Marvel's Avengers Review

(Artikel)
Benjamin Strobel, 14. September 2020

Marvel's Avengers Review

Destiny für Marvel-Fans

Die Sache mit Marvel's Avengers ist, dass wir lange Zeit nicht so genau wussten, was für ein Spiel das eigentlich ist. Irgendwas mit Action und Superhelden, nicht wahr? Erst als der Launch mit großen Schritten näher kam, verdichteten sich die Informationen: Marvel's Avengers von Crystal Dynamics, das ist so etwas die Destiny für Marvel-Fans. Es gibt eine große Kampagne und dann gibt es noch jede Menge Online-Multiplayer. Ob die Rechnung aufgeht, lest ihr hier.

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Bild: Crystal Dynamic / Square Enix

Marvel's Avengers macht viele Dinge - und eine Menge davon ziemlich gut. Aber eines ist klar: es ist das Kind zweier Welten. Die eine Welt ist ein episches Singleplayer-Spiel mit einer kinoreifen Inszenierung, die andere ein Online-Multiplayer-Service-Spiel mit Lootkisten, täglichen Missionen und Battle Passes. Crystal Dynamics führt diese Welten zusammen: Die Kampagne ist ein packender Spieleinstieg und könnte ebensogut ein eigenes Spiel rechtfertigen. Der Online-Multiplayer-Modus ist ein fortlaufendes Postgame mit immer neuen Missionen und Aufgaben - so wie wir es aus Spielen wie The Division und Destiny mittlerweile ganz gut kennen. Schon während der Kampagne könnt ihr zu einigen Missionen Freunde oder Fremde einladen, die euch unterstützen. Andersherum könnt ihr im Postgame auch allein spielen, obwohl es sichtlich darauf ausgelegt ist, online die Avengers zu versammeln. Die Übergänge sind fließend.

Ob ihr allein spielt oder gemeinsam mit anderen, Marvel's Avengers ist ein actionreiches Beat ‘em Up mit seichten Rollenspiel-Mechaniken. Ihr könnt eine Superheldin oder einen Superhelden auswählen, euch durch Horden von Feinden prügeln, neue Ausrüstung finden und Erfahrungspunkte verdienen, für die ihr Level aufsteigt und Skillpunkte freischaltet.

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Bild: Crystal Dynamic / Square Enix

Die Kampagne
Der erste Kontakt in die Spielwelt von Marvel's Avengers ist die Kampagne. Mit 10-15 Stunden Spielzeit ist die Geschichte mehr als eine Zugabe zum Multiplayer, sondern könnte auch für sich stehen. Und das Beste: die Kampagne ist ziemlich gelungen.

Die visuelle Qualität ist hoch, die Sprecherinnen und Sprecher sind hervorragend, die Gesichter der Spielfiguren sind überzeugend und die Erzählung kann mit den unterhaltsamen Actionfilmen aus dem Kino gut mithalten. Die audiovisuelle Ästhetik des Spiels orientiert sich an den erfolgreichen Kinofilmen der Marvel Studios, gewinnt durch sichtbare Einflüsse aus den Comicreihen aber auch an eigener Identität, die es von der Filmreihe ausreichend abhebt.

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Bild: Crystal Dynamic / Square Enix

Die Action ist gehobener Standard im Kontext des Genres: Ihr könnt Tastenkombinationen für Angriffe geschickt verbinden, bekommt sehr angenehmes und befriedigendes Treffer-Feedback und könnt dadurch so richtig in die Haut eurer liebsten Heldinnen und Helden schlüpfen. Jeder Avenger spielt sich ein bisschen anders, bringt bekannte Super-Fähigkeiten mit und hat eigene Stärken und Schwächen. Ausrüstungsgegenstände, die ihr in Lootkisten finden oder von besiegten Feinden erhalten könnt, ermöglichen darüber hinaus eine Individualisierung der Spielfigur, um Stärken weiter auszubauen oder Schwächen zu kompensieren.

All diese Dinge bewegen sich im Bereich der Pflichten für ein AAA-Spiel. Was die Kampagne von Marvel's Avengers über den Durchschnitt hebt, sind das hervorragende Pacing und die charmante Erzählperspektive, die sich mitunter etwas von Life is Strange geborgt hat.

Auch wenn wir im Laufe der Geschichte verschiedene Avenger spielen - Hulk, Iron Man, Thor, Black Widow und Captain America - hält eine andere Figur das Geschehen gut zusammen. Wir erleben die Geschichte nämlich durch die Augen von Kamala Khan, die vom Avengers-Fangirl zur Superheldin Ms. Marvel wird - übrigens ohne dass ein geliebter Mensch dafür sterben muss. Die Perspektive des Teenager-Mädchens ist erfrischend und charmant, auch wenn ihr eigener Fandom für die Avengers die Grenze zum Cringe manchmal sprengt. Aber das ist zugleich ein genialer Kniff. Denn als Spielerinnen und Spieler teilen wir diese Perspektive mit Kamala - wir kommen als Fans, Comic-Leserinnen oder Kinogänger zu diesem Spiel und können uns in ihrer kindlichen Freude über die Avengers selbst wiederfinden. Und schließlich können wir gemeinsam mit ihr die Transformation zu Superheldinnen und Superhelden vollziehen.

