Sonic Forces im Test

(Artikel)
, 23. Januar 2018

Sonic Forces im Test

Mit Vollgas in den Rückwärtsgang

Als SEGA am 7. November ihren neuesten Ableger des blauen Flitzeigels veröffentlichte, war ich bereits etwas skeptisch. Gleichzeitig wollte der kleine Fanboy in mir aber auch, dass es endlich mal wieder ein guter Sonic-Titel auf den Spielemarkt schafft. Nun ja, nach ausgiebigem Spielen weiß ich ehrlich gesagt gar nicht, wo ich anfangen soll, wenn es darum geht, was mit diesem Spiel eigentlich alles schiefgelaufen ist.

Euch wird (zu) viel geboten!
In Sonic Forces übernehmt ihr - wie aus Sonic Generations bekannt - die Kontrolle über sowohl Modern Sonic als auch Classic Sonic. Modern Sonic heizt mit seinem Boost durch die Level und nutzt blitzschnelle Verfolgungsangriffe. Classic Sonic einnert mit seinem Move-Repertoir hingegen an die guten alten Tage des blauen Igels. Zum ersten Mal in der Videospielreihe dürft ihr auch euren eigenen Charakter entwerfen, welcher die aus Sonic Colors bekannten Whisps als Waffe verwendet ("Whispons"). Neben diesen drei Protagonisten stößt man hin und wieder auf Tag-Team-Stages, in welchen Modern Sonic und euer Avatar zusammenarbeiten müssen. Bereits hier wurde mir eines deutlich: SEGA hat versucht, jeden Fan zufriedenzustellen und dieser Denkansatz hat dem Spiel letztlich das virtuelle Genick gebrochen.

Storywriting at it's best?
Zuerst zur Handlung. Diese ist wohl die bisher Merkwürdigste der ganzen Reihe. Eggman hat mithilfe seines neuen Mitstreiters "Infinite" nahezu die ganze Welt erobert und tut nun alles, um auch die letzten Rebellen dem Erdboden gleichzumachen. Der Rebellentrupp wird seinerseits angeführt von Sonic und seinen Freunden, darunter Knuckles, Amy und Silver. Was nun wie eine coole Idee klingt, entpuppt sich im Laufe der Handlung als schlichtweg undurchdacht und inkonsequent. Immer wieder wollen einem die Figuren klar machen, was der Krieg im Land alles anrichtet, obwohl beim Spielen kaum etwas davon mitbekommt.(ACHTUNG SPOILER) Es wird sogar erwähnt, dass Sonic monatelang gefoltert wurde, nachdem er in Eggmans Gefangenschaft geraten war. Das wirkte auf mich eher bizarr als passend, zumal solche Momente sofort von irgendwelchen Blödeleien und dummen Sprüchen zerstört werden. Selbst nach sechs Monaten Folter scheint es Sonic noch gut genug zu gehen, um seinen Antagonisten Zavok beim Ausbruch zu verspotten. Glaubwürdigkeit geht anders. Generell wird man gerne von einem Szenario in das nächste geworfen, ohne zu wissen, was dazwischen überhaupt passiert ist. Das Ergebnis sind Logiklücken en masse. Wenn man bedenkt, dass die Autoren dafür bezahlt wurden, dann fragt man sich wirklich, wohin das Geld da wohl geflossen sein mag.

Sonic_Forces_1_Infinite
Infinite ist der neue mysteriöse Mitstreiter des Eggman-Imperiums.

Viel gedacht, wenig gemacht.
Auch beim Gameplay hat man ständig das Gefühl, die Enteicklung ist einen großen Schritt zurückgegangen. Und das obwohl die perfekte Vorlage mit Sonic Generations bereits exisitert. Classic Sonic steuert sich schwammiger denn je und da man mit dem kürzlich erschienenen Sonic Mania einen perfekten Vergleich ziehen kann, stellt man schnell fest, dass hier beim Programmieren etwas in die Hose gegangen ist. Sonic lässt sich nicht präzise nach links oder rechts steuern oder kommt aus eigenem Antrieb kaum eine Rampe hoch. Da muss dann schon der Spindash herhalten. Dieser und der neue von Sonic Mania übernommene Dropdash sind auch schon alles, was der klassische Igel auf dem Kasten hat. Beim Springen verliert man schnell mal die Kontrolle, da man in der Luft nicht gegensteuern kann, wenn man sich doch mal etwas verschätzt hat. In diesem Moment kann man nur noch zusehen, wie Sonic in den Abgrund saust, weshalb ich vor allem in den klassischen Levels schnell mal gefrustet war.

