Angespielt: The Lion's Song

(Artikel)
Merle B., 27. August 2016

Angespielt: The Lion's Song

Dieses Spiel trifft jeden Ton

Kennt ihr das? Jemand beschreibt euch Handlung und Setting eines Spiels und euer einziger Gedanke ist: Wow! Dieses Spiel ist geradezu persönlich auf meine Interessen, meine Lebensrealität, meine Perspektive auf die Welt zugeschnitten. Dieses Spiel ist für MICH. Herzlichen Glückwunsch! Ich kenne das nicht.

Entsprechend überrascht war ich, als ich auf der diesjährigen Gamescom mit leuchtenden Augen an dem Narrative-Adventure-Game The Lion's Song kleben blieb – und mich von der Prämisse angesprochen fühlte wie noch nie. Ist das etwa das Gefühl, wenn man Teil einer dieser... Zielgruppen ist?

LionS_Song_Screenshot7Atmosphärisch und hoffentlich inspirierend: die Alpen!

Das vermutlich österreichischste Spiel der Welt
The Lion's Song kommt aus Österreich und spielt in Österreich – in der wahrscheinlich österreichischsten Zeit ever, der Jahrhundertwende vom 19. auf das 20. Jahrhundert. Und nur für den Fall, dass das nicht genug Österreich ist, beinhaltet es noch die geballte Wiener Star-Power des frühen 20. Jahrhunderts: Sigmund Freud, Gustav Klimt und Erwin Schrödinger sind nur einige der Größen, die einem im Laufe der Folgen über den Weg laufen können. Noch mehr Wien ginge eigentlich nur noch, wenn die Hauptfigur eine Sachertorte wäre.

Dies ist zumindest in der ersten Episode nicht der Fall. Stattdessen haben wir Wilma. Wilma ist das neue Beinahe-Wunderkind einer Wiener Musikakademie. Ihre Liebe zum Komponieren wird nur leider auf unglückliche Weise von ihrer mehr so semi-professionellen Beziehung zu ihrem Professor überschattet. Als dieser spontan ein Konzert organisiert, mit dem er seine Schülerin ganz groß rausbringen will, bleiben Wilma nur noch wenige Tage, um ein Stück zu schreiben, mit dem sie sich in der Musikwelt verewigen kann. Verschanzt in einer einsamen Hütte in den Bergen, machen wir uns mit ihr auf die Suche nach der wahrscheinlich flüchtigsten Substanz der Welt: der Inspiration.

LionS_Song_Screenshot5Die Muse küssen - oder doch lieber den Professor?

Die Muse küsst nicht jeden.
Falls es so klingt, als würde ich voreingenommen an The Lion's Song herangehen, liegt das daran, dass es stimmt. Wie könnte es anders sein? Es ist als hätte jemand ein Säckchen mit all meinen Faibles und Interessen geschüttelt, ein paar herausgezogen und ein Spiel daraus gemacht. Frühes 20. Jahrhundert? Wien? Gestresste Studentin? Hat hier jemand meinen Namen gerufen?!

Aber auch abgesehen von meinen persönlichen Vorlieben kommt The Lion's Song sehr charmant daher, auch wenn man im Spiel nicht so wahnsinnig viel macht. In erster Linie klickt man sich durch verschiedene Räume und Dialoge und das Ganze könnte an sich auch gut als Schreibblockaden-Simulator durchgehen: man träumt, man stöbert, man lauscht – und wechselt dabei öfter den Raum als es irgendwie Sinn macht. Wer jedoch gründlich genug sucht, findet Inspiration und jede einzelne Inspirationsquelle formt das individuelle Stück, das Wilma auf ihrem Konzert aufführen wird. Dieses kann man übrigens auch ordentlich vergeigen. Was am Ende rauskommt, liegt also ganz an einem selbst.

LionS_Song_Screenshot1"Woher rufen's denn an?" - The Lion's Song spielt sich auf Deutsch sogar noch schöner!

Freudscher Verklicker
Noch wichtiger als das Entdecken irgendwelcher Räumlichkeiten ist jedoch die Erforschung von Wilmas Innenleben. Ihre Blockade kommt nämlich keineswegs aus dem Nichts. Mit jedem Traum, den sie träumt, nähern wir uns den Ursachen. Dabei sind die Traumsequenzen – wie der Rest des Spiels – ziemlich clever geschrieben und durchaus psychologisch prägnant. Ich meine, hey, dieses Spiel bekommt später noch einen Freud-Gastauftritt, da will man sich ja nicht blamieren.

LionS_Song_Screenshot6Psychoanalytiker aufgepasst: Wilma träumt von tiefen Brunnen.

Klein aber oho!
Bemerkenswert ist auch, wie The Lion's Song es schafft, mit sehr einfachen Mitteln ziemlich große Dramatik zu erzeugen: wenn der aufziehende Sturm anfängt zu klingen wie ein böse tuschelndes Publikum und Wilma uns in bebenden Buchstaben gesteht, dass sie total am Ende ist, kann man gar nicht anders, als mit ihr zu fühlen. Umso schöner ist natürlich das Erfolgsgefühl, wenn man sie doch noch dazu bewegen kann, zu Stift und Papier zu greifen.

Wie groß die Varianz der möglichen Kompositionen am Ende tatsächlich ist, kann ich nach einem Durchgang nicht wirklich sagen. In einem Dialog musste ich entscheiden, ob ich "Hnng!", "Gaah!" oder "Ooooof!" sage, und ich bin immer noch nicht sicher, ob ein anderes Ächzen meiner Komposition vielleicht noch den letzten Schliff verliehen hätte. Es wäre sicher lustig, die Folge noch mal zu spielen und es von vornherein auf die schlechteste Symphonie aller Zeiten anzulegen. Nur ganz ehrlich? Ich weiß nicht, ob ich Wilmas Enttäuschung auf mich nehmen möchte.

LionS_Song_Screenshot2Womöglich der Protagonist der nächsten Folge?

Gut gebrüllt, Löwe.
Ein Spiel, dessen Ziel es ist, eine Studentin aus ihrer Schreibblockade zu holen, kann bei mir eigentlich nicht viel falsch machen. Aber The Lion's Song ist wirklich goldig und damit meine ich nicht den Sepia-Ton, in dem es designt ist. Ich mag einfach sehr viel an diesem Spiel. Ich mag, dass es alle Dialoge - zumindest im Deutschen - in authentischem Wienerisch schreibt. Ich mag, dass es mich vor die Wahl stellt, ob ich mir trotz unverrichteter Arbeit Schlaf gönne oder versuche, die Nacht durchzumachen. Ich mag, dass es diese Entscheidung tatsächlich dramatisch erscheinen lässt.

Schon die erste Folge erzählt eine kleine, aber bedeutsame Geschichte über Identität, Inspiration und natürlich die Kunst an sich – und das alles vor einem der interessantesten kulturhistorischen Hintergründe überhaupt. Auf Steam ist sie bereits erschienen und derzeit noch free to play. Ich lege sie jedem ans Herz, der ein Stündchen Zeit hat und Gefallen an ruhigen, gefühlvoll erzählten Spielen findet. Und jedem, der Musik mag und Deadlines hasst. Und jedem, der auf Wien und seine historischen Persönlichkeiten steht. Allgemein sehr vielen Menschen, fürchte ich. Wer weiß, vielleicht ist die Zielgruppe dieses Spiels am Ende doch breiter als gedacht...

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20. September 2019 um 22:46 Uhr
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07. Juli 2016
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PC
Plattform - PC-Spiele haben mit die älteste Tradition. Heutzutage laufen die meisten Games unter dem Microsoft Windows.

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