Jotun im Test

(Artikel)
Paul Rubah, 22. Oktober 2015

Jotun im Test

Crashkurs in nordischer Mythologie

Die nordische Mythologie gehört schon seit langer Zeit zu meinen Favoriten, schon allein weil sie so herrlich absurd und gleichzeitig plastisch ist. Eine Riesenschlange schlingt sich um die Welt, die der tote Körper des ersten Frostriesen ist, auf dem der Weltenbaum Yggdrasil wächst, der wiederum alle Reiche neunteilt. Und es gibt so viele Fraktionen! Die Götter-Asen, dann deren Urgeschlecht, die Wanen, die Menschen, die Nornen, die Alben, die Zwerge... und natürlich die Jötunn, die Riesen. Die gilt es in Jotun auszurotten.


Jotun beginnt mit einem Tod. Die junge Wikingerfrau Thora samt aller Krieger ihres Stammes geraten in einen höllischen Sturm. Mitten auf dem Ozean und keine Hilfe in Sicht, reißt es Normannen und Schiff in die Tiefe des Ozeans. Das ist nicht nur ein unmittelbares Problem, sondern ein nachhaltiges, denn nur die Seelen der im Kampf gefallenen dürfen in Valhalla einziehen. Die übrigen bekommt Hel. Während aber die Seelen ihrer Mitstreiter zur Herrscherin der Unterwelt sinken, bekommt Thora eine zweite Chance. Sie muss sich beweisen und die Götter beeindrucken, indem sie fünf gigantische Jötunn bezwingt. Erst dann darf sie an Odins Tafel Platz nehmen.

Pompös
Jotun ist eines dieser Spiele, die Liebhaber von 2D-Spielen noch auf Jahre hinaus aus ihrer Steam-Bibliothek pulen werden, um es 3D-Grafikhuren an den Kopf zu schmeißen. Denn auf dem Weg nach Valhalla rollt, rätselt und kämpft sich Thora durch zehn makellos schöne mythische Orte. Von der unterirdischen Schmiede Brokkr's über die vergifteten Blutflüsse Ymirs zum unendlich weiten, gefrorenen Jormungandr-See lässt es sich die Top-Down-Kamera nicht nehmen, immer mal wieder in die Totale zu gehen und eindrucksvolle Panoramen zu zeigen. Da kann man nicht anders als stehen zu bleiben und einfach mal die Details zu genießen. Oft gehen die Szenerien auch noch mit kleinen Erklärungen einher. Thora, unsere Führerin durch Niflheim, Muspelheim und weitere Orte, erklärt uns auf isländisch die Sage oder erzählt aus ihrer tragischen Lebensgeschichte. Und immer wieder gibt es geskriptete Ereignisse zu bewundern, etwa wenn das Rieseneichhörnchen Ratatoskr in Yggdrasils Baumkrone an Thora vorbeiklettert oder wir von einer Klippe einen anderen Level komplett überblicken können.

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Jeder Ort ist aus dem Ginnungagap, der Leere, erreichbar. Dabei grenzen sich etwa Yggdrasils Wurzeln oder die Neun Flüsse nicht nur thematisch komplett voneinander ab, sondern bieten auch jeweils ein eigenes Spielerlebnis. In beiden Arealen gibt es etwa keine Feinde, dafür muss man in dem einen die Karte lesen und die richtigen Wurzeln hinunter rutschen, um ans Ziel zu kommen, während man beim anderen periodisch vor wilden Schneestürmen Unterschlupf finden muss. In jedem Ort muss Thora eine Rune finden. Hat sie beide zu einem Jötunn passenden Symbole, eröffnet sich ein Weg in die Höhle des Monsters.

Thoras Odyssey, Backtracking olé
Bevor sich aber die Tore öffnen, bröckelt es schon an Jotuns Grundkonzept. Denn so schön und atmosphärisch Grafik und Musik zusammenspielen, umso öder kann die Suche sein. Dabei geht es nicht einmal um die Rune - die ist klar auf der Karte im Startmenü verzeichnet. Das gleiche gilt für die Göttermächte. Thora kann fünf Mächte einsammeln und noch einmal verstärken: Von Loki bekommt sie einen Doppelgänger, von Frigg die Heilung, von Thor besondere Kraft, von Freya Geschwindigkeit und Heimdallr einen Schild. Zusätzlich gibt es aber in jedem Level noch einen versteckten goldenen Apfel, der die Lebensenergie erhöht - was für die fordernden Bosskämpfe mehr Voraussetzung als wirklich eine Option ist.

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Folgendes passiert also: Thora begibt sich beispielsweise zu den Neun Flüssen. Ich laufe herum, schaue auf die Karte, denn der Bildschirmausschnitt ist so winzig, dass ich meist keine Ahnung habe, wohin es gehen soll. Auf einmal kommt ein Wind auf, Thora muss höllisch viel Schaden einstecken und ich rette mich rechtzeitig hinter einen Stein. Okay, Spielmechanik verstanden! In freudiger Erwartung an den Rest des Levels wage ich mich aus meinem Versteck. Aber mehr passiert nicht. Ich trotte also gemütlich durch die Landschaft, grase zuerst die Götterkraft ab, dann die Rune und bleibe spätestens an jedem dritten Stein stehen, denn nach den Stürmen kann man die Uhr stellen. Und dann muss ich den goldenen Apfel suchen, der IRGENDWO auf der Karte ist. Bei den Neun Flüssen ist das noch nicht so schlimm, aber wenn man beispielsweise in Jormungandr's Fluss - praktisch einer riesigen Eiswüste - jeden Quadratzentimeter nach der beschissenen Frucht quasi blind absuchen soll, dann ist das nicht spaßig.

Vor allem ist es dann nicht spaßig, wenn das Gimmick des Levels binnen Sekunden seinen Witz verliert. Es gibt nämlich nur das eine. Im Krater schmeißen Feuerriesen mit Steinen, aus denen man Brücken über Lava bauen muss. Mehr nicht. Im Nördlichen Himmel muss man Sternbilder nachbauen. Mehr nicht. In Vethrfolnirs Nest muss man einfach nur der Karte folgen und ab und zu zur Seite rollen, wenn der Adler angreift. Mehr nicht. Ein Level, eine Mechanik. Nur die wenigsten haben Feinde, und wenn sie welche haben, dann sind sie die eine Mechanik. Gleichzeitig sind die Level so groß, dass man auf der Suche nach dem goldenen Apfel oder dem Zugang zur Götterkraft maßlos backtracken muss, was noch witzloser wird, denn alle Ereignisse sind zu dem Zeitpunkt schon ausgelöst worden.

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Das ganze Prinzip ist natürlich merklich an Shadow of the Colossus angelehnt. Man streift durch die Wildnis, schaut sich den Lebensraum seines Feindes an, bekommt vielleicht hier und da schon einen Vorgeschmack von dem Feind, der einem gleich gegenübertreten wird - aber Jotuns Entwickler ruinieren dieses dramaturgische Element mit Schnitzeljagd-Gameplay und dem Zwang, ständig ins musikbefreite Pausenmenü zu wechseln, um die grobe Karte zu prüfen. Da kann sich vor lauter Genervtheit keine große Freude auf den Bosskampf aufbauen.

Im Schatten von Shadow of the Colossus
Jetzt müssten es die Bosskämpfe natürlich herausreißen. Tun sie es? So halb. Erst einmal sind auch diese Momente von Jotun hervorragend inszeniert und einfach nur lecker anzuschauen. Die Jötunn sind komplett handgezeichnet mit wunderschönen - wenn auch manchmal etwas zu skizzenhaften - Animationen und einem Ur-Charakter, so dass sich mir bei jedem Schmerzensschrei dieser wilden Riesen alle Haare am Körper vor Selbsterhaltung sträuben. Von der Herausforderung her sind die Kämpfe für gestandene Action-Adventure-Spieler aber nicht schrecklich überraschend. Jeder Boss hat etwa drei Angriffe, die er auch gut im Voraus kommuniziert. Der Eisriese holt vor dem Eisodem tief Luft, die Erdgigantin holt vor dem Schildwurf aus, der Lavariese hat für jeden Angriff einen etwas anderen Schrei. Natürlich hat jeder Boss zwei Stufen, so dass die Angriffe stärker werden oder sich was an der Umgebung verändert. Dann wird der Boden plötzlich zu Glatteis oder die Pflanzen-Jötunn kombiniert ihre Angriffe. Wie gesagt - nett, aber wirklich nicht überraschend. Pro Jötunn habe ich nicht häufiger als zweimal das Zeitliche segnen müssen, oftmals gar nicht.

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Thora selbst spielt sich wie ein Panzer, was bei ihrem kleinen Charaktersprite etwas gewöhnungsbedürftig aber nicht schlecht ist. Man muss die rothaarige Frau sehr genau steuern, denn ihre Ausweichrolle ist kurz - lenkt man sie voll in einen Angriff rein, kann man dem Sack voll Prügel kaum noch entkommen. Dafür packt sie im Nahkampf ordentlich aus und malträtiert die übergroßen Zehen mit gezielten Spaltereien ihrer Kriegsaxt. Bei so einem so chirurgischen Kampfsystem ist es umso wichtiger, die Muster der Feinde durch Beobachtung auswendig zu lernen und erst dann zuzuschlagen.

Obwohl sich Jotun wegen des heftigen Backtrackings oft sehr lang anfühlt, ist es recht kurz. In unter fünf Stunden solltet ihr mit den fünf Jötunn durch sein. Dann wartet natürlich noch ein letzter Kampf auf euch, aber eine voll geladene Thora sollte auch den packen können. Insgesamt war ich nicht zufrieden. Jotun hat seine schönen und auch spannenden Momente, aber die verglimmen viel zu schnell in einem Sumpf aus ödem Herumgelaufe mit starrem Blick auf den Boden. Wirklich schade, insbesondere weil die nordische Mythologie so richtig hätte aufleben können.

Jotun wurde auf dem PC (Windows 10 64-Bit, 16 GByte RAM, Intel Core i5-4690, Nvidia GeForce GTX 970) getestet. Ein Testmuster wurde uns von Thunder Lotus Games zur Verfügung gestellt.

Jotun

(Ranking)
C
RANK
Gut gemeint. C-Spiele haben ihre strahlenden Momente, aber in entscheidenden Situationen wird großes Potential verschenkt. Über keine anderen Spiele kann man sich so sehr ärgern.

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06. April 2020 um 12:27 Uhr
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29. September 2015
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