Firewatch im Test

(Artikel)
Rian Voß, 08. Februar 2016

Firewatch im Test

Einige Menschen wollen den Wald einfach nur brennen sehen

Im Leben gibt es kaum etwas Schöneres als eine positive neue Erfahrung. Wenn man zum Beispiel etwas Unbekanntes isst und das schmeckt fabelhaft. Oder man macht eine Radtour und findet einen klaren See, versteckt hinter Bäumen und Hügeln. Oder eine tolle Geschichte lässt einen durch fremde Augen sehen, was man im Alltag viel zu selten zu Gesicht bekommt.


Henry ist durch. Er ist durch mit seiner Arbeit und mit seinem Leben generell. Vor nicht allzu langer Zeit lebte er noch mit seiner Ehefrau zusammen. Sie liebten sich, neckten sich, stritten auch mal miteinander. Sie sprachen über Kinder, hatten gute Jobs und vor allem Spaß. Henry und Julia waren wie füreinander gemacht. Dann erkrankte Julia mit 41 Jahren an Alzheimer. Sie erkannte Henry nicht mehr wieder. Er sie bald auch nicht mehr. Henry versuchte sie zu pflegen, doch irgendwann wurde es zu viel. Julias Familie schaltete sich ein und nahm sie mit nach Australien. Henry begann zu trinken, und er trank, bis er einen Job-Ausschrieb in der Zeitung sah. Er packte seine Sachen und fuhr ins Naturschutzgebiet von Wyoming, wo er den Sommer über in einer Berghütte nach Feuern Ausschau halten wollte.

Henry ist nicht der einzige, der vor seinem Leben flüchtet. In Firewatch, einem explorativen First-Person-Adventure, lernt man Delilah kennen. Henrys Chefin sitzt in einem weiteren Ausguck und meldet sich immer wieder über Funk. Die beiden kommen einander näher, reden viel und erzählen sich Geschichten. Über die Vergangenheit, die Zukunft und vor allem über ganz viel Unsinn.

firewatch-objekt

Schon am ersten Tag muss Henry ran: Im staubtrockenen Wald zünden Teenager Feuerwerk. Das geht so nicht! Die müssen zurechtgewiesen werden! Also Kompass und Karte gepackt und immer gen Westen zum See. Auf diesem und weiteren Aufträgen erfährt Henry von anderen Feuerspähern und Wildhütern. Einige hinterlassen sich handgeschriebene Notizen in Vorratsboxen, über andere erzählt uns Delilah. Manche sind noch hier, in anderen Spähtürmen. Andere haben den Job irgendwann aufgegeben. Einige haben Selbstmord begangen. Und ganz wenige sind spurlos verschwunden. Darunter ein Späher und sein Sohn, die noch einige Jahre vor Henry im Twoforks-Wachturm saßen.

Firewatch ist ein stark fokussiertes Spiel und was es macht, macht es richtig gut. Erst einmal sieht es einfach nur fabelhaft aus. Wenn man Polygone zählte, würde ein Freund der Grafikprostitution zwar nur verhalten lachen, aber die stilisierte, schillernde Cartoon-Optik, die sowohl an Team Fortress 2 als auch die rotstichigen Fotografien von vor drei Jahrzehnten erinnern, wirken einfach nur beeindruckend. Das Spiel sieht aus, als wäre es fachmännisch gemeißelt und dann in jahrelanger Handarbeit angepinselt worden. Wenn ich in Henrys Haut stecke, auf einem kurzen Abhang sitze und ein Sandwich verspeise, während mir die laue Abendsonne entgegenscheint, dann ist der Winter vor dem Fenster fast vergessen. Relativ schnell drückt einem Firewatch auch eine alte Einweg-Kamera in die Hand und ich musste mich doch sehr zurückhalten, nicht alle 24 Fotos gleich am ersten Tag zu verschießen.

