Deus Ex: Human Revolution

(Artikel)
Benjamin Strobel, 04. September 2011

Deus Ex: Human Revolution

Awesomeness einer Dekade

Wir schreiben das Jahr 2027. Eine Zukunft, in der Zeitungen rein elektronisch sind und man in China aus Platzmangel Städte auf andere einfach draufbaut. Vor allem aber steht diese Zeit im Zeichen des Umbruchs: Neueste Technologien machen es möglich, den menschlichen Körper über seine Grenzen hinaus mit technischen Erweiterungen zu versehen. Die sogenannten Augmentierungen bedeuten für viele Menschen eine neue Lebensqualität, stehen aber auch in der Kritik. Terroristische Organisationen kämpfen mit aller Kraft für die puristische Menschlichkeit und prägen das Bild einer gespaltenen, unentschlossenen Gesellschaft.

Der Spieler schlüpft in die Rolle von Adam Jensen, dem neuen und alten Helden von Deus Ex. Seines Zeichens Sicherheitschef von Sarif Industries, einer der führenden Konzerne im Bereich Augmentierungen, wird er von seinem Chef zur Aufklärung konsultiert, als in der Firma der Alarm anspringt. Söldner brechen bei Sarif ein und als es zur Konfrontation kommt, zieht Jensen schnell den Kürzeren gegen die fortschrittlichen Augmentierungen seiner Feinde. Er selbst hat nie viel davon gehalten und sich niemals augmentieren lassen.


Im Kampf wird Jensen tödlich verletzt. Sein Überleben verdankt er einzig der Entscheidung seines Chefs, große Teile seines Körpers durch mechanische Augmentierungen zu erneuern. Nach sechs Monaten ist Shepard Jensen wieder fit und stärker als je zuvor. Auf dem Weg herauszufinden, wer ihm das angetan hat, sind seine neue Fähigkeiten eine große Hilfe. Doch er hatte nie darum gebeten.

In einer Mischung aus kühler Melancholie und philosophischen Fragen des Transhumanismus kämpft Adam Jensen sich durch zahlreiche Verschwörungen und wirtschaftliche Konflikte. Der dunkle Ton des Spiels drückt sich auch optisch in den dunklen Umgebungen aus: Die maroden Gassen Detroits werden nur durch ein paar Nuancen von Gold und Gelb kontrastiert. Deus Ex: Human Revolution lebt den selbstdefinierten Stil der Cyber-Renaissance. Eidos Montreal zeichnen die Welt von Deus Ex in einem enormen Detailreichtum und erzeugen eine derart dichte Atmosphäre, wie ich sie nur selten in einem Spiel erlebt habe. Sicherlich ist es keine Welt, die man je besuchen möchte, aber ihre Anziehungskraft fesselt den Spieler für Stunden an den Bildschirm.

Wie seine Vorgänger ist auch Human Revolution eine Welt der Entscheidungen. Die vier Grundpfeiler dafür sind die Gameplay-Elemente Action, Hacking, Stealth und Social Interaction. Man kann sich jederzeit entscheiden, auf welchen man seinen Schwerpunkt legt und wie man spielen möchte.


In sozialen Sektor geht es darum, sich im Gespräch mit anderen Charakteren durchzusetzen. Die oftmals drei bis vier verschiedenen Antwortmöglichkeiten lassen viel Spielraum, aber nicht jede führt auch zum Ziel. An verschiedenen Stellen gibt es besondere Boss-Gespräche, deren Ausgänge entscheidend für das weitere Spiel sind. Eine Antwort für sich genommen bringt einen aber nicht in Teufels Küche. Auch nach einem Fehltritt hat man noch Möglichkeiten, sein Gegenüber zu überzeugen. Wichtig ist es dabei, immer die Persönlichkeit der verschiedenen Charaktere zu berücksichten und zu erahnen, welche Aktionen wohl zum gewünschten Ziel führen. Egal welche Abbiegungen man nimmt, die Reaktionen der Charaktere werden sofort sichtbar. Auch wenn die Mimik nicht immer so detailverliebt ist wie andere Teile des Spiels, sind doch die Stimmen außergewöhnlich gut. Die deutsche Sprachausgabe darf sich sehen lassen, die englische ist sogar herausragend.

