Magicka

(Artikel)
Rian Voß, 12. Februar 2012

Magicka

Wer Freunde hat, braucht keine Feinde

Spiele wie Magicka sind selten. Gut und selten. Das liegt hauptsächlich daran, dass die Entwickler eines 4-Spieler-Action-Adventures ganz genau wissen müssen, was sie da überhaupt tun - ansonsten verschwindet der Titel augenblicklich wieder in der Versenkung. Gerade in diesem Genre, wo Oldschool-Gaming knallhart auf das schnelle Casual-Spiel prallt, ist die Popularität tatsächlich einmal ein Maß für die Qualität. Naja, und die abgefahrenen Werbekampagnen haben auch nicht geschadet.

Diejenigen unter euch mit einer lebhaften Vorstellungskraft brauchen nicht viel von meinem Artikel zu lesen, um sich eine Sitzung in Magicka vorzustellen: Jeder Spieler übernimmt einen Zauberer. Zusammen müssen die Zauberer die Welt retten. Jeder von ihnen hat unbegrenzte Mana-Reserven. Und Friendly Fire ist eingeschaltet.
Gepaart mit dem schnell anziehenden Schwierigkeitsgrad, dem immerzu relativ eingeschränkten Spielbereich und der sich breit ausfächernden Natur sämtlicher thaumaturgischen Formeln ergibt sich so etwas wie ein Multiplayer-Paradoxon: Eigentlich wäre man allein am effektivsten, denn auf diese Weise kreuzt nicht immer irgendjemand anderes die eigenen Energistrahlen (resultierend in einer ungewollten, allesvernichtenden Explosion), gerät nicht in Windstöße, die einen in diverse Abgründe schicken, oder wird von einem fehlgeleiten Blitzschlag zu Asche verwandelt; andererseits muss man sich irgendwann einer dermaßen großen Übermacht stellen, dass man schon mal froh ist, wenn die Monster mit ihren Klauen und Zähnen und stinkigem Pelz den anderen verfolgen. Bei all dem Chaos auf dem Bildschirm, der aus zwei bis vier Spielern entsteht, ist es also kein Wunder, dass der Wiederbelebungszauber der absolut einfachste Trick ist, den unsere Magier in beliebiger Menge aus dem Ärmel schütteln können.

Zu dritt kommt man in der liebevoll gestalteten 2D-3D-Welt noch ganz gut klar. Sicher, ab und zu verwendet einer spaßeshalber mal den infamen Crash-To-Desktop-Zauber, der einen beliebigen Spieler oder Gegner mit einem 56k-Modem-Geknackse sofort vom Bildschirm entfernt (meistens trifft es den Wirkenden selbst, aber ich habe damit auch schon einen Bossgegner von jetzt auf gleich ins Aus gekegelt), oder derjenige, der im Dauerfeuer Blitzschläge vom Himmel beschwört, hat vergessen bescheid zu geben, dass alle doch mal ihre Elektrizitätsschilde hochfahren sollen, was in einer kleinkarierten Blutfehde endet, in der jeder den anderen auf Kurzurlaub ins Jenseits schicken möchte (wonach es durch eine Wiederbelebungsserie einen minimalen Waffenstillstand gibt, bevor wieder einer dem anderen den sprichwörtlichen Dolch in den Rücken rammt), aber im "eigentlichen" Kampf selbst kann man sich noch ganz gut koordinieren. Wir haben mit all unseren winzigen Geplänkeln auch nur knapp anderthalb Stunden gebraucht, um durch den ersten Akt zu kommen. Wesentlich anstrengender war es dann doch, als uns auf einer Waldlichtung das Master-Schwert in die Hände fiel - darum wurde sich selbst nach diversen Auferstehungen so lange gierig geprügelt, bis der Besitzer samt Klinge im Datennirvana verschwand. "Wenn ich es nicht haben kann, bekommt es keiner von euuuuuuuuch!"
Richtig unangenehm wird die Geschichte erst, wenn man sich tatsächlich mit der vollen Spieleranzahl ins Getümmel wagt. Ständige Strahlenexplosionen, fehlplatzierte Feuerbälle und Gefrierbrand sorgen für Sprachkanalüberlastung durch panische "WIEDERBELEBUNG!"-Rufe. Vorherige taktische Beratung kann helfen, allerdings tut sie das eher selten. Das Spielen von Magicka ist auf jeden Fall nicht zu empfehlen, wenn man an dem Tag ohnehin schon 'nen Hals aufeinander hat - da sollte man lieber Harmonischeres aus der Bibliothek kramen.