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Bild: Crystal Dynamic / Square Enix

Wir starten das Spiel auf einer Avengers-Convention - Kamala ist in der engeren Auswahl für den Fan-Fiction-Contest und durchstöbert das Event nach Comics und Merch. Dabei trifft sie auch zum ersten Mal auf ihre Idole, die Avengers. Überraschend spielt sich der Einstieg wie eine Passage aus Life is Strange: wir steuern Kamala über das Convention-Gelände, sprechen mit anderen Figuren und untersuchen die Umgebung nach interessanten Dingen, die von dem Mädchen ausführlich kommentiert werden. Das Environmental Storytelling ist auf diesem Wege sehr persönlich und charmant. Glücklicherweise bleibt diese Idee keine Insel am Anfang des Spiels, sondern wird im weiteren Verlauf immer wieder aufgegriffen. Wie Max in Life in Strange wühlt sich auch Kamala durch die persönlichen Gegenstände ihrer Kollegen - nur dass sie diesmal Tony Stark, Bruce Banner und Natasha Romanoff heißen.

Diese ruhigen und explorativen Passagen in der Kampagne sorgen im Wechsel mit den actionreichen Missionen nicht nur für ein angenehmes Pacing und abwechslungsreiches Spieldesign, sondern geben dem Geschehen ausreichend Kontext, um der Action mehr Gewicht zu verleihen als das typische Prügelspiel sonst vorweisen kann. Im Kontext von digitalen Spielen ist auch positiv hervorzuheben, dass Konflikte zwischen den Figuren nicht durch fremde Mächte und rote Augen motiviert werden (wie die Injustice-Reihe es bis zur Ermüdung wiederholt), sondern durch zwischenmenschliche, emotionale und persönliche Aspekte, die aus den Figuren heraus entwickelt werden.

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Bild: Crystal Dynamic / Square Enix

Der Online-Multiplayer
Die größte Karotte hält Marvel's Avengers uns im Online-Multiplayer vor die Nase. Hier kann man zusätzliche, immer neue und noch schwierigere Missionen spielen. So kann man die Lieblingsfiguren weiter leveln und mit neuer Ausrüstung verstärken.

Die zahlreichen Skins im Spiel greifen auf bunte Jahrzehnte von Marvel-Comics zurück, sind aber eine rein optische Aufwertung. Ausrüstungsgegenstände sind optisch hingegen unsichtbar und dienen ausschließlich dazu, eure Figur stärker zu machen und ihr zusätzliche Boni zu geben. So könnt ihr für Iron-Man beispielsweise neue Handschuhe finden, die seinen Repulsor-Angriffen zusätzlichen Feuerschaden verleihen. Beim Hulk, der bekanntlich nichts außer einer Stretchy Jeans trägt, muss hingegen der ganzen Brustkorb ausgetauscht werden, was zugegebenermaßen etwas drastisch wirkt. Hier kollidiert das Spielsystem mit der Fiktion des Spiels, aber die ludonarrative Dissonanz lässt sich im Alltag des kooperativen Multiplayer-Spiels schnell auflösen. Wichtiger als die Fiktion sind im Postgame die Spielmechaniken und die soziale Komponente im kooperativen Multiplayer-Modus.

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Bild: Crystal Dynamic / Square Enix, Screenshot: GameMaker's Toolkit

So muss das Storytelling für die generischen Mehrspieler-Missionen erstmal wieder einen Schritt zurücktreten. Das abwechslungsreiche Missionsdesign und angenehme Pacing müssen hier einer vergleichsweisen eintönigen Aneinanderreihung von Superhelden-Prügelei weichen. Das wird von der sozialen Komponente ganz gut aufgefangen, wirkt zum Launch insgesamt aber wie der schwächere Teil des Spiels. Neue Figuren, Storylines und Missionsreihen sollen zukünftig mehr Abwechslung ins Spiel bringen. An dieser Front wird sich Marvel's Avengers in den nächsten Monaten, vielleicht Jahren, noch beweisen müssen. Die nächste Spielfigur ist bereits angekündigt: Hawkeye soll die Avengers noch dieses Jahr verstärken und bringt auch eine eigene Storyline mit. Anfang 2021 soll dann - zunächst exklusiv auf der Playstation - Spider-Man den Roster erweitern.

Fazit
Marvel's Avengers ist ein unterhaltsames Action-Spiel, das vor allem in seiner Singleplayer-Kampagne richtig aufblüht. Eine abwechslungsreiche Erzählstruktur und gutes Pacing geben dem Geschehen Gewicht und motivieren bis zu den Credits. Im Postgame soll der kooperative Online-Multiplayer uns langfristig bei Laune halten, muss sich in den nächsten Monaten aber noch beweisen.

Marvel's Avengers wurde auf der PS4 getestet. Ein Testmuster wurde uns von Square Enix zur Verfügung gestellt.

Marvel's Avengers

(Ranking)
A
RANK
Reife Leistung. A-Spiele machen alles richtig oder sind nah dran. Kleine Schwächen werden durch Stärken mehr als wett gemacht. Das ist Spieldesign auf hohem Niveau.

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20. Oktober 2020 um 08:46 Uhr
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04. September 2020
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