Das Problem mit Phoenix Wright

(Artikel)
Rian Voß, 23. November 2016

Das Problem mit Phoenix Wright

Capcom, der Zeigefinger zeigt auf dich!

Nur echte Fans hassen etwas so leidenschaftlich wie ihre Lieblingsserie. Der Youtuber Spoony ist da ein sehr schönes Beispiel, hat er doch vor allem durch seine Final-Fantasy-Hasstiraden und seiner Ultima-Retrospektive erst so richtig Bekanntheit erlangt. Ich lege mich da mit einem nicht ganz so großen Franchise an - nur Ace Attorney. Eine Serie mit inzwischen sechs Einträgen und mehreren Spin-Offs. Ich liebe sie. Und es reicht. Es muss sich was ändern. Jetzt.

Meine Liebe zu Ace Attorney hat sich zu einer extremen Sucht entwickelt. Jedes mal, wenn ein neuer Teil raus kommt, darf ich ihn mir erst am Freitag kaufen, weil ich unter Garantie die nächsten 48 Stunden damit verbringe, Objection! zu brüllen, die Dialoge mit Phoenix und Apollo mitzusprechen und mich generell an den epischen Momenten der Anwalts-Seifenoper zu erfreuen. Aber obwohl meine Liebe zu der Serie äußerst stark ist, muss ich doch Jahr um Jahr eine Feststellung machen - zuletzt mit dem neuen Spirit of Justice: der erste Teil ist der beste.

Und das hat, soweit ich mir das eingestehen kann, nicht mal großartig nostalgische Gründe. Stattdessen laufen einige Dinge mit Phoenix Wright seit einer ganzen Weile einfach nur falsch. Und ich werde sie richten.

Mehr Vorbereitung
In Phoenix Wrights Universum funktionieren Gerichtsverfahren anders als in der Realität. Typischerweise wird ein Verdächtiger geschnappt und am nächsten Tag geht es gleich auf die Angeklagtenbank. Die Anwälte der Wright Anything Agency bekommen, wenn überhaupt, einen halben Nachmittag Zeit für Beweismittelsicherung. Faktisch sehen sie alle Zeugen zum ersten Mal im Gerichtssaal und müssen sich von Widerspruch zu Widerspruch, von Lüge zu Lüge hangeln, um am Ende zur Wahrheit zu kommen.

pw-investigateSchön alles absuchen. Ihr findet ja trotzdem nur die Hälfte.

Warum das generell so ist, kann ich verstehen. Durch das Vorenthalten von Informationen kommt man nicht schon vor dem Verfahren auf eine Lösung, auf die man dann mühselig im Gericht hinarbeiten muss. Stattdessen bleiben Enthüllungen dramatisch und das Adrenalin schießt in die Höhe, wenn der Staatsanwalt einen neuen, vernichtenden Zeugen in den Stand schickt. Aber diese Methode ist auch unglaublich faul. So lassen sich selbst die lahmarschigsten Fälle zu unglaublich komplexen Geniemorden hochschaukeln. Warum nicht einfach mal gute Fälle schreiben, die so ausgebufft sind, dass man trotz eingehenden Zeugenbefragungen und trotz tiefgehenden Untersuchungen noch überrascht wird?

Faire Gerichtsverfahren
Im ersten Teil der Serie ließen sich die hingeschlonzten Fälle sehr gut rechtfertigen. Sie passten sogar äußerst gut zu den Charakteren der Geschichte: Phoenix Wright war noch grün hinter den Ohren und um den Staatsanwalt rankten sich fiese Gerüchte, dass er alles tut, um einen Fall zu gewinnen. Seine Skrupellosigkeit reichte angeblich von eingeschüchterten Zeugen bis zu falschen Beweismitteln. Als Anwalt sollte man in diesem Szenario komplett im Nachteil sein. Darum hatte man als Spieler auch ständig die Bringschuld: Der Staatsanwalt klatscht einen augenscheinlich perfekten Fall auf den Tisch und Phoenix hat Mühe, ruhig zu atmen. Hinzu kommt die mehr als dürftige Polizeiarbeit, bei der auch mal Beweismittel übersehen und spät eingereicht werden.

