Syndicate

(Artikel)
Benjamin Strobel, 28. Februar 2012

Syndicate

Cyborg-Action ohne Atempause

Wir schreiben das Jahr 2069. Großkonzerne beherrschen die Welt und bekämpfen sich mit militärischen Mitteln oder verdeckt durch Agenten. Die Hälfte der Weltbevölkerung ist mit DART-Chipsätzen ausgestattet, die sie zu Cyborgs macht und mit übermenschlichen Fähigkeiten ausstattet. In EAs First-Person-Shooter Syndicate übernimmt der Spieler die Rolle von Kilo, einem gechippten Super-Agenten, der die Vormachtstellung seines Syndikates schützen soll. Kilo hat es mit allerhand feindlichen Super-Agenten zu tun - der Spieler mit einem knüppelharten Shooter.

Keine USK-Freigabe: Die USK hat bisher keine Wertung für Syndicate abgegeben. Da aber auch noch keine Indizierung vorliegt, ist ein Import völlig unproblematisch.
Zuletzt wurde das Jahr 2069 vor neunzehn Jahren geschrieben. 1993 veröffentlichte Electronic Arts das erste Syndicate auf dem PC. Das ehemalige Strategiespiel wurde unter Fan-Grummeln jedoch als Shooter neu aufgelegt. Schon damals brachte Syndicate den Cyberpunk auf heimische Bildschirme und das tut es heute ebenso. Nachdem Deus Ex: Human Revolution ein großer Erfolg für Squenix war, wollten die Entscheidungsträger hinter EA sich wohl auch eine Scheibe davon abschneiden; mit dem Ergebnis, dass die halbe Internetgemeinde ständig Vergleiche zwischen den Titeln zieht, weil sie sich angeblich so ähnlich seien. Damit will ich jetzt aufräumen.

Syndicate hat mit Deus Ex so viel gemein wie Schach mit Dame: ein ähnliches Spielfeld. Beide Titel werden aus der Ego-Perspektive gesteuert und orientieren sich am Cyberpunk. Während Deus Ex eine offene Welt bietet, in der sich der Protagonist relativ frei bewegen kann, ist Syndicate in strikte Level unterteilt, in denen man keinen Ort zweimal besucht. Sidequests gibt es natürlich auch nicht. Bei Deus Ex sammelt man Erfahrungspunkte für Quests und Kills, um sich Upgrades im Skilltree zu kaufen. Syndicate dagegen streut Upgrades an fixen Punkten der linearen Story und erlaubt dem Spieler dann freie Auswahl zwischen ein paar Skills, die nicht einmal aufeinander aufbauen. Dialoge sind rar, geskriptet und kitzeln an der Oberfläche gut gemeinter Ideen. In Syndicate ist "überzeugen" keine Dialogoption, sondern eine Fähigkeit, um Feinde für sich kämpfen zu lassen. Auch cool, aber weit entfernt vom RPG-Shooter-Genre. Außerdem ist die Spielzeit mit etwa acht Stunden vergleichsweise kurz.

Syndicate gelangt fast dazu, ein Standard-Shooter zu sein, wäre da nicht der DART-Chip. Mithilfe dieser Chips ist es Menschen möglich, technische Geräte über die Entfernung zu steuern, ein HUD einzublenden und andere Gimmicks zu entfesseln. So ist es auch möglich, Konsolen oder die Chips anderer zu hacken. Diese Fähigkeit wird als Breaching bezeichnet. Als Super-Agent eines Syndikates ist man natürlich mit der entsprechenden Software dafür ausgestattet. Im Singleplayer schaltet man nach und nach drei spezielle Fähigkeiten frei: Mit dem Suicide-Breach kann man andere, gechippte Agenten dazu bringen, sich selbst umzubringen und dabei auch noch Feinde in der Nähe mit in den Tod zu reißen. Mit einem zweiten Skill kann man die Waffen der Feinde überhitzen, um sie kurz bewegungsunfähig zu machen. Zuletzt gibt es dann natürlich noch den erwähnten Persuade-Breach. Ein "überzeugter" Feind kämpft dann für die eigene Seite und jagt sich selbst eine Kugel in den Kopf, wenn niemand mehr in Sicht sind. Ganz schön gemein.


