Harveys Neue Augen

(Artikel)
Rian Voß, 06. September 2011

Harveys Neue Augen

Lookveränderung für den Pyro-Hasen

In der Service-Wüste der Videospielewirtschaft, welche unter anderem zweiseitige Anleitungen und zur stetigen Internetverbindung zwingenden Kopierschutz umfasst, ist Daedalic eine duftende Blume. Denn nicht nur kam uns eines Tages ein gutes Adventure und eine durchdachte Fortsetzung ihres Erstlingswerks Edna Bricht Aus ins Haus geflattert, sondern die Packung war neben besonders bizarren Goodies für die lieben Online-Rezensenten auch noch standardmäßig mit einer schön geschriebenen Anleitung und dem gesamten Soundtrack (das Titellied allein ist abnormal gut) auf einer Zusatz-CD ausgestattet. Man könnte also von einem abgerundeten Paket sprechen.


Aber ich greife voraus und bevor ich nähere Einzelheiten herausrücke, eine kleine Spoilerwarnung: Wer Edna Bricht Aus nicht gespielt hat, dem verderbe ich mit diesem Artikel die Story dieses Spiels. Das wäre ziemlich schade. Aber wenn ihr jetzt trotzdem weiterlest, dann geht das auf eure Kappe und nicht meine.

Im letzten Teil der Geschichte um Edna, die, seitdem sie auf Befehl ihres blauen, pyromanisch veranlagten Stoffhasens Harvey den Sohn des gemeinen Doktor Marcel die Treppe runtergestoßen hat, geistig recht lädiert ist, hat Edna den werten Doktor im "guten" Ende ebenfalls eine Menge Stufen runtergeschickt. Jetzt sitzt er im Rollstuhl, Edna ist verschwunden und Harvey wurde an irgendeiner Küste angespült.
Aber das ist alles völlig egal, denn hier geht es um Lilli! Lilli ist ein kleines, blondes, schüchternes, braves Mädchen in einer Klosterschule, das zu jeder Zeit von kinderhassenden Mutter Oberin unterdrückt und von ihren Mitschülern, die Lilli für opportunistisch halten, gemobbt. Glücklicherweise ist ihre abgefahrene Freundin und Zimmergenossin Edna (?!) immer auf Lillis Seite. Eines Tages jedoch wird angekündigt, dass ein Kinderpsychologe die Schule besucht. Doktor Marcel. Edna schreckt sofort zusammen, verkriecht sich auf ihr Zimmer und nun muss Lilli ihr helfen, der Klosterschule unentdeckt zu entkommen. Da heißt es erst einmal: Beweise, dass Edna jemals dort gewesen ist, vernichten!

Wie Lilli das anstellt, also zum Gameplay, möchte ich nicht viele Worte verlieren. Klassisches Grafikadventure halt, wobei Daedalic anscheinend nie müde wird, immer noch ein bisschen an der Mauszeiger-Interaktion und dem Inventar herumzubasteln. Gut so! Die Rätselstärke ist, wenn ich mich denn inzwischen als Adventure-Normal-Verbraucher bezeichnen darf, auf mittlerem Niveau. Es gibt leichte "bringe Objekt A zu Ort B"-Aufgaben, aber auch ein paar knackige Logik-Kopfnüsse, die definitiv ein bisschen Zeit in Anspruch nehmen. Einige fiese Rätsel darf man dabei sogar überspringen, aber wer macht sowas schon? An anderen Stellen wird einem freundlicherweise per Icon mitgeteilt, dass man jetzt mal Zettel und Stift zücken sollte. Gut, ich hätte das so oder so gemacht, aber es ist schön, dass hier so viel Konter-Frustrations-Arbeit geleistet wird.
Begegnet man erst einmal Harvey, setzen sich in Lillis Köpflein außerdem viele Verbote fest; etwa darf sie keine scharfen Gegenstände mehr anfassen oder rumzündeln. Diese Einschränkungen muss man mit der Zeit zu umgehen lernen, indem sich Lilli selbst hypnotisiert und sich in einer Traumwelt ihren Dämonen stellt. Nach und nach gewinnt sie so ihre einstige Freiheit wieder zurück.