Diese Komponenten gibt es nicht mehr. Die Polizisten wurden durch halbwegs kompetente Figuren ersetzt (Detective Gumshoe konnte nach so vielen Blamagen ja auch schlecht glaubwürdig bleiben). Phoenix hat inzwischen über zehn Jahre Erfahrung. Die Staatsanwälte haben zwar einen unerbittlichen Ruf, aber sie stehen nie im Verdacht zu schummeln. Umso frustrierender ist es, wenn der Spieler alle Behauptungen selbst beweisen muss. Wenn die Staatsanwaltschaft spekuliert, dann ist das im Auge des Richters ein valider Punkt, der widerlegt werden soll. Wenn der Strafverteidiger herumspinnt, dann muss er ebenfalls Beweise vorbringen, während sich der Staatsanwalt lächelnd zurücklehnt.

pw-godotGodot wirft eine Tasse Kaffee und schon muss er nichts mehr beweisen.

Das ist nicht fair, das macht auf Dauer keinen Spaß. Stattdessen sollte eine Mechanik dafür sorgen, dass man den Spieß umdrehen kann und den Staatsanwalt in die Defensive drängt - nicht nur gegen Ende des Falls, sondern auch mittendrin. Ansonsten fühlt sich jedes Verfahren weniger wie eine Geschichte mit Mini-Akten an, sondern wie ein konstanter Kletterzug den Himalaya hinauf. Und wer will schon fünfmal hintereinander denselben Berg besteigen?

Jetzt verstehe ich, dass in Spirit of Justice die Lage wieder etwas offensichtlich unfairer für den Anwalt aussieht: Das ganze Land Khura'in hasst nämlich Strafverteidiger, darum muss man in diesen Gerichtssälen viel leisten, um sich Gehör zu verschaffen. Letztendlich fühlt es sich aber mehr wie eine Rechtfertigung an, um das bisherige System weiter benutzen zu dürfen. Ich glaube, die Entwickler wissen langsam, dass der ganze dramaturgische Aufbau der Fälle vor Wiederholungen stinkt und versuchen es mit einem Duftbäumchen zu vertuschen.

pw-sahdmadhiDer neueste Prosecutor ist wohl der langweiligste.

Menschliche Gegner
Zu einem guten und fairen Schlagabtausch gehört auch ein guter Staatsanwalt. Der beste Staatsanwalt der Serie ist Miles Edgeworth aus dem ersten Teil. Er hat maßgeblich alle Tropen etabliert, die jeder einzelne Staatsanwalt nach ihm befolgt: Ein Wunderkind der Rechtsgewalt, das sich pompös anzieht und irgendetwas mit der Vergangenheit des Protagonisten oder der Protagonistin zu tun hat. Es gibt immer ein dunkles Geheimnis, das der Staatsanwalt mit sich trägt, am Anfang hasst er oder sie die Protagonisten, kann aber am Ende in Zusammenarbeit das dunkle Geheimnis aus der Welt schaffen und man verdient sich seinen oder ihren Respekt.

Franziska von Karma, Godot, Klavier, Blackquill und nun auch Sahdmadhi - sie alle wurden nach dieser einen Vorlage gezeichnet. Und es ist stinklangweilig. Nicht zuletzt, weil Edgeworth der menschlichste unter ihnen war. Man hatte das ganze Spiel über das Gefühl, dass man langsam durch die harte Schale durchdringt. Dass die Häme nach und nach endet und dass man unter dem düsteren Schleier einen gleißenden Funken vermuten kann. Ein Herz, das für dieselbe Sache schlägt.

Hinzu kommt, dass man Edgeworth oder seine gesprächigen Vasallen zumindest auch mal zwischen den Fällen zufassen bekommt und private Dinge über ihn erfährt. Dass er etwa auf die Kinderserie Steel Samurai steht, macht ihn viel menschlicher. Dieser Mann ist nicht nur ein Roboter, wie etwa zuletzt Sahdmadhi, der bis zur letzten Spielstunde keine Entwicklung durchmacht, oder die anderen Staatsanwälte, die sich fast nur mit Beleidigungen und Catchphrases über Wasser halten.

pw-edgeworthDas Original.

Und dass der DL-6-Fall zu den emotional stärksten gehört, von denen weitere "dunkle Geheimnisse" auch nur wieder kopiert haben, sollte auch kaum jemand hinterfragen.

Auch hier gilt: Mehr Abwechslung muss her. Das ist einfach gesagt, aber schwierig umgesetzt, weil dann ja Autoren tatsächlich etwas für ihre Geld tun und lebhafte Charaktere verfassen müssen, die nicht nur von ihren Gimmicks und dem Endtwist leben.