firewatch-karte

Auch der explorative Teil gelingt Firewatch, kommt aber nicht ganz ohne Tricks aus. Während die lokale Karte ein richtig großes Gelände suggeriert, das einem wie ein fettes Stück von Bethesdas Skyrim vorkommt, kann man das Gebiet in fünf Minuten von der einen Ecke zur anderen abwandern. Schon zu Beginn lassen sich einige Umwege gehen, auf denen man Geheimnisse vermutet, allerdings läuft man dann meist in (noch) leere Sackgassen oder gesperrte Routen. Mit der Zeit findet Henry immer mehr Kletterzeug, kann sich mit einem Seilvorrat auf- und abseilen oder dicht zugewachsene Pfade klären. Ich bin wegen der vielen schönen Aussichten und der gewundenen Pfade letztendlich doch auch ganz froh, dass Henrys Arbeitsumfeld nicht allzu weitläufig ist, denn man kann sich schon ein wenig verirren. Störende Questmarker oder andere Bildschirmelemente gibt es nicht. Stattdessen muss man auf die Karte schauen und sich selbst orientieren. Immerhin sind in den meisten Vorratsboxen markierte Kartenausschnitte hinterlegt, mit denen man seine eigene Navigationshilfe um einige nützliche Hinweise erweitern kann.

Am schönsten ist jedoch das narrative Element. Alle Sprecher im Spiel wurden erstklassig besetzt. Dabei kann man vor allem in Gesprächen mit Delilah immer wieder zwischen Dialogoptionen wählen, bei denen das Zuhören einfach nur Spaß macht. Delilah ist kess, sarkastisch und trinkt auch mal einen zu viel, während Henry gut Kontra gibt oder, je nach unserer eigenen Stimmung, ernst, brutal, verständnisvoll, lustig oder zurückhaltend sein kann. Man kann fast jede verlorene Campersocke oder gefällten Baum an die Kollegin melden, die dann auch einen passenden Kommentar parat hat. Unsere Entscheidungen haben dann auch mindestens kleine Auswirkungen auf den Storyverlauf, so dass man Firewatch mindestens zweimal durchspielen möchte - schon um in den Genuss der vielen anderen Dialoge zu kommen.

firewatch-dialog2

Was mich aber noch mehr beeindruckt hat, ist die Waldatmosphäre. Der Wildnis von Wyoming ist ohne Frage zauberhaft schön. Während ich in meinen großen Wanderstiefeln durch die Gegend stapfte, fühlte ich mich aber auch einsam. Gerade wenn Delilah nicht am Walkie-Talkie hockt und man neue Areale erschließt oder durch eine Höhle klettert, kommt man nicht umhin zu realisieren, dass Henry hier ganz alleine ist. Keine Menschenseele weit und breit. Wenn einem hier etwas zustößt, dann dauert es Tage, bis es jemandem auffällt, und noch länger, bis man ihn finden würde. Falls überhaupt. Da drehte ich mich doch schon mal etwas ängstlich um, als es hier und da im Dickicht raschelte. Und das nicht nur aus Paraoia, wie sich herausstellte.

Denn irgendwas ist nicht richtig in diesem Wald. Telefonverbindungen fallen aus, Vorräte werden in Henrys Abwesenheit durchwühlt und zerstört. Außerdem soll es riesige Grizzlybären geben. Je weiter die Geschichte voranschreitet, desto mehr bekommt man das Gefühl, dass etwas da draußen lauert. Und einen beobachtet. Und man fühlt sich wehrlos.

Firewatch ist kein Horrorspiel, aber es bietet eine Atmosphäre, für die viele Horrorspiele töten würden. Die Entwickler haben hier eine schöne und schön anzusehende Geschichte geschaffen, die selbst Adventure-Muffeln schmecken dürfte. Sympathische Charaktere, eine intuitive Steuerung und eine gewisse Entscheidungsfreiheit runden das etwa vier Stunden lang spannende Erlebnis ab. Nur darf man sich nicht zu sehr auf Erkundungsgang begeben, denn sonst zerstört man sich in dem doch recht kleinen Spielgebiet ratzfatz die Illusion der freien Wildnis.

Firewatch wurde auf dem PC (Windows 10 64-Bit, 16 GByte RAM, Intel Core i5-4690, Nvidia GeForce GTX 970) getestet. Ein Testmuster wurde uns von Campo Santo zur Verfügung gestellt.

Firewatch

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A
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Reife Leistung. A-Spiele machen alles richtig oder sind nah dran. Kleine Schwächen werden durch Stärken mehr als wett gemacht. Das ist Spieldesign auf hohem Niveau.

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18. September 2019 um 14:02 Uhr
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09. Februar 2015
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Plattform - PC-Spiele haben mit die älteste Tradition. Heutzutage laufen die meisten Games unter dem Microsoft Windows.
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Plattform - Die Playstation 4 (PS4) von Sony ist eine Spielkonsole der 8. Generation. Sie erschien am 29. November 2013 europaweit als Nachfolger der Playstation 3.

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