The Talos Principle im Test

(Artikel)
Paul Rubah, 17. Januar 2015

The Talos Principle im Test

Eins mit der Maschine

Die meisten Entwickler werden zugeben, dass sie einen Komfortbereich haben. Bei den einen sind es Rollenspiele, bei den anderen Action-Adventures. Croteam ist am besten bekannt für Serious Sam. In der grafisch opulenten Egoshooterserie der alten Schule schießt man strunzdumme Monster zu hunderten über den Haufen. Das sind die Spiele, die Christina Stürmer mit ihrem Erfurt-Amoklauf-Kontersong "Mehr Waffen" meinte. Zehn Jahre, sechs Serious Sams, unzähliche Polygonleichen. Und dann kam im August 2014 auf der Gamescom einfach mal The Talos Principle aus dem Boden geschossen, das gegensätzlicher nicht sein kann: ein narratives Puzzlespiel ohne Gewalt, mit zwei Autoren und viel Philosophie. Croteam verließ seine Komfortzone im ganz großen Stil. Das Ergebnis? Phänomenal.

The revelation is a lie
Auf den ersten Blick wirkt The Talos Principle wie ein Portal-Klon. Die Parallelen sind himmelschreiend offensichtlich: Man wacht komplett ohne Erinnerung in einem Raum auf und nach wenigen Sekunden spricht eine körperlose Stimme mit der Spielfigur. Die sagt einem, man solle ganz viele Tests bestehen und anschließend ist das Spiel vorbei. In Portal gehört die Stimme GLaDOS, in The Talos Principle dagegen dem Gott ELOHIM. In Portal löst man Rätsel für die Wissenschaft, in The Talos Principle für den Glauben. In Portal nutzt man Portale, in The Talos Principle stattdessen Laser. GLaDOS verspricht einem Kuchen, ELOHIM dagegen nur ewiges Leben.

the-talos-principle-connectorKreativität beim Rätsellösen ist Trumpf.

Ab diesem Punkt gehen die Spiele allerdings getrennte Wege. Denn wo sich Portal ganz klar dem Humor und der größenwahnsinnigen Persönlichkeit von GLaDOS widmet, nimmt sich The Talos Principle sehr viel ernster. Nicht zu ernst - schließlich findet man ulkige Chatlogs von Entwicklern, die sich darüber unterhalten, dass Aliens nach dem Untergang der menschlichen Zivilisation nur noch unsere Pornos, Star Trek und Firefly finden werden -, aber insgesamt doch ernst. Man kommt ins Grübeln. Dazu hat man auch allen Anlass, denn man ist ein Roboter in einer virtuellen Welt. Oder einer nachgebauten Welt à la Truman Show. Oder tot. Eins von diesen Sachen jedenfalls. Ganz bestimmt! Vielleicht.

Der Gott, die Schlange und die Wissenschaftlerin
Stellt man die Scheuklappen hoch, dann ist die Geschichte eine ganz simple: Gott will einen erlösen, man tut was man sagt, man geht durch die Himmelstür. Alles super - Glauben und Vertrauen in eine sonore Stimme, der man nicht antworten vermag, kann die Sache so einfach machen! Aber was ist, wenn man ELOHIM nicht so ganz traut oder neugierig wird? Da gibt es zum einen diesen Turm zwischen den Welten. ELOHIM meint, man dürfe überall hin - nur nicht in den Turm, denn da warte der Tod. Außerdem sind überall in der Welt Computerterminals verstreut. Die enthalten einerseits Zugriff auf Teile eines Archivs. Dazu gehören Ausschnitte von Geschichten, Chatlogs, Blogeinträge, Tagebücher, historische Aufzeichnungen und wissenschaftlichen Papers. Keine Angst, meine lesefaule Gemeinde: Keines der Dokumente benötigt mehr als ein bis zwei Minuten, enthält Hinweise auf Puzzlelösungen oder ist trocken verfasst. Im Gegenteil: Die meisten Stücke sind unterhaltsam, haben oft eine narrative Relevanz für die Situation, in der man sich befindet, oder stoßen einen zum Nachdenken an.

the-talos-principle-turmEin verbotener Turm - wer kann da widerstehen?

Wer einen noch mehr zum Nachdenken bringt, ist der Milton Library Assistent. Diese Entität haust in den Terminals und meldet sich in unregelmäßigen Abständen zu Wort. Die Aufgabe dieser Person in den Datenleitungen ist es, unsere Handlungen zu hinterfragen. Das fängt bei einem ganz harmlosen Menschlichkeitstest an und kulminiert in Hoffnung, Drama und Verrat. Dabei kam es nicht selten vor, dass ich nach den kurzen Gesprächen mit der mutmaßlichen KI kurz inne hielt, denn sie hat mir neuen Denkstoff gegeben. In den Gesprächen geht es darum zu erörtern, was eine Persönlichkeit ausmacht, ob Maschinen so etwas auch haben können und was es mit Moral auf sich hat. Das sind Dinge, über die man im menschlichen Alltag kaum nachdenkt. Unterhaltungen mit der Entität sind dabei niemals nur für Vollzeitphilosophen gedacht und haben eher Stammtischcharakter. Ihr wisst schon - drei Leute trinken und irgendwann fragt einer, was der Sinn des Lebens ist.

