The Beginner's Guide im "Test"

(Artikel)
Rian Voß, 21. Januar 2016

The Beginner's Guide im "Test"

Dieses Spiel will nicht getestet werden

Storytelling-Anfänger benutzen Videospiele wie andere Medien. Sie erzählen Geschichten durch Cutscenes, Voiceovers oder lassen den Spieler seitenweise Text lesen. Fortgeschrittene Entwickler erzählen Geschichten durch das Gameplay, die Umwelt und die Handlungen der Spielfigur. Die Atmosphäre osmotisiert durch Augen und Ohren ins Hirn der Spielers, während mehrere Erzählebenen Informationen ins Bewusst- und Unterbewusstsein drücken. Everything Unlimited Ltd, und insbesondere Regisseur Davey Wreden, erzählen eine Geschichte in Form einer Analyse von Indie-Spielen. Willkommen auf der nächsten Abstraktionsebene.

Es ist eine Woche her, seit ich The Beginner's Guide durchgespielt habe. Ich konnte die Erlebnisse in mich aufnehmen, sie verarbeiten und nun mit voller Gewissheit sagen: Ich bin mir immer noch nicht so ganz sicher, was ich gespielt habe, ob ich es gut oder schlecht finde oder ob es einfach nur ist. Ich nutze daher dieses Review als Möglichkeit, um meine Gedanken etwas zu ordnen, denn The Beginner's Guide ist immerhin so originell, dass es mehr als nur einen Blick und ein Anstupsen mit dem Stock verdient.

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Das erste Ungewöhnliche: In The Beginner's Guide schlüpft ihr in keine Rolle. In gewisser Weise seid ihr immer ihr selbst. Gleichzeitig steckt man alle paar Minuten in einer anderen Haut, denn in diesem Spiel bereist man alle im Zeitraum von 2008 bis 2011 geschaffenen Titel eines Indie-Entwicklers namens Coda. Dabei ist man nie allein. Davey Wreden, wohl am bekanntesten für das abstruse The Stanley Parable, stellt sich in den ersten Spielsekunden vor und sagt, was Sache ist. Dass das hier die gesammelten Werke eines Freundes sind. Diesen Freund, Coda, habe er 2009 auf einem Game Jam getroffen und drei Jahre, nachdem er ihn kennengelernt hat, habe er einfach mit dem Entwickeln aufgehört. The Beginner's Guide soll Codas Spiele populär machen und Wreden hofft, dass sein Freund wieder mit dem Entwickeln weitermacht, wenn er sieht, wie sehr anderen Menschen seine nahezu unveröffentlichten Spiele gefallen.

In The Beginner's Guide gibt es keine Herausforderung. Alle Spiele bestehen fast ausschließlich aus kleinen, kuriosen Walking Simulators mit einem Kniff. Oft bewegt man sich von Raum zu Raum, während uns Wreden ein wenig mehr über seine Beziehung mit Coda erzählt oder auf Kuriositäten eingeht. Am Anfang seiner Karriere hat Coda noch Counter-Strike-Karten gemoddet und sie mit fliegenden Kisten versehen, welche einem aus der Realität des Soldatenspiels herausreißen. Bereits das ist für Wreden so etwas wie eine Signatur - die ersten Anzeichen eines eigenen Stils, den jeder Entwickler an seine Titel übergibt. In einem Sci-Fi-Spiel, in dem man zwar eine Knarre in die Hand bekommt, aber nie einen Gegner sieht, erklärt Wreden liebevoll, wie man durch das Fenster der Raumstation das "Ende des Universums" sehen kann - weiter unten wurde die Skybox nicht mit einer Textur versehen. Ein andernmal macht Wreden auf eine Straßenlaterne aufmerksam, die ab einem bestimmten Zeitpunkt immer am Ende von Codas Spielen auftaucht, oder hilft einem bei einem Türrätsel, das der Programmierer am Ende eines jeden Entwicklungszyklus in seinem Werk platziert.