Ob man sich nun aber alleine oder mit Kumpeln gegen die Horden wagt, das Magiesystem, und damit der Kern des Gameplays, ist so schlicht wie genial: Die Maustasten bestimmen, ob man einen vorbereiteten Zauber geradewegs herausfeuert, auf sich selbst anwendet, in seine Nahkampfwaffe steckt (quasi auf Vorrat) oder in einem 360°-Winkel verschießt. Dahingegen sind acht Tasten um WASD herum mit den acht Elementen belegt: Wasser, Heilung, Schild, Eis, Blitz, Arkana, Erde, Feuer. Man kann bis zu fünf verschiedene Elemente beliebig vorbereiten, was sie vollkommen intuitiv miteinander mischt oder in bestimmter Kombination neue Elemente ergibt - etwa wird Wasser mit Feuer zu Dampf. Auf diese Weise wird der mit Feuer versehene Erdklumpen zu einem Feuerball, der Arkana-Strahl lässt sich um Blitz, Eis oder von mir aus auch Genesung erweitern, das Schild kann sich in Kombination mit anderen auf Elemente spezialisieren und deren Schaden vollkommen negieren und vieles mehr. Die Hälfte des Spaßes von Magicka ist es, seine persönlichen Lieblingszauber herauszufinden.
Neben dem wilden Gemische gibt es aber noch explizite Zauberformeln, die sich alle naslang in irgendwelchen zurückgelassenen Wälzern finden lassen - so etwa der bereits angesprochene Crash-to-Desktop, der Blitzschlag oder etwa ein Hast-Zauber.

Mein Lieblingszauber: dreimal Dampf und zweimal Blitz. Die Gegner werden vom Dampf verbrüht und ihre nassen Klamotten leiten den Schock umso besser ins Körperinnere.
Neben dem simplen und möglichkeitenreichen Gameplay legen die Entwickler, ganz der albernen Situation und dem bunten Grafikspiel entsprechend, das zweite Augenmerk auf Humor und Fantasy-Satire. Magicka ist ein expansiver Fundus an Popkultur-Referenzen (das Achievement "This is Magicka!" gibt es dafür, dass man einen NPC in einen Brunnen kickt), Kalauern und Slapstick-Humor - worunter die Krone der Schöpfung Vlad ist, ein bleicher Zeitgenosse mit Fangzähnen und vampir-ähnlichen Kräften, der stets von sich behauptet, dass er keiner wäre. Und jeder glaubt ihm! "Ich dachte zuerst, Vlad wäre ein Vampir, aber dann hat er mir gesagt, dass er bestimmt keiner ist. Ich bin so beruhigt!"

Wer die Hauptkampagne irgendwann hinter sich gelassen hat und aus dem Versus-Modus auch keine Freude mehr gewinnt, der muss noch lange nicht verhungern: Günstige Add-Ons gibt es wie Sand am Meer, häufig mit völlig neuen Missionen im Gepäck. Wer sich also im Vietnam beweisen möchte (Arrowhead Game Studios ist zu dem Schluss gekommen, dass heutzutage jedes Spiel eine Vietnam-Erweiterung zu haben hat), Cthulhu in einer dunklen Ecke stellen will oder meint, sich eine Space-Marine-Rüstung anziehen zu müssen, der kann sich hier voll austoben.

Magicka ist wie ein Tänzer auf der Nadelspitze: wäre das Gameplay nur ein bisschen frustrierender, könnte man es kaum spielen. Wäre es nur ein bisschen leichter, wäre man nicht mehr auf Mitspieler angewiesen. Es wurde die perfekte Balance gefunden, um humorfreudige Zauberer und solche, die es werden wollen, unterhaltsam zusammenzuführen. Damit steht Magicka mit Four Swords ziemlich allein in einer Nische, was andererseits auch wieder sehr gut ist, denn eine Überflutung von schlechten Nachahmern würde das Genre auffallend schnell seiner Besonderheit berauben und es ruinieren. So allerdings lässt sich dieses Spiel sehr gut als Unikat beschreiben und sollte von jedem PC-Spieler einmal angetastet worden sein. Und wenn nur, um am Ende durch eine Crash-to-Desktop-Kanonade alle Mitstreiter und sich selbst zu kicken. Rian

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17. Oktober 2019 um 13:03 Uhr
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Spiele des Artikels

RELEASE
25. Januar 2011
PLATTFORM
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PC
Plattform - PC-Spiele haben mit die älteste Tradition. Heutzutage laufen die meisten Games unter dem Microsoft Windows.
Playstation 4
Plattform - Die Playstation 4 (PS4) von Sony ist eine Spielkonsole der 8. Generation. Sie erschien am 29. November 2013 europaweit als Nachfolger der Playstation 3.

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