Metal Gear Solid 3: Subsistence

(Artikel)
Rian Voß, 21. Mai 2012

Metal Gear Solid 3: Subsistence

Schlangen futtern in Russland

Ich habe einen immensen Respekt vor Leuten, die sich vornehmen, in einem Metal-Gear-Solid-Marathon sämtliche Einträge der Serie chronologisch ohne das Überspringen einer einzigen Sequenz mehr oder weniger am Stück durchzuspielen. Respekt… und Mitleid. Versteht mich nicht falsch, ich gehörte, nachdem ich dieses Jahr endlich den vorletzten Teil der Hauptserie, Metal Gear Solid 3, in meine Finger bekam, auch eine Zeitlang zu diesen Verrückten. Aber mal ehrlich - gefühlt 80 Stunden Zwischensequenzen? Dagegen wirkt ein HdR-Trilogie-"Abend" wie eine Nachmittagsbeschäftigung. Jedenfalls habe ich mir mit der Metal-Gear-Solid-Collection (vollständiges Review später) endlich einmal den Snake Eater angelacht.


Mal abgesehen von all den anderen bisher erschienenen MGS-Teilen, ausgenommen natürlich Peace Walker, drehen sich die Geschicke diesmal nicht um die namensgebenden Metallbestien und Solid Snake, sondern um die Adams, aus deren Rippen sie geschnitten wurden: Naked Snake, der später zum Big Boss und Erzfeind der amerikanischen Supersondereinheit FOXHOUND wird, und der Metal-Gear-Vorgänger Shagohod. Snake erhält während des kalten Krieges die Mission, in sowjetischem Territorium einen Mann namens Sokolov außerhalb des eisernen Vorhangs zu schmuggeln und zu seiner Familie in den Staaten zu führen. Das machen wir jetzt nicht nur, weil die amerikanische Regierung so gerne Menschen hilft und die Freiheit liebt, sondern weil Sokolov einer der größten Raketen-Ingenieure des Ostblocks ist und seine Abwesenheit die Produktion einer Massenvernichtungswaffe ordentlich verlangsamen würde. Natürlich geht die initiale Rettungsmission ordentlich in die Hose, nicht zuletzt weil Snakes alte Ausbilderin, die legendäre Soldatin The Boss, ihr Land verrät, Snake stoppt und dem bösen Colonel Volgin zwei handbetriebene Atomraketen mit USA-Gütesiegel überreicht. Die benutzt er dann auch ganz spontan, um Sokolovs alte Forschungseinrichtung aus sicherer Distanz zu sprengen. Das Ganze bleibt natürlich nicht unbeobachtet und die überforderte, russische Regierung verlangt von den amerikanischen Einsatzleitern, dass sie die Produktion des Shagohod aufhalten und den Kopf von der nun als Terroristin gebrandmarkten The Boss liefern.


Drama-seitig ist also alles gesichert: Lehrer-Schüler-Konflikt, ein böser Oberoffizier, eine kleine Liebesbeziehung am Rande, die gesamte alte FOX-Einheit von The Boss und genug quirlige Charaktere am Telefon, mit denen man alleine schon Stunden im Zwiegespräch verbringen kann. Wir wissen ja inzwischen von Metal Gear Solid 4, dass die berühmt-berüchtigten Codec-Gespräche dort ihre absolute Spitzenlänge erreichen, und der dritte Teil liegt nur eine Nasenlänge dahinter. Häufig gibt es viel Blabla um nichts und manchmal kann man nur stöhnen, wenn der Militär-Tech-besessene Sigint mal wieder einen Monolog über die Vorzüge von Camouflage hält oder Paramedic ihre Standardbelehrung zum Thema "Wenn du verletzt bist, gehe in das Heilungsmenü, um dich zu heilen" bringt. Allerdings gibt es dann wieder auch viele Momente, in denen man sich doch freut, ein offenes Ohr gehabt zu haben. So stellt sich heraus, dass Snake Angst vor Vampiren hat, und der Major steht total auf Bondfilme, schlägt vor, dass man die schöne EVA verführt und will Snakes Codenamen in Null-Null-Snake abändern. Viele dieser charmanten Situationen mit den quasi-B-Movie-Synchronsprechern führen einen näher an das externe Team heran und mit der Zeit habe ich den Film-Nerd in Paramedic richtig liebgewonnen. Dazu lernt man noch einiges über die Zeit der späten Sechziger/frühen Siebziger. Leute, für die die Codecs schon immer das Highlight der MGS-Serie darstellten, haben hier ihren heiligen Gral gefunden.


