Adrift

(Artikel)
Rian Voß, 21. August 2011

Adrift

A Computer Game by George Orwell

Ich war schon sehr neugierig, als ich von DONTNOD zum ersten Mal gehört habe. Das hauptsächlich französische, 70-Mann starke Team, zusammengefunden aus ehemaligen Ubisoft-Angestellten und anderen bekannten Richtungen der Spiele-Industrie, machte vor der GamesCom großes Aufheben darum, so gut wie nichts über ihr vor etwa dreieinhalb Jahren in Eigenarbeit gestartetes Erstlingswerk namens Adrift (Arbeitstitel) preiszugeben. Meine einzige Gewissheit war, dass es sich dabei irgendwie um Sci-Fi handeln sollte. "Okay", dachte ich mir, "damit gebe ich mich nicht zufrieden." Also Termin gemacht, hingegangen, mit drei Leuten von DONTNOD in eine 2m² große Kabine gesetzt und mir mal ein bisschen was erzählen lassen. Ich würde lügen, wenn ich sagen würde, ich wäre schlauer wieder hinausgegangen, aber ich am Ende nicht weniger neugierig.


Erst einmal ist wichtig anzumerken, dass alles, was ich von Adrift gesehen habe, rein konzeptionell war. Fragen wurden auch nur auf dieser Ebene beantwortet und alle erbetenen, zusätzlichen Informationen zum Gameplay oder direkt zu Charakteren wurde ohne viel Kommentar übersprungen. Um deutlich zu machen, dass wir uns über Ideen unterhalten, redeten wir, nachdem CEO Oskar Guilbert bald das Kabuff verließ, nur noch mit Aleksi Briclot, seines Zeichens Art Director, der schon an Monstrositäten wie Magic: The Gathering, Splinter Cell und Spawn Hand angelegt hat, und Jean-Maxime Moris, dem Creative Director.

Die griffigsten Fakten vorweg: Adrift wird ein Third-Person-Action-Adventure für PS3 und Xbox 360 sein, das etwa zehn bis fünfzehn Stunden Spielzeit in Anspruch nimmt, und voraussichtlich im Herbst 2012 erscheinen wird. Die Handlung beginnt im Jahr 2084 (angelehnt an George Orwells Roman 1984) in Neo-Paris, wo eine neue Währung seit einiger Zeit ihren Umlauf gefunden hat: Erinnerungen. Viele Menschen tragen einen Chip im Nacken, der ähnlich wie im Film The Final Cut mit Robin Williams einmal die von den Augen eingehenden Bilder abspeichert, allerdings noch weiter geht und sogar Gefühle, Gerüche und was die Sinne sonst noch so zu bieten haben in Nullen und Einsen überträgt. Da wir uns mit Applikationen wie Twitter und Facebook ohnehin schon auf dem besten Weg zum Informations-Equilibrium befinden, stellt diese als SensationEngine (SensEn) bezeichnete Maschinerie mit der Eigenschaft, die gesammelten Erinnerungen zu teilen, tauschen oder zu verkaufen, zumindest in nicht-technischer Weise einen plausiblen nächsten Schritt dar. 1984 war der Überwachungsstaat von oben herab, einhundert Jahre später ist es nun noch schlimmer, denn in dieser horizontal aufgebauten Big-Brother-Gesellschaft weiß man nie genau, wer nun über wen Bescheid weiß.

Das wäre dann auch schon der Sozialkommentar-Angelhaken, der in Form von Metaphysik Filme wie The Matrix groß gemacht hat - denn selbstverständlich hat dieses jegliche Intimsphäre durchbrechende Handeln mit Lebensmomenten aller Art nicht nur Vorteile. Im Grunde genommen ist jeder Mensch eine lebende Kamera geworden, die jederzeit im Gerichtssaal gegen einen verwendet werden könnte. Wenn du Zeuge einer Straftat bist, wirst du augenblicklich zu einer weitaus höheren Gefahr für den Verbrecher als ein Augenzeuge in unserer momentanen Gesellschaft, und bist dementsprechend stark gefährdet, von irgendeinem Mob aus Beweismaterialvernichtungsgründen beseitigt zu werden.
Ob der Hauptcharakter aber nun gerade zu Beginn von Adrift genau in so eine Situation hineingerät, wurde nicht verraten, da um den Protagonisten oder die Protagonistin ein Mantel des Schweigens gehüllt wurde. Wir wurden aber damit vertröstet, dass die Story beim Lead Writer und Gewinner des französischen Science-Fiction-Literaturpreises Stéphane Beauverger in guten Händen sei.

Wir konnten daraufhin noch ein paar Eindrücke von den Grafikentwürfen gewinnen. Neo-Paris, natürlich dem originalen Paris und gleichzeitiger Heimatstadt der Entwickler nachempfunden, wird nicht vollständig neugebaut und futuristisch sein, sondern sich eher an realistischer Entwicklung entlanghangeln. Denkt Blade Runner mit viel farblicher Verschiedenheit und Kombination, nur eben gebaut auf einem echten Paris und nicht von Grund auf. Wie genau Aleksi die Vision von Neo-Paris grafisch umsetzt, könnt ihr oben im Teaser sehen.

Zum Schluss konnte ich noch schnell zwei Fragen, die mir nach der Präsentation deutlich auf der Seele brannten, hineinquetschen. In beiden Fällen wurde ich enttäuscht, denn es wird weder fliegende Autos geben, noch wird das Spiel auf ironische Weise Twitter oder Facebook supporten. Da hätte ich ja doch ein bisschen mehr kreativen Humor erwartet.

Nun ja, die Zukunft wird zeigen, wie interessant Adrift noch so sein wird, wenn erst einmal mehr Informationen zum Gameplay preisgegeben werden. Ansonsten macht ein futuristisches Action-Adventure mit dystopischer Überwachungsgesellschaft auf Basis unserer momentanen sozialen Lage doch immerhin schon vom Gedanken her Lust auf mehr. Rian

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16. September 2019 um 09:04 Uhr
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