Valkyria Chronicles

(Artikel)
Rian Voß, 29. Juli 2009

Valkyria Chronicles

Das Spiel, das ich nicht spielen durfte

"Deine Probleme möchte ich haben." - Dieser Satz enthält fünf Wörter und zehn Silben und beinhaltet glatt drei verschiedene Metren. Die Wortstellung ist Objekt-Prädikat-Subjekt, womit eine Ähnlichkeit vom Deutschen zu der Hixkaryana-Sprache hergestellt ist, und enthält neben einem Hilfsverb auch noch ein Possesivpronomen. Als halb-metaphorische, halb-elliptische Redewendung ist die logische Antwort "Dann nimm sie doch!" in der Regel nicht zulässig. Der Term wird häufig von neidischen Leuten benutzt, die ihr Leben nicht ganz so sehr in den Griff bekommen wie sie es gerne hätten. Und außerdem beschreibt es meine Beziehung zu Segas Valkyria Chronicles perfekt.

Aufgrund meiner längst erläuterten Unzulänglichkeit im Bereich der Echtzeit-Strategie dürstet es mich hin und wieder nach rundenbasierter Taktik, bei der ich zusammengehockt und mit Unmengen von Skizzen möglicher Schlachtpläne zugemalten Din A4-Blättern umgeben vor dem Bildschirm sitze und in der Agonie meiner computergenerierten Feinde bade, wenn meine gesamte Einheit überlebt, während mein Gegner stirbt, stirbt, STIRBT! Logisch überrannt, keine Chance auf ein Comeback, ungespitzt in den Boden gerammt und zu kleinen Stückchen zertreten! So lobe ich mir das. Und als Sega Neufutter dieses Genres für die PS3 ankündigte, musste ich aufhorchen. Ich konnte gar nicht anders. Habe VC sogar auf der Games Convention 2008 spielen dürfen und während ich äußerlich mein Steingesicht aufsetzte und versuchte, mich mit anderen Dingen beim Sega-Stand abzulenken (bei Samba de Amigo und dem Golden Axe-Remake war mein Vorhaben allerdings schon im Keim zum Scheitern verdammt), heulte ich mich innerlich maßgeblich zu. "Warum sieht es so gut aus?! T___T"

Nachdem Nex und ich uns dieses Jahr eine PS3 unter sehr, sehr dümmlichen Umständen zulegten, habe ich mir gleich neben Metal Gear Solid 4 das heißersehnte, in einer alternativen Realität zur Zeit des zweiten Weltkrieges spielende Valkyria Chronicles für 30 Öcken von der Spielegrotte geschnappt. HAH! FOOLS! Und meine Erwartungen/Befürchtungen wurden erfüllt: Es war weiterhin gut.

Ein Abriss über das Gameplay: Gespielt wird ein Mix aus Echtzeit- und Rundenstrategie. Zu Beginn jeder Runde bekommt man eine von den eingesetzten Charakteren abhängige Menge an Kommando-Punkten zugewiesen. Für jeden Kommando-Punkt, den man auf dem Kartenbildschirm (hier steht die Zeit still) ausgibt, kann man entweder eine Einheit bewegen oder Spezialfähigkeiten einsetzen - diese können auch mal zwei oder drei Punkte kosten, genau so wie ein Panzer zwei Punkte zum Bewegen braucht. Hat man eine Einheit ausgewählt, steuert man diese nun aus einer Schulterperspektive in Echtzeit, bis man den Zug beendet. Ausgenommen ist in diesem Fall das Zielen und schießen - sobald die Taste zum Anvisieren gedrückt ist, kann man sich wieder alle Zeit der Welt lassen, um dem Feind einen saftigen Headshot zu verpassen. Genauigkeit sowie Schaden ist dabei von vielerlei Faktoren abhängig, unter anderem der Klasse der Einheit (es gibt fünf an der Zahl plus Sondereinheiten wie Panzer), deren Stufe, ihrer Persönlichkeit und dem Fabrikat der Waffe. Ist die Waffe (oder das Heilmittel) einmal benutzt, kann der Charakter keine weitere Aktion unternehmen, für die er ein mitgeführtes Item aktiv benutzen muss - mal abgesehen vom Ingenieur, der zu jeder Zeit und beliebig oft fröhlich Minen entschärfen und Sandsäcke stapeln kann. Hat man noch Bewegungspunkte übrig, kann man noch ein bisschen herumlaufen, aber eigentlich nicht mehr wirklich was tun. Will man diese Einheit nun noch ein zweites oder drittes Mal steuern, weil sie grade so schön steht und ganz viele Feinde kaltmachen kann, dann geht das natürlich sofort, allerdings auf Kosten der Bewegungspunkte: Die reduzieren sich bei jeder wiederholten Einheitauswahl und regenerieren erst wieder vollständig, wenn der Feind einmal dran war.

