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Rian Voß, 31. Dezember 2012

Home

A mixed experience by Benjamin Rivers

Thriller- und Horrorspiele sind schwierig: Entweder man bekommt den Spieler zu packen und er verkrampft sich mit jedem zurückgelegten Meter immer stärker in die schützende Embryonalhaltung, oder es lässt einen vollkommen kalt. Spiele mit einer nicht-linearen Handlung sind ebenso schwierig: Jede Entscheidung muss eine Konsequenz nach sich ziehen und als Entwickler muss man im Vorfeld eine strenge Liste darüber führen, welche Hinweise in welcher Kombination gefunden oder nicht gefunden werden können, und was sich daraus ergeben kann. Mit Home, als 'A unique horror adventure' bezeichnet, versucht Benjamin Rivers beides und erschafft so eine Mischung aus Erfolg und Fehlschlag.

Home ist in einer bis anderthalb Stunden locker durchgespielt. Wer sich nun also nicht spoilern lassen möchte, der kann die 1,50 EUR bis 3,00 EUR bei Steam berappen. Das Spiel hält zwar seine Enttäuschungen parat, allerdings ist es deswegen noch nicht schlecht und dürfte zumindest für den ein oder anderen Rückenschauer sorgen.

Man findet sich zu Beginn wieder in den Schuhen unseres Protagonisten, der in einem fremden Raum aufwacht und keine Erinnerungen an die letzten Stunden mehr hat oder wüsste, wie oder warum er dort gelandet ist. Herumliegende Taschenlampe geschnappt, zur Tür raus und schon bietet sich ein schockierendes Bild, denn vor unseren Füßen liegt eine Leiche - kein Täter in Sicht.
Fortan versuchen wir unseren Schützling einfach nur nach Hause zu seiner Frau Rachel zu bringen. Dazu durchstreifen wir in der Seitenansicht mit durch die Taschenlampe eingeschränkter Sichtweite (ähnlich wie Lone Survivor) zuerst das Haus unserer mutmaßlichen Kidnapper, später noch Abwässerkanäle, einen Wald, die alte Sägemühle und den Laden eines Freundes. Eine Taste dient zur Interaktion mit der Umwelt, ansonsten lässt sich der Protagonist nur navigieren.


Was Home sehr gut macht, ist das konstante Gefühl der Gefahr, das den Spieler verfolgt. Nur im Schein der Taschenlampe können wir uns durch die düsteren Areale einigermaßen sicher bewegen, allerdings kann man nicht nur nach vorne leuchten, sondern auch stehen bleiben und die Decke bestrahlen. Diese Möglichkeit allein gibt einem das Gefühl, man müsste ständig damit rechnen, dass irgendein namenloser Schrecken über unserem Kopf lauert und dafür sorgt, dass man eher bedacht voranschreitet - vor allem bei trügerischem Frieden. Hinzu kommen viele Situationen, in denen man nicht weiß, ob man gerade allein ist oder nicht: Es knarren Holzbalken asynchron zu unseren Schritten, man hört Geflüster im Wind oder man nimmt eine fortlaufende Gestalt aus dem Augenwinkel wahr. An manchen Stellen war ich mir nicht so sicher, ob da nun wirklich etwas war oder ob mir mein Verstand einen Streich gespielt hat. Ausgeschaltete Raumbeleuchtung und Kopfhörer sind natürlich Pflicht, um den Effekt abzurunden.

Was leider nicht so gut funktioniert, ist die Geschichte. Der Sinn hinter Home ist es, dass jeder Hinweis für sich alleine genommen vage genug ist, als dass er mehrere Interpretationsmöglichkeiten in Hinsicht auf das Geschehene zulässt und erst in Kooperation mit anderen Hinweisen dazu führen soll, dass der Spieler die Lücken füllt und sich seine eigene Geschichte zurechtspinnt. Man kann etwa das Haus am Anfang durchsuchen und herausfinden, dass dort ein Ehepaar lebte. Man kann verscharrte Knochen finden und vermuten, dass das jene der Ehefrau waren. Man kann Hinweise auf eine alte Mordserie in der Gegend finden und ein Videoband abspielen, auf dem eine Überwachungskamera den Angriff und Mord auf eine Person aufgezeichnet hat - und man weiß nicht so recht, ob da noch ein Dritter im Raum war. Was man glauben möchte, muss man selbst entscheiden.
Leider wird gerade ein möglicher Handlungsstrang vom Spiel sehr stark forciert; nämlich dass der Protagonist selbst der wahnsinnige Mörder ist. Einerseits findet man schon viele Indizien, die dafür sprechen, andererseits lässt er es an vielen Stellen auch selbst anklingen. Etwa sagt er nach dem Finden einer Pistole, dass sie ein vertrautes Gewicht in der Tasche darstellt. Verfolgt man diesen oder irgendeinen anderen Gedankenweg, stößt man am Ende jedoch immer noch auf einen Arsch voller unbeantworteter Fragen, für die sich der Spieler dann selbst eine Geschichte zusammenreimen muss anstatt dass man weitere Nachforschungen anstellen kann. Nicht nur das, man muss für die anderen Geschichte (etwa dass seine Frau nie existiert hat) sogar gewisse Hinweise ignorieren, damit es am Ende irgendwie einen Sinn ergibt. Oder man hat gewisse Funde nicht gemacht, die der Protagonist dann in einem Monolog aber trotzdem später anspricht. So versuchte mein Avatar die Leiche eines Wachmanns, die ich nicht entdeckt habe, zu rationalisieren und ich hatte keine Ahnung, wovon der Typ eigentlich spricht. Manchmal verfolgt man mit den gefundenen Hinweisen auch einfach nur zwei verschiedene Lösungen und am Ende kommt der Protagonist auf eine ganz andere Idee und ich dachte mir: "Okay, das ist Bullshit."


Sinn des Ganzen ist es, an der Spieler-Community teilzuhaben und die eigene Geschichte zu erzählen. Man erkennt an den Erzählungen dort aber sehr schnell, dass es kaum tiefgreifende Interpretationsmöglichkeiten gibt - es läuft auf eins von zwei Enden hinaus und viele Zusatzinfos sind einfach nur Flavor, der durch die Realisierung des Protagonisten (entweder hat er seine Frau getötet oder sie hat nie existiert) hinweggewischt wird. Die Wahrheit wird in jedem Fall nie gänzlich aufgedeckt; das hätte ja auch nicht sein müssen, aber ich halte es für ekelhaft, dass es so viele Fragen gibt, nach deren Antworten man nicht einmal suchen darf.

Home ist ein ambitionierter Titel, der gleichermaßen versucht dem Spieler eine Gänsehaut zu verpassen und dessen Vorstellungskraft anzuregen. Ersteres funktioniert leider wesentlich besser als Letzteres, denn zu viele Spuren führen ins Nichts oder werden einfach unter den Teppich gekehrt. Schade eigentlich, denn es hätte mehr sein können als ein Groschen-Abenteuer. Rian

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12. November 2019 um 10:24 Uhr
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01. Juni 2012
PLATTFORM
PC
Plattform - PC-Spiele haben mit die älteste Tradition. Heutzutage laufen die meisten Games unter dem Microsoft Windows.

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