Das Monado ruft (erneut)

(Artikel)
Torsten Ingendoh, 25. Juni 2020

Das Monado ruft (erneut)

Xenoblade Chronicles Definitive Edition Review

Xenoblade Chronicles war ein echtes Überraschungsspiel für mich, als es 2011 auf der Wii erschien. Damals schaffte die Fan-Kampagne "Operation Rainfall" es erfolgreich, Nintendo davon zu überzeugen, drei japanische Rollenspiele im Westen zu veröffentlichen, darunter auch Xenoblade.

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Das ungewöhnliche Spiel machte mich neugierig, also ging ich in die nächste Videothek und lieh es mir aus (ja, sowas hat man vor zehn Jahren noch gemacht). Das war der kürzeste Verleih meines Lebens, da ich im Handumdrehen überzeugt war und mir das Spiel sogleich selbst kaufte. Fast 10 Jahre später ist das legendäre JRPG nun mit aufgepeppter Grafik auf der Switch erschienen. In der Zwischenzeit hat es an Charme kaum eingebüßt.

Bionis, Mechonis und das Monado
Das Setting hatte mich schon damals überzeugt: In einem endlosen Meer liefern sich zwei Titanen einen großen Kampf. Auf der einen Seite Bionis, Titan der Natur, und auf der anderen Seite Mechonis, Titan der Maschinen. Beide sind in ihrer Kraft ebenbürtig und so endet der Kampf, wie er enden muss: Beide versetzten sich gegenseitig den Todesstoß. Doch jedes Ende ist auch ein Anfang und so gedeihte auf den Körpern der Titanen neues Leben: Auf der einen Seite die humanoiden Homs, auf der anderen Seite die mechanischen Mechon, die das Leben der Homs ständig bedrohen. Mittlerweile haben die Bewohner des Bionis aber einen kleinen Vorteil: Das Monado, ein mächtiges Schwert, das Mechon mühelos zerstören kann. Wir schlüpfen schließlich in die Rolle von Shulk, der als einer von wenigen das Schwert kontrollieren kann. Seine Reise beginnt als Rachefeldzug gegen den Mechon Metal Face und wird später zu einer Schicksalsschlacht für die gesamte Welt.

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Die Geschichte ist gut erzählt, voller unterhaltsamer Figuren mit interessanten Facetten und gut inszenierten Überraschungen. Auch zehn Jahre später fühle ich mich sehr gut unterhalten. Es gibt mehr Polygone, detailliertere Texturen und einem neu gemischten Soundtrack, der Rest ist beinahe wie im Original. Aber nur beinahe.

Rein in die Komfortzone
Die Definitive Edition für Nintendo Switch bringt ein paar überfällige Komfortfunktionen ins Spiel. So weisen kleine Ausrufezeichen im Kampf darauf hin, ob eine Attacke gerade die Bedingungen für zusätzliche Effekte erfüllt. Manchmal muss man der richtigen Position stehen oder einen Gegner schon geschwächt haben. Und wenn starke Angriffe auf eure Figuren bevorstehen, zeigen Ausrufezeichen ebenfalls an, welche Spezialfähigkeit des Monado in der jeweiligen Situation hilfreich ist.

Die wohl beste Änderung findet sich im Questlog. Zunächst ist es direkt mit einer Taste aufrufbar und dort lassen sich sogar einzelne Quests als aktiv markieren. Und hier kommt der Komfort: Alle Ziele einer aktiven Quest werden auf der Minimap markiert. Ihr müsst drei verschiedene Sammelgegenstände finden? Kein Problem, euch wird mit blauen Ausrufezeichen angezeigt wo sie zu finden sind. So es nicht mehr notwendig, Guides im Internet zu durchstöbern, um zu erfahren, in welchem Areal man suchen muss. Selbiges gilt auch für Gegner: das Spiel zeigt euch an, wo ihr die Monster findet, die ihr besiegen sollt. Inaktive Questgegenstände und Gegner werden in der Nähe weiterhin mit roten Ausrufezeichen markiert.

