Globalisierung des Zocks

(Artikel)
Haris Odobašic, 28. März 2017

Globalisierung des Zocks

Fluch und Segen zugleich

Manchmal, wenn ich ein neues Spiel einlege, wünsche ich mir die alte Zeit zurück. Die 90er und der Anfang des 3. Jahrtausends. Wieso, wenn man denn heute absolut vernetzt ist, alle wichtigen Informationen in Sekundenschnelle kriegen kann und der Spielemarkt boomt wie nie zu vor? Weil es manchmal einfach zu viel ist.

Dieser Beitrag wurde erstmals am 26.1.2011 veröffentlicht.

Zu viele Informationen beispielsweise. Früher, da hatte man wenige Games-Magazine oder hörte mal auf dem Schulhof was und musste sich damit bis zum Release eines Spieles fit halten. Selten einmal gab es eine Kassette im Spielwarengeschäft oder ein Promovideo, das über die Konsole lief, um einen auf die zukünftigen Spielehammer einzustimmen. Man wollte natürlich mehr sehen, mehr wissen, mal selber spielen, aber gleichzeitg baute sich eine unheimliche Vorfreude auf und wenn man das Spiel endlich hatte, war die Erfahrung alles zum ersten Mal zu sehen und zum ersten Mal zu erforschen eine wirklich neue und teilweise einzigartige.

In heutigen Zeiten hat man in der Regel schon die ersten 20 Stunden eines Spiels in Videoform im Vorfeld des Release irgendwo im Netz herumschwirren, dazu hat jede größere Videospielwebseite Featuretten, die einem so ziemlich alles erörtern, was man gerne selber herausgefunden hätte. Und wenn man nicht innerhalb der ersten 48 Stunden das Spiel hat, kann man eigentlich gleich den Stecker beim Internetmodem ziehen, denn besonders bei größeren Spielen warten die Spoiler an jeder Ecke und selbst auf eigentlich braven Webseiten wie Kotaku poppen dann Artikel auf, die sich nicht schämen, gleich in der ersten Zeile einem das halbe Spielerlebnis kaputt zu machen.

Dass heutzutage fast jedes Spiel auch nochmal extra für den deutschen Markt lokalisiert wird, ist im besten Fall ein zweischneidiges Schwert. Denn für jedes Spiel, das gut lokalisiert wurde, mit fähigen Synchronsprechern und stimmiger Übersetzung, wartet eine ganze Armada, die einfach zu wünschen übrig lässt: misshandelte Wortwitze, inkompetente Synchronsprecher, verschandelte Atmosphäre. Man muss sich nur alleine Halo anschauen, um nicht mehr aus dem Kopfschütteln heraus zu kommen, wenn man bedenkt, dass ausgerechnet Microsofts größtes Zugpferd eine der schlimmsten Synchros der modernen Videospielgeschichte besitzt. Bevor hier auch nur jemand die Stimme zum Einspruch erhebt, erinnere ich nur an Elton in Halo 3. Grässlich.

Ohne Frage helfen Lokalisierungen, die Kundenbasis zu vergrößern, aber es ist schade, dass dies in vielen Fällen auf Kosten der Leute geht, die gerne die beste Version eines Spieles genießen würden, weil oftmals unglücklicherweise vergessen wird, andere Tonspuren auf die Disc zu packen oder, wenn es geschieht, in würgereizerregenden Kombinationen. Wenn man schon nur zwei Sprachen auf die Scheibe brennt, dann um Gottes Willen doch nicht Deutsch und FRANZÖSISCH?

Doch natürlich, Vorteile gibt es nun auch. Spiele, die es sonst niemals in die USA geschweige denn Europa geschafft hätten, erscheinen nun regelmäßig auch in den westlichen Märkten, dadurch, dass zum einen die Anzahl der potentiellen Kunden viel größer ist, aber auch weil immer mehr japanische Entwickler gemerkt haben, dass im Westen auch mit eigentlich japanischen Spielen Geld zu verdienen ist. Man könnte sagen, dass heutzutage nur noch Hentai-Spiele und Tokyo-U-Bahn-Sims nur dem japanischen Markt vorbehalten werden, auch wenn solche Aberrationen wie beispielsweise die westliche Yakuza-Version, die mit unzähligen Schnitten verstümmelt wurde, weil Inhalte als für Europäer bzw. Amerikaner "unpassend" eingestuft wurden, noch immer ein gelegentliches Problem darstellen.

Genauso wie die große Informationsmenge auch Vorteile hat. Anstatt sich nur auf die Rezensionen des Lieblingsmagazines verlassen zu müssen, kann man nun ausführlich unterschiedlichste Meinungen einholen (wobei das DPad natürlich auch vollkommen ausreicht) und entdeckt so vielleicht die ein oder andere Perle, wird aber auch vor einer schrecklichen Verschwendung von Geldmitteln bewahrt. Und manche Spieleerfahrung, die sonst nur als großer Frustmoment abgehakt worden wäre, gewinnt durch den sekundenschnellen Zugang zu Komplettlösungen und Cheats aller Art neuen Wind und wird doch noch zufriedengestellt.

Zudem ist es dank der Möglichkeit Preise zu vergleichen oder mal schnell was aus UK zu importieren wohl noch nie so billig gewesen, ein Zocker zu sein. Die staatliche Zensurmaschine kann auf solchen Wegen dann auch schnell umgangen werden und so kommen dann auch die Leute, die gerne die Originalversion bevorzugen, auf ihre Kosten, auch wenn manchen Publishern diese Umwege ein großer Dorn im Auge sind. Selber Schuld kann man da aber nur sagen.

Ohne die Globalisierung würden wir wohl auch kaum solche zeitgleichen Launches sehen. Bis auf Nintendo, die da noch immer im letzten Jahrtausend sind, haben nämlich fast alle aktuellen Konsolen eine Markteinführung in einem Zeitraum weniger Wochen in allen globalen Märkten gesehen. Wenn man sich daran erinnert, wie man beispielsweise über ein halbes Jahr nach den Japanern erst sein Nintendo 64 in den Händen halten konnte, ist die heutige Situation traumhaft.

Und schlussendlich der vielleicht größte Vorteil der Globalisierung: die unterschiedlichen Online-Systeme, die es uns ermöglichen mit Menschen aus Japan, den USA oder Australien zusammen eines unserer allerliebsten Hobbies auszuleben. Ganz wie in der Kreditkartenwerbung hat die Konsole und der Internetanschluss seinen Preis, aber einen 12-jährigen, großkotzigen Piepsstimmen-Ami ordentlich fertig zu machen und seine darauffolgenden Schimpftirade mit einem Druck auf den Stumm-Knopf zu beenden ist dann doch unbezahlbar. Evil

Kommentare

Rian
26. Januar 2011 um 19:57 Uhr (#1)
Nicht zu vergessen, dass man sonst nur in Deutschland seinen Penis Gamerscore mit anderen Zockern vergleichen könnte.
Gast
17. Mai 2022 um 15:35 Uhr
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