Doch wo Dialoge, Kojimas zweischneidiger Humor und kinoreife Minifilmchen ordentlich aus allen Rohren feuern, kommt das Gameplay einen Tacken zu kurz. Die Neuerung, dass man im sowjetischen Dickicht nicht über die moderne Radar-Technologie späterer Einträge der Serie verfügt, bringt den Spieler in die interessante Lage, sich noch wesentlich langsamer voran tasten zu müssen und zwischen seinen erspielbaren Uniformen sowie den Gesichtsbemalungen weise zu wählen, um vor dem feindlichen Auge so versteckt wie möglich zu bleiben. Jedoch scheint ein großer Teil des Herausforderungsgrads von der bereits seit dem ersten Teil vollkommen überlasteten, nun immer mehr verstopften Controllerbelegung und der eigenen Paranoia zu kommen, die einen durch Gebüsche kriechen lässt, weil man auf dem Sensor einen Punkt sieht, der sich drei Minuten später als eine Ziege herausstellt. Hat man gerade auf niedrigen Schwierigkeitsgraden, wie easy oder normal, herausgefunden, dass man eigentlich auch durch's Level stürmen und Betäubungsschüsse wie ein Bekloppter dauerfeuern kann, stellt man schnell ernüchtert fest, dass zwischen den wie immer großartig inszenierten Bosskämpfen (ich denke nur an das hochspannende Scharfschützenduell mit The End, welches den Kampf gegen Sniper Wolf in MGS1 locker dutzendweise toppt) nicht sonderlich viel passiert. Ich hätte mir von den "Neuerungen", wie eben der Radarlosigkeit oder dem Nahrungssystem, bei dem man immer mit Snakes Stamina haushalten muss, ein bisschen mehr versprochen als nur eine müde Auflockerung zum Standardrezept. Mit höheren Schwierigkeitseinstellungen schlaffen Snakes Schusstoleranz und der Munitionsvorrat zwar ordentlich ab und bieten noch einmal genug Anreiz für einen zweiten oder dritten Durchgang (gerade durch die vielen Goodies, die man freispielen kann), jedoch repariert das nur unwesentlich Spielkonzepte, die schon bei Release seit vielen Jahren weder neu noch unverbesserlich noch langanhaltend innovativ waren.

Metal Gear Solid 3 featured ulkigerweise keinen einzigen Teil seines Titels, trotzdem ist es ein so echtes Sequel der Serie, wie es nur sein kann - vielleicht sogar ein bisschen zu sehr. Manchmal hat man das Gefühl, dass Hideo Kojima eigentlich gar keine Spiele machen möchte, sondern sich lieber an Visual Novels mit dem fettesten Budget der Industrie versuchen will. Das klassische Gameplay vom legendären ersten Teil ist immer noch vorhanden, allerdings vergraben unter Massen von Gimmicks und Sequenzen. Und trotz allem fühlte ich mich in dieser leicht trashigen Cold-War-Atmosphäre ziemlich wohl, jedoch bleibt der Serienanfang in Sachen Balance zwischen Gameplay und Story immer noch unübertroffen. Rian

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RELEASE
21. August 2012
PLATTFORM
Playstation 3
Plattform
PS Vita
Plattform
Xbox 360
Plattform

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