Super Meat Boy

(Artikel)
Rian Voß, 19. Dezember 2010

Super Meat Boy

Learning by Failing

Es gibt mehrere Ringe der Hölle für Schwierigkeitsgrad-Junkies, die sich auf das Abhängigwerden beziehen: Am Anfang steht das heutige Casual Game, bei dem man sich entspannt zurücklehnen kann, die Erfahrung ist angenehm und wenn das Spiel nicht allzu kurz ist, hält man die Sitzungen auf überschaubarer Länge und kommt immer mal wieder zurück, wenn einem langweilig ist. Auf der nächsten Stufe steht das Core Game, bei dem man für ein belohnendes Gefühl schon ein bisschen Aufwand und Konzentration hineinstecken muss. An einigen Stellen wird geflucht, wenn irgendein Gegner mit dem Raketenwerfer herumlamet, aber das gibt dem Junkie nur noch einen weiteren Grund, dieses Spiel innerhalb weniger Stunden oder Tagen durchzusuchten. Es hat einen herausgefordert! Und bis hierhin wirkt ja alles noch ganz schlüssig, doch gehört Team Meats Super Meat Boy zu einer von den zwei folgenden Kategorien, wo ein wenig der Knick in unserem schönen, linearen Diagramm auftritt.


Denn wenn die erste und die zweite Höllenstufe bereits belegt sind, warten auf dem nullten Level die unmöglichen Masocoregames wie I wanna be the Guy oder The Life Ending Adventure, bei denen es einfach nicht plausibel ist, zum Ende zu kommen. Hier beißen sich höchstens die abgefucktesten Selbstquäler bis zum Letzten die Zähne aus, aber die meisten Menschen ohne Bewusstseinsstörung sehen ein, dass diese Spiele wirklich nur dazu da sind, um zu ärgern, zu ärgern, zu ärgern. Und sowas ist natürlich sehr unhöflich und wird nach kürzester Zeit mit Ablehnung gestraft und kaum jemand sieht ein, warum man sich hier so viel Mühe machen sollte.
Aber die dritte Stufe, das ist die wirklich fiese: Da lauern so Spiele wie Jumper oder eben Super Meat Boy. Spiele, die verdammt schwierig sind, fast schon untragbar schwierig, aber eben gerade nicht so ganz, dass es vom simplen Spielerhirn als unmöglich eingestuft wird - die landen dicht an dicht bei der oberen Grenze der Hardcore-Kategorie.

In Super Meat Boy (da haben die Entwickler ganz dreist das bekannteste Kürzel des Plattformgenres entwendet - SMB) spielt man einen Jungen ohne Haut, dem seine Freundin, die nur aus Bandagen besteht, von einem promovierten Fötus im Glaskörper entführt wird. RETTE. SIE.
Das geht am besten, indem man das Level-Ende erreicht. Von der Sorte warten etwa 300 Stück auf den geneigten Spieler, bei denen jedes bis zum Rand mit Stachelfallen, Kreissägen, Lava und sonstigen Annehmlichkeiten gespickt ist; Meat Boys einzige Waffe: Springen und von Wänden abspringen. Klingt sehr simpel, ist es auch. Jedoch steckt der Teufel, wie so oft, im Detail! Die Level (die jedes Mal so stark mit Neuerungen gepflastert sind, dass ich mich frage, warum andere Entwickler überhaupt so etwas wie Backtracking benutzen. Faule Säue!) haben dabei ihre Hindernisse so gelegt bekommen, dass viele Sprünge entweder gut getimet werden müssen, viel Geschick erfordern oder man muss erst mal seine Birne anschalten, um herauszufinden, wie man eigentlich vorzugehen hat. Da gibt es etwa Laser, die Meat Boy ohne Unterlass verfolgen, so dass man nicht umdrehen kann - es sei denn, man blockt den tödlichen Lichtstrahl durch ein Objekt, dann kann man schnell in die andere Richtung flitzen.
Das Gute ist aber: eigentlich ist das Spiel gar nicht so schwierig, es sei denn, man will sich beeilen oder die über's Level verstreuten Bandagen einsammeln. Einmal von vorne bis hinten zu kommen ist nämlich meist ein Klacks, aber wenn man nicht in einer bestimmten Zeit durch die Ebene kommt, gibt es kein A+-Rating, was bedeutet, dass man nicht die Dunkle Seite des Levels spielen darf, was bedeutet, dass etwa die Hälfte aller Level an einem vorbeigehen.


