Far Cry 5 im Test

(Artikel)
Benjamin Strobel, 06. April 2018

Far Cry 5 im Test

America, fuck yeah?

Far Cry entführt seine Spielerinnen und Spieler gern an atemberaubende Orte. Nach tropischen Inseln, dem Herzen Afrikas und dem Himalaya-Gebirge geht es in Far Cry 5 ins zeitgenössische Montana in den USA. Hier bekommt man es mit einer fanatischen Sekte zu tun, die näher an unserer Lebensrealität ist als je ein Far-Cry-Setting zuvor.

Far Cry 5 tritt selbstbewusst in die Fußstapfen seiner Vorgänger und setzt dabei auf eine bewährte Formel: auf dem Cover lächelt uns ein ikonischer Bösewicht an und nach einem kurzen Kennenlern-Intro entlässt uns das Spiel in die Freiheit einer Open World. Der Sektenführer Joseph Seed hat das fiktive Hope County, Montana in seine Gewalt gebracht und terrorisiert die Bewohner mit seinem fanatischen Kult. Spielerinnen und Spieler schlüpfen in die Rolle eines Deputys, ein Grünschnabel, von anderen auch “Rook” genannt. Diesmal kann man Aussehen und Geschlecht frei wählen und Rook nach persönlichem Geschmack einkleiden - die stumme Hauptfigur wird sich nicht beschweren.

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Far Cry Refined
Im Geiste der Vorgänger geht es nun darum, das unterdrückte Land von den Milizen zu befreien und den Kult zu zerschlagen - mit jeder Menge Waffen, Sprengstoff und was sonst noch so Spaß macht. Die bewährte Formel hat jedoch ein paar clevere Überarbeitungen erfahren, die Far Cry 5 positiv von seinen Vorläufern abhebt. So trennt sich das Spiel von den berüchtigten Funktürmen, die man zuvor mühsam erklimmen musste, um die umliegenden Locations auf der Karte freizuschalten. In Far Cry 5 genügt es, einen Ort zu besuchen, damit er dauerhaft auf der Karte verzeichnet wird. Die gleichen Informationen erhält man auch durch Schriftstücke und von NPCs, die einem von umliegenden Orten gerne mal berichten. Zugleich ist der Spielverlauf weniger linear und an keine feste Zahl und Reihenfolge von Story-Missionen gebunden. Stattdessen gibt es Fortschrittspunkte für die drei großen Regionen, die jeweils von Joseph Seeds Geschwistern kontrolliert werden. Dabei ist es egal, ob man eine Story-Mission spielt, Stützpunkte in die Luft jagt, Geiseln befreit oder Außenposten erobert. Jede Tat wird mit Punkten in der jeweiligen Region belohnt - hat man genug, kann man sich dem Anführer der Region in einer speziellen Mission stellen und schließlich Joseph Seed selbst einen Besuch abstatten. Der Bruch mit der vormals linearen Missionsreihenfolge passt deutlich besser zur offenen Spielwelt und stellt sich ganz in den Dienst des Sandbox-Gameplays. So kann man Orte und Missionen auf der Reise zufällig entdecken und frei Schnauze spielen bis man genug Punkte für eine Konfrontation beisammen hat.

Auch die Charakter-Entwicklung wurde komplett überarbeitet. So gibt es keinen Skilltree mehr, bei dem man zuerst bestimmte Fähigkeiten freischalten muss, um zu anderen zu gelangen. Stattdessen kann man Punkte gezielt in Fähigkeiten investieren, die man haben möchte, solang man genug Punkte dafür auf den Tisch legen kann. Die nötigen Perk-Punkte verdient man sich auch nicht mit einem linearen XP-System, sondern durch das Erfüllen von Herausforderungen - beispielsweise, indem man bestimmte Tiere erlegt oder Kills mit verschiedenen Waffen macht. Alternativ kann man Prepper-Verstecke ausfindig machen, in denen man Magazine findet, die ebenfalls neue Perk-Punkte gutschreiben. Man benötigt mitnichten alle Skills, also muss man sich nicht darum sorgen, zu wenig Punkte zu haben.

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Die Neuerungen zugunsten des Sandbox-Gameplays tun Far Cry richtig gut. Ob man durch eine Basis schleicht, mit dem Sniper-Gewehr in Bäumen hockt oder mit dem Raketenwerfer alles in die Luft sprengt, die berühmten Außenposten sind wieder ein großer Spaß. Da man im Vorbeigehen neue Orte entdeckt, bleibt das Spiel immer im Fluß und fühlt sich weniger so an, als müsste man eine Liste abarbeiten. Man kann einfach tun, was einem Spaß macht und treibt gleichzeitig den Spielfortschritt voran - ein tolles Konzept für offene Spielwelten.