Sonic_Forces_2_Classic_Sonic
Classic Sonic geht mit dem bekannten 2D-Platforming an den Start.

Modern Sonics Level haben mich jedoch am meisten enttäuscht. Vor allem, da ich ein großer Fan der modernen Sonic-Spiele wie Unleashed, Generations & Co. bin. Die schlauchigen Levels lassen einem wenig Erkundungsspielraum und man hat das Gefühl, dass das Spiel viel zu oft die Kontrolle an sich reißt. Dann läuft Sonic nur noch wie auf Schienen und man kann weder nach rechts noch nach links. Auch kommt es gerne vor, dass Sonic von selbst nach vorne rennt, wenn es der Spielabschnitt so vorsieht. Das nimmt einem vor allem im Gegensatz zu Generations viel Spielspaß und Freiraum. Überhaupt fallen Modern Sonics Level sehr kurz aus: viele Akte sind in ein bis zwei Minuten bereits durchlaufen. Dazu kommt, dass das Moveset deutlich abgespeckt wurde. Der Drift, der Lightspeed-Dash und der Wandsprung fehlen komplett. Im Prinzip boostet man also durchs Level, wechselt hin und wieder in 2D-Passagen, in denen sich Modern Sonic fast noch schwerfälliger steuert als sein Retro-Pendant, und nutzt die Homing Attack um seine Gegner aus der Luft zu vernichten.

SonicForces1
Modern Sonic heizt mit seinem Turbo-Boost durch's Geschehen.

Apropos fehlender Drift! Dieser findet sich im Moveset des eigens kreierten Avatars - auch wenn dieser wie vieles Andere voll automatisiert vonstatten geht und auch nur, wenn das Spiel es so möchte. Es ist offensichtlich, dass die meiste Entwicklungszeit wohl in das Avatar-Feature geflossen ist. Anfangs können wir aus einer von sieben Tierarten wählen, die alle einen spezifischen Vorteil aufweisen. Der Wolf zum Beispiel zieht Ringe in der Nähe automatisch an während der Vogel einen Doppelsprung ausführen kann. Nach jedem Level oder jeder vollendeten Mission, die sich nach und nach freispielen lassen, erhält man diverse Goodies, um die eigene Figur anzupassen. Egal ob Kleidung, Kopfbedeckung, Accessoires oder weitere Gimmicks.

Leider war es das auch schon. Extras für Classic oder Modern Sonic sucht man hier vergebens. Neben optischen Spielereien erhält man für bestimmte Aufgaben auch die sogenannten "Whispons". Dabei handelt es sich um Waffen für unsere eigenen Helden. Je nach Waffenart können wir unsere Gegner damit etwa flambieren, ihnen mit einer Elektropeitsche den Garaus machen oder sie mit einem Hammer zerstampfen. Außerdem bieten uns die Waffenklassen neben einem Primärangriff noch eine Sekundärfähigkeit. Beispielsweise können wir mit dem Feuerwhispon eine Explosivattacke einsetzen, die uns schubweise in die Luft befördert, um an versteckte Collectibles oder sonst unerreichbare Pfade zu gelangen. Eine gewisse Abwechslung ist hier also durchaus geboten. Alls das täuscht aber nicht darüber hinweg, dass sich der Avatar ähnlich wie Classic Sonic ungenau und träge steuert und an gewissen Abgründen ebenfalls gern in die Tiefe stürzt. Nur machen sich diese Schwächen hier sowohl in den 2D- als auch 3D-Sektionen bemerkbar.

Sonic_Forces_4_Avatar
Dem Avatar stehen allerlei Gadgets zur Verfügung, um seinen Gegnern entgegenzutreten.

