Man of Medan Review

(Artikel)
Benjamin Strobel, 06. September 2019

Man of Medan Review

Der Horror-Filmabend zum Mitspielen

Die Handlung in Horrorfilmen könnte so glimpflich verlaufen: Bliebe die Gruppe doch nur zusammen anstatt sich zu trennen! Rissen sich die Leute doch nur zusammen, anstatt sich kindisch zu zerstreiten! Zögen nur alle an einem Strang, kämen sie mit Leben davon - oder? Warum das nicht so leicht ist und wie ein Horrorfilm als Spiel funktionieren kann, zeigt Man of Medan.

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Auftakt der Horror-Anthologie
Man of Medan ist ein narratives Horrorspiel und der erste Eintrag in der neuen Anthologie-Reihe The Dark Pictures von Supermassive Games. Damit schlägt das Studio in eine Kerbe, die sie 2015 mit Until Dawn selbst etabliert haben. Auch Man of Medan kann man sich als Horrorfilm zum Mitspielen vorstellen oder, etwas zu zynischer, als Dying Simulator. Denn jede Figur kann, wenn man sich schlecht anstellt, im Spielverlauf sterben - oder überleben, wenn man sich gut anstellt. Zwar ist es durchaus schwieriger, alle Figuren bis zum Ende durchzubringen, aber das Spiel lässt in Form seines Erzählers durchscheinen, dass ein Suicide-Run durchaus eine legitime Spielweise sein kann. Auch der typische Horrorfilm, der hier die Blaupause stellt, entfaltet seinen Reiz mitunter schließlich dadurch, dass schlimme Dinge passieren.

Die erste Geschichte der Horror-Anthologie verschlägt uns in den Südpazifik. Die Brüder Alex und Brad, Brads Freundin Julia sowie ihr Bruder wollen nach versunkenen Schiffen und Schätzen tauchen. An Bord der Duke of Milan unter Kapitänin "Fliss" geht es zunächst auf Unterwasser-Expedition. Allerdings kommt es zum Zwischenfall und die Gruppe findet sich auf einem Geisterschiff wieder - der Horror kann beginnen.

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Ein Horrorfilm zum Mitspielen
Die Inszenierung des Spiels ist äußerst filmisch. Es erinnert mit seinen festen Kameraperspektiven und langsamer Bewegung durch schmale Gänge und beengte Räume an das Original Resident Evil. Wie in Shinji Mikamis Survival-Horror nimmt die kinematografische Dramaturgie großen Raum bei der Inszenierung ein. Third-Person-Verfolgerperspektiven, die für die visuelle Ästhetik von digitalen Spielen sonst typisch sind, findet man hier nicht. Stattdessen arbeitet das Spiel mit Schnitten, etwa wenn man Räume betritt oder den Rand des Bildschirms erreicht, und inszeniert mit verwinkelten Kamerapositionen und schiefen Perspektiven eine im Wortsinn entrückte Welt. Dabei bedient sich Man of Medan mit Beobachterperspektiven, beispielsweise durch Fenster und aus dem Wasser heraus, insbesondere der visuellen Konventionen des Horror-Genrekinos. Die ausgesprochen hochwertige Grafik wie auch das Performance-Capturing der Schauspielerinnen und Schauspieler veredeln den Eindruck des Filmischen mit hochwertiger Technik.

Den Spielerinnen und Spielern bleibt dabei im Wortsinn nur wenig Handlungsspielraum. Man sollte sich unter Man of Medan keinesfalls ein Actionspiel vorstellen, dann würde man enttäuscht. Man könnte argumentieren, Man of Medan scheitere als Spiel, weil es überwiegend filmisch funktioniert. Aber das verkannte den Anspruch und die Idee des Spiels als interaktiver Horrofilm.

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Komplexe Konsequenzen
Nimmt man Man of Medan für das, was es ist, findet man eine Horrorgeschichte, gestützt durch seichte Spielmechaniken. Jeder Spielabschnitt besteht im Wesentlichen aus drei Elementen: Exploration, Dialog und Quick-Time-Events. Aber kein einzelnes davon entscheidet allein über den Her- und Ausgang der Geschichte. Dokumente und andere Hinweise, die man bei der Erkundung auffinden kann, geben wichtige Informationen Preis, die über Leben und Tod entscheiden können. Liest man aufmerksam und achtet auf die Umgebung, ist man in der entscheidenden Situation womöglich besser vorbereitet. Oft muss man in Dialogen die richtigen Reaktionen auswählen und passenden Entscheidungen treffen. Das kann übrigens auch beinhalten, den Mund zu halten und mal nichts zu tun. Dasselbe gilt für Quick-Time-Events: oft ist es offensichtlich lebensnotwendig, eine Aktion nicht in den Sand zu setzen, doch in fast allen Situationen geht das Spiel irgendwie weiter, auch wenn man scheitert. Es kann aber passieren, dass man sich verletzt oder ein Item verliert, das in einer zukünftigen Situation wichtig gewesen wäre.

Das Zusammenspiel verschiedener Elemente macht die erzählerischen Konsequenzen mitunter sehr komplex - oder erscheint zumindest so. Nicht immer ist es das eine falsche Wort oder der eine Fehltritt, der einer Figur zum Verhängnis wird. Viel eher kumulieren sich Fehler oder nehmen erst später an ganz anderer Stelle eine tragische Wendung. Damit Konsequenzen aber nicht zu unvorhergesehen eintreten und frustrieren, hält Man of Medan eine Reihe von Vorahnungen bereit, die man wie Collectibles in Gemälden finden kann. Einige davon künden Gefahren an, andere deuten auf sichere Ausgänge hin. Oft erschließt sich erst in der jeweiligen Szene, was zu tun ist, aber der kleine Stoß in die richtige Richtung kam für mich oft genau richtig, um Schlimmeres zu verhindern.

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Filmabend!?
Mit 4-5 Stunden hat Man of Medan eine überschaubare Spieldauer, lädt durch Verzweigungen aber zum Wiederspielen ein. Insbesondere, wer alle Figuren bis zum Ende durchbringen will, braucht womöglich mehr als einen Anlauf.

Zum Glück muss man das nicht allein tun. Online oder - noch besser - mit bis zu fünf Personen auf der Couch kann man Man of Medan im Filmabend-Modus spielen. Hier übernimmt jede Person den Part einer bestimmten Figur und darf deren Entscheidungen autonom treffen - das kann auch bedeuten, die anderen im Stich zu lassen - oder sogar aktiv zu sabotieren. Wer neue Wege sucht, sich mit Freundinnen und Freunden aufs Köstlichste zu zerstreiten, findet in Man of Medan das perfekte Spiel.

Fazit
Man of Medan ist ein Horrorfilm zum Mitspielen. Der innovative Multiplayer-Modus ist womöglich die beste Übertragung des Horrorfilms in ein digitales Spiel, die es bislang gegeben hat. Anstatt einer Hand, die das Schicksal aller lenkt, sind alle sich selbst am nächsten. Und dann ist es genau wie im Horrorkino: würden alle gut zusammenarbeiten, kämen sie wohl mit dem Leben davon. Meistens ist das aber nicht der Fall.

The Dark Pictures: Man of Medan wurde auf der Xbox One X getestet. Ein Testmuster wurde uns von Namco Bandai zur Verfügung gestellt.

The Dark Pictures: Man of Medan

(Ranking)
A
RANK
Reife Leistung. A-Spiele machen alles richtig oder sind nah dran. Kleine Schwächen werden durch Stärken mehr als wett gemacht. Das ist Spieldesign auf hohem Niveau.

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13. November 2019 um 11:48 Uhr
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