Blasphemous Review

(Artikel)
Benjamin Strobel, 10. September 2019

Blasphemous Review

Metroidvania oder Soulslike, Hauptsache Platforming

Metroidvania, Souslike, Action und Indie - die Buzzwords um Blasphemous sind zahlreich und breit aufgestellt. Bilder, die im Vergleich zum Marketing weniger gut lügen können, zeigen jedenfalls eines: Die 2D-Pixelgrafik von Blasphemous ist martialisch und wunderschön. Den Rest habe ich beim Spielen herausgefunden.

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Dr. Genre oder wie ich lernte, den Mix zu lieben
Wenn euch jemand erzählt, Blasphemous sei ein Metroidvania, ist das höchstens die halbe Wahrheit. Auch wenn Team17 das Spiel mit diesem Buzzword vermarktet, haben die Entwickler auf der Gamescom selbst erklärt, dass sich das Spielprinzip deutlich davon abhebt. Zwar sind die verschiedenen Spielareale miteinander verknüpft und werden auf einer charakteristischen Karte repräsentiert. Es gibt zwischen ihnen jedoch keine Hürden, die peu à peu durch neue Fähigkeiten überwunden werden müssen. Stattdessen stehen zwischen euch und dem Ende eines Pfades nur Fallen und Feinde - und die kann man entweder bekämpfen oder umgehen. Die Spielwelt ist offen.

Größere Ähnlichkeiten lassen sich mit dem Soulslike-Genre finden - übertragen in 2D: Zum einen schlägt das Leveldesign elegante Schleifen zu früheren Orten und legt immer wieder Pfade frei, die überraschend an bekannte Orte zurückführen - praktischerweise immer dann, wenn man sowieso ein Quest-Item in die Richtung tragen wollte. Zum anderen ist es wichtig, Angriffe und Verhaltensweisen der Feinde ebenso zu studieren wie die Laufwege durch ein Areal, die man immer mal wiederholen muss, wenn man unverhofft den Löffel abgibt. Allzu weite Laufwege bleiben nach dem Tod überwiegend aus, da Betpulte - die Bonfires von Blasphemous - großzügig in der Welt verstreut sind. Beim Ableben verliert man übrigens keine der verdienten Tränen - Seelen im Souls-Jargon -, die man für Upgrades benötigt. Dafür akkumuliert man Schuld, die zunehmend Teile der Magie-Leiste blockiert. Entweder muss man an den Ort des tragischen Unfalls zurückkehren oder die Schuld bei einer von wenigen Stauen aufheben lassen. Insgesamt hat der Tod also weniger drastische Konsequenzen als bei den Souls-Spielen.

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Die Anforderungen ans Platforming übersteigen wohl beide Archetypen, Metroidvania und Souslike. Viele Areale erfordern große Geschicklichkeit nicht nur im Kampf, sondern auch bei der Navigation durch die Umgebung - entweder weil sie mit Fallen gespickt ist oder es mehr Abgründe als festen Boden unter den Füßen gibt. Viele Abschnitte arbeiten sogar thematisch mit den jeweiligen Orten und sorgen mit spielerischen Gimmicks für Abwechslung. Beispielsweise gibt es einen Abschnitt, in dem kräftiger Wind weht, der, als wäre das nicht schlimm genug, auch noch die Richtung wechselt. In seinen starken Platforming-Momenten erinnert Blasphemus dadurch an Spiele wie The Messenger und Celeste.

Blasphemous borgt an vielen Stellen - und meistens gut. Auch wenn das nicht allen gefallen wird, so hält das Konstrukt doch zusammen, nicht zuletzt durch den thematischen Klebstoff der Atmosphäre.

Buß- und Bettag
Starke thematische Arbeit sieht man vor allem im visuellen Design. Die Bilder rufen erkennbar die morbide Ikonographie von christlichen Religionen ab - insbesondere rituelle Tötung und Verwundung, Kreuzigung und andere Schändungen, die der Buße dienen sollen. Die aufwändige Pixelgrafik ist in dieser Hinsicht nicht nur atmosphärisch überzeugend, sondern mit offensichtlicher Hingabe zum Detail gestrickt. Wie die große Screenshot-Sammlung auf Steam belegt, sind Spielerinnen und Spieler schon jetzt begeistert von den aufwendig gepixelten Cutscenes, die - so gab es ein Stretch-Goal des erfolgreichen Kickstarter-Projekts vor - sogar voll vertont sind. Für schwache Nerven sind die Bilder allerdings nichts.

Während die Atmosphäre beständig bleibt, weicht die Geschichte schnell als Kulisse vor den Spielmechaniken zurück. Früh wird klar, dass man verschiedene Bosse besiegen muss, um weiterzukommen. Warum genau das wichtig ist, verliert sich dann aber doch in den verschwurbelten Texten über Glauben, Schuld und Buße.

