Life is Strange 2 - Erste Episode im Test

(Artikel)
Merle B., 28. September 2018

Life is Strange 2 - Erste Episode im Test

Mut zum Politischen

Über drei Jahre ist es her, dass wir mit Max und Chloe Unheil in Arcadia Bay stiften und verhindern durften. Mit Life is Strange 2 erzählt Dontnod nun ein weiteres Abenteuer – mit neuem Setting, neuen Hauptfiguren und vor allem keiner Scheu vor Realitätsbezügen.

Zurück auf Anfang
Man will es kaum glauben, doch das Herz des ersten Life is Strange waren nicht bloß seine Figuren. So sympathisch man Max Caulfield fand und so intensiv die positiven wie negativen Fan-Reaktionen auf Chloe auch waren – die Quintessenz des Spiels war immer der empathische und figurennahe Erzählstil. Was das Spiel auszeichnete, war eine aufrichtig neugierige Perspektive auf die Leben junger Menschen. Insofern ist es gar nicht verwunderlich, dass der zweite Teil der Reihe uns mit neuen Protagonisten konfrontiert, statt auf längst zu Ende erzählten Geschichten rumzureiten.

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Sean Diaz ist 16 und lebt mit seinem alleinerziehenden Vater und seinem kleinen Bruder Daniel zusammen. Seine Familie bedeutet ihm viel, aber manchmal findet er sie peinlich. Er mag seine Freunde, das Zeichnen und das Kiffen. Er ist verliebt und dabei etwas unbeholfen. Kurz: er ist ein Teenager. Genau so fühlen sich auch die Entscheidungen an, die man in gewohnter Life-is-Strange-Manier zu Beginn des Spiels für den 16-Jährigen treffen muss. Während wir uns durch liebevoll gestaltete Zimmer klicken und die Familie Diaz so kennenlernen, stehen wir zwischendurch vor den wichtigen Fragen des Lebens: Kommentiere ich das neue Profilbild meines Schwarms? Lüge ich meinen Vater an oder sage ich ihm die Wahrheit? Bringe ich Limo oder Bier mit zur Party? Young Adult Themen haben die Leute von Dontnod drauf wie sonst kaum jemand in der Spieleindustrie und mal wieder ist man hochgradig investiert in die Alltagskonflikte junger Menschen. Das Spiel liefert genau das, was man von ihm erwartet.

Doch mit einem Mal wird das Teenie-Drama von einer größeren, ernsteren Geschichte verschlungen: als ein Konflikt zwischen Sean und dem Nachbarsjungen eskaliert und unter Einwirken von Polizeigewalt in einem tragischen Unfall übernatürlicher Natur endet, sieht sich Sean gezwungen, zusammen mit seinem kleinen Bruder vor den Behörden zu fliehen. Wohin? Egal. Wie lange? Für immer. Auf dieser Verzweiflungsmission, die sich als der wahre Plot des Spiels entpuppt, begleiten wir die beiden Jungen und erleben, wie sich die Dynamik der Brüder in zunehmend gefährlichen Situationen entwickelt.

Die Reise, auf die man sich mit Sean und Daniel begibt, ist kein lustiges Abenteuer. Das Spiel macht kein Geheimnis daraus, dass man es mit zwei schwer traumatisierten jungen Menschen zu tun hat, die sich in einer hoffnungslosen Situation befinden. Das Ziel ist es, irgendwie zusammen durchzukommen und die Lage gerade für den neunjährigen Daniel dabei so erträglich wie möglich zu machen. Tatsächlich drehen sich die meisten unserer Handlungen und Dilemmata nun um Seans kleinen Bruder und den gravierenden Einfluss, den unser Verhalten auf ihn haben kann. Sind wir bereit, zu stehlen, damit Daniel genug zu essen hat? Wie erklären wir ihm, was passiert ist? Wem können wir vertrauen? Die Entscheidungen, die Sean unterwegs treffen muss, sind plötzlich die eines Erwachsenen.

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Alles ist politisch.
Life is Strange 2 ist nicht zimperlich mit seiner Kritik an den aktuellen politischen Verhältnissen in den USA. Wo Spiele wie Far Cry 5 mit gewissen Themen kokettieren, ohne dabei je eine klare Position zu beziehen, hat Dontnod bewusst ein politisch aufgeladenes Szenario gewählt und verschließt davor nicht die Augen. Ob es der Nachbarsjunge ist, der Sean und seinem Bruder rät, lieber zurück in ihr eigenes Land zu gehen oder der Tankstellenbesitzer, der einem Neunjährigen mit der Immigrationsbehörde droht: es wird immer wieder schmerzlich klar, mit was für Feindseligkeiten Sean und Daniel als People of Color zu rechnen haben – und dass sie in diesem Amerika besonders verletzlich und gefährdet sind.