Drei Protagonisten statt einem
Apollo Justice, der vierte Teil, war für mich seinerzeit das Zeichen dafür, dass die Serie eine neue Richtung einschlägt. Zwischen den Titeln war viel Zeit vergangen. Phoenix ist inzwischen Vater und hat eine Mentorenrolle für den jungen Apollo übernommen. Um ehrlich zu sein, war Phoenix in diesem Teil richtig, richtig cool geworden. Er hatte alle Fäden in der Hand, stand im Zentrum des allgegenwärtigen Mysteriums, konnte aber nicht drüber reden. Nichtsdestotrotz konnte sich Apollo, der sich nun durch dieselbe Schule des "Schwitzens und Entlanghangelns" quälte, immer auf die Hilfe seines Mentors verlassen.

pw-phoenixBadass-Phoenix in Apollo Justice: Ace Attorney.

Und dann im fünften Teil? Phoenix kommt zurück! Und eine weitere Anwältin schließt sich seinem Team an! Ich konnte es bildlich vor mir sehen: Athena Cykes ist der Rookie, macht alles verkehrt und kommt mit Hängen und Würgen durch einen Introfall durch. Apollo ist "Phoenix Classic", hat seine dummen Momente, seinen Slapstick und alles, was man von der Serie kennt und liebt. Und Phoenix? Hier werden die Ärmel hochgekrempelt! Der Meister seines Fachs muss sich dem härtesten Staatsanwalt stellen, ein Drama ungekannten Ausmaßes durchstehen, souverän jedes Gegenargument entkräften und durch furiose Vorarbeit eine Grundlage für den glorreichen Sieg schaffen!

Stattdessen bekamen wir dreimal Phoenix Classic. Alle drei Charaktere haben ihr Gameplay-Gimmick, aber vom Erfahrungsschatz, vom Witz oder der Persönlichkeit schenken sich die Figuren nichts. Es ist wahrscheinlich die traurigste Entwicklung der ganzen Series: Statt die Formel richtig gut durchzuschütteln, bleibt alles ganz sicher und so, wie man es kennt. Also: langweilig und berechenbar.

pw-protagonistenDreimal Phoenix in anderen Klamotten.

Erkenntnis: Die Formel ändert sich nie
Phoenix-Wright-Spiele sind so schlimm wie Sitcoms. Die folgen immer derselben Regel: Am Anfang ist alles in Ordnung. Dann passiert heilloses Durcheinander. Am Ende der Folge ist aber alles so wie vorher. Auch Ace Attorney folgt einer strikten Formel: Drei Fälle haben mit dem Hauptplot zu tun. Zwei sind Filler. Ein neuer Staatsanwalt wird als ultimatives Wunderkind eingeführt und ist erst super arrogant, aber kurz vor Ende erarbeitet man sich seinen Respekt. Nie darf man sich wirklich auf Fälle vorbereiten. Der Angeklagte - meist ein Freund - ist fast immer unschuldig. Die Hauptfiguren haben stets die gleiche Persönlichkeit und rutschen von einem Beweisstück zum nächsten. Diese muss man in einer so bestimmten Reihenfolge vorlegen, dass manchmal schreiende Ungereimtheiten weit nach hinten geschoben werden müssen. Und mit dem letzten Fall wird ein kleiner Teil der Geschichte einer Hauptfigur enthüllt, die man dann scheibchenweise über Jahre hinweg an die Fans verfüttert.

Sprich: kompletter Stillstand. Ace Attorney unterhält inzwischen nur noch wegen der immer wieder amüsanten, wenn auch berechenbaren Schreibe und des allgemein hohen Production Values. Aber letzten Endes sind neue Einträge der Serie inzwischen so notwendig wie die neunte Staffel The Big Bang Theory. Und das muss wirklich nicht sein. Würden sich die Entwickler und Autoren einmal trauen, aus dem, was funktioniert, auch nur ein bisschen auszubrechen, könnte mich die Serie wieder so emotional gefangen nehmen wie einst. Apollo Justice hatte mir da seinerzeit große Hoffnungen gemacht - und inzwischen wieder zu Staub zertreten.

Bis Capcom jedenfalls endlich mal aus dem Panzer gekrochen kommt, lohnt sich kein Review zur Serie mehr. Bis auf Weiteres lautet jedes Fazit: "Mehr vom selben. Für Fans."

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24. September 2017 um 08:46 Uhr
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