.hack Infection

(Artikel)
Haris Odobašic, 31. Oktober 2012

.hack Infection

Das Solo-MMORPG

Episodische Spiele mögen wie ein Auswuchs der aktuellen Konsolengeneration wirken, existieren aber schon eine ziemlich lange Zeit. Schon zum Jahrtausendwechsel gab es auf dem PC einige gescheiterte Projekte in diesem Bereich und auch auf den Konsolen wurden Versuche gestartet. Der wohl prominenteste ist die .hack-Reihe für die Playstation 2, die dabei noch eine sehr krude Releasestrategie verfolgte: Vier Spiele sollten es werden, allesamt kurz nacheinander released -- und alle zum Vollpreis! Aber das sollte mich damals nicht abhalten, denn das Setting mit der Vermischung von realer und virtueller Welt ist eine meiner persönlichen Schwächen, wo ich einfach nie Nein sagen kann. Also ab in die Welt von .hack//Infection und vor allem in die Welt von "The World", einem hochpopulären MMORPG.

Als ich den ersten .hack-Teil spielte, nahm ich noch großen Anstoß am Setting. Nicht etwa daran, dass es einen Virus gab -- von einem 10-jährigen Jungen programmiert --, der mal eben das komplette Internet lahmlegte. Und auch die Erschaffung eines neuen Betriebssystems, quasi des einzig wahren OS, passenderweise ALTIMIT OS genannt, das nun von jedem genutzt wurde, ließ ich den Machern noch durchgehen, auch wenn so mancher Linux- oder FreeBSD-Fanatiker wohl einen kleinen Nervenzusammenbruch erhalten hätte.
Nein, was mich so richtig störte, war die Idee, dass "The World" mehr als 10 Millionen Spieler haben könnte. Den Rest konnte ich mir noch per Aussetzung meiner Ungläubigkeit rationalisieren, aber mehr als 10 Millionen Spieler? Damals gab es halt noch kein World Of Warcraft...

Das merkt man dann auch beim Spielen, denn "The World" erinnert nicht an das, was man MMORPG nennen würde. Aber es bemüht sich stark diese Illusion zu erwecken. Stilecht logt man sich in seinen PC ein, kann Emails abrufen, Nachrichten lesen oder selbst den Desktop-Hintergrund ändern! Und kaum startet man das Spiel erhält man Zugriff auf die Foren, die ziemlich aktiv sind und über Geschehnisse in- und außerhalb des Spiels rege Diskussionen bieten. Auch in der Spielwelt wird einem viel vorgegaukelt: andere "Spieler" laufen durch die Städte, handeln auch mal mit euch oder geben euch Tips und Hinweise. Das sind alles Kleinigkeiten, Details, die aber Stück für Stück dazu beitragen, dass man sich doch immer wieder im Bann des Spieles verliert und das Konzept des "Solo-MMORPGs" aufgeht.

Diese Lebendigkeit hilft aber auch, dass man noch mehr Interesse an der ziemlich gelungenen Geschichte rund um Hauptcharakter Kite findet. Denn der wollte sich eigentlich nur von seinem Kumpel Orca -- einem ziemlich angesehenen Spieler in der Welt von "The World" -- das Spiel zeigen lassen und erlebt dann bei der ersten Sitzung gleich, wie alles schief geht. Das Resultat: Orca landet im Koma und Kite erhält ein mysteriöses Buch, das ihm die Kraft verleiht das Spiel zu "hacken". Nützlich, denn natürlich will Kite herausfinden, wie er Orca helfen kann und vor allem, wieso ein Spiel die Macht hat einem Menschen in der realen Welt so sehr zu schaden. Die Geschichte ist spannend erzählt, bevölkert mit vielen teils kuriosen Nebencharakteren und schafft es so, das Interesse des Spielers auch zu halten, wenn das Gameplay gerade einen Hänger hat.

Und leider hat es davon einige. Denn traditionelles MMORPG muss man nicht erwarten, stattdessen ist eine große Nähe zu Phantasy Star Online vorhanden. Nur leider wurden dabei vor allem die Elemente übernommen, die man eigentlich nicht an Segas Meilenstein mochte: die Steuerung ist hölzern, das Anvisiersystem vom Obertroll höchstpersönlich programmiert und die Bedienung der Kamera so absolut dämlich, dass man schon fast lachen will. Denn anstatt dass man die Kamera mit dem Stick pur rotieren könnte, ist die Y-Achse mit einer Zoom-Funktion belegt. Im Klartext heißt das, dass ihr manchmal nur die Kamera leicht in der Horizontalen justieren wollt und plötzlich total nah ran oder weit weg gezoomt habt und noch mehr justieren dürft. Und weil die Gegner ständig in Bewegung sind, und auch gerne mal vor euch weglaufen -- nicht, dass es einen taktischen Nutzen hätte, sondern eher dem Ziel dient euch einfach nur zu nerven -- ist gelegentlicher Frust angebracht, wenn diese drei Macken zu einem großen Haufen Programmiermist zusammenkommen. Selbst für 2002, als das Spiel ursprünglich in Japan erschien, war das leicht grenzwertig. 2004, als auch wir Europäer in den Genuss kamen, schon vollkommen inakzeptabel.

Und leider hört die Mängelliste hier nicht auf. Was auf den ersten Blick wie eine gute Idee klang, nämlich durch das Zusammenpuzzeln von ein paar Schlüsselwörtern ständig neue Areale zu kreieren, ist nach einigen Spielstunden nur noch eines: langweilig. Denn alle Spielgebiete ähneln sich sehr, teilweise sind es sogar nur die Texturen, die ausgetauscht werden. Immer hat man eine große Außenfläche, auf der sich ein Zugang zu einem Dungeon versteckt. Der Dungeon wiederum hat meist zwei bis fünf Stockwerke und ist aus Bausteinen zusammengesetzt, weswegen sich die Räume schnell wiederholen. Und im Verlaufe des Spiels sieht man gut und gerne 40 bis 50 solcher Gebiete.

Wenn das nicht genug wäre, muss man aber auch sagen, dass Infection noch von allen vier Teilen die schwächste Geschichte hat, was primär daran liegt, dass es eben der Anfang ist und viele Charaktere eingeführt werden müssen. Grundsteinlegung findet im großen Maße statt. Und auch das Pacing stimmt nicht ganz: Nach einem vielversprechenden Start wird eine ziemliche Pause eingelegt, bei der man mehrere Spielstunden quasi dahinvegetiert ohne wirklichen Storyfortschritt zu machen. Dann kommt die Geschichte mit einigen Wendungen richtig an Fahrt und plötzlich soll man eine dämliche Nebenquest nach der anderen absolvieren, ehe man schließlich zum fulminanten Bosskampf antreten darf.

Doch zum Glück wurden solche Fehler in den drei späteren Teilen vermieden. Und das ist dann auch der primäre Grund, wieso man .hack//Infection spielen sollte: Trotz seiner Defizite ist es nämlich unerlässlich, um die Geschichte zu verstehen, und gerade für diese lohnt sich die Erfahrung immens. Ich würde es jetzt nicht direkt in den Olymp mit den richtig großartigen JRPG-Stories à la Final Fantasy 6 oder Vagrant Story hiefen, aber es kommt doch knapp dahinter. Gerade auch die Verschwurbelung mit dem Anime .hack//sign, der ziemlich gelungen ist, macht hier noch den zusätzlichen Reiz aus. Und da man nun auch keine 240 € mehr ausgeben muss, kann ich dem geneigten JRPG-Fan durchaus zu dieser etwas vergessenen Spielereihe raten. Evil

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28. Januar 2023 um 01:52 Uhr
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