Viele Multiplayer-Optionen
Was alleine großen Spaß macht, ist zu zweit gleich doppelt schön. Im Koop-Modus kann man diesmal auch die Story-Missionen in Begleitung spielen - oder man teilt miteinander einfach nur die Freude, Zeug in die Luft zu sprengen. Wer sich dagegen mit anderen lieber messen möchte, kann sich im großen Multiplayer-Modus Far Cry Arcade austoben. Hier kann man viele der Singleplayer-Perks behalten und gleichzeitig auch neue Perk-Punkte verdienen, die im Singleplayer eingelöst werden können.

Far Cry Arcade bietet nicht die ausgefeilte Multiplayer-Balance wie ein Battlefield oder Call of Duty, macht das aber durch Abwechslung wieder wett. Es ist eine unterhaltsame Ergänzung zu einem Spiel, das bereits allein durch seinen Singleplayer-Modus überzeugen kann. Da ist niemand böse.

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Ein Käfig voller Narren
Während sich das neue Far Cry spielerisch ganz prächtig entwickelt hat, scheint es narrativ in der Entwicklung stehengeblieben zu sein. Auch wenn die neuen Bösewichte wieder sehr einprägsam sind, wirken ihre Auftritte in Zwischensequenzen statisch und entkoppelt vom Rest des Spiels. Immer wenn man genug Fortschritt gesammelt hat, wird man von den Seed-Geschwistern für eine Story-Mission abgeholt. Zeit für den jeweiligen Schurken, ein paar Minuten pathetisch in die Kamera zu plaudern. Dabei verlieren Spielerinnen und Spieler ihre Agency komplett: wo man zuvor noch seinen eigenen Weg gewählt hat, kann man hier nur noch passiv ertragen. Die stumme Hauptfigur kommentiert kein Wort von dem absurden Geschwafel.

Gleichzeitig gibt Far Cry 5 auch den Spielerinnen und Spielern keine Stimme, keine Auswahl, keine Dialogoption. Wie zum Hohn muss man so manches Mal noch eine Taste drücken, um den Fortlauf zu bestätigen. So ist das Storytelling zwar toll inszeniert, brachte mich als Spieler aber in eine dumme Lage: ich war im Käfig voller Narren und konnte nichts dagegen sagen. Das ist besonders deshalb schwierig, weil die Widerstandskämpfer, an dessen Seite man das Land befreit, aus Verschwörungstheoretikern, Nationalisten, Waffenfetischisten und Feinden der Regierung besteht. Ihre Interessen unterstützt man in vielen Missionen gleich mit und wenn man damit wirklich nichts zu tun haben möchte, kann man sich nur umdrehen und die Mission abbrechen. In Far Cry 5 gehört man selbst zu den Rechtsextremen und das führt mal zu Augenrollen, mal zu Zähneknirschen. Während Wolfenstein II eine starke Position gegen Faschismus bezieht, versucht Far Cry 5 sich seiner politischen Rolle zu entziehen. Dass es sich nebenbei jedoch immer wieder auf die reale politische Lage bezieht, macht es beinahe unmöglich, diese Dimension zu ignorieren. Und kann beim Spielen mitunter seltsam auffallen.

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Fazit
Far Cry 5 ist ein unterhaltsames Actionspiel, das es mit neuen Mechaniken besser denn je schafft, seine Sandbox-Struktur in den Vordergrund zu stellen. Die Erkundung der offenen Spielwelt ist motivierend und nach dem Motto “alles kann, nichts muss” ergibt sich daraus ein toller Spielfluss. Leider ist die Geschichte dagegen statisch und versucht sich trotz politischer Anspielungen dem Diskurs zu entziehen. So ist Far Cry 5 ein furioser Freizeitpark mit politischen Spitzen, die es selbst aber nicht so ernstnimmt.

Far Cry 5 wurde auf der Xbox One X getestet. Ein Testmuster wurde uns von Ubisoft zur Verfügung gestellt.

Far Cry 5

(Ranking)
A
RANK
Reife Leistung. A-Spiele machen alles richtig oder sind nah dran. Kleine Schwächen werden durch Stärken mehr als wett gemacht. Das ist Spieldesign auf hohem Niveau.

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18. Oktober 2018 um 16:27 Uhr
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27. März 2018
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