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Mit dem neuen Komfort werden allerdings auch die Schwächen im Questdesign mehr als deutlich. Viele von ihnen bestehen aus einfachen Sammel- oder Kill-Aufgaben, was ansich nichts Schlimmes ist. Immerhin wird mit dem letzten Kill und dem letzten gesammelten Objekt die Quest automatisch beendet und man kriegt seine Belohnungen. Da aber das Questen so viel leichter ist, habe ich mir auch mal die Mühe gemacht, alle Aufgaben abzuarbeiten. Ungelogen, eine Questreihe in Alcamoth besteht daraus, drei mal zwischen zwei NPC Gruppen hin und her zu laufen. Ich bin recht schnell dazu übergegangen, die Questdialoge einfach zu überspringen. Und ehrlich gesagt ist es das nicht wirklich wert, außer man möchte total überlevelt das Spiel beenden. Dabei sind nicht alle Dialoge zwangsweise schlecht. Aber Xenoblade Chronicles hat einfach zu viele davon und dann noch ein paar mehr. Oft ist man besser beraten, die Nebenaufgaben nicht aktiv zu verfolgen.

Weitere angenehme Änderungen beinhalten die Möglichkeit durch Halten der L-Taste nicht mehr benötigte Items im Schnelldurchlauf zu verkaufen und die Option, den Look der Figuren unabhängig von der Ausrüstung zu verändern. Euer Klamotten sehen aus wie ein Kessel Buntes der nicht zusammenpasst? Wählt im Ausrüstungsbildschirm einfach das Aussehen von einer anderen Rüstung aus. Ihr könnt jeden Look auswählen, den ihr als Item bereits gefunden habt. Und wenn ihr den Future Connected Bonus-Content beendet habt, könnt ihr sogar die neuen Sets als Rüstung wählen. Und ja, ihr könnt alle Figuren in Badekleidung rumlaufen lassen, auch wenn sie in Wahrheit eine schwere Rüstung tragen.

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Xenoblade Chronicles beweist auch im Remake, warum es von Fans so sehr geliebt wird. Die Story ist episch und wird mit viel Herz erzählt, getragen von den Charakteren. Shulk ist ein wunderbarer Protagonist, seine Motivation am Anfang ist klar und er versucht auch gar nicht zu verbergen, dass es ihm um Rache geht. Und jeder Mitstreiter hat einen glaubhaften Grund sich ihm anzuschließen. Das Setting ist erfrischend anders mit seinen zwei Titanen, auf denen Leben gedeiht, was sich in den wirklich traumhaften Arealen widerspiegelt. Dazu ein eingängiges Kampfsystem, in dem sich jede Figur doch etwas anders spielt und welches genügend Platz für Optimierungen bietet, sofern man das möchte. Ich liebte jede Minute in diesem Spiel und das hat sich im Remake nicht geändert.

Neue Story: Future Connected
Für mich als Fan stellte sich die Frage, ob das Remake einige Änderungen vornimmt, um basierend auf dem Ende von Xenoblade Chronicles 2 die Verbindung zwischen beiden Spielen stärker herzustellen. Dem ist allerdings nicht so. Mir ist lediglich ein Detail aufgefallen, welches für den Nachfolger geändert wurde: Eine Figur hat ein neues Halsband bekommen, wodurch zugleich eine Theorie zum zweiten Teil quasi bestätigt wurde. Der Rest ist unverändert, vermutlich auch weil nichts neu vertont wurde und man einiges an Dialog hätte anpassen müssen. Daher lagen meine Hoffnungen eher bei Future Connected, der neuen Bonus-Story im Remake.

Mit Future Connected wird die Geschichte von Xenoblade Chronicles weitererzählt - und mehr Xenoblade ist ja nie verkehrt! Glücklicherweise muss man nicht erst das Hauptspiel beenden um die neue Story spielen zu dürfen (sollte man aber, wenn man das Spiel noch nicht kennt). Wie der Torna-DLC für Xenoblade Chronicles 2 ist Future Connected sein eigenes Ding. Und… ich habe etwas zu meckern, so viel vorweg.

Es folgen kleine Spoiler für die Story von Future Connected

Ein Jahr nach dem Ende von Xenoblade Chronicles begeben sich Shulk und Melia mit dem fliegenden Schiff Junks auf die Suche nach Alcamoth, Hauptstadt der High Entia. Dabei finden sie die Überbleibsel der Schulter des Bionis und einen mysteriösen Spalt im Himmel. Und aus dieser schießt ein Energiestrahl heraus, der die Junks schwer beschädigt und somit die beiden zu einer Notlandung zwingt. Nun geht es darum, herauszufinden, was es damit auf sich hat.