So viel zum Grundlegenem. Pro Mission bekommt man ein Ziel, welches in den seltensten Fällen das typische "Töte alle Feinde!" darstellt, sondern stets einen gewissen Abwechslungsreichtum bietet. Mal muss ein riesiger Panzer mit Guerilla-Taktiken Stück für Stück auseinander genommen werden, mal muss man zwei verletzte Späher des nachts durch einen dunklen Wald lotsen und mal eine Brücke sprengen, um den darauf hin- und herfahrenden, zum Glück nicht amphibisch konstruierten Artilleriezug in den darunterliegenden Fluss zu stürzen. Überbrückt werden die Einsätze durch stimmige Zwischensequenzen, umfangreiches und doch gleichzeitig nicht kompliziertes Squad-Management, sowie einem ständig aktualisierenden Lexikon über die Welt, Waffen und die hundert Charaktere des Spiels (die alle mit eigenen Persönlichkeiten, Stimmen und Äußerlichkeiten versehen wurden - Booyah!).

Meine Liebe zu diesem Spiel entwickelte sich aber vor allem durch die atmosphärische Ähnlichkeit zu einem meiner Lieblings-Ost-Rollenspiele, Skies of Arcadia, welches ebenfalls von Sega seinerzeit für den Dreamcast und später als Skies of Arcadia: Legends für den Gamecube entwickelt wurde. Der Grafikstil, vor allem die Farbgebungen, sind sich höchst deckungsgleich, diese Mischmaschs aus realer Welt und fiktiver Technologie haben denselben Geschmack und die Tendenz zu starker Mimik seitens der Charaktere im Gesellschaft von einfachen Textboxen hat gleich veranlasst, dass ich mich wie zu Hause fühlte. Und, äh, das Fakt, dass die beiden Hauptcharaktere aus Skies of Arcadia, Vyse und Aika, cameo-mäßig als Soldaten der eigenen Einheit verwendet werden können, hat bestimmt auch noch seinen Teil gemacht.


Einen Valkyria Chronicles-Anime gibt's auch!
Ein schwieriger Part von Valkyria Chronicles ist die Story. Wie schon erwähnt spielt die Handlung zeitlich parallel zum zweiten Weltkrieg und rein zufälligerweise ist hier nun grade der Zweite Europäische Krieg ausgebrochen. Allein diese Thematik dürfte vielen schon ein wenig auf den Magen schlagen, hinzu kommt nun aber, dass der Grafikstil eher eine Auffassung von Krieg ähnlich wie Advance Wars vermuten lässt, wo man eigentlich gar nicht wirklich realisiert, dass da Soldaten sterben. Denn mit Pastellfarben ist man schließlich unsterblich! Ha-hah! Hah... Problem ist nun, dass gleich zu Beginn des Spiels sehr deutlich gezeigt wird, wie feindliche Soldaten unbewaffnete Zivilisten auf offener Straße erschießen. Zudem gibt es ein Äquivalent zu den bei uns lange verfolgten Juden, die Darcsen. Die Vertreter dieser "Rasse" von Mensch haben immer schwarz-blaue Haare und sind für eine Legende verhasst, bei der es heißt, sie hätten vor Jahrhunderten Massenvernichtungswaffen gezündet und ganze Regionen des Kontinents verwüstet. Ähnlich den heutigen zionistischen Angstgeschichten, die besagen, dass die Juden die Weltherrschaft an sich reißen wollen, glauben nun auch viele Charaktere im Spiel, dass die Darcsen die Welt zerstören werden. Im Laufe des Spiels bekommt man sogar Konzentrationslager zu Gesicht, in denen schwarzhaarige Menschen halbtot geschuftet werden - zwar kommt es nicht zu Exekutionen, aber dennoch nah an der tragischen Inspiration dran. Diese und ähnlich ernüchternde Szenen werden zwar von den Hauptcharakteren unmittelbar glaubwürdig verarbeitet, allerdings scheinen die Soldaten der Miliz Gallias (die Guten) irgendwo einen On-Off-Hebel für Glückseligkeit zu haben, denn keine zwei Minuten später wird wieder fröhlich im trauten Zusammensein gelacht und das Hauptaugenmerk wechselt schlagartig zu Hauptcharakter und Naivling Welkin Gunther und dessen wachsender, niedlicher Beziehung zu seiner Rangnächsten Alicia sowie deren geflügeltes Haustier-Schweinchen Hans, das mit lustigen "Moink, moink!"-Grunzern die Jüngeren unter den Zuschauern erfreut. ...Whaddafook?

