbrechen feindlicher Linien - mit Upgrades sogar auf große Distanz. Der Rest der Spielfiguren dient dann nur noch zur Ablenkung oder als menschliches Schutzschild.

Ebenfalls sind die interaktiven Umgebungen ein kleiner Schandfleck von Blackguards 2. Tatsächlich kann es manchmal Wunder für die eigene Strategie wirken, eine Brücke im rechten Moment zu zerstören oder eine Wand einzureißen. Oftmals weiß man bei all den herumstehenden Mechanismen aber gar nicht so recht, was sie auslösen, und zum Experimentieren ist meist keine Zeit. Man zieht am Hebel, nichts Spektakuläres passiert, Feinde umzingeln einen. Schade. Kampf neustarten.
Dann gibt es noch viele kleine Mängel, wie etwa Speerkämpfer, die drei Stockwerke hinauf durch ein Fenster pieken können oder ein fehlendes Mouse-Over für Terraininformationen (meine Leute sind so oft gestorben, weil man auf manchen Untergründen einfach nicht ausmachen kann, ob da etwas Gefährliches lungert oder nicht). Man sieht zu keinem Zeitpunkt die maximale Energie der eigenen Charaktere, die Sichtbereichfunktion gibt es nicht für Magier und die etwas stumpfe Gegner-KI läuft geradewegs durch offenes Feuer und verreckt im selben Zug. Und wer hat eigentlich wieder die nachspawnenden Feinde in Blackguards 2 reingelassen? Liebe Freunde, auf halbem Weg zum Sieg eine fünfköpfige Mannschaft Insektoidkrieger um meine Fernkämpfer herum zu teleportieren ist grauenvolles Leveldesign und das wisst ihr. Pfui, Daedalic, pfui!

blackguards2-spannendMein spannendster Kampf: Magier ohne Mana, Protagonisten halb tot, die Hälfte der Söldner gestorben und ich muss die Gruppe an den rechten Kartenrand bringen. Aber ich habe es irgendwie geschafft, meine Verfolger unter die bröckelige Wand zu locken. Den letzten Feuerball habe ich mir für den Drachenvogel vor uns aufgespart.

Cassia verhört dir zu
Wir haben schon im Test zu Blackguards gefragt, warum das Spiel überhaupt die DSA-Lizenz braucht. Braucht es nicht. Wahrscheinlich wird Blackguards 2 deswegen inzwischen auch ohne große Hinweise auf Das Schwarze Auge beworben.
Eine richtig coole Idee sind die Verhöre. Etwas mehr als ein halbes Dutzend geschlagener Feinde kann Cassia gefangen nehmen, um ihnen Informationen über bevorstehende Schlachten zu entlocken. Wenn man genau weiß, was die Figuren hören wollen, ob sie eher auf die Silberzunge reagieren oder Angst haben, dass ihr schönes Gesicht von Zornzwerg Naurim zu Klump geprügelt wird, dann erhält man zusätzliche Startpunkte für zukünftige Schlachten oder kann mit der Information neue Söldner freischalten. Das Prinzip macht Laune und an dieser Stelle hätte ich mir meinerseits mehr Disziplin gewünscht. Es ist nämlich viel zu einfach, nach einem verpatzten Verhör den letzten Spielstand neu zu laden und die richtige Antwort zu wählen. Verhöre und Folter verleihen unserer Protagonistin immer noch eine unheimliche Aura, allerdings geht der taktische Aspekt hier aufgrund der liberalen Speichermechanik total den Bach runter.

blackguards2-mapMengbilla, wir kommen!

