The Crew im Test

(Artikel)
Adrian Knapik, 20. Dezember 2014

The Crew im Test

Mit Vollgas in den Abgrund

Der Publisher Ubisoft haut diesen Herbst ein Spiel nach dem anderen aus dem Haus. Nach Assassin's Creed: Unity und Far Cry 4 kam nun im Dezember The Crew in den Handel, ein Rennspiel mit MMO-Elementen. Was das Spiel auf den ersten Blick besonders interessant macht ist die riesengroße Karte, welche nichts Geringeres als die komplette USA simuliert. Ob sich The Crew mit der Rennspiel-Konkurrenz dieses Jahr messen kann, prüfen wir im Test.

the_crew_karte

Keine Langeweile
Weil ich es schon angesprochen habe, fangen wir doch mit der Karte an. Wow, ist das Ding groß! Man kann tatsächlich mit seinem fahrbaren Untersatz durch die komplette USA heizen und dabei mehrere Metropolen wie New York, Detroit oder Washington D. C. besichtigen. Natürlich sind die Staaten nicht im Originalmaßstab übernommen worden, sonst würde man ja stundenlang zwischen den Städten rumfahren, aber die Idee, dies überhaupt umzusetzen, ist genau so ambitioniert wie absolut genial. Neben den Großstädten gibt es natürlich auch ein paar Dörfer und Kleinstädte und dazwischen lange Highways und Landstraßen. Eilige können mit der Schnellreisefunktion abkürzen.

Langweilig wird es auf den Überland-Fahrten aber keinesfalls, abseits der Straßen finden sich immer wieder seltene Gegenstände wie Autoteile eines raren Fahrzeugs, welches nur in den Rennstall kommt, wenn man alle Teile gefunden hat. Außerdem kann man zur Überbrückung der Fahrzeit auch immer wieder kleine Minispiele aktivieren, indem man durch ein Tor auf der Straße fährt. Diese Minispiele reichen von Slaloms über waghalsige Drifts ohne Unfälle bis hin zur Disziplin Weitsprung. Wenn man bei diesen Minispielen die vorgegebenen Ziele erfüllt, wie zum Beispiel "Springe x Meter weit", bekommt man neue Teile für seine Autos, welche man anschließend direkt einbauen kann oder in die Werkstatt schickt. In den Storymissionen geht es dagegen eher konventionell zu. Hier fährt man ganz normale Rennen und manchmal schaltet sich noch die Polizei ein.

Die Grafikqualität von The Crew bewegt sich auf gemischtem Niveau. Texturen sind meist unscharf, insbesondere die der Umgebung und der computergesteuerten Zivilfahrzeuge. Die eigenen Boliden sind recht ansehnlich, aber wahrlich keine Grafikpracht wie es ein Forza Horizon 2 oder ein Driveclub vormacht, allgemein hat man das Gefühl, dass hier etwas geschlampt wurde. In Anbetracht dessen, dass wir hier von einem Next-Gen- und PC-only-Spiel sprechen, ist das schon etwas schade, da wäre deutlich mehr drin gewesen.

the_crew_bugsImmer mal wieder kleine Bugs: Da stecken dann auch die Ampellichter im Asphalt.

Auch beim Sound gibt es viel zu bemängeln. Die Motorensounds sind zwar alle akzeptabel, aber dafür sind die deutschen Synchronsprecher so abgrundtief schlecht, dass ich teilweise weinend vor dem Fernseher zusammengebrochen bin. Beim Verfolgen der Story sind mir die Tränen ausgebrochen, nicht weil sie so traurig ist, sondern weil sie einfach so gefühllos und unmotiviert geschrieben ist, dass man am liebsten den Storywriter packen und zerfleischen würde. Deswegen habe ich mich letztendlich während der Zwischensequenzen immer mit was anderem beschäftigte, bis es mit einer Mission weiterging. Da die Story sowieso kein Meisterwerk darstellt und im Grunde genommen eine Beinahe-Kopie eines einstigen Need for Speed: Most Wanteds ist, verpasst man als eingesessener Rennspiel-Fan auch nicht viel. Aber der Vollständigkeit halber: Man muss einen Verbrecherring sprengen, indem man Rennen fährt. Abgerundet wird das müde Schauspiel mit einem Soundtrack, der zwar mit dem typischen Repertoire eines modernen Racers aufwartet, manchmal aber merkwürdig blechern durch die Lautsprecher dröhnt.