Zu guter Letzt gibt es noch die Tag-Team-Level. Hier können wir die Fähigkeiten unseres Avatars mit denen von Modern Sonic kombinieren. Man ist also im jeweiligen Level immer zu zweit unterwegs. Viel gibt es hier nicht zu sagen. Beide Figuren steuern sich wie gewohnt, nutzen den "Double Boost" an bestimmten Stellen, bei welchem wir lediglich ein und dieselbe Taste einhämmern und danach zusehen, wie unsere beiden Helden in Lichtgeschwindigkeit alle Hindernisse aus dem Weg räumen. Auch hier ist keine Innovation in Sicht. Quick Time Events wie diese ziehen sich übrigens durch das komplette Spiel und fordern den geübte Spielerinnen und Spieler leider in keiner Weise.

Bild_5_Tag_Team
Hin und wieder vereinen unser Avatar und Modern Sonic ihre Fähigkeiten.

Fazit
Neben den vielen hier erwähnten Kritikpunkten muss ich trotzdem sagen, dass ich so meinen Spaß mit dem Spiel hatte. Anders als Sonic (2006) und Sonic Boom ist der Titel kein vollkommen kaputtes Spiel. Es funktioniert technisch wirklich gut und sieht optisch auch schön aus. Jedoch weiß es mit den Möglichkeiten, die es nun gehabt hätte, herzlich wenig anzufangen. Man ertappt sich oft dabei, wie man die verschiedenen Spielpassagen mit Titeln wie Sonic Colors oder Sonic Generations vergleicht, wenn man eben diese Spiele zuvor gespielt hat. Es wird deutlich, dass die Entwickler aus der perfekten Vorlage nichts Solides geschaffen haben. Die Level sind linearer, kürzer und bieten kaum Freiheit zum erkunden. Viele Passagen übernimmt das Spiel sogar im Autopilot, sodass man nur da sitzen und Popcorn futtern kann. Zudem ist die Handlung ziemlich hanebüchen und unterbricht die düstere Atmossphäre ständig mit belanglosen Sprüchen der Charaktere. SEGA hat offenbar versucht, mit einem Spiel alle Sonic-Fans unter einen Hut zu bringen. Das Resultat sind viele Gameplay-Ideen, doch keine ist ganz ausgereift. Weniger wäre hier mehr gewesen. Der Avatar - auf welchem die Entwickler wohl den größten Fokus gelegt haben - ist sicherlich nicht für jeden geeignet. Für mich persönlich hätte man diesen sogar streichen können und sich dafür mehr auf das Gameplay der beiden blauen Igel konzentrieren sollen.

Die Spielzeit fällt im Übrigen sehr kurz aus. Nach drei bis vier Stunden Spielspaß war ich auch schon fertig. Gut, wer alle Avatar-Gegenstände, alle roten Ringe oder S-Ränge erlangen will, der kann hier sicher noch einige Stunden investieren. Zur Musik muss ich sagen, dassich sie im Vergleich zu den Vorgängern eher enttäuschend ausgefallen ist. Da war ich aus früheren Titeln schon deutlich Besseres gewohnt.

Wenn ich jemandem diesen Titel empfehlen würde, dann wohl unseren jüngeren Spielern. Diese werden vermutlich noch etwas Spaß aus Sonic Forces quetschen. Sollte das Spiel irgendwann für 20 Euro zu haben sein oder auf dem Grabbeltisch landen, so kann der hartgesottene Sonic-Fan vielleicht doch zugreifen und sich selbst eine Meinung bilden. Nur sollte man die Erwartungen nicht zu hoch schrauben: Sonic Forces wirkt auf mich wie eine Portion kalte Pommes vom Vortag, welche man sich notgedrungen in der Mikrowelle warm gemacht hat. Man weiß, dass sie mal besser geschmeckt haben, isst sie aber trotzdem noch.

Sonic Forces wurde auf der Xbox One X getestet. Für den Test hat sich der Redakteur das Spiel selbst gekauft.

Sonic Forces

(Ranking)
C
RANK
Gut gemeint. C-Spiele haben ihre strahlenden Momente, aber in entscheidenden Situationen wird großes Potential verschenkt. Über keine anderen Spiele kann man sich so sehr ärgern.

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20. Mai 2018 um 13:49 Uhr
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RELEASE
07. November 2017
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