Agarest: Generations of War

(Artikel)
Haris Odobašic, 30. Oktober 2013

Agarest: Generations of War

Seltener Taktik-Spaß für den PC

Es gibt wohl kaum ein traditionelles Konsolengenre, welches auf dem PC so selten vertreten ist, wie das der Taktik-RPGs. Reicht ihre Geschichte immerhin mehr als 20 Jahre zurück, ist Agarest: Generations of War dennoch einer der allerersten Vertreter, der es auf den PC geschafft hat. Bisher war der Titel zwar für Konsolen erhältlich -- in den USA auf der 360, in Europa auf der PS3 --, doch Ghostlight, ein Publisher aus England, hat den Titel nun auch über die Distributions-Plattform Steam für den Heimcomputer veröffentlicht. Dabei unterscheidet sich Agarest in einem Punkt stark von anderen Vertretern des Genres: es ist nämlich auch ein halbes Visual Novel.

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Ihr werdet also zwar gut mehr als die Hälfte der Spielzeit mit Kämpfen oder Micro-Management beschäftigt sein, der Rest besteht aber aus vielen, vielen Dialogen. Das hat aber auch seinen Grund, denn eines der zentralen Konzepte von Agarest ist, dass ihr im Verlauf der Geschichte, die euch durch einen kontinenteumspannenden Konflikt gegen dunkle Mächte führt, immer wieder Damen auf eurer Reise begegnet, die ihr zu eurer Frau machen könnt. An diesen Punkten im Spiel zeugt ihr einen Nachfolger, der fortan zum neuen Hauptcharakter wird. Dadurch sind diese Dialoge nicht nur Ausstaffierung der Geschichte, sondern sie haben einen zentralen Einfluss auf den weiteren Spielverlauf und welches der Enden ihr zu sehen kriegt. Andererseits ist der Fokus etwas stark auf diese weiblichen Charaktere gelegt, wodurch die eigentlich interessante Geschichte mit ihren Intrigen, Verrat und zweifelhaften Machenschaften zu arg in den Hintergrund gerückt wird. Nicht hilfreich ist auch der Fakt, dass es dem Spiel an wirklich herausragenden Figuren mangelt. Die normalen NPCs bedienen eher die gängigen Klischees, während die weiblichen Figuren, die euch immer wieder begegnen, meist nur unzureichend den Spagat schaffen zwischen der Tatsache, dass sie starke, eigenständige Protagonisten sein sollen, und natürlich gleichzeitig aber den Wünschen der Visual-Novel-Gamer entsprechen müssen, die einfach gewisse Stereotypen erwarten.

Auf dem Schlachtfeld geht es dann etwas traditioneller zu: grid- und rundenbasiert, wenn auch mit einem sehr netten Twist: Jede Figur in Agarest hat eine Aura, die gewisse Bereiche des Schlachtfeldes abdeckt. Steht ein Verbündeter auf einem solchen Feld, sind diese zwei Charaktere verbunden, was heißt, dass sie gemeinsam angreifen können. Wer also geschickt seine Figuren bewegt, kann plötzlich in einem Zug mit seiner gesamten Party sofort angreifen, was zum Beispiel sehr nützlich ist, um besonders gefährliche Feinde direkt auszuschalten. Andererseits können sich aber auch die Feinde diese Mechanik zu nutzen machen. Es ist daher nicht unüblich, dass man immer wieder unter Druck gerät, weil beispielsweise eine eigene Figur getötet wird und man deswegen nicht nur ausschließlich auf die Offensive achten kann.
Diese Kombo-Angriffe ermöglichen außerdem das Overkilling von Feinden, wenn man ihnen weit mehr Schaden zufügt, als sie überhaupt HP haben. So getötete Gegner lassen nämlich garantiert seltene Items fallen, weswegen es insbesondere in Duellen mit Bossen eine besondere Herausforderung ist, den Feind so auszuschalten, um sich spezielles Loot zu sichern.

agarest-combo-pcDie Linien über den Köpfen der Charaktere zeigen an, wer miteinander verbunden ist.

Schade ist nur, dass das Spiel euch durch viel zu viele Kämpfe zwingt. Manchmal wird von euch gefordert, dass ihr mehrere Male hintereinander dieselben Feinde besiegt, um zum nächsten Story-Event zu gelangen. Zum Glück hat das Spiel die Möglichkeit, die KI automatisch kämpfen zu lassen, aber dennoch: mit einer starken Reduktion der Anzahl der Kämpfe wäre Agarest ein um einiges besseres Spiel geworden. Denn gerade die besonderen Kämpfe, zum Beispiel gegen Bosse, die ziemlich herausfordernd sind und euch einiges an taktischem Geschick abverlangen, sind ein richtiger Spaß. Der Rest hingegen leider nur Filler, der einen signifikanten Teil des Spiels ausmacht.