Rutschpartie
Das Wichtigste in einem Rennspiel ist natürlich auch das Fahr- und Kollisionsverhalten des eigenen Fahrzeuges. Was auf jeden Fall schon mal positiv hervorzuheben ist: Jedes Auto steuert sich anders. Das Problem ist: Jedes Auto steuert sich anders schwammig. Ja, The Crew ist kein Spiel mit dem Anspruch einer Simulation, aber wie man die Steuerung von manchen Autos so vergeigen kann, dass man bei einer schnellen Rechts-Links-Kombination direkt keine Kontrolle mehr hat, als würde man einen Gabelstapler mit Hinterradlenkung steuern, ist mir echt ein Rätsel. Nur einige wenige, auf Grip fokussierte Karren bleiben etwas besser auf der Bahn.

Die zweite Sache ist das Kollisionsverhalten. Tja, das "Kollisionsverhalten"... Meistens verhält sich das Auto bei einer Berührung mit allem, was kein Rennwagen ist, wie ein Flummi. Und das hört sich nicht nur blöd an, das sieht auch blöd aus. Wenn man nicht exakt frontal gegen einen anderen Wagen knallt, was dann zu einem Totalschaden führt, prallt man ab, als wäre man aus Kautschuk, dreht sich, knallt irgendwo anders gegen, bis man schließlich irgendwo zum Stehen kommt. Man hat hier stetig das Gefühl, als würde man selbst mit dem Auto zusammen keine 50 Kilo wiegen und alles andere bestehe aus Stahlbeton und wäre in den Boden genietet. Das gilt auch für die Zivilautos.

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Nimm den Schrauber in die Hand...
Nachdem meine dritte Taschentuchpackung aufgrund der vielen vergossenen Tränen im Müll landete, fuhr ich mit dem Auto in die Werkstatt und dort fing der Spaß an. Endlich wieder ein Racer, bei dem man sein Auto ordentlich tunen kann! Dabei sind einem beinahe keine Grenzen gesetzt. Man kann die Farbe seines Autos beliebig ändern und dies beschränkt sich nicht auf die Karosserie, sondern auch auf die der Innenausstattung. So können die Sitze, die Mittelkonsole und der komplette Innenraum eingefärbt werden, was Liebhaber der Cockpit-Perspektive sehr gerne hören dürften. Zudem kann man überall Aufkleber anbringen und typisch die Stoßfänger, Spoiler, Felgen und Weiteres abändern. Außerdem kann man natürlich die Performance seines Wagens stark verbessern, indem man Teile ersetzt, etwa durch einen neuen Motorkern, Auspuff oder Getriebe. Hier kann ordentlich gebastelt werden, womit ich auch viel Zeit verbracht habe. Begleitet wird dies durch schönen Animationen, bei denen das Auto in seine Einzelteile zerlegt und vor den Augen des Spielers wieder zusammenbaut wird - natürlich vereinfacht und sehr schnell, aber das sieht schon klasse aus. Selbstverständlich sind von Beginn an nicht alle Teile freigeschaltet, verdienen tut man sich diese durch das Erledigen von Missionen und durch Levelaufstiege und hier findet sich eine weitere Besonderheit von The Crew.

the_crew_tuning3Beim Einbauen neuer Motorenteile wird das Auto bis auf die Achse auseinander gebaut.

Ein Hauch von MMO
Durch das Erledigen von Missionen erhält man neben Geld, mit dem man sich später Teile und neue Autos kaufen kann, auch Erfahrungspunkte. Erreicht man bestimmte Stufen, schaltet man allerlei neuen Kram frei, darunter Nebenmissionen in weiter entfernten Gebieten und Teile für High-End-Tuning. Natürlich kann man sich auch mit dem Erreichen höherer Level komplett neue Autos kaufen, dabei hat jede Stadt ihren eigenen Autohändler, der ein individuelles Angebot hat. Man muss also manchmal, wenn man es auf eine bestimmte Karre abgesehen hat, wie im echten Leben die Autohändler abklappern.
Je nachdem, wie gut man eine Mission erledigt hat, bekommt man eine Bronze-, Silber- oder Goldmedaille und dementsprechend auch mehr Erfahrung/Geld oder auch Boni. Dann entscheidet etwa ein Glücksrad, ob man ein neues Getriebe gewinnt. Das spornt an ein Rennen zu wiederholen, wenn man nicht den ersten Platz erreicht hat. Nebenbei kann man auch wie in einem vernünftigen MMO allgemeine Skillpunkte verteilen, welche man auch durch den Levelaufstieg erhält. Diese bringen beispielsweise eine Verbesserung der Bremsdauer um fünf Prozent bei allen Fahrzeugen, die man besitzt.