Und zuletzt gibt es noch die Audiologs der Wissenschaftlerin Alexandra Drennan. Oh mein Gott, Alexandra. Diese Frau, diese Sprecherin, ist so herzerwärmend. Wenn sie redet, von ihrer Zeit erzählt und von dem, was ihr so durch den Kopf geht, dann halte ich inne und starre in die Ferne. Der Frau kann man zuhören, als wäre sie ein weiblicher Neil DeGrasse Tyson, der erklärt, warum wir alle Sternenstaub sind. Ganz großes Kino und wenn Erin Fitzgerald für diese Rolle keine Preise bekommt, dann ist irgendwas falsch mit der Welt.

the-talos-principle-porn

Du bist nicht allein
Diese Geschichten - das Leben von Alexandra Drennan, Zweifel gegen Vertrauen und die Archivdokumente, die erahnen lassen, was mit der Welt geschehen ist - sind drei an der Zahl. Abgesehen vom Hauptplot mit ELOHIM muss man in keine eintauchen und das Spiel erzählt jede auf eine andere Weise: Über Aktionen mit der Welt und Reaktionen von ELOHIM, über Multiple-Choice-Antworten am Terminal, als verstreute Textdateien und als Hörbuch. Es ist eines der großen Vorzeigebeispiele, wie Videospiele Geschichten auf eine Art erzählen können, wie es kein anderes Medium kann.

The Talos Principle geht aber noch einen Schritt weiter. Drei Geschichten? Hah! Hier ist noch eine vierte: Man ist nicht allein in den ansonsten leblosen Gärten. An vielen Wänden findet man Graffitis mit Nachrichten, nicht ganz unähnlich den Safe Rooms in den Left-4-Dead-Spielen. Einige Wandmaler sind ELOHIMs Worten verfallen und predigen sie herab, andere stecken in Rätseln fest. Es gibt auch Dialoge über, wortwörtlich, Gott und die Welt. Und manchmal liest sich das Ganze wie ein Smalltalk-Forenthema, etwa wenn es darum geht, wie viele Seiten denn jetzt eigentlich diese Boxen haben, die man die ganze Zeit in den Rätseln benutzt. Sechs? Zehn? Und auch wenn man im ganzen Spiel nie wirklich einer anderen Seele begegnet, so fühlt man sich doch zu diesen Individuen, die vor einem durch die selben Reifen hüpfen mussten, verbunden.

the-talos-principle-puzzleMit genügend Sigils öffnet man neue Bereiche.

All diese geschichtlichen Aspekte haben übrigens eine Sache mit dem Rest des Spiels gemeinsam: Sie bedeuten etwas. In The Talos Principle ist nichts zufällig. Es steckt so viel Überlegung in jedem Quentchen, seien es die griechisch und ägyptisch designten Level, kopflose Statuen am Wegesrand, unsichtbare Wände, Aussichtspunkte und scheinbar sinnlose Fleckchen Erde. Geschichte referenziert Umgebung, Umgebung referenziert Geschichte, alles spiegelt sich in den Rätseln wieder. Man erkennt die Muster, man kommt gar nicht umhin. Und man fängt an sich Fragen zu stellen - nicht als Figur, sondern als Spieler. Man nimmt die Hände von Tastatur und Maus, starrt auf den Bildschirm, schaut zum Fenster heraus und sagt bedeutungsschwanger: "Hm…"

Dringend gesucht: Dritte Hirnhälfte
Die Rätsel in The Talos Principle sind... sie sind... also, sie sind genial, okay? Sie sind einfach verdammt genial! Muss ich noch...? Ja? Na schön.

Ziel jedes Puzzles ist der Raum mit der Sigil - bunte Artefakte, die an die verschiedenen Tetrisblöcke erinnern. Der Weg dorthin ist natürlich versperrt, meist durch Lasertüren. Um die zu entschärfen, muss der Spieler die verschiedenen Werkzeuge des Spiels clever einsetzen. Dazu gehören Laser, Laserverbindungsstücke und Störsender, später auch Boxen, Ventilatoren, tragbare Plattformen und Klonapparate. Klingt als simpel genug, steuert sich auch akkurat und ohne ein einziges Problem. Der Kniff ist jedoch, dass alle Elemente mehrere Eigenschaften haben, die man durchs Experimentieren erst einmal herausfinden muss. Es ist ziemlich klar, dass man Boxen auf Schalter stellen und auf sie draufklettern kann. Aber dass man mehrere von ihnen auf einen aufwärts gerichteten Ventilator stellen kann, um einen darauf thronenden Laserturm noch etwas mehr an Höhe gewinnen zu lassen? Oder dass sich kreuzende Laserstrahlen gegenseitig blockieren? Das gilt es herauszufinden und die Rätsel erledigen ganze Arbeit, den Spieler nur mit Leveldesign und ohne Tutorials - dafür mit einem oft als Hinweis dienenden Rätseltitel - an die Problemstellung heranzuführen. Dabei sind die Kurse auch nach Schwierigkeit markiert: Grüne und gelbe Parcours sind eher zur Erholung und führen neue Konzepte ein, die roten werden euch dagegen die Synapsen aus dem Hirn knüppeln - manchmal mit überaus komplexen Objektkaskaden, andere Male mit täuschend einfach aussehenden Aufgaben.

the-talos-principle-jammer-2Der Störer legt beliebige Elektronik lahm.

