Brütal Legend

(Artikel)
Rian Voß, 19. Oktober 2009

Brütal Legend

Diesmal ohne den Hype

Das ist bisher so noch nicht vorgekommen: Ich möchte einen fertigen Artikel von mir im Urteil revidieren. Ich habe ein paar Stunden Brütal Legend gespielt und daraufhin gemeint, ein Urteil über das gesamte Ding fällen zu können, obwohl gerade mal so die zeitliche Hälfte in Sicht gerückt war. Ich war im Stress und ich hoffe, das kommt so nicht wieder vor. Was nun folgt ist Brütal Legend: The Desillusioning - mit vielen tiefgehenden, neuen Kritiken an Tim Schafers neuem Werk!

Dass Gegenstände auf die ganze Zeit nachladen und innerhalb weniger Meter Reichweite plötzlich auftauchen habe ich ja schon erwähnt, genau so wie der aufdringliche Metal-Kitsch hier und da für ein blechern schmeckendes Aufstoßen sorgt. Aber was kommt noch hinzu? Arbeiten wir uns mal an einem Baum der Fehler entlang:
Zum Einen fehlt es dem Spiel ganz klar an Bossen. Nachdem man mit dem Tod von David Bowie, den ich eigentlich eher als Witz-Charakter gesehen habe, glatt ein Drittel des gesamten Nemesis-Rosters kalt gemacht hat (was insofern Sinn macht, weil es ja auch nur drei unterschiedliche Parteien gibt), kommen noch die Goths aufmarschiert, mit denen man sich die meiste Zeit prügelt. Gegen die Dämonen und den offensichtlichen Endgegner (wo ich dann auch noch mit einem Plot-Twist gerechnet hatte, der aber nicht kam) kämpft man ein bis zwei Scharmützel und einen recht uninspirierten letzten Kampf mano-a-mano und damit wäre der Clan der Dämonen auch schon abgehandelt. Ich habe mich zwischendurch einfach gefragt, was nun das große Problem der Menschen war, sich gegen so wenige Feinde aufzulehnen.


Ich will Explosionen, Mann!

Damit einher geht dann leider auch die brütal schnelle Abnahme an Epicness und das Einkehren von Monotonie. Nach dem geballten und vollkommen von den Socken reißenden Intro war ich wahrscheinlich so adrenalingeladen, dass ich über die paar kleinen, losgelöst wirkenden Nebenmissionen und die erste sich vom Stil wiederholende Hauptmission locker hinweg sah und dachte, dass der nächste über-epische Moment jeden Augenblick kommen würde. Kam er aber nicht. Vom Mythos und dem Grad an Win her hat Brütal Legend leider gleich zu Beginn seinen Höhepunkt und danach geht es langsam aber stetig bergab. Nebenmissionen gibt es zwar viele verschiedene, aber da sie die Hauptspielzeit ausmachen, kennt man das System dann auch recht schnell. Die Welt ist zwar groß und es gibt viele Relikte zu finden, allerdings ist Zeit, in der man einfach nur suchend herumfährt, gleichzeitig Zeit, in der niemand was sagt und nichts hirn-stimulierendes passiert. Man sitzt einfach nur dröge vor dem Bildschirm und sammelt sich seine Achievements zusammen. Die Hauptmissionen wirken zu Beginn ebenfalls abwechslungsreich (das Befreien der Headbanger war zum Beispiel sehr cool), zerbröseln nach der Hälfte des Spiels allerdings zu "Beschütze den Bus während der Fahrt" und Stage-Kämpfen.


Und Schlachten, Mann!