Spielerisch ändert Future Connected nicht viel. Das Kampfsystem ist fast identisch, nur anstatt einen Kettenangriff auszulösen muss man erst Nopon-Kundschafter finden, welche dann einen von drei möglichen Angriffen starten. Skill-Links fallen weg und die Gruppe aus Shulk und Melia wird durch zwei von Riki’s Kindern ersetzt, Nene und Kino. Nene übernimmt dabei die Rolle des Tanks (ähnlich zu Reyn), während Kino ein Support (ähnlich zu Sharla) ist. Man muss daher die Strategien kaum verändern, was zwar bequem, aber auch etwas langweilig ist.

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Da also in Sachen Gameplay nichts Neues geliefert wird, muss dieser Bonus-Content mit seiner Story und Präsentation überzeugen. Und genau da liegt das Problem: Es reicht nicht an die Qualität des Hauptspiels heran und ich fühle mich ehrlich gesagt ziemlich an der Nase herumgeführt. Wer keine Spoiler will, möge jetzt einfach zum Fazit übergehen.

Es folgen größere Spoiler für die Story von Future Connected

Gegen Ende von Xenoblade Chronicles 2 wird eine klare Verbindung zwischen Teil 1 und 2 hergestellt und im Abspann sieht man eine Sequenz die vermuten lässt, dass die Titanen aus Teil zwei zur Welt aus Teil eins reisen. In Future Connected öffnet sich ein Riss im Himmel, vielleicht ein Überbleibsel aus dem Abspann von Teil zwei? Und dann ist da noch der Name "Future Connected". Klar, oder? Aber nein, mit Xenoblade Chronicles 2 hat das Ganze rein gar nichts zu tun.

Was man stattdessen bekommt, ist eine eher halbgare Story, die mich nicht vom Hockerhauen konnte. In Alcamoth hat sich ein Monster mit dem lahmen Namen “Der Nebelkönig” eingenistet und der bezieht seine Macht aus diesem Riss im Himmel. Diesen gilt es zu besiegen, damit die Stadt zurückerobert wird. Auf dem Weg dahin gibt es keine großen Überraschungen.

So lernt man früh einen Charakter kennen, bei dem mir sofort klar war, dass er ein Antagonist wird, was sich kurze Zeit später auch bestätigte. Einen Story-Kampf später war’s das auch schon wieder mit ihm. Der Typ ist einfach nur eine Zeitverschwendung. Genau wie der Nebelkönig. Er ist da, er ist gefährlich, er wird besiegt und das wars. Wer ist er? Woher kommt er? Was ist seine Verbindung zu diesem Riss? Und was ist das überhaupt für ein Riss? Ich habe keinen Plan und das Spiel verrät es auch nicht.

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Fazit
Die Definitive Edition ist zweifelsohne der beste Weg dieses großartige Spiel zu erleben. Auch nach zehn Jahren zähle ich das Spiel immer noch zu den besten JRPGs aller Zeiten. Die Story ist gut erzählt mit einigen Wendungen, die nicht immer vorhersehbar sind. Die Figuren sind sympathisch und das Kampfsystem ist eingängig genug, um Anfänger nicht zu überfordern aber ausreichend komplex, um viel Raum für Strategie zu bieten. Leider kann Future Connected nicht so ganz mithalten, aber der Schaden hält sich in Grenzen. Wer noch nicht mit Shulk das Monado geschwungen hat: jetzt ist die beste Zeit dafür.

Xenoblade Chronicles - Defintive Edition wurde auf der Nintendo Switch getestet. Für den Test hat sich der Redakteur das Spiel selbst gekauft.

Xenoblade Chronicles - Definitve Edition

(Ranking)
S
RANK
Herausragend. S-Spiele erweitern Horizonte. Sie bieten intensive Erlebnisse oder halten den Spieler noch lange am Bildschirm gefesselt. Selbst wenn man sie nicht jedem empfehlen kann, will man doch mit jedem über sie reden.

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12. Juli 2020 um 07:51 Uhr
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RELEASE
29. Mai 2020
PLATTFORM
Nintendo Switch
Plattform - Hybrid aus Konsole und Handheld. Unter dem Codenamen Nintendo NX angekündigt, ist die Nintendo Switch im März 2017 weltweit erschienen.

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