Als ich mir die Verpackung zum ersten Mal anguckte, musste mir natürlich sofort ins Auge springen, dass man nicht Edna spielt. Schmach und Schande, gibt es doch wohl kaum die Möglichkeit, dass dieses blonde Görchen unserer liebgewonnenen Psychotikerin den Rang ablaufen könnte! Schwer getäuscht.
Lilli ist, wie man schnell herausfinden wird, im Kopf auch nicht so ganz stabil - nur kommt das bei ihr wesentlich anders zum Ausdruck als bei der losen Klappe ihrer besten Freundin: Lilli spricht nämlich kein Wort. Oh, sie kann sprechen, ja, aber irgendwie scheint man ihr immer den Mund zu verbieten, wenn sie was sagen möchte. Ein Glück, dass jeder NPC ein Gedankenleser zu sein scheint und sofort weiß, was Lilli eigentlich erzählen wollte. Ihre inneren Prozesse werden dabei von der Stimme von Götz Otto veräußert, der einen unglaublich guten Job leistet, Sätze wie "Lilli findet es gar nicht schlimm sich vorzustellen, wie sie die Gesichter ihrer Klassenkameraden mit einer Machete in zwei Teile schlägt" fröhlich und beschwingt wie ein Märchenonkel vorzutragen. Da wird dann auch der Umstand, dass Lilli vollkommen absichtlich ein Hornissennest in einen Brunnen wirft, in den gerade ein Klassenkamerad gefallen ist, als unschuldiger Unfall bezeichnet.

Ohnehin wurde auf den Humor und die Absurdität von Edna bricht aus ordentlich aufgebaut. Grinsende Kobolde übermalen und zensieren mit violetter Farbe ganz wie selbstverständlich grafische Erwachsenen-Inhalte (die unter Leistungsdruck stehende Mitschülerin erhängt sich im Klassenraum? Da baumelt Momente später nur noch ein violetter Blob aussagekräftig am Strick!), der Indianer-Schamane erzählt Witze über Apache-Server, in einer Zwischensequenz klickt man auf einen plötzlich auftauchenden, blauen X-Knopf, der von Lilli als "Energy-Smartie" verspeist wird, und wenn die kleine Heldin drauf und dran ist, mit einem aus Luftballons gefertigten Schraubenschlüssel eine faustgroße Mutter zu lösen, sagt der Erzähler nur: "Man konnte förmlich hören, wie die Online-Rezensenten wegen dieser Lösung jammern und schreien, aber: Lilli macht sich nichts draus und versucht es trotzdem."

Neben dem allgemeinen Humor und gut integrierter Popkultur-Sticheleien wie den zwei Mädchen, die total auf Anime stehen und die ganze Zeit "Myuroshi Glitzerschein! SCHING!" rufen, gibt es auch noch einen Haufen interessanter Nebencharaktere, darunter so ziemlich alle Insassen von Doktor Marcels Anstalt, die man im vorigen Spiel kennen und lieben gelernt hat (will heißen: Ja, Droggelbecher ist mit von der Partie). Doch auch die neuen Figuren am Wegesrand von Lillis glorreichem Abenteuer sind teilweise ziemlich herausragend. Besonders gefallen hat mir die wütende, Ex-Knacki-Kantinenfrau Doris, die immer so ein Kribbeln in den Fingern bekommt, das sich nur durch das Öffnen von Einmachgläsern überwinden lässt. Der Opa am Kleiderhaken im Raum für Geschichts-Utensilien ist auch nicht ohne. Natürlich finden sich auch immer mal wieder ein paar nervig gesprochene Leute, aber man muss mit keinem dieser Gestalten so exzessive Dialoge führen, dass es einem übel aufstoßen würde.