Die erfrischende Direktheit, mit der sich das Spiel diesen Themen widmet, wirkt fast wie eine trotzige Antwort auf eine Spieleindustrie, die jegliche politische Botschaften in ihren Medien am liebsten verleugnet. „Alles ist politisch.“ insistiert etwa einer der Nebencharaktere und scheint dabei nicht mehr bloß mit Sean zu sprechen. Auch wenn sich manche Details, wie etwa eine amerikanische Flagge am Hause des Jungen, der Sean später rassistisch beleidigt, wie ein Hieb mit dem Zaunpfahl anfühlen: womöglich braucht die Spielewelt gerade genau diesen Hieb. Leider geschieht dies bisweilen auf Kosten mancher Feinheiten und Reflexionen: wie sich die rassistischen Erfahrungen etwa auf die psychische Verfassung von Sean und Daniel auswirken und was für Gedanken die beiden dazu haben, bleibt in der ersten Episode beinahe gänzlich unerforscht. Doch was nicht ist, kann ja noch werden.

Auf in den Wald
Wer Narrative Adventures mag, aber es schon immer doof fand, so viele virtuelle Schubladen öffnen zu müssen, könnte an Life is Strange 2 eine Freude haben. Anders als bei den Vorgängern spielt die Handlung nämlich nicht an einem festen Schauplatz, sondern folgt Sean und Daniel auf ihrer Reise durch die Wildnis. Statt persönlich gestalteten Zimmern untersucht man nun Wanderpfade und verwaiste Picknick-Plätze, was viele schöne Bilder und einen gewissen Firewatch-Flair mit sich bringt. Zugleich kommt so eine der größten Stärken der Spiele etwas weniger zur Geltung. Die detailverliebte Charakterisierung von Figuren durch ihre Umwelt muss im Reisekontext deutlich kürzer treten. Jede Begegnung ist flüchtig, jeder Ort liegt schnell wieder hinter einem und so bleibt auch das befriedigende Gefühl des allmählichen Kennenlernens von Figuren und Orten aus, das man im Vorgänger mit Max in der Blackwell Academy erleben durfte. Wie für die Protagonisten ist auch für die Spielenden das Überleben im Wald ein ziemlich auszehrendes Erlebnis und es bleibt zu hoffen, dass die Schauplätze in den kommenden Episoden, was Stimmung und Umgebung angeht, womöglich noch etwas Abwechslung bieten.

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Bittersüße Wiederholung
Life is Strange ist bekannt für seine kontemplativen Momente. Szenen, mit oder ohne Dialog, in denen man sich mit der Hauptfigur zurücklehnen kann, wo neben dem ruhigen, nachdenklichen Dialog, den man vielleicht führt, nur ein Indie-Song zu hören ist. Auch der zweite Teil liefert diese Momente – vielleicht sogar ein bisschen zu großzügig. Gerade gegen Ende der Episode häufen sich einige sanfte Passagen, die zwar einzeln betrachtet sehr gelungen und ausdrucksvoll sind, sich in ihrer Stimmung und narrativen Funktion jedoch schnell doppeln. So fühlt sich die Episode etwas länger an als nötig. Wem schon die Vorgänger nicht „spielerisch“ genug waren, wird wohl auch mit Life is Strange 2 nicht warm werden. Der Cut Scene Anteil ist sehr hoch und da zumindest in der ersten Episode noch keine distinkte Spielmechanik, wie etwa Max' Zeitreisen, eingeführt wird, bleiben die spielerischen Anteile etwas unscheinbar.

Nichtsdestotrotz gelingt es Dontnod erneut, durch meisterhafte Inszenierung und authentisches Writing eine Geschichte zu erzählen, die berührt. Schon das erste Life is Strange schreckte nicht davor zurück, bitterernste Themen wie Mobbing, Suizid und den Verlust eines Elternteils zu behandeln. Mit dem Bezug zu aktuellen politischen Begebenheiten wie dem erstarkenden Rassismus in den USA lastet sich das Spiel nun jedoch eine neue Verantwortung und Ernsthaftigkeit auf. Ob es dieser ganz gerecht werden kann, wird sich in den kommenden Episoden zeigen – ein guter Wille und ein bemerkenswertes Talent für Storytelling sind auf jeden Fall da.

Mit der ersten Episode „Roads“ bekommen wir einen vielversprechenden Staffelauftakt geliefert, der einem noch Tage nach dem Spielen nicht aus dem Kopf geht. Fans der Vorgänger sollten auf ihre Kosten kommen und auch Leute, die den Erzählstil von Life is Strange an sich mochten, aber nichts mit den Young Adult Themen anzufangen wussten, könnten Gefallen an der neuen Geschichte finden, die sich schnell aus den typischen Teenie-Sphären enthebt. Life is Strange 2 probiert sich vorsichtig neu aus und es bleibt spannend, wohin die Reise noch gehen wird – sowohl für die Spielreihe, als auch für Sean und Daniel, deren Geschichte in den kommenden Monaten in vier weiteren Episoden zu Ende erzählt wird.

Life is Strange 2 wurde auf der Xbox One getestet. Ein Testmuster wurde uns von Square-Ebix zur Verfügung gestellt.

Life is Strange 2

(Ranking)
A
RANK
Reife Leistung. A-Spiele machen alles richtig oder sind nah dran. Kleine Schwächen werden durch Stärken mehr als wett gemacht. Das ist Spieldesign auf hohem Niveau.

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17. Oktober 2018 um 10:30 Uhr
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