Aber nicht immer kann man sich durchquatschen. Man muss handeln. Aber wie? Es ist kein Problem, sich eine Maschinenpistole einzupacken und damit auf seine Feinde loszugehen. Allerdings sollte man das nicht ganz direkt tun, denn trotz Augmentierungen bleibt Jensen ein Mensch und damit verletzlich. Hier ist es wichtig, Deckung zu suchen. Auf der rechten Maustaste (PC) bzw. Schultertaste (360/PS3) kann man in Deckung gehen und erhält damit eine Third-Person-Ansicht. Das verschafft direkt mehr Überblick und bringt Jensen gleichzeitig in Sicherheit. Die teils klugen Feinde, beginnen dann zu flankieren oder sich selbst in Deckung zu bringen, wenn es eng wird. Blindes Feuer und gezielte Salven beim Spähen lassen hier den Deckungs-Shooter aufblitzen.

Im offenen Kampf ist Deckung alles.

Aber eigentlich ist Deus Ex kein Action-Spiel. Stealth und Hacking wird gegenüber dem Geballer stärker belohnt. Jeder gehackte Terminal gibt weitere Erfahrungspunkte und stille Takedowns geben mehr XP als Kopfschüsse. Takedowns sind aber bei jeder Spielweise lebensrettend: per Knopfdruck lässt sich ein Feind damit relativ leise betäuben oder töten. Diese Augmentierung lässt sich sogar noch erweitern, sodass man zwei Feinde mit einem Takedown erwischen kann. Das ist nicht nur nützlich, sondern sieht auch immer ziemlich cool aus.
Lüftungsschächte und Dächer sind stets perfekt für den lautlosen Einstieg. Und bleibt man während der gesamten Mission unentdeckt, bekommt man sogar einen Stealth-Bonus. Während ich in feindlichen Gebieten so fremde Mails lese und aus Pocket-PCs Passwörter extrahiere, fühle ich mich wieder wie beim guten alten Splinter Cell. Ein Spiel, das die Schleich-Elemente aus dem alten Deus Ex genommen und perfektioniert hatte. Aber auch Metal Gear Solid-Spieler werden sich schnell zu Hause fühlen.

Die Level sind insgesamt nicht riesig, besitzen aber eine gesunde Komplexität und sprühen nur so vor Einzelheiten. Als ich in China in den ersten Lüftungsschacht plumpse, finde ich dort erst mal ein altes Fahrrad vor und denke mir: Haha, okay. China halt. Als ich dann weitergehe, entdecke ich ein verlassenes Liebesnest hinter einer brüchigen Wand (per Augmentierung wird die einfach eingeschlagen!). Ich weiß nicht, was dort vorgefallen ist, aber die Sexspielzeuge sprechen da für sich. Auf einer Toilette habe ich übrigens auch drei Muscheln gefunden. Und auf dem Polizeirevier spricht ein gewisser Officer Alex J. Murphy, von einem Polizisten, der zum Cyborg wird. Die Robocop-Referenz ist offensichtlich. Alles glänzt und sprüht nur so vor Design-Verliebtheit und geht auf in einer lebendigen, atmosphärischen Welt der Zukunft.

Leider keine Bedienungsanleitung. Hmpf.

Aber auch ein Titel dieser Qualität ist vor kleinen Abstrichen nicht gefeit. Auch wenn es viele schöne Augmentierungen gibt, sind einige sinnvoller als andere. Hacking sollte man früh skillen, da es häufig von Nutzen ist und ansonsten unzugängliche Wege zu Items und Informationen auftut. Außerdem ist das Hacking-Minispiel wirklich gut: Der Spieler muss auf dem Weg zu seinem Zielrechner verschiedener Knotenpunkte in einem Netzwerk einnehmen. Allerdings besteht jedes mal wieder die Gefahr, entdeckt zu werden. Ab dann arbeitet man gegen die Zeit und kann sich nur mit ein paar Zusatz-Items eine Pause verschaffen oder sollte sich beeilen. Wenn man nicht gerade den Alarm auslösen will, muss man sich auch kurz dem Ziel lieber ausloggen, bevor der Timer auf Null steht.
Andere Skills scheinen weniger Sinn zu machen. Der "Typhoon" erlaubt es, durch einen Rundumschlag alle Feinde um sich herum zu erledigen. Wer sich aber in so eine Situation begibt, ist völlig suizidal, wenn nicht bereits tot. Daher kann man diese zwei Skillpunkte besser in Sprunghöhe investieren, die es einem erlaubt, distanzierte Orte in Reichweite zu rücken.

