This War of Mine im Test

(Artikel)
Vivian R., 07. Dezember 2016

This War of Mine im Test

Die Gitarre gegen die Depression

War. War never changes – Halt, falsches Spiel! So, liebe Leser, haltet euch an diesem dummen Witz von mir erst mal fest, denn so lustig wird es in diesem Artikel eine ganze Weile nicht mehr. Von dem Indie-Spiel This War of Mine habt ihr vielleicht schon einmal etwas gehört. Als es 2014 erschien, hat es reihenweise Preise abgesahnt und viel Lob bekommen. Denn This War of Mine spielt zwar in einem Kriegsszenario, ist aber kein typisches Kriegsspiel. Die Akteure sind dieses Mal nicht Soldaten, sondern die ganz normalen Menschen, die durch den Bürgerkrieg aus ihrem Leben gerissen wurden und nun in den Ruinen ums Überleben kämpfen. Menschen wie du und ich, sozusagen.

Startpunkt

Dieses düstere Thema hat das polnische Entwicklerstudio 11 bit studios in ein klassisches Survival-Gewand gehüllt. Mit unserer kleinen Gruppe Überlebender bewohnen wir eine Ruine am Stadtrand und versuchen, zwischen Schnee, Hunger und nächtlichen Angriffen zu überleben. Die Materialien, die wir am ersten Tag im Haus finden, reichen vielleicht, um ein notdürftiges Bett und eine Werkbank zu bauen, danach müssen wir in den Nächten die umliegenden Gebiete erkunden und nach Nahrung, Bauteilen und schließlich auch Waffen suchen.

Gerade zu Anfang ist das Erkunden zwar einfach, da die meisten Gebiete um uns herum unbewohnt sind und dort keine Soldaten lauern, dafür ist es für die Figuren, die nachts Zuhause bleiben, umso gefährlicher. Denn wir steuern in der Nacht nur denjenigen, der auf Erkundung geht, alle anderen bleiben im Haus. Bevor wir losgehen, müssen wir jedem eine Aktivität zuteilen: Roman, ein ehemaliger Soldat und bester Kämpfer der Gruppe, hält Wache, Katia geht erkunden, und Zlata, die Frohnatur, darf sich im Bett erholen. Hier bahnt sich schon die erste Zwickmühle an: Riskiere ich lieber, dass alle meine Figuren am nächsten Tag müde und vielleicht sogar krank sind, verbessere aber den Schutz vor Einbrechern, indem ich stattdessen auch Zlata zum Aufpassen abstelle?

Workshop

Von den Ressourