Titan Souls im Test

(Artikel)
Paul Rubah, 20. April 2015

Titan Souls im Test

18 Kolosse und 1.000 Tode

Man sollte meinen, dass absolute Freiheit die höchste Qualität ist, die sich die Entfaltung der Kunst nur wünschen kann. Da ist es ulkig, dass eine der beliebtesten Techniken unter Künstlern die Einschränkung ist. Versmaß, Farbgruppen, der goldene Schnitt - es gibt unzählige Methoden, um die Kreativität des Artisten einzupferchen und sie so dazu zu zwingen, sich auf ungeahnte Weise zu verbiegen, um einen Ausweg zu finden. In Titan Souls bezwingt man über ein Dutzend einzigartiger Feinde mit nur zwei Tasten... und seinem Geist. Das Spiel würde auf dem NES funktionieren! Dennoch profitiert das Action-Adventure nicht nur von klassischer Simplizität, sondern auch von technischen Finessen der Moderne.

titan-souls-schlangeOHSHIT OHSHIT OHSHI--

Nur ein Pfeil
Niemand kommt umhin, Titan Souls mit Shadow of the Colossus zu vergleichen. Warum auch? Ein verdammtes Achievement ist nach der offensichtlichen Inspiration benannt. In der Rolle eines Jägers undefinierten Geschlechts rückt der Spieler mit Pfeil und Bogen satten 18 Bossgegnern zu Leibe - und das mit Pfeil und Bogen ist ganz wörtlich gemeint: Man hat nur einen Pfeil. Das ist aber okay, denn wie Legolas kann man sein Projektil immer wieder aufsammeln. Zumal ist der Pfeil absolut magisch, tötet mit einem Schuss und kann per Befehl wie ein Lichtschwert zum Jedi zurückfliegen. Dabei steuert man den Protagonisten so akkurat mit dem Analogstick, dass selbst wenige Grad Unterschied von den typischerweise wenig sensiblen Nord-/Ost-/Süd-/West-Richtungen eine direkte Auswirkung auf Charakterposition haben. Und die ist auch nötig. Schließlich sind die Bosse in Titan Souls unerbittlich.

Nicht blinzeln!
Kämpfe in Titan Souls können unglaublich schnell vorbei sein. Man nehme einen der ersten Gegner des Spiels: Ein gigantisches Hirn, das in einen Eiswürfel eingefroren ist. Betritt man seine Höhle, bewegt es sich nicht. Man muss es erst aufwecken. Schusstaste gedrückt halten, Pfeil aufladen. Er flitzt von der Sehne, prallt ab, die Musik hämmert aus den Boxen und... der Eiswürfel brettert glatt über die unvorbereitete Spielfigur hinweg, hinterlässt nur einen zerschundenen Körper. Zurück zum Speicherpunkt, der glücklicherweise nie weit entfernt ist.

titan-souls-laserAusweichen oder ein Stück Kohle werden?

Um in Titan Souls zu bestehen, benötigt man nicht nur den Schuss, sondern auch seine Beine. Die Sprint-Taste bewirkt nicht nur, dass man sich schneller vor nahender Gefahr verdrückt, sondern löst auch eine flotte Rolle aus, die einem das Leben rettet, während nur die Nackenhaare versengen. Aber auch hier darf man es nicht übertreiben, denn Dauerrollen gildet nicht. Stattdessen nutzt der Spieler gekonntes Ausweichen, um das Angriffsmuster des Titanen zu lernen. Das eisige Hirn sowie alle anderen Bosse haben ihre Angewohnheiten - und Schwächen. Legt man einen Schwachpunkt frei, braucht es nur einen gezielten Schuss und das Monster liegt uns sofort zu Füßen. Üblicherweise braucht es dafür aber einen Plan, denn die fiesen Feinde lassen das Angriffsfenster nur wenige Frames offen - man muss fast präkognitive Fähigkeiten entwickeln, um den Pfeil schon Momente vor dem entblößten Herzen auf den Weg zu schicken.

Beispiel Hirn: Das Monster schlittert im Raum stoßweise und tumb dem Spieler hinterher, landet aber ab und an auf Schaltern, die ein Flämmchen in der Mitte des Raumes entzünden. Jetzt kriegt man den Eisblock nur schlecht vom Schalter direkt ins Feuer. Aber hey, man könnte doch... Man könnte sich auf die andere Seite stellen, durchs Feuer zielen und eventuell fängt der Pfeil an zu brennen. Und in der Tat! Das Eis schmilzt, das weiche Hirn liegt frei, zappelt noch ein wenig und wartet nur auf den Todesstoß. Es sind diese Aha-Momente, das Enträtseln jedes der achtzehn Puzzles, die Titan Souls so süchtig machen. Insofern ist es auch enorm wichtig, dass man sich das Spiel nicht mit Guides ruiniert. Wirklich: Wenn man den Trick erst weiß, ist aus dem Gegner fast schon die Luft raus, da es danach nur noch um die geschickte Umsetzung des Plans geht. Und die ist, wie wir von Ocean's Eleven wissen, immer langweiliger als der Plan selbst. Auch wenn ich zugeben muss, dass ich jeden Sieg mit einem emotionalen "YES!" und einem Fistpump begleitete.
Tatsächlich ist Titan Souls nach dem ersten Durchlauf fast schon zu einfach. Die ursprüngliche Spielzeit von drei bis fünf Stunden schrumpft dann realistisch auf magere 30 Minuten. Es gibt sogar ein Achievement dafür, wenn man es unter 20 schafft.

titan-souls-brainIrgendwie wird alles grau, wenn man einen Boss erledigt...

Ruhe vor dem Sturm
Im Grunde sind alle Bossgegner fabelhaft konzipiert und echte Supermixturen aus Kopfnüssen und Fingerbrechern. Nur manchmal gewinnt man die Rangelei mit dem Monster mit einem Glücksschuss - zweimal habe ich einen Bossraum betreten und mit einer übermenschlichen Reaktion die Beute binnen Sekunden erlegt. Das ist sehr schade - nicht nur fühlt man sich dann um die intellektuelle Herausforderung betrogen, sondern man kommt auch nicht in den Genuss des sehr guten Soundtracks. Von orchestraler über asiatischer bis schwerer Metall-Musik hat jeder Feind sein eigenes Thema, das aber sofort abbricht, wenn man sich mal wieder fünf Sekunden nach Kampfbeginn einen Fehltritt leistete. Nur die wenigsten Duelle dauern länger als eine halbe Minute, so dass es fast traurig ist, dass die Entwickler so viel Mühe in die Musik gesteckt haben. Immerhin an der Oberwelt kann man den heimeligen Klängen lauschen.

Abgesehen von den 18 Bossgegnern gibt es im gesamten Spiel keine anderen Feinde - nur weitläufige, hübsche Landschaften, Wind und Einsamkeit. Wie schon Shadow of the Colossus baut die Reise durch die Welt der Titanen die Vorfreude auf den Kampf auf. Kleine Kletterpartien im pixeligen Schnee, ein verendeter Koloss am Wegesrand oder ein verwilderter Friedhof lassen den Spieler auch einmal stehen bleiben und nachdenken. Was ist hier passiert? Und warum jage ich die Titanen überhaupt?
Mit der Zeit fühlt man sich nämlich, ebenso dem Vorbild nachempfunden, eher als Aggressor. Viele Titanen sind friedlich und müssen erst aus ihrem Schlaf herausgestubst werden. Außerdem sind die Namen der Titanen in unleserlichen Lettern verfasst - da steckt doch mehr dahinter! Eifrige Spieler können die Schrift händisch übersetzen, wenn sie im Optionsmenü die Sprache auf Titan ändern und die Hieroglyphen neben die englischen Menübeschreibungen legen. Durchspieler bekommen dagegen den bequemen Weg.

titan-souls-ruheZum Glück gibt es auch ruhige Momente.

Torso des Eisbergs
18 Titanen klingen erst einmal nach viel. Und wer nicht jeden Tag zockt und im Fingertraining ist, bei dem kann sich die Spielzeit auch gut verdoppeln oder verdreifachen, während andere Spieler an einem Nachmittag durchpreschen. Wer nach dem letzten Kampf allerdings noch nicht genug hat, der kann sich an Sondermodi wagen. Im Iron Mode hat man etwa nur ein Leben zur Verfügung, während man im No-Rolls-Modus auf die essentielle Rolle verzichten muss. Besonderes Lob verdient der Hard Mode, denn dieser macht Titanen nicht nur vorhersehbar schneller, sondern gibt jedem Feind leicht modifizierte Angriffsmuster und die eine oder andere fiese Sonderfähigkeit. Lasst euch einfach überraschen.

Titan Souls ist ein hervorragendes und abartig schwieriges Spiel, das nicht nur hübsch aussieht, sondern auch hübsch klingt. Allerdings fehlt es dem Spiel doch etwas an Substanz: Jeder Bosskampf schmeckt wie ein Nachtisch, doch es fehlt der Hauptgang - und ich habe es dann doch etwas hastig in mich hineingefressen ohne satt werden zu können. Zudem ist es wirklich schade, dass es wegen der unerbittlichen Spielmechaniken kaum möglich ist, Bosskämpfe in die epische Länge zu ziehen, die Shadow of the Colossus zu einem so denkwürdigen Erlebnis gemacht haben. Das ist nicht schlimm, schließlich handelt es sich um eine anderen Erfahrung - dennoch bleibt Titan Souls an dieser Stelle unbefriedigend, was dem Spiel letztendlich die Höchstwertung kostet.

Titan Souls wurde auf dem PC getestet. Ein Testmuster wurde uns von Devolver Digital zur Verfügung gestellt.

Titan Souls

(Ranking)
A
RANK
Reife Leistung. A-Spiele machen alles richtig oder sind nah dran. Kleine Schwächen werden durch Stärken mehr als wett gemacht. Das ist Spieldesign auf hohem Niveau.

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18. November 2019 um 01:08 Uhr
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