Bulletstorm

(Artikel)
Rian Voß, 14. März 2011

Bulletstorm

Blut und Morde

Epic Games ist nicht gerade für die freundlichste Art von Videospielen bekannt, sondern produzieren eher den Typ, bei dem man seine Feinde lachend in die eigene Kettensäge laufen lässt. Das ist nichts Schlechtes! Wir haben schließlich alle so langsam genug von den ganzen "modernen" Shootern und könnten mal wieder etwas hirnlose Action in Richtung Serious Sam vertragen, nicht wahr? Nun, eure Gebete wurden erhört: Serious Sam 3 kommt diesen Sommer. In diesem Artikel geht es aber um Bulletstorm, und während dieser Titel einen feinen Shooter mit viel Action darstellt, kann man nicht wirklich von dumm-simplem Gameplay reden. Aber hebt nun erst mal euren Rock hoch und schnallt euch diesen Dildo um!

Wenn einem eine Sache bei Bulletstorm komisch vorkommen sollte, dann ist es der Deutschlandrelease. Ich meine, kommt schon: Das Spiel besteht aus mehreren Stunden aufeinanderfolgender Ausweidung und fliegender Gedärme! Man schießt den Gegnern in die Köpfe und lässt die Hirne explodieren wie eine aufgeblasene Papiertüte, man schießt ihnen in die Beine und stampft sie in den Boden, man spießt sie auf spitzen, rostigen Stahlstreben auf, man verdampft sie auf ihre Knochen runter, man gibt ihnen in die Eier und erlöst sie durch einen Header von ihrem Schmerz, man schubst sie in aktive Ventilatoren, man ertränkt sie in Säure, man grillt sie auf Starkstrom, zermantscht sie mit Fahrstühlen, schießt sie aus Druckschläusen, zerfetzt sie mit Shotguns, umwickelt sie mit Bomben und wirft sie ihren Freunden entgegen. Und für all das gibt es Punkte! Irgendwas läuft da mächtig falsch bei der USK.
Apropos Punkte: Zurück zum Punkt. Will meinen zur Geschichte. Das bedeutet zu Gray. Gray ist ein typischer, harter Soldatenhund, der als Leiter der Konföderations-Spezialeinheit Dead Echo Sklavenhändler und Terroristen tötet. Dachte er zumindest, denn eigentlich haben er und seine Jungs in den letzten Jahren unschuldige Zivilisten und Reporter umgelegt und das fand der Trupp dermaßen unlustig, dass sich die gesamte Gruppe aus dem System verdünnisierte und anschließend Jagd auf General Serrano macht, welcher sie die ganze Zeit belogen hat. Das geht so weit, dass Gray einen Kamikaze-Flug von Dead Echos Schiff gegen den interstellaren Kreuzer Ulysses, auf dem er Serrano vermutet, durchführt und auf einem Vergnügungsplaneten strandet. Von seiner Dead Echo-Einheit überlebt nur der professionelle Ishi, und dem geht es durch seine letzte Roboter-Implantate-Operation nicht sonderlich gut. Da sich Gray und Ishi aber immer noch bewegen können, machen er und sein frischgebackener Halb-Borg auf, um Serrano und einen Weg von diesem gottverlassenen Planeten zu finden.


Kurz nachdem wir auf dem Stück Fels zu uns kommen, findet Gray eine Energiepeitsche und sein erstes Dropkit, womit der richtige Spaß nach dem Prolog eigentlich erst los geht. In Kombination mit dem blauen Tentakel lassen sich nämlich nun Skillshots verdienen, wozu viele der oben genannten Kills zählen - aber es gibt noch weitaus mehr und häufig sind das Dinge, die man erst nach einigem Rumprobieren mit den originellen Waffen raus hat. (Ich sage jetzt mal "originelle Waffen", obwohl es sowas in Egoshootern seit Portal nicht mehr und nie wieder gibt) Es ist etwa gar nicht so leicht, auf hundert Meter Entfernung einen Explosionsball direkt ins Gesicht eines wild herumlaufenden Psychopathen zu schießen oder zwei durch eine Kette befestigten Bomben so um ein Hindernis herum zu wickeln, dass es den sich dahinter versteckenden Feind enthauptet.
Im Grunde ist das aber nachher auch die Kunst, um dem Spiel mehr abzugewinnen als nur ein bisschen Herumlaufen, aus allen Rohren ballern und denselben Trick immer wieder hinzublättern - schließlich gibt jeder Skillshot nur einmal einen fetten Punktebonus und danach nur noch einen mageren Bruchteil davon. Die verdienten Punkte kann man dann später auch gut anlegen, um seine Waffen aufzuwerten oder die spaßigen Charge-Features zu erwerben, mit der man etwa einen schießbaren Bohrer fernlenken oder die Schrapnelle der Shotgun in eine weit streuende Feuersbrunst verwandeln zu können. Wer aber einfach nur Hollywood-Action ohne Nachdenken möchte, der kann bei Bulletstorm auch auf seine Kosten kommen. Wo sonst bekommt man die Gelegenheit, einen sieben Meter hohen, mit Lasergeschossen ausgerüsteten Roboterdinosaurier namens Wiggleton P. Tellylicker mittels Fernbedienung zum Aufputschen des Killcounts zu steuern? So much fun!

Das wahre Vergnügen bestand für mich bei diesem Spiel aber gar nicht mal in den glorreichen Gewaltorgien und einem Stiefelabdruck der Größe 48 auf dem Allerwertesten jedes zweiten, durchgeknallten Gegners, der mir über den Weg lief, sondern in den Gesprächen und der Story. Ja, ihr lacht, ich lache ja fast selbst darüber! Die Geschichte ist natürlich so vorhersehbar wie sonstwas und besteht meistens daraus, dass die Protagonisten am Ende eines Kapitels aus irgendeiner Explosion herausfallen und sich am nächsten Kapitelanfang wieder aufrappeln, allerdings verleihen die Charaktere und das Voice Acting der ganzen Sache so einen Hauch von Größe. Ok, ich lüge. Eigentlich habe ich nur einen enorm vorpubertären Spaß an der ganzen Flucherei, die in Bulletstorm stattfindet. Es hat einfach was, wenn jede halbe Minute irgendwo ein "Son of a dick!" fällt, das wird nie langweilig! Außerdem sind viele der Schimpfereien ziemlich innovativ, die habe ich in dieser Kombination noch nie in meinem Leben gehört.

Gerade deswegen ist von meiner Seite aus sehr davon abzuraten, die deutsche Version von Bulletstorm zu spielen. Ihr habt die Gerüchte gehört: Kein Blut, kein Splatter, kein Ragdoll. Ja, das ist alles wahr. Ja, mir wurde schlecht, als in einer Sequenz das Zerreißen eines hilflos in der Luft baumelnden Eingeborenen durch das Verschwinden des Figurenmodells ersetzt wurde und es geht enorm viel Spielgefühl verloren, wenn man nach dem Abdrücken nicht weiß, ob man jetzt eigentlich getroffen hat, weil keine Unze roter Saft fließt. Das Schlimmste ist aber dennoch, dass die deutsche Vertonung selbst mit Verwendung von Begriffen wie "abgefucktes Arschloch" und "beschissener Wichser" im Vergleich zum englischen Original immer noch sehr handzahm wirkt. Deutsch ist, meiner Meinung nach, sowieso keine gute Sprache zum Fluchen, weswegen ich dafür schon vor Jahren in Situationen, wo es erfordert ist (etwa wenn ich meinen Fuß an Möbelkanten stoße), in amerikanischen Slang verfalle und in kritischen Momenten "Motherfucking pissgodshit!" rufe.


Die Kampagne von Bulletstorm bietet übrigens keine Gelegenheit zum Zusammenspielen, aber dafür gibt es den Online-Multiplayer-Modus, wo man sich mit bis zu drei Mitspielern durch Wellen von Gegnern kämpfen kann. Und für die Leaderboard-Jäger gibt es dann natürlich noch den Echoes-Modus, um Missionen zu absolvieren und den aktuellen Punkterekord zu knacken.

Die einzige Macke, wo man letztendlich ein wenig das Nachsehen hat, ist die Grafik. Die Modelle und vor allem deren Texturen sehen beizeiten ausgewaschen und stellenweise ziemlich erbärmlich aus. Das macht meistens nichts, weil man in-game eh viel zu sehr damit beschäftigt ist, alles explodieren zu lassen, aber in Zwischensequenzen stößt es einem auf jeden Fall übel auf.

Bulletstorm ist das, was uns versprochen wurde: ein Haufen Action, Gewalt und Blut mit einem ordentlichen Schlag Schimpfwörter und einem amüsanten Gameplay-Twist, der mehrmaliges Durchspielen für Casual- und Hardcorespieler und zumindest einen Blick in den Missionsmodus rechtfertigt - was für einen AAA-Mainstream-Action-Titel der heutigen Zeit schon eine vollkommen ungewöhnliche Sache ist. Ich würde auf jeden Fall gerne ein Sequel sehen, nachdem Epic endlich die Gears of War-Trilogie beendet - aber dann nur als Import. Die deutsche Version bringe ich gleich in den Keller. Rian

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15. Juni 2019 um 23:02 Uhr
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