In Ordnung, wie gesagt: Meistens wird das Thema des Krieges ordentlich behandelt, genau so wie die Sache mit den Darcsen oft zur Sprache kommt. Aber manchmal habe ich das Gefühl, dass da irgendwo im Sega-Team ein ehemaliger Dating-Sim-Entwickler herumwerkelt und ab und an einen wirklich unpassenden Schnitt einbaut. Wenn man schon ein Kriegsspiel machen möchte, wo die Soldaten nicht allesamt durch Depressionen und Schützengraben-Paranoia aufgefressen werden, dann sollte man zumindest stark darauf achten, dass leichtere, freiere Szenen genug Vorlauf ohne Mord und Totschlag haben, denn sonst haben sensiblere Spieler schnell das Gefühl, dass dort ein junger, schrecklicher Teil der menschlichen Geschichte durch den Kakao gezogen wird - was nun hoffentlich nicht die Absicht des Herstellers war.


BADADADADADADADA!
Trotz dieses recht herben Fauxpas, den man mit Zähneknirschen und einem halbwegs dicken Fell doch recht gut wegstecken kann, habe ich noch ein anderes Problem mit diesem Spiel: Ich bin süchtig. Die Missionen gehen lang, meist über eine Stunde, nach zehn Missionen ist noch bei weitem kein Ende in Sicht und ich habe schon aufgehört, mir das übliche "Nur noch fünf Minuten" zu denken, weil ich sowieso weiß, dass es eine LÜGE ist und ich einfach ganz ehrlich einsehen muss, dass ich noch eine weitere Stunde dranhängen werde. Diese Sucht ist so dermaßen gefährlich für mein Studium geworden, dass ich Nex dazu überredet habe, mir die PS3-Controller wegzunehmen. Das hat er auch umgehend gemacht. Mistkerl. Zu diesem Zeitpunkt befinden sich zwei PS3-Gamepads in Nex' Gewalt und sind irgendwo in seinem Zimmer an anscheinend wechselnden Orten versteckt. Ich habe schon versucht, einen der beiden zu finden, aber er kennt meine Suchgewohnheiten zu gut! Wahrscheinlich hat er sie in seinen Korb für dreckige Unterwäsche gesteckt, der Po! Denkt er etwa, das hält mich auf? NEIN! Morgen geht die Suche weiter. Holt euch Valkyria Chronicles. Rian

Kommentare

Bronko
29. Juli 2009 um 11:17 Uhr (#1)
Sieht echt mal spannend aus! Wie ist es mit Multiplayer? Hab ich das überlesen? XDD
Rian
29. Juli 2009 um 22:23 Uhr (#2)
Leider kein Multiplayer vorhanden. Hm, könnte man eigentlich noch haben.
Rian
05. März 2010 um 21:47 Uhr (#3)
Den PS3-Controller hat Nex übrigens so gut versteckt, der ist bis jetzt immer noch nicht wieder aufgetaucht und er hat vergessen, wo das Ding hin ist.
Ben
06. März 2010 um 15:57 Uhr (#4)
Hab ihn wiedergefunden, liegt beid er PS3 :P
Ayu
Gast
13. Juli 2011 um 19:13 Uhr (#5)
Ich finde nicht das die Geschichte von Valkyria Chronicles schlecht erzählt wird. Das Leute mal gut drauf sind und mal schlecht ist ein natürlicher Teil der menschlichen Natur, wie Du schon selbst sagst man kann nicht immer Paranoja schieben, vor allem wenn man in einer gut eingespielten Einheit ist. Das Spiel will keineswegs etwas durch den Dreck ziehen, sondern einem nebst dem Schrecken des Krieges auch die (positive) Menschliche Seite der Individuen vor Augen halten. Was im Spiel völlig Fehl am Platz ist, ist tatsächlich das geflügelte Ferkel, das 0 Plotrelevanz hat, das gebe ich zu. Der Rest, Romanze, Drama, etc ist perfekt.
Rian
14. Juli 2011 um 00:22 Uhr (#6)
Ich habe nicht gesagt, dass ich die Geschichte schlecht erzählt finde oder definitiv Krieg durch den Kakao gezogen wird, sondern eher dass man mit der grafischen und teilweise leichtherzigen Interpretation schnell Leuten auf den Schlips treten kann, bei denen ich es verstehen kann, falls sie Valkyria Chronicles so ansehen. Ich persönlich habe nicht viel gegen den Stil des Spiels, ich mag auch Advance Wars vor Days of Ruin, und es ist definitiv eine gültige Sache, wenn die Hauptcharaktere nicht von allen sie umgebenden Tragödien zerfressen werden und auch Kraft schöpfen können, aber (und entschuldige, falls mir doch ein Beispiel entfallen ist, ich habe das Spiel seit gut zwei Jahren nicht mehr angefasst) man sollte bei einem großen Verlust doch die Hauptcharakteren ansehen können, dass es sie längere Zeit berührt als bis zum Anfang der nächsten Mission. Niemand mag es in Serien, wenn ein Charakter einen totalen Zusammenbruch erleidet und über mehrere Staffeln nur noch depressiv ist, aber das Gegenteil, nämlich dass die Charaktere allein durch ihren Teamgeist und nicht durch die Verluste geprägt werden, ist einfach nur widernatürlich.
Gast
17. Februar 2026 um 04:04 Uhr
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