Phantom Brave im Test

(Artikel)
Haris Odobašic, 20. Juli 2016

Phantom Brave im Test

Die unendliche Phantom-Beschwörung

So langsam entdeckt auch NIS America den PC-Markt für sich. Nachdem andere Nischenpublisher schon seit einiger Zeit angefangen hatten, ihre Titel nach und nach auch für den PC zu portieren, hat NISA in diesem Jahre ebenfalls erste Schritte in diese Richtung unternommen. Nach Disgaea im Frühjahr, welches allerdings unter technischen Problemen litt, folgt nun mit Phantom Brave, der nächste SRPG-Klassiker aus der PS2-Ära.

In Phantom Brave schlüpft ihr in die Haut der dreizehnjährigen Marona, die es in ihrem Leben bisher nicht leicht hatte. Sie ist nicht nur seit frühester Kindheit Waise, sondern hat auch damit zu kämpfen, dass ihr bester Freund und Beschützer Ash ein Phantom ist. So werden Wesen genannt, die auf der Schwelle zwischen Leben und Tod existieren. Für die meisten sind diese Wesen unsichtbar, aber Marona kann sie sehen und mit ihnen sprechen. Das hat ihr den Ruf eingebracht, besessen zu sein, weswegen die Leute sie meiden und schikanieren.

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Aber Marona wurde zur Optimistin erzogen und gibt nicht auf. Denn sie hat die Hoffnung, dass, wenn sie allen Leuten positiv begegnet, diese es auch irgendwann erwidern werden. Also verdient sie sich als Chroma ihren Lebensunterhalt, so eine Art Abenteurer zum Mieten. Und dabei stellt sich schnell heraus, dass Marona ein ganz besonderes Talent besitzt. Denn sie kann nicht nur Phantome sehen und mit ihnen sprechen, sondern sie auch kurzfristig in ein Objekt bannen, um sie in die physische Welt zu versetzen.

Entsprechend ist das auch eine der Hauptmechaniken von Phantom Brave. Statt, wie in anderen SRPGs, am Anfang eine Truppe für den Kampf auszuwählen oder womöglich noch an einem bestimmten Punkt Figuren nachrekrutieren zu können, fangt ihr grundsätzlich mit Marona an. Diese kann dann aber, ganz wie sie lustig ist, Objekte auf der Karte benutzen, um dort hinein ihre Phantome zu bannen. Toter Fisch, Vase, Baum – alles geht, wobei jedes Objekt andere Werte mit sich bringt. Hexen und andere magiebewandte Figuren gehören zum Beispiel in eine Blume, die ordentlichen Bonus auf Intelligenz gibt, während ein Haudrauf-Charakter besser zu einem Baum oder Felsen passt.

Kurioserweise könnt ihr diese Gegenstände aber auch Aufheben und im Spiel als Waffe nutzen. Dann lernt ihr zum Beispiel neue Fertigkeiten, weswegen es gut überlegt sein will, ob ihr das Spielfeld mit euren Figuren flutet oder ein paar Items lieber als Angriffsutensil nutzt. Und überhaupt ist das nur ein kleiner Einblick in die Grind-Dimension, die euch bei Phantom Brave erwartet. Das Spiel wurde damals nämlich als spiritueller Nachfolger von Disgaea beworben, was man eben nicht nur am Optischen erkennt. Unzählige Items erwarten euch, alleine an Charakterklassen gibt es mehr als 50 Stück, das Levellimit liegt bei 9999. Und wer schon bei Disgaea hunderte Stunden in der Item World war, kann sich auch auf Phantom Brave auf schier unendlich zufallsgenerierte Dungeons freuen, wenn man gerade richtig hart Bock auf Grinding hat.

