Aviary Attorney im Test

(Artikel)
Rian Voß, 19. Januar 2017

Aviary Attorney im Test

Besser als das Original?

Es ist schon etwas merkwürdig. Da habe ich ein paar Stunden damit zugebracht, einen Beitrag darüber zu verfassen, wie die Ace-Attorney-Serie so fade geworden ist wie alte, ungewürzte Tomatensuppe - und wenige Wochen später spiele ich Aviary Attorney, das mir quasi alle Wünsche an die alteingesessene Anwalts-Visual-Novel erfüllt.

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Bevor ich über die Geschichte von Aviary Attorney sprechen kann, muss ich auf das Offensichtliche eingehen: Die Protagonisten sind menschliche Vögel. Viele Figuren im Spiel sind menschliche Vögel. Aber es gibt auch Wölfe und Hunde und Katzen und so. Und alle leben sie im Frankreich des 19. Jahrhunderts.

Und warum ist das so? Ich... ich weiß nicht? Die Entwickler wollten wohl unbedingt das ganze Spieloptik im Stile vom französischen Karikaturist J. J. Grandville aufziehen. Eventuell ist der Fandom so groß, dass sich da auch der Vorname von unserem Protagonisten ableitet: JayJay Falcon.

Falcon ist Strafverteidiger in Paris. Sein loyaler Assistent Sparrowson ist aber derjenige, der sein Leben einigermaßen in geordneten Bahnen hält. Er ist immer als erstes im Büro, kümmert sich meistens um die Drecksarbeit (wenn er Falcon nicht austricksen kann) und hält den Falken bei Laune, wenn die Zeiten mal nicht so rosig aussehen. Zwischen den beiden besteht eine fühlbare, freundschaftliche Beziehung. Anders ist es sich auch nicht zu erklären, dass Falcon ihn bei der Anzahl an Kalauer, die er täglich raus haut, noch nicht gefeuert hat.

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An dieser Stelle fühlt sich das Spiel noch sehr wie Ace Attorney an, nur dass es anders aussieht. Das ändert sich aber schnell: In unserem ersten Fall bekommen wir ein Zeitlimit bis zur Gerichtsverhandlung. Eine Dame hohen Standes wird verdächtigt, einen Zug-Magnaten getötet zu haben. Um ihre Unschuld zu beweisen, müssen wir uns überlegen, wo wir hingehen, mit wem wir reden, was wir untersuchen. Jedes mal, wenn wir uns für einen Ort entscheiden, frisst das einen ganzen Tag auf. Wer nur ins Blaue rät, wo er hingehen sollte, ohne es sich logisch zu überlegen, wird wohl oder übel Zeit verschwenden. Das bedeutet, dass eventuell eine wichtige Zeugenaussage oder ein wichtiges Beweismittel nicht gefunden wird. Es gibt aber auch genügend Dinge, die optional sind, aber die Jury ungehalten stimmen.

Die Gerichtsverhandlungen von Aviary Attorney laufen ähnlich wie in Ace Attorney ab: Man untersucht die Aussagen der Zeugen und präsentiert Beweisstücke, um diese zu entschärfen. Kann man das nicht, ist der Fall aber nicht vorbei, denn hier gilt das Jurygericht. Falcon hat nicht die Pflicht, die Schuld seines Mandanten eindeutig zu widerlegen. Er muss nur die Jury überzeugen - und da kann man sich zumindest den einen oder anderen Fehler mal erlauben.

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Dieses Spielsystem macht Aviary Attorney mechanisch ungleich interessanter. Das Gefühl, dass man falsch untersuchen kann, gibt dem Spieler eine ganz neue Dimension von Freiheit. In Ace Attorney ist die Untersuchung erst beendet, wenn man alles gefunden hat. In Aviary Attorney hat man nur einen Vorteil davon, wenn man gewissenhafte Vorarbeit geleistet hat, aber es ist kein Zwang. So fühlt man sich mehr wie ein richtiger Ermittler und es wirkt plausibler, dass man mit dem, was man hat, auskommen muss. Nicht wie im Original, wo die Gerichtsverhandlung aus hanebüchenen Gründen immer am selben Tag stattfinden, damit der Protagonist komplett unvorbereitet in die Verhandlung muss.

Und anders als Ace Attorney, traut sich Aviary Attorney wirklich was. Auch mit der Zeitmechanik wirkte der erste Fall immer noch recht vertraut. Am Ende des Falls ist mir wegen meiner Ace-Attorney-Erwartungen aber das Gesicht runter gefallen. Klatsch! Auf den Boden. Das Leben von JayJay Falcon, seinen Freunden und allen Charakteren des Spiels geht direkt unter die Haut. Obwohl sie unwirklicher dargestellt sind, wirken sie nicht überzeichnet. Und die Entwickler des Spiels verlieren keine Zeit, allerlei Schindluder mit den Emotionen ihrer Schöpfungen zu treiben. Das findet seinen Höhepunkt in den Kapiteln Drei und Vier, die so spannend waren wie kaum ein Fall in Ace Attorney. Und dann bestimmen die Aktionen in Kapitel Drei auch noch, was in Kapitel Vier überhaupt passiert! Das ergibt, summa summarum, sechs Fälle.

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Aber es gibt auch Nachteile, wenn auch nur kleine. Einmal ist die Präsentation nicht so raffiniert, wie es Ace-Attorney-Fans gewohnt sind. Animationen gibt es kaum, Mimik gibt es gar nicht. Auch die klassische Musik ist etwas zu verhalten. Triumphe werden nicht durch Paukenschläge und treibende Klänge unterstützt, sondern durch säuselnde Kammermusik. Und letztendlich ist das Spiel recht kurz - zumindest für Phoenix-Fans, die einen 30-Stunden-Marathon gewöhnt sind und hier alle Fälle in unter neun Stunden beenden können.

Ich wünschte mir, Capcom würde sich Aviary Attorney ganz genau anschauen. Hier ist ein Spiel, das Witz und Drama hervorragend vereint, ein paar kleine aber feine Gameplay-Mechanismen einstreut, die das Prinzip von einer reinen Visual Novel abheben, und dazu auch noch auf den Punkt kommt. Ich würde mich auf ein Wiedersehen mit JayJay Falcon freuen. Noch mehr würde es mich freuen, wenn der Genrevater sich hier ein paar Dinge abgucken täte.

Aviary Attorney wurde auf dem PC (Windows 10 64-Bit, 16 GByte RAM, Intel Core i5-4690, Nvidia GeForce GTX 970) getestet. Für den Test hat sich der Redakteur das Spiel selbst gekauft.

Aviary Attorney

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A
RANK
Reife Leistung. A-Spiele machen alles richtig oder sind nah dran. Kleine Schwächen werden durch Stärken mehr als wett gemacht. Das ist Spieldesign auf hohem Niveau.

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21. September 2017 um 08:52 Uhr
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RELEASE
22. Dezember 2015
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PC
Plattform - PC-Spiele haben mit die älteste Tradition. Heutzutage laufen die meisten Games unter dem Microsoft Windows.

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