Aber selbst die schwierigsten Rätsel sind vollkommen logisch. Es gab kein einziges Puzzle, für das ich die Lösung nachschlagen und hinterher "Boah, wer soll den auf so was kommen?!" stöhnen musste. Gerade wenn man die brutalen Kopfnüsse geknackt hat, fühlt man sich richtig, richtig gut. Besser noch als bei anderen Rätselspielen. Das hat einen guten Grund: Es geschah mir häufiger, dass ich an einem Rätsel verzweifelte, weil ich herauszufinden versuchte, wie alle gegebenen Elemente denn nun zusammenpassen. Irgendwas stimmte immer nicht, irgendwas fehlte. Dann hatte ich aber eine Idee: "Wie wäre es denn, wenn man die Box hier... und den Störer da... Dann kann ich vielleicht über den Zaun springen und… Dann muss ich diesen Laserempfänger gar nicht bedienen!" Und in der Tat: Es passierte immer mal wieder, dass ich vereinzelte Elemente im Rätsel gar nicht für die Lösung benötigte. Habe ich das Spiel etwa beschissen? Bin ich ein Genie und schlauer als die Entwickler?! Vielleicht! Wahrscheinlicher ist es aber, dass Croteam solche Irrwege absichtlich eingebaut hat, damit sich der erfolgreiche Spieler cleverer fühlt. Das erste Rätsel dieser Art trägt auch den Titel "Deception" - Täuschung.

Klingt anspruchsvoll? Geht noch besser: Wer seinen Hirnmuskel bis zur Verödung der Neurotransmitter bringen will, der sucht die Sterne. Ein bis zwei Sterne sind in jeder der 24 Spielwelten (und darüber hinaus) versteckt. Das wird immerhin schon mal auf den Sigil-Schildern am Eingang einer Welt markiert, damit man weiß, wo man suchen muss. Gefundene Objekte werden dort übrigens durchgestrichen - sehr komfortabel. Diese Sterne zu finden ist unmenschlich. Also, alleine das Finden. Dann auch noch an sie heranzukommen, dafür muss man meist dermaßen aus der Box herausdenken, dass man sich zur anderen Seite wieder reindenkt. Wer nicht experimentierfreudig ist, hat hier keine Chance. Protip für den Anfang: Nur weil ein Laser nicht durch die typischen Lasertüren schießen kann, heißt das nicht, dass er das Rätsel nicht verlassen und bei einem anderen wiederbenutzt werden kann.Ich habe selbst inzwischen erst sieben dieser vermaledeiten Dinger gefunden und man braucht zehn, um eine einzige Spezialwelt aufzuschließen.

the-talos-principle-streamsNicht die Strahlen kreuzen!

The Talos Principle… hat keine Schwäche. Ich möchte eigentlich an dieser Stelle das Handtuch als Spieletester werfen, denn ich habe offensichtlich versagt, aber es ist nun mal so. Die Entwickler haben vor Release minuziös jedes mögliche, noch so kleine Schlagloch glätten können. Stattdessen hat The Talos Principle viele Stärken. Nicht nur sind die Rätsel komplett logisch und das Pacing der Rätsel perfekt, sondern das Spiel verflechtet vier parallel laufende Geschichten, die mich zum Lachen, Weinen und Kopfkratzen brachten. Es nutzt das Medium Videospiel zum Erzählen der Geschichte perfekt. Die philosophischen Aspekte sind nicht dröge, sondern bringen einen aktiv zum Grübeln - nicht nur über den Plot, sondern auch über sich selbst. Außerdem sieht The Talos Principle gut aus, klingt gut, steuert sich gut und hält viele, viele Stunden. Wenn ihr nicht gerade das Denken verabscheut, ist dies ein Spiel für euch. Alles, was mir nur noch zu sagen bleibt, ist Folgendes: The Talos Principle ist ein Meisterwerk unserer Generation.

The Talos Principle wurde auf dem PC getestet. Ein Testmuster wurde uns von Devolver Digital zur Verfügung gestellt.

The Talos Principle

(Ranking)
S
RANK
Herausragend. S-Spiele erweitern Horizonte. Sie bieten intensive Erlebnisse oder halten den Spieler noch lange am Bildschirm gefesselt. Selbst wenn man sie nicht jedem empfehlen kann, will man doch mit jedem über sie reden.

Kommentare

ThorstenS
Gast
11. Januar 2016 um 16:24 Uhr (#1)
Danke für diese Kritik, Du schreibst mir aus der Seele.
Der einzige Nachteil des Spiels ist sein abnormaler, familiengefährdender Suchtfaktor.
Rian
15. Januar 2016 um 00:37 Uhr (#2)
Immer gerne!
Gast
14. November 2019 um 21:17 Uhr
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