Und Bandagen? Naja, mit denen lassen sich andere Charaktere mit Spezialfähigkeiten freischalten! Und das sind keine Leichtgewichte, denn Team Meat hat die Erlaubnis bei vielen Kollegen der Indie-Clique zusammengetrommelt und Charaktere wie GiSH, Steve aus Minecraft, Commander Video aus der BIT.TRIP-Serie oder Captain Veridian aus VVVVVV eingebaut - alle mit entsprechenden Fertigkeiten, die einem das Einsammeln bestimmter Bandagen erheblich erleichtern können. Steve kann etwa das gesamte Level durchbuddeln.
Aber nicht alle Charaktere lassen sich über Bandagen freischalten, manche muss man in Warp Zones erspielen. Das sind Nostalgie-Welten, die sich über Portale in einigen Leveln betreten lassen; da kommt dann auf einmal ganz Game Boy-typisch "TEAM MEAT" zweifarbig in die Mitte des Bildschirms runtergefahren und wir müssen Meat Boy oder Kollegen durch schöne Gelbstich-Welten steuern, oder wir dürfen feine 16-Bit-Pixelei bewundern. Auch die Intros zu den Kapitel sind astrein von Spielen des letzten Jahrzehnts abgekupfert und jeder, der einen NES sein eigen nennen durfte, wird spätestens bei der von Megaman 2 entliehenen Wolkenkratzer-Kamerafahrt feiern. Ich tat es!

Aber was macht Super Meat Boy nun gerade so anders, dass es nicht in Hölle 0, sondern Hölle 3 landet? Die Steuerung. Die ist sowieso immer der beste Indikator dafür, dass man eines der fiesesten, süchtigmachendsten Masocore-Games am Wickel hat, denn die muss makellos sein. Die muss perfekt sein, so dass der Spieler, wenn er mal wieder in unabsichtlich in die Klinge springt oder den Abgrund hinabfällt, sich immerzu selbst die Schuld gibt: "Das Spiel kann ja nichts dafür, das ist eben schwer und man sieht ja eindeutig, dass sich diese Passage schaffen lässt, da ist keine Magie dabei, ich habe halt nicht im richtigen Hundertstel auf die Sprungtaste gedrückt..."
Auf diese Weise hat der Schwierigkeitsgrad-Junkie stets das Gefühl, dass ihn das Spiel verhöhnt und jedes kleine Level, das mit einem A+ abgeschlossen wird, ist wie ein Geburtstag. Demnach hat Super Meat Boy über 300 Momente, in denen man sich wie der tollste Mensch auf der Welt fühlt, während andere Spiele in der Beziehung auch mal... gar nichts vorweisen.


Ich habe geflucht. Geflucht und geschrien und gegröhlt, geweint, gejubelt, gehisst, mich in seelischer Pein über den Boden gerollt und die Konsole ausgeschaltet, nur um sie fünf Sekunden danach wieder einzuschalten. Ich hatte stellenweise echt Angst, dass die Nachbarn bei all den gequälten "Nein! NEINNEINNEINNAAAAAAHAAAAAHAAAAAAAAIN!" die Polizei rufen, weil sie denken, hier würde jemand vergewaltigt werden. Dabei war ich kein einziges Mal frustriert, das ist ja gerade das wunderbare! Super Meat Boy ist ein fieses Spiel für Menschen, die's gewohnt sind, andererseits ist es aber auch so fair wie es nur sein kann. Mit Anstrengung und Konzentration kommt man weiter und die vielen freispielbaren Charaktere belohnen noch einmal extra. Ich kann Super Meat Boy jedem empfehlen, der ein Steuerkreuz bzw. WASD und zwei Tasten bedienen kann und 1200 MS-Points oder 14 Euro locker hat. Rian

Übrigens: Meat Boy als Flash-Version ist im Prinzip zwar wie Super Meat Boy, spielt sich aber im Detail wesentlich anders, um nicht zu sagen: Schlechter.

Kommentare

Haris
17. Februar 2011 um 21:24 Uhr (#1)
Ich durfte feststellen, dass Super Meat Boy gar nicht nur was für abgebrühte Core-Gamer ist. SushiCat spielt "Fleischmann" nämlich mittlerweile auch sehr gerne und hat bald sogar mehr Level als Rian geschafft!
Ben
17. Februar 2011 um 23:38 Uhr (#2)
Nicht schlecht! Ich schätze ich muss mich nachts mal in Rians Zimmer schleichen, um auf seiner Konsole heimlich mehr Level zu schaffen als er! :D
Rian
18. Februar 2011 um 00:41 Uhr (#3)
Pf, Kunststück - sie muss ja auch nicht irgendwelche PS3-Spiele spielen, weil sonst keiner eine PS3 hat!
Gast
31. März 2020 um 15:40 Uhr
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