Ebenfalls eine coole Idee, aber nicht ganz ausgeschöpft, sind die Verteidigungskämpfe. Alle naslang greift Marwan eine unserer eroberten Städte an und kann sie sich zurück holen. Diese Kämpfe muss der Spieler selbst austragen - entweder mit den zufällig dort residierenden Helden oder einer Söldnergarde. Dann spielt man auf bereits bekannten Karten, allerdings in der Verteidigerrolle! Theoretisch kann man Städte und deren Truppenboni an Marwan verlieren, praktisch ist mir das aber nie passiert. Die Verteidigungskämpfe sind meist nicht sehr anspruchsvoll und selbst wenn man sie verlieren sollte, darf man sie beliebig oft wiederholen. Außerdem bekommt man für diese Kämpfe nichts. Weder Erfahrungspunkte noch Loot. Hmpf. Trotzdem macht es Spaß, einen zahlenmäßig deutlich überlegenen Angriffstrupp mit Fallen und geschickten Einheitenplatzierungen zurück zu treiben.

Obwohl Blackguards 2 deutlich in Sachen Gameplay an Fahrt aufgenommen hat, darf der Spieler noch Entscheidungen für die Story treffen. Lässt man einen Gefangenen laufen oder exekutiert man ihn? Lässt man Rebellen frei durch die Stadt ziehen und zeigt Milde oder jagt man sie und spießt ihre Köpfe als Warnung auf? Manche Entscheidungen haben weittragende Auswirkungen auf zukünftige Kämpfe oder auf die Gesundheit der Protagonisten. Es gibt für Zurbaran, Naurim und Takate jeweils zwei Achievements - eins, wenn sie das Spiel überleben, und eins, wenn sie sterben. Andere Entscheidungen können akuten Einfluss auf die Stimmung nehmen. Wenn man etwa seinen Söldnern befiehlt, gegen den Willen ihres Hauptmanns die Waffen gegen harmlose Fischer zu senken, dann werden im Lager bald die leblosen Körper einiger Befehlsverweigerer hängen.

blackguards2-bossBosse muss man oft zweimal angehen, so komplex sind die Kampfabläufe.

Auch kann man seine Gefährten zu Cassias Zwecke manipulieren. Die sind nämlich alle ein bisschen träge geworden und könnten Motivation vertragen. Naurims Wut kann man anstacheln, indem man ihn belügt, Zurbaran hat tief in seinem legeren Kern immer noch ein gewaltiges Verlangen nach Macht und Takate sehnt sich nach Blut und Glorie. Okay, dadurch bekommt keine der Figuren ihr Happy Ending, aber alles für ein paar Kampfboni, nicht wahr? Einige Kämpfe bekommt man auch nur nach bestimmten Entscheidungen zu Gesicht.

Wenn man beide Spiele der Serie vergleicht, ist Blackguards 2 eine deutliche Verbesserung. Kämpfe sind ausgewogener, die Features sind durchdachter und man bekommt nicht so viele unfaire Stöcke zwischen die Speichen geschmissen. Wer gut taktiert, ist klar im Vorteil, und Glück ist eine schwächere Komponente als zuvor. Auch Cassia war mir als tragende Figur und Wahnsinnige enorm sympathisch. Das Spiel ist zu Beginn knifflig, stark im Mittelteil, flaut gegen Ende aber ab - insbesondere, wenn man Magier spielt. Das kann man vorher aber eigentlich nicht wissen. Größere Herausforderungen warten auf Bogenschützen oder, Gott bewahre, Nahkämpfer. Es gibt immer noch viel an Blackguards zu verbessern, aber Daedalic zeigt, dass sie auf ihre Fans und Kritik hören können.

Das Schwarze Auge: Blackguards 2 wurde auf dem PC getestet. Ein Testmuster wurde uns von Daedalic zur Verfügung gestellt.

Das Schwarze Auge: Blackguards 2

(Ranking)
B
RANK
Anständig. Stärken und Schwächen halten sich die Waage. Positive Überraschungen sind genauso selten wie negative. Unterm Strich muss man seine Spielzeit keinesfalls bereuen.

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20. November 2017 um 20:17 Uhr
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20. Januar 2015
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