Alle diese Fähigkeiten werden durch Adrenalin gesteuert. Das bedeutet, man kann sie nicht unbegrenzt nutzen, sondern muss erst durch Kills Adrenalin auffüllen, um erneuten Zugriff auf die Breaches zu bekommen. Beginnt also ein Kampf, weil man auf einer nur so halbwegs geheimen Mission in feindlichen Konzernhallen aufgedeckt wird, versucht man seine Breaches möglichst gut anzubringen, bevor man sich mit ganzem Körper ins Getümmel stürzt. So kommt zwar zu Beginn etwas taktische Würze ins Spiel, sind die Breaches aber aufgebraucht, kehrt man schnell zu handelsüblichen Gunplay zurück. Syndicate bietet dem Spieler dabei ein rudimentäres Deckungssystem an. Es heißt: "ducken und hoffen, dass man nicht getroffen wird". Zielt man hinter einer Deckung, so schaut Agent Kilo nützlicherweise hinter der Deckung hervor, allerdings fehlt das Andocken an die Wände wie etwa bei Gears of War. Es passiert leider allzu häufig, dass man deshalb mal links oder rechts über die Deckung hinaus huscht ohne es zu merken... und dann tot ist.

Das hier auftretende Problem ist vielschichtig. Zuerst kann Syndicate seine guten Ideen der Breaches nur mager anbringen. Das taktische Element des Kampfeinstieges greift etwas zu kurz, insbesondere weil die Wirkung der Breaches sich nicht so stark unterscheidet - aber auch weil es insgesamt zu wenig zum Einsatz kommt und man sich am Ende doch nur hinter Kisten verschanzt. Als nächstes wird der Deckungsanteil auch nicht völlig zu Ende geführt, sondern ist teils verräterisch. Abschließend kommt noch die Unnachgiebigkeit des Spiels hinzu: Syndicate ist kein nettes Spiel und fickt einen, wo es nur kann. Überlebenschancen im offenen Feuer sind gleich null und selbst hinter Deckungen ist man nicht immer ganz geschützt. Wenige Treffer führen zum Tod, sodass man sich wundert, warum dieser angebliche Super-Agent so massiv underpowered ist. Syndicate ist ein Spiel, das die Wachsamen wie die Behutsamen belohnt; wer kopflos durch Räume rennt und um sich ballert, hat nicht den Hauch einer Chance. Der ein oder andere wird aber gerade in dieser Schwierigkeit den Reiz von Syndicate entdecken können.

Lebensretter des Spiels sind keinesfalls die erwähnten Breaches. Glücklicherweise ist unser Agent mit einer weiteren Fähigkeit ausgestattet: dem DART Overlay. Hier wird Batmans Detective-Vision mit Bullet Time gekreuzt; während Feinde auch hinter Deckungen sichtbar werden, erhöhen sich die Reflexe des Agenten, was sich in Slow Motion ausdrückt. Dieser Modus lädt sich auch über die Zeit recht schnell wieder auf und ist nicht wie die Breaches an Kills gebunden. Er ist ein absolutes Muss in jedem Gefecht und das einzige Mittel, das einem wirklich Chancen gibt zu überleben. Leider werden Feinde aber nicht immer sofort angezeigt und auch nur im Sichtfeld. Angriffen von hinten bleibt man schutzlos ausgeliefert, ein Radar gibt es nicht.


Obwohl die Shooter-Elemente ansonsten nicht herausstechen, muss man die Waffenvielfalt loben. Neben üblichen Ballermännern wie Pistolen, Maschinengewehren und Sniper gibt es in der dystopischen Zukunft von Syndicate auch futuristische Spielzeuge. Beispielsweise eine Waffe, die um Ecken schießt und einen Raketenwerfer, der mehrere Ziele gleichzeitig erfasst. Einige Waffen bieten zudem panzerbrechende Munition, sodass man per DART Overlay versteckte Feinde identifizieren und durch ihre Deckung hindurch ausschalten kann.

Im gesamten Singleplayer gibt es nur einen Moment, in dem man sich wirklich übermächtig vorkommt: wenn man den Flammenwerfer bekommt. Es gibt nur eine kurze Sequenz für dieses Gerät, aber da kann man wirklich durchrennen und einen Kerl nach dem anderen flambieren. Sie sterben wie die Fliegen! Die Waffe leert sich zudem nur extrem langsam, sodass man ohne Bedenken auf die Tube drücken kann. Man sollte sich aber nicht dran gewöhnen, denn selbst Miniguns mit endloser Munition werfen einen zurück in den Alltag von Syndicate: Tod und Verderben für die Unaufmerksamen.