Welche ja auch von der Ausführung her vollkommen okay sind, aber ich hatte beim Spielen das Gefühl, dass es keinen richtigen Gameplayschwerpunkt gibt. Man hat versucht, ein recht diverses Nahkampfsystem mit Movesets einzubauen, welches ich zuerst auch munter mitgemacht habe, am Ende habe ich dann aber doch nur noch einmal mit der Standard-Gitarren-Attacke angegriffen, um einen Gegner zu betäuben, und dann so lange normal mit der Axt draufgehauen, bis er sich wieder bewegen konnte. Und dann wieder von vorne. Und wenn es mal eine größere Gegnergruppe gab, habe ich ein Gesichtsschmelzersolo hingelegt und alle kleinen Gegner im Umkreis pulverisiert. Man hat versucht, ein gutes Welterkundungssystem einzubauen, allerdings schien mir so, als hätte man in die Welt noch weitaus mehr stecken können als nur die paar Nebenmissionen und die ganzen Relikte, die man finden soll. Kleine Rätsel, NPCs, die einfach nur zum Spaß da sind und irgendwas Lustiges machen, oder sonst irgendein Kram. Allgemein hat mir ein wenig die geistige Anforderung bei dem Spiel gefehlt. Die war dann zwar basismäßig bei den Stagekämpfen gegeben, die aber trotzdem noch ohne viel Nachdenken locker zu gewinnen sind, solange man den Überblick behält. Außerdem sind die Schlachten gemeinhin vollkommen unspektakulär, was bei einem Spiel mit dem Titel Brütal Legend nicht sein dürfte. Da tummeln sich so maximal 40 Einheiten gleichzeitig auf dem Schlachtfeld. Hui. Dass es einfach einen Gameplay-Overload gegeben hat, sieht man auch schon an der Belegung des Controllers: Bei der Xbox 360-Version ist jede Taste doppelt und dreifach belegt, mal abgesehen von der Rechten-Ministick-Klick-Taste.


HARTE Schlachten! Mit Geschrei und Tod!

Was hätte man meiner Meinung nach jetzt ändern sollen: Erst einmal wäre ein Fokus auf entweder das Nahkampfsystem oder die Schlachten wichtig gewesen. Also entweder, man hätte aus Eddie einen wachsenden Krieger gemacht, der sich gegen Ende des Spiels mühelos und Saiten-schmetternd durch Legionen von Gegnern fräst und dann atemberaubende Endkämpfe im Duell gegen Bosse führt, oder man hätte mehr aus dem Strategieteil rausgerissen und spannender gestaltet. Oder gleich beides, aber ein Entwickler hat ja nun auch nicht unendlich viel Zeit und Geld. Was ich mir auf jeden Fall noch gewünscht hätte, wären wirklich fette Kämpfe Armee gegen Armee. Mit aufeinander Zustürmen und herausfliegenden Soldaten dort, wo die Fronten aufeinander prallen. Von mir aus auch nur als Zwischensequenz, aber so etwas HÄTTE ES GEBEN MÜSSEN. Darauf beruhend hätte man Epicness und Dialoge mehr fördern müssen, insbesondere im Laufe des Spiels ein wenig weg von den ganzen Metal-Witzeleien (die sind zum Einstieg gut, halten aber auch nur eine gewisse Zeit) und hin zu markerschütternder Awesomeness, die für jeden zugänglich ist. Wo war denn etwa das Erscheinen der Metal Gods? Wo waren die Gitarrensoli, die die Erde spalten? Nach dem Knochenturm zu Beginn ist ein Obermotz, der mit ein wenig Geklimper gerade mal eine Brücke einreißt, wirklich etwas enttäuschend. Es fehlte an visuellem Input, der einen vor Testosteron erzittern lässt, um der Trockenheit der Open World entgegen zu wirken und den Spieler an die Welt zu kleben.

Oh, und hatte ich die Bugs erwähnt? Es gibt einige Missionen, bei denen sich NPCs einfach nicht mehr bewegen und dann geht's einfach nicht weiter und man muss von vorne anfangen.

Ich hatte meinen Spaß mit Brütal Legend, aber einem Kaliber wie Psychonauts, Double Fines vorigem Spiel, ist es trotzdem gnadenlos unterlegen.

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