Dishonored: Die Maske des Zorns

(Artikel)
Benjamin Strobel, 16. November 2012

Dishonored: Die Maske des Zorns

Schleichmeister auf Rachefeldzug

Wenn es ums Schleichen geht, bin ich sofort dabei. Geheimagenten, Ninjas und andere Assassinen haben es mir angetan. Dishonored: Die Maske des Zorns bettet Stealth und Action in eine Steampunk-Fantasy-Welt und überlässt die Vorgehensweise dem Spieler. SOLD.

Die Geschichte von Dishonored ist eine klassische Geschichte der Rache. In der Rolle von Corvo, dem Leibwächter der Kaiserin, wird der Spieler Opfer eines Komplotts: Die Kaiserin wird vor seinen Augen ermordet und er als ihr Mörder dargestellt. Sofort wird er gefangen und eingesperrt und wartet in den Kerkern der Stadt Dunwall auf seine Hinrichtung. Als Herzstück der namenlosen Fantasywelt erfährt die Stadt einerseits einen Aufschwung durch Industrialisierung und der massenhaften Verwendung von Walöl als Brennstoff, andererseits wird sie von einer Seuche und der Rattenplage heimgesucht. Die Stadt wurde mit einem viktorianischen Hauch spürbar an London angelehnt und ist gleichzeitig von Wasser durchzogen, womit sie stark an Venedig erinnert. Nicht nur im Walöl wird die Steampunk-Seele des Spiels deutlich, es gibt auch zahlreiche Maschinen und Apparaturen, die einerseits futuristisch sind und andererseits einen industriellen Retro-Look haben. Dishonored würde ein wunderschönes Gemälde zeichnen, doch leider mangelt es - zumindest der Konsolenversion - an scharfen Texturen und hoher Auflösung. So bleibt die Grafik deutlich hinter dem gelungenen Stil des Spiels zurück.


Schwammige Texturen rücken im Angesicht des Stealth-Gameplays schnell in den Hintergrund. In der ersten Mission gelingt es Corvo mit anonymer Hilfe, aus dem Gefängnis zu fliehen und seinen Hals zu retten. Mit seiner Flucht setzt er den Grundstein eines Rachefeldzuges, der je nach Spielweise blutig oder gütig verlaufen kann. Bei Stealth-Spielen lege ich großen Wert darauf, dass Töten optional ist - hier erreicht Dishonored volle Punktzahl: kein Feind, nicht einmal die Hauptziele von Corvo, muss getötet werden. Das Spiel deckt während der Missionen immer wieder Alternativen auf, um einen anderen Weg zu finden als seine Ziele mit dem Schwert zu durchbohren. Es bleibt dem Spieler überlassen.
Ohne Einfluss sind die Handlungen von Corvo allerdings nicht. Es gibt nicht nur offensichtliche Entscheidungen, wie z.B. ein Gift zu benutzen oder es zu lassen - jede Aktion des Spielers ist eine indirekte Entscheidung und beeinflusst das Spiel. Tötet man viele Feinde und erregt häufig Aufmerksamkeit, so steigt das Chaos-Level. Je mehr Chaos in Dunwall herrscht, desto mehr Ratten und Infizierte tauchen auf. Das ist nicht nur eine indirekte Rückmeldung für den Spieler über seine Taten, sondern hebt auch den Schwierigkeitsgrad. Mehr Feinde erschweren das Schleichen, weil man häufiger entdeckt wird. Gleichzeitig bekommt man es im offenen Kampf mit mehr Gegenwehr zu tun. Ein Spieldurchgang ohne Kills ist dagegen von vornherein aufwändiger. Man muss behutsamer vorgehen, häufiger neu laden und kann nur selten den direkten Weg nehmen.


Wege sind das A und O des Spiels. Wenn man weiß, wie man sich in einem Level bewegt, hat man schon gewonnen. Dishonored bietet dafür eine sehr offene Struktur. Es gibt in der Regel eine Vielzahl von Wegen, einige sind offensichtlich, andere sehr versteckt. Zum Basisrepertoire der Schleichwege gehören die Dächer einerseits sowie Keller und Abwasserkanäle andererseits. Verschiedene Gassen und Straßen zeigen sich demgegenüber als offensichtliche Pfade, die gut bewacht und patrouilliert werden. Aber auch ein gut versteckter Assassine kann hier und da gesehen werden. An einigen Stellen wird es daher nötig, auch mal jemanden auszuschalten. Man kann seine Feinde zwar töten, wahlweise aber auch betäuben. Das kostet allerdings etwas mehr Zeit und erhöht das Entdeckungsrisiko. Die Wachen in Dishonored sind äußerst aufmerksam, sehen gut in der Ferne und haben Ohren wie eine Katze. Wenn ich mich da an die Wachmänner aus Deus Ex erinnere - da konnte man neben ihnen im Türspalt hocken ohne dass man gesehen wurde. Dishonored setzt hier auf mehr Realismus und gleichzeitig auf einen höheren Schwierigkeitsgrad. Hat man sich aber daran gewöhnt und herausgefunden, welche Frechheiten man sich erlauben darf und bei welchen Aktionen man ertappt wird, kommt man schließlich gut durch. Es passiert nur selten, dass man wirklich unfair entdeckt wird ohne dass man es hätte erahnen können. Meistens ist man zu hastig oder übersieht etwas und hat dann selbst Schuld, wenn man gesehen wurde. Will man nicht in den Kampf geraten, hat man immer noch die Wahl, einfach wegzulaufen. Nach einer Weile hören die Wachen wieder auf, nach einem zu suchen.