Grafisch bleibt sich, um das noch kurz anzumerken, das Spiel übrigens absolut selber treu, im Guten wie im Schlechten. Ich fand den handgezeichneten Stil schon seit Edna sehenswert, allerdings sind auch die Neuen Augen eine weitere Fortsetzung der alten "Wir haben kein Budget für volle Animationen"-Geschichte - wenn sich etwas bewegt, dann in Einzelbildern. Ich freue mich auf den Tag, an dem ich die Frames einer Zwischensequenz nicht mehr an zwei Händen abzählen kann.

Ich habe Harveys Neue Augen innerhalb von zwei Tagen durchgesuchtet. Es ging einfach nicht anders, das musste sein. Wer ohnehin schon auf Daedalic-Adventures oder Edna Bricht Aus steht, kann hier bedenkenlos zugreifen. Und wer sich nicht um die Vorgeschichte schert (es geht auch ohne, ich hatte sie auch nicht mehr gut im Kopf), der kriegt mit den Neuen Augen den meiner Meinung nach besseren Titel dieser bisher zweiteiligen Serie. Rian

Kommentare

Kristin
29. Januar 2012 um 19:30 Uhr (#1)
Endlich habe ich es auch geschafft, die Edna-"Fortsetzung" zu spielen. :3 Ich finde auch, dass Götz Otto und überhaupt die allermeisten der Sprecher wahnsinnig gute Arbeit leisten. Die Dialoge sind wie immer bei Daedalic großartig, für meinen Geschmack allerdings etwas spärlich gesäht. Vielleicht habe ich deshalb nicht länger als sechs Stunden gebraucht, um das Spiel durchzuspielen - ohne Rätsel zu überspringen. Bei "Harveys neue Augen" fehlten mir die harten Nüsse, die Kombinationen von Gegenständen, die sinnlosen Unterhaltungen (Aber woher sollen die auch herkommen, wenn die Protagonistin kein Wort sagen kann?).
Ich bin eigentlich mehr oder minder "durchgerauscht" - es war immer relativ klar, was als nächstes zu tun ist, sodass es sich ab und zu schon ein bisschen wie "Arbeit" anfühlte. Die Rätsel waren - fand ich zumindest - ziemlich einfach. Ein Sudoku mit 4x4 Feldern oder "Gehe-durch-ein-Loch-und-gucke-auf-welcher-Seite-du-wieder-raus-kommst"-Rätsel würde ich jetzt nicht als "mittleren" Schwierigkeitsgrad bezeichnen...
Was mir auch gefehlt hat war das "Kombiniere-Alles-mit-Allem"-Element vom Vorgänger - zu jeder Kombination ein gut durchdachter Spruch wäre auch hier schön gewesen.
Die Idee des Traumatisierens hingegen fand ich gelungen, obwohl die Rätsel auch hier zum größten Teil sehr (sehr) einfach zu lösen waren. Es war aber ein guter Ersatz für das Tempomorphen, welches im ersten Teil für Abwechslung im Gameplay gesorgt hat.

Insgesamt für mich ein zwar lohnenswertes, nettes, aber etwas zu einfaches und kurzes Adventure, aus dessen Potential man hätte mehr machen können... Sorry, Poki. :(

P.S.: Auch "Harveys neue Augen" hat natürlich zwei Enden!
Rian
29. Januar 2012 um 23:39 Uhr (#2)
Wir beide haben schon eine ganze Menge Adventures gespielt - mein Schwierigkeitsgradempfinden ist ein Mittel, so dass es auch für Adventureneulinge gilt :) Letztendlich kann man Adventurerätsel ohnehin nicht einwandfrei in Kategorien einteilen. Manchmal hat man einen guten Tag, dann ist man in der Puzzle-Zone und löst alles kinderleicht, an anderen Tagen ist das Hirn für sowas einfach nicht gepolt.
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14. November 2019 um 03:14 Uhr
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