Phantom-Brave-Kampf

Das ist zwar alles nicht nötig für die Hauptstory rund um Marona, die man auch so schaffen kann. Aber wer sich darauf einlässt, könnte sich dabei ertappen, wie er die Geschichte auch mal einige Stunden vollkommen ignoriert. Nicht etwa, weil sie schlecht ist. Ganz im Gegenteil, die Story rund um Marona macht Spaß, da man so einfach mit ihr mitfühlt, wenn sie nach einem erfolgreichen Auftrag mal wieder übers Ohr gehauen wird, weil die Leute sie wegen blöder Vorurteile meiden. Aber für Leute, die auch nur die geringste Tendenz dazu zu haben, sich mal das ein oder andere Extra-Level zu erarbeiten, werden dem Suchtfaktor bei Phantom Brave nur schwer widerstehen können.

Einen großen Bruch mit Disgaea und eigentlich dem gesamten SRPG-Genre findet sich in Phantom Brave dennoch. Die Schlachtfelder sind befreit von der Schreckensherrschaft der Schachbrettkästchen. Ja, Phantom Brave verzichtet vollkommen auf ein Grid. Man kann seine Figuren frei bewegen. Und ich mag es nicht.

Der Verzicht auf ein Grid wirkt anfangs frisch, sorgt aber im Spielverlauf zu oft für Chaos. Teilweise tummeln sich an die 50 Elemente gleichzeitig auf dem Schlachtfeld. Waffen, Charaktere, Feinde und mehr. Durch die gridlose Freiheit kann es da manchmal echt hakelig sein, das korrekte Objekt auszuwählen, wenn man zum Beispiel einen Angriff zielen möchte. Gleichzeitig fällt es mir schwer auch nur einen Vorteil dieses Systems im Vergleich zum traditionellen Gitternetz zu benennen. Es fühlt sich wie ein Experiment an, das dem Spiel zwar nicht sehr schadet, aber es hat schon seinen Grund, wieso sich keine erfolgreichen Nachahmer fanden.

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Der Port an sich ist nur von mäßiger Qualität. Sehr begrenzte Konfigurationsmöglichkeiten sind bei einem Titel dieser Art verschmerzbar, aber die Anpassungen für die PC-Plattform muss man mit der Lupe suchen. Zudem ist technisch nicht alles ganz sauber: mit meinem Xbox-One-Controller war es mir nicht möglich, per Analogstick zu steuern, weil er einen Druck nach unten nicht korrekt erkennen wollte. Auch eine Rekalibrierung oder ein anderer Xbox-One-Controller halfen nicht. Das ist ein Bug, der sicherlich bald behoben wird, aber der Gesamteindruck festigt sich, dass der Standard für Konsolenports japanischer Spiele doch ein gutes Stück über dem ist, was NISA hier bietet.

Auch wenn es im Geiste mit Disgaea verwandt ist, kommt es nicht ganz an NIS Americas Abenteuer in der Unterwelt ran. Das Experiment ohne Grid bei Phantom Brave ist nämlich nur mäßig überzeugend. Ansonsten findet ihr hier aber alles wieder, was ihr von einem Spiel des Herstellers erwarten würdet. Eine solide Geschichte mit sympathischen Figuren, untermauert von unzähligen Mechaniken, die euch nur so dazu einladen, damit ein paar Dutzend oder gleich mehrere hundert Stunden zu verbringen. Wer also schon den Disgaea-Port vor ein paar Monaten verschlungen hat, sollte hier erneut zugreifen und sich darauf einstellen, mal wieder vollkommen süchtig zu werden. Haris

Phantom Brave wurde auf dem PC (Windows 10 64-bit, Intel i7-3610QM, 8 GB Ram, Geforce GTX 660M) getestet. Ein Testmuster wurde uns von NIS America zur Verfügung gestellt.

Phantom Brave

(Ranking)
B
RANK
Anständig. Stärken und Schwächen halten sich die Waage. Positive Überraschungen sind genauso selten wie negative. Unterm Strich muss man seine Spielzeit keinesfalls bereuen.

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27. September 2020 um 12:45 Uhr
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