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Ein Mann, ein Schwert
Wie bei einem Dark Souls kommt es für die Kämpfe wesentlich darauf an, das Verhalten der Gegner geduldig zu studieren und diszipliniert zu lernen, wann und wie man sie bekämpft. Damit enden jedoch die Parallelen, denn das Kampfsystem von Blasphemous ist vergleichsweise simpel. Es gibt lediglich eine Angriffstaste und neben einfachen Schwertstreichen wird man im weiteren Verlauf nur eine Handvoll neue Manöver dazulernen. Dafür lassen sich zahlreiche Objekte finden, die einem neue magische Fähigkeiten verleihen oder die Statuswerte verändern. Nicht immer ist das ein absoluter Vorteil, denn viele Gegenstände fordern für ihren Vorteil eine Schwäche ein. Verschiedene Figuren, Charakterklassen oder neue Waffen gibt es jedoch nicht - ein Mann, ein Schwert.

Zur Verteidigung stehen dafür gleich zwei Fähigkeiten zur Verfügung: ausweichen und kontern. Schwache Angriffe kann man nach dem Konter mit einem schnellen Gegenangriff beantworten, während er gegen starke Attacken effektiv nur einen Block darstellt. Zwar hat der Konter ein recht großzügiges Zeitfenster, doch gerade wenn man es mit mehreren Feinden gleichzeitig zu tun bekommt, sollte man ihre verstohlenen Bewegung genauestens kennen, um im rechten Moment das Schwert zum Konter zu heben. Das Ausweichen erweist sich in Blasphemous als größere Herausforderung. Zwar bekommt man ein paar Invincibility-Frames geschenkt, kann sich aber durch viele Gegner nicht so einfach hindurch rollen. Waffen, Schilde oder schlichtweg kräftige Beine blocken die Rolle unbekümmert weg. So kam ich mit einem alten Videospielreflex in Konflikt, den ich mir erstmal abgewöhnen musste.

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Insgesamt sind die Kämpfe in Blasphemous so interessant und herausfordernd, dass man sich mit den Feinden gern, aber nicht zu gern beschäftigt. Die Varietät eines Dark Souls oder eines Dead Cells gibt das Kampfsystem aber nicht her. Insbesondere Fans von Dark Souls, an die Blasphemous gezielt vermarktet wird, müssen sich darauf einstellen, dass sie es zwar mit ähnlichen Spielprinzipien zu tun bekommen, nicht jedoch mit dem vergleichsweise hohen Schwierigkeitsgrad. Alle anderen aber dürfen sich freuen: die schwierigsten Stellen lassen sich mit optionaler KI-Unterstützung sogar etwas erleichtern. Einen frei wählbaren Schwierigkeitsgrad gibt es dafür nicht.

Fazit
Blasphemous transportiert durch herausragende Pixelgrafik und starke Atmosphäre plakativ, aber erfolgreich bedrückende Gefühle von Schuld und religiöser Schwere. Spielerisch überzeugt vor allem der Mix aus fordernden Kämpfen, Platforming und Erkundung der Spielwelt. Damit steht es aber auch zwischen den Stühlen und wird von in der Spannbreite von Metroidvania bis Souslike nicht alle Fans gleichermaßen abholen. Eins ist aber klar: Blasphemous ist ein kompetenter Action-Platformer.

Blasphemous wurde auf der Nintendo Switch getestet. Ein Testmuster wurde uns von Team17 zur Verfügung gestellt.

Blasphemous

(Ranking)
A
RANK
Reife Leistung. A-Spiele machen alles richtig oder sind nah dran. Kleine Schwächen werden durch Stärken mehr als wett gemacht. Das ist Spieldesign auf hohem Niveau.

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16. September 2019 um 02:42 Uhr
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RELEASE
10. September 2019
PLATTFORM
Nintendo Switch
Plattform - Hybrid aus Konsole und Handheld. Unter dem Codenamen Nintendo NX angekündigt, ist die Nintendo Switch im März 2017 weltweit erschienen.
PC
Plattform - PC-Spiele haben mit die älteste Tradition. Heutzutage laufen die meisten Games unter dem Microsoft Windows.
Playstation 4
Plattform - Die Playstation 4 (PS4) von Sony ist eine Spielkonsole der 8. Generation. Sie erschien am 29. November 2013 europaweit als Nachfolger der Playstation 3.
Xbox One
Plattform - Nachfolger der Xbox 360 von Microsoft. Angekündigt am 21. Mai 2013, ist die Heimkonsole am 22. November 2013 in Deutschland und weiten teilen Eruopas erschienen.

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