Ein weiteres Hauptaugenmerk von The Crew ist natürlich die eigene Crew. Wenn man sich mit bis zu drei anderen Spielern zusammengetan hat, kann man gemeinsam Missionen erledigen, gegen andere Crews antreten oder einfach nur Quatsch auf der riesigen Karte veranstalten. Wenn ein Crew-Mitglied online ist, wird man beim Betreten des Spiels automatisch auf den gleichen Server geschoben, damit man nicht noch unnütze Zeit beim Wechseln des Servers verbringen muss. Wenn jemand dann eine Mission startet, werden die anderen Mitglieder automatisch eingeladen und können direkt beitreten, egal wo sie sich gerade befinden. Es ist aber nicht nötig einer Crew beizutreten, man kann immer noch jedes Rennen alleine bestreiten und so das komplette Spiel durchspielen. Einen lokalen Multiplayer gibt es nicht.

Typisch Ubi: Um The Crew spielen zu können, ist eine konstante Internetverbindung notwendig.
Nachdem ich langsam anfing Spaß zu bekommen, holten mich viele Kleinigkeiten wieder auf den Boden zurück. Es gibt einfach noch einige Ecken und Kanten, die eine fehlende Optimierung aufzeigen. Da wären zum Beispiel immer wieder diese kurz einsetzenden Ladezeiten beim Verlassen der Karte, nachdem man einen Wegpunkt gesetzt hat, oder, was noch viel schlimmer ist, eine manchmal eintretende Ladezeit beim Zurücksetzen während eines Rennens. Diese dauert zwar nur maximal zwei Sekunden, aber es hebelt einen einfach immer wieder aus dem Spielgeschehen heraus, wenn der Bildschirm schwarz wird und für kurze Zeit das Ladezeichen erscheint.

the_crew_cockpitDie Cockpit-Perspektive ist gut gelungen und macht Spaß.

Neben normalen Rennen gibt es auch Verfolgungsmissionen, bei denen man in einem bestimmten Zeitlimit ein gegnerisches Fahrzeug, welches einen vorher geskripteten Weg abfährt, so oft Rammen muss, bis es kaputt geht. Hört sich spaßig an, ist aber im Endeffekt nur frustrierend. Man hat das Gefühl, als würden einem die Entwickler diktieren wollen, an welcher Stelle man denn nun gewinnen soll. Es kommt nicht selten vor, dass das Zielfahrzeug plötzlich mit einer enormen Geschwindigkeit davonrast und durch Kurven brettert, die man selbst mit dem Tempo niemals kriegen würde. Das kommt einem manchmal so vor, als würden sich zwei gleichpolige Magneten verfolgen. Das endet dann teilweise in Trial-and-Error-Phasen, in denen man sich einfach den Fahrtweg des Computers merken muss und so immer wieder versucht, endlich diese blöde Aufgabe zu erledigen.

Ivory Tower bietet mit The Crew ein sehr interessantes Konzept von Rennspiel, so eine kleine Mischung von Burnout Paradise und Need for Speed: Most Wanted. Doch leider vergeigten die Entwickler mit dem Fahr- und Kollisionsverhalten eines der essenziellsten Dinge eines Rennspiels. Zusätzlich stören einige Kleinigkeiten, wie der schwache Sound, die mittelmäßige Grafik und frustrierenden Verfolgungsmissionen, die mich dazu bringen, am liebsten wutentbrannt den nächsten Boxsack zusammenschlagen zu wollen. Den Deckel setzen Story und Synchronsprecher drauf, die den Gipfel der Lustlosigkeit verkörpern. Mit dem Tuning, den spaßigen Minispielen, der USA als Spielgebiet und den coolen Rennen durch Städte und über Felder gibt es aber auch einige Dinge, die sehr viel Spaß machen. Zum Schluss muss ich aber sagen: Es hätte so schön werden können. Oh, und siehe da, eine Ladezeit. Und ich bin raus. Adrian

The Crew wurde auf der Playstation 4 getestet. Ein Testmuster wurde uns von Ubisoft zur Verfügung gestellt.

The Crew

(Ranking)
C
RANK
Gut gemeint. C-Spiele haben ihre strahlenden Momente, aber in entscheidenden Situationen wird großes Potential verschenkt. Über keine anderen Spiele kann man sich so sehr ärgern.

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22. August 2019 um 10:00 Uhr
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02. Dezember 2014
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