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All die Romantik, Wredens Enthusiasmus und den Charme einer Ein-Mann-Entwicklung beiseite: keines dieser Spiele ist wirklich gut. Und hier beginnt das wahre Spiel, denn The Beginner's Guide soll zum Nachdenken und Interpretieren anregen. Codas Spiele sind verschroben, in sich geschlossen, schauen gerade mal einigermaßen gut aus und wirken wie persönliche Werke, die niemand sonst sehen sollte. Im besten Fall erfährt ein mechaniksuchender Spieler einen kurzen Unterhaltungsschub, wenn er in den offensichtlich für die breitere Spielerschaft gedachten Titeln etwa einen Turm aus schwebenden Objekten hinabklettert. Doch in den meisten Fällen soll man sich nur umsehen, zuhören, lesen und das lineare Spielgeschehen dieser Kunstspiele über sich ergehen lassen. Codas Spiele verlassen qualitativ nie die Game-Jam-Welt.
In einigen Momenten, wo man tatsächlich auch mal spielen sollte, zappt einen Wreden ans Ende einer nachträglich gemoddeten Spielinstanz. In anderen Titeln erkunden wir ein wirklich kleines Level und fragen uns, ob das jetzt alles war - bis Wreden die Wände unsichtbar macht und den Blick auf eine gigantische Levelstruktur freigibt, die unerreichbar um unser kleines Spielgefängnis herumschwebt.

Ich möchte an dieser Stelle nicht zu viel von der Geschichte vorwegnehmen. Nur so viel: die Spiele werden immer persönlicher und mir war es irgendwann mehr als unangenehm, durch diese Einblicke in eine fremde Psyche zu waten, während der Erzähler sich immer weiter in seinen Enthusiasmus hineinsteigert und uns erzählt, wie toll es ist, andere Menschen quasi kennenzulernen, indem man ihre Spiele spielt. Man hat das Gefühl, dass man immer weniger über die Entwicklung von Indiespielen lernt - was zu Beginn meine Erwartung war -, dafür mehr über Coda und noch wesentlich mehr über Wreden erfährt. Eine körperlose Stimme und ein Mensch, dem wir nie begegnen. The Beginner's Guide simuliert das Gefühl, unerlaubt durch ein Tagebuch zu blättern - und jedes Mal, wenn man realisiert, dass man viel zu tief in die Privatsphäre eines anderen Menschen eindringt, drängt einem der Freund, der hinter einem steht, zum Weiterlesen.

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Meine Theorie der ersten Spielminuten, an der ich auch jetzt noch festhalte, ist, dass es Coda nie gegeben hat. Bestimmt hat Wreden in seinem Leben den ein oder anderen Programmierer kennengelernt, die sich dann zu seinem Bild von Coda, einem zurückgezogenen Künstler, zusammensetzen. Bestimmt floss auch viel seiner eigenen Erfahrung und seiner Hoch- und Tiefpunkte in The Beginner's Guide. Dennoch besteht für mich kaum ein Zweifel, dass Wreden hier nicht so pietätslos war und die gesammelten, persönlichen Werke eines verschollenen Freundes ungefragt zeigt.

The Beginner's Guide ist eine sehr persönliche Geschichte. Wir lernen Menschen kennen - und das möglicherweise viel zu gut. Die Erfahrungen sind unangenehm, erbauend, erheiternd, traurig und das Ende des Spiels nagelt den bis dahin aufgebauten Spannungsbogen zielsicher in die Tischplatte. Allerdings ist diese persönliche Geschichte des gescheiterten Künstlers, selbst wenn sie auf eine sehr frische Art erzählt wird, längst kein Novum mehr. Zudem hat das Spiel trotz der kurzen Spielzeit von wenigen Stunden und einer hohen Abwechslung einige Längen, in denen ich mir dachte: "Okay, ich habe die Lektion dieses Kapitels verstanden, bitte zum nächsten weiter." The Beginner's Guide hilft definitiv, Gamedesigner und andere Künstler besser zu verstehen und es erzählt eine bekannte Geschichte auf eine neue Weise. Abseits der soliden Erfahrung fehlen allerdings einige i-Tüpfelchen, die etwa The Stanley Parable meiner Meinung nach unterhaltsamer gemacht haben.

The Beginner's Guide wurde auf dem PC (Windows 10 64-Bit, 16 GByte RAM, Intel Core i5-4690, Nvidia GeForce GTX 970) getestet. Für den Test hat sich der Redakteur das Spiel selbst gekauft.

The Beginner's Guide

(Ranking)
B
RANK
Anständig. Stärken und Schwächen halten sich die Waage. Positive Überraschungen sind genauso selten wie negative. Unterm Strich muss man seine Spielzeit keinesfalls bereuen.

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07. Dezember 2019 um 03:48 Uhr
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01. Oktober 2015
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Plattform - PC-Spiele haben mit die älteste Tradition. Heutzutage laufen die meisten Games unter dem Microsoft Windows.

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