Offene Kämpfe sind fast immer von Nachteil und sollten höchstens gegen zwei Feinde zur Zeit aufgenommen werden. Je weiter man im Spiel vordringt und je mehr Fähigkeiten man sich erspielt, desto mehr Möglichkeiten stehen einem auch im Kampf offen. Für den Start ist man nur mit Dolch und Pistole ausgestattet, was die Kämpfe sehr anspruchsvoll gestaltet; dass man in Auseinandersetzungen auch eleganter vorgehen kann, findet man nämlich erst später heraus. Im Schwertkampf können Angriffe per Tastendruck geblockt werden, mit dem richtigen Timing bringt man seine Widersacher aus dem Gleichgewicht und erzeugt einen kurzen Moment in Slow-Motion, den man für einen Todesstoß nutzen kann. Leider gibt es neben schwertkämpfenden und schießenden Feinden auch solche, die Feuer spucken. Eine perfide Waffe! Da lässt man sich auf den Nahkampf ein und will mit einem Schwerthieb alles richten, da bekommt man plötzlich Flammen ins Gesicht. Barthaare adé! Diesen Feinden begegnet man am besten mit einer Kugel aus sicherer Entfernung.
Hat man später die eine und andere Fähigkeit erspielt, stehen einem Türen und Tore offen. Mit den verschiedenen Fähigkeit eröffnet sich die Fantasy-Ader des Spiels. So kann man zum Beispiel die Zeit verlangsamen oder anhalten und fliegende Kugeln einfach einsammeln. Oder man lässt sie an Ort und Stelle, ergreift Besitz von einem Feind und platziert ihn vor der Kugel, bevor die Zeit wieder normal läuft. Das ist wie früher in der Schule, als man den Arm seines Sitznachbarn nahm und ihm gegen Kopf schlug: Haha, du schlägst dich selber! Nur etwas tödlicher. Wer das schon für gemein hält, dem seien zusätzlich die Ratten ans Herz gelegt: Die kleinen Biester lassen sich in großen Mengen beschwören und auf Gegner hetzen. Die brauchen keine 30 Sekunden, um eine Person vollständig zu verspeisen.


Obwohl Dishonored missionsbasiert ist, hatte ich stets das Gefühl von Offenheit und Freiheit. Startet man einen Auftrag, wird mit dem Boot zum entsprechenden Stadtteil gefahren und man beginnt mit der Arbeit. Dadurch, dass die Bootsfahrten einen Abschnitt mit dem nächsten verknüpfen, bekommt man ein starkes Gefühl von Kontinuität, selbst wenn die aktive Kontrolle fehlt. Dafür hat man umso mehr Freiheiten innerhalb eines Levels. Das bedeutet nicht nur, dass man verschiedene Wege zum Ziel wählen kann, sondern man kann auch seine Umgebung erkunden und zahlreiche Geheimnisse entdecken, die völlig optional sind. In jedem Level sind auch Runen versteckt, die als Skillpunkte dienen und gegen neue Fähigkeiten eingetauscht werden können. Man kann eine ganze Weile damit verbringen, diesen Schätzen nachzujagen, die oftmals schwer zu erreichen sind. Man bekommt zwar schnell ein Item, welches diese Objekte aufspürt, aber nicht immer kann man sie ohne Weiteres aufsammeln. Wenn man nicht so viel skillen möchte, muss sich darum auch nicht scheren - alles ist freiwillig.
Doch Erkundung macht die Welt lebendig. Immer wieder findet man Orte und Schriftstücke, die einen Teil von Dunwalls Geschichte und seinen Bewohnern erzählen.

Dishonored vereint stilistische Züge aus Bioshock mit der Stealth-Qualität eines Deus Ex und erschafft gleichzeitig eine eigene Welt. Das Spiel ist offen und bündelt seine wichtigen Elemente gleichzeitig in perfekter Dosierung zu abwechslungsreichen Missionen. Mit 15 Spielstunden (je nach Erkundungsdrang etwas mehr oder weniger) hat es eine gesunde Dauer und lädt durch seine unterschiedlichen Wege und möglichen Spielweisen zum erneuten Durchspielen ein. Die verwaschene Grafik bei sonst kunstvoll-malerischem Stil ist ein echter Wermutstropfen, stört unterm Strich aber wenig. Dishonored ist ein Spiel, das man in dieser Generation nicht verpassen sollte, darauf wird man noch lange zurück blicken und sagen: ja, so muss man ein Stealth-Spiel sein! Nex

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16. Dezember 2017 um 04:30 Uhr
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RELEASE
12. Oktober 2012
PLATTFORM
PC
Plattform - PC-Spiele haben mit die älteste Tradition. Heutzutage laufen die meisten Games unter dem Microsoft Windows.
Playstation 3
Plattform
Xbox 360
Plattform

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