Syndicate erreicht den Hochpunkt seiner Stinkigkeit mit den Bossgegnern. Während es ansonsten üblicherweise schwer ist, wird das Spiel hier regelrecht unfair. Breaches wirken nicht bei Bossen, sodass ein Gameplay-Element wegfällt und man sich nur noch auf das DART Overlay verlassen kann. Ständig muss man sich regenerieren, wenn man die Möglichkeit dazu hat. Oftmals werden die Bosskämpfe dann Ringeltänzen um Kisten, bei denen man nur noch im Kreis rennt und hofft, den ein oder anderen Treffer zu landen.


Hat man sich durch ein Level geboxt, gibt es am Ende ein Ranking für erledigte Gegner, Headshots, benötigte zeit und so weiter. Die Punktzahl wird dann gespeichert und die aktuelle Leistung immer mit der besten verglichen. Leider kann man seinen Score aber nicht hochladen und in Leaderboards konkurrieren - das ist dem Koop-Modus vorbehalten.

Im Koop blüht Syndicate richtig auf. Leider gibt es keinen Splitscreen-Modus, sondern nur die Möglichkeit, sich online mit bis zu drei anderen Spielern zusammenzutun. Couch-Sessions fallen somit weg, das Spielprinzip ist aber super. Der Singleplayer wird komplett beiseite geschoben und alles ganz anders aufgerollt: In neun verschiedenen Missionen kann man seinen Agenten ins Gefecht schicken und Erfahrungspunkte sammeln. Man kann sich vorher eigene Loadouts erstellen, Waffen auswählen und Breach-Skills zuweisen. Hier gibt es auch deutlich mehr Möglichkeiten als im Singleplayer, man muss aber auf die übermächtigen Fähigkeiten des Selbstmordes und der Überzeugung verzichten. Dafür treten teambasierte Fähigkeiten in den Vordergrund wie Gruppenheilung oder schnellere Adrenalin-Gewinnung für alle. Insgesamt achtet das Spiel ohnehin sehr darauf, dass im Team gespielt wird und erinnert damit etwas an Left 4 Dead. In regelmäßigen Abständen gibt es auch so etwas wie Safe-Rooms mit Ammo-Kisten, um sich neu auszurüsten. Jeder Agent hat zudem die Fähigkeit, andere zu heilen, indem er einen Breach auf ihn startet. Da man es in den Gefechten mit größeren Gegnerhorden zu tun hat, ist es permanent notwendig auf die Energie der anderen zu achten und zu helfen, wo man nur kann. Entfernt sich ein Spieler zu weit von der Gruppe, geht ihm diese Hilfe verloren, was den schnellen Tod bedeuten kann.

Das Teamspiel bringt wirklich Spaß und erhebt Syndicate über den mittelmäßigen Singleplayer-Modus hinweg zu einem Titel, der sich lohnt. Dadurch, dass man ständig Punkte erwirbt, um neue Skills freizuschalten oder Waffen aufzubessern, stellt sich auch eine längerfristige Motivation ein, Syndicate immer wieder einzuschalten. Zudem führt das Spiel in jeder Mission einen Punktestand, der auch online gespeichert wird. Mir gefällt dabei sehr gut, dass man nicht nur Punkte für Abschüsse bekommt, sondern auch für alle unterstützenden Fähigkeiten wie das Heilen. Offensive Spieler haben also nicht per se einen Vorteil durch ihr Verhalten.

Aus der Kombination von Singleplayer und Koop-Modus tritt ein durchwachsenes, aber interessantes Spiel, das leider viel Ideenpotential verschenkt. Aus dem Breaching-Metagame hätte man noch mehr taktische Elemente ziehen können, gleiches gilt für die Gestaltung des Abwechslungsreichtums und der Fairness der Endgegner. So mancher Frustmoment ist überflüssig und die ganze Story ohnehin vergessbar. Wer aber Freunde am anderen Ende des Internets hat, die sich als Koop-enthusiastische Gruppe für Syndicate erweisen, kann langfristige Freude an dem Spiel haben wie man sie von Titeln wie Left 4 Dead und Borderlands gewohnt ist. Nex

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13. Dezember 2019 um 10:05 Uhr
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