Auch Pazifisten müssen sich an Bossgegner die Hände schmutzig machen.

Etwas deplatziert kommen auch die Bosskämpfe daher. Sie erinnern allerdings etwas an Metal Gear zurück: Man kann sich durch das ganze Spiel mogeln ohne sich um Wachen und andere Feinde zu kümmern, aber hier muss man schließlich kämpfen. Und zwar mit Waffengewalt. Aber das Spiel wird dabei nicht unfair und lässt Leute mit anderen Schwerpunkten verrecken. Beim Bosskampf findet man in der Regel genug Waffen und Munition, um mit seinem Gegenüber fertig zu werden. Wenn man sonst allerdings nur schleicht und hackt, muss man sich etwas umgewöhnen.

Trotz kleinerer Mängel ist Deus Ex: Human Revolution für mich das bisherige Spiel des Jahres. Alles fühlt sich flüssig an: Verschiedene Entscheidungen bringen verschiedene Enden und ein anderer Playstyle auch eine ganz andere Spielerfahrung. Die dichte Atmosphäre trägt den Spieler dabei sanft durch die verwobene Story mit all ihren Twists und Überraschungen. Jede einzelne Nebenmission kommt mit demselben Gewicht daher wie die Hauptgeschichte, sodass die Suche nach Sidequests und stundenlange Erkundungstouren durch die kleinen, aber offenen Städte einfach süchtig machen.

Seit dem Erscheinen des ersten Deus Ex ist mehr als eine Dekade vergangen. Viele Spiele wie Metal Gear und Splinter Cell haben Elemente des Klassikers aufgegriffen. Und doch gab es nie wieder ein Spiel wie Deus Ex. Sogar der Nachfolger Invisible War konnte den Geist des Originals nicht einfangen. Human Revolution ist dagegen ein wahres Deus Ex und füllt die Fußstapfen des Klassikers reichlich aus. Es gibt keinen Grund, länger zu warten - Deus Ex kann man sich bedenkenlos zulegen. Nex

Kommentare

Rian
04. September 2011 um 22:44 Uhr (#1)
Ich habe bisher noch nicht allzu weit gespielt, aber zwei Dinge fand ich schon mal super: Als ich mit einem Polizisten in der Polizeistation redete, um ihn davon zu überzeugen, dass er mich ins Leichenschauhaus lässt. Mit meiner tollen Sprach-Augmentierung kann ich ihn natürlich auf die beschriebene "Bosskampfart" überzeugen, aber man hat noch die Wahl, die von ihm ausgeteilten Pheromone zu interpretieren und eine von drei Wahlmöglichkeiten zu nehmen, die sofort zum Totschlagargument führen. Nur war das in dem Fall nicht das nette, sondern der Kerl war richtig, RICHTIG angepisst von mir. Man kann in diesem Spiel nicht wirklich vorhersehen, wohin einen seine Entscheidungen letztlich bringen und das finde ich super.

Eine andere gute Sache ist, dass man auch als Schleichhacker nicht in Bosskämpfen auf verlorenem Posten steht. Als ich mit meinem schleichenden, quasselnden Malkavianer in Vampire: Bloodlines dem großen Bosskampf-Steingolem gegenübertrat, konnte ich meine ganze Munition an seiner Granithaut verschießen und mich danach verzweifelt im Nahkampf erschlagen lassen. Mit diesem Charakter, der sonst im normalen Spiel wunderbar erfolgreich und schön zu spielen war, konnte ich nie das Ende erleben.
Gast
27. Juli 2017 um 04:51 Uhr
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