Natürlich hat das Spiel aber auch abseits dieser zwei zentralen Elemente ein reiches Angebot: Handeln, Ausrüstung schmieden, selbst Monster lassen sich fangen, um sie im Kampf einzusetzen oder gegen Items auszutauschen. Ein wirkliches Highlight sind meiner Meinung nach insbesondere die Titel, die man im Verlaufe des Spiels verliehen bekommt. Egal, ob es darum geht, eine bestimmte Anzahl von Monstern zu töten, gewisse Items zu besitzen oder auch einfach nur eine definierte Menge von Schaden anzurichten, für alles gibt es Titel, die mit einem besonderen Bonus daherkommen: einer Menge Items, Fertigkeiten oder Waffen. Dadurch wird man als Spieler für das, was man tut, einfach ständig belohnt, was natürlich der Motivation ungemein hilft.
In diesem Bereich des Spiels kommen aber leider auch einige der größten Schwächen zum Vorschein, denn das Interface ist nur sehr umständlich zu bedienen. Wenn man zum Beispiel etwas schmieden will, ist das ein so aufwändiger Prozess, der so viel Zeit und Nerven kostet, dass man in eine Situation gelangt, in der etwas, was eigentlich dem Genrefan viel Spaß macht - das Verbessern des Equipments der Party sowie das Freischalten neuer Items, Skills und Accessoires - zu einer Farce verkommt, bei der man es sich doppelt überlegt, ob man nun wirklich eine Waffe herstellen will, die eh nur ein bisschen mehr Dampf hat. Quasi jedes andere Spiel im Genre, welches so was bietet, macht es besser und darum ist es besonders schade, dass die Entwickler so sehr an diesem System festhalten: ein quasi identisches Schmiede- und Inventarsystem kommt nämlich auch in anderen Spielen des Entwicklers vor.

furiya-cg-agarest-generations-of-warTrotz Visual-Novel mit starkem Dating-Fokus-Charakter wird Agarest nie unanständiger als hier.

Ein weiteres Problem mit dem Schmiedesystem ist, dass das Spiel als Mix aus Strategie-RPG und Visual Novel auch eine entsprechend gespaltene Persönlichkeit besitzt. Wollt ihr den Visual-Novel-Teil voll genießen, tonnenweise zusätzliche Events und CGs anschauen, dann DÜRFT ihr gar nicht grinden, da viele Ereignisse nur zugänglich sind, wenn man entsprechend schnell durch das Spiel wandert. Aber natürlich müsst ihr grinden, um das Schmieden und die anderen Systeme wirklich nutzen zu können. In einem Spiel wie Agarest, welches wirklich lang ist - die Spielstundenanzahl kann beim ersten Durchspielen gut und gerne dreistellig werden - und das sich sowieso schon an vielen Stellen arg gestreckt anfühlt, ist das ein Aspekt, welcher mir besonders stark auf den Magen schlug. Dabei reicht es nicht aus, dass es viele Permutationen an Frauen, die man heiraten kann, und selbstverständlich mehrere Enden gibt, nein, man muss das Spiel dann auch noch so designen, dass man quasi ohne Komplettlösung keine Chance hat, beim ersten Durchgang auch nur annähernd alles zu sehen.

Auch wenn Agarest etwas unausgereift wirkt und definitiv zu lang ist, sollte die gesamte Erfahrung doch Fans von Taktik-RPGs oder Visual Novels ausreichend zufrieden stellen. Die Story ist interessant und das Kampfsystem baut auf dem Prinzip "Leicht zu lernen, schwer zu meistern" auf; zwei wichtige Elemente, um euch über die gesamte Spieldauer bei Laune zu halten, insbesondere verstärkt durch die Generationswechsel, welche das Feuer immer wieder durch neue Gebiete zum Erforschen erneut entfachen, und selbstverständlich auch weitere weibliche Charaktere zum Becircen. Könnte Agarest bloß seine Liebe zu umständlichen Menüs aufgeben, die einige der besten Aspekte eines Taktik-RPGs zu einer Qual machen, dann würden wir hier von einem der stärkeren Titel des Genres reden. So bleibt eine schöne Erfahrung, auch wenn man weit entfernt davon ist, Spielen wie Disgaea oder Final Fantasy Tactics gegenüber wirklich bedrohlich zu werden. Auf dem PC ist das Spiel aber alternativlos und gerade zu dem geringen Preis definitiv einen Blick wert. Haris

Agarest: Generations of War

(Ranking)
B
RANK
Anständig. Stärken und Schwächen halten sich die Waage. Positive Überraschungen sind genauso selten wie negative. Unterm Strich muss man seine Spielzeit keinesfalls bereuen.

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02. Dezember 2021 um 04:35 Uhr
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30. Oktober 2009
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PC
Plattform - PC-Spiele haben mit die älteste Tradition. Heutzutage laufen die meisten Games unter dem Microsoft Windows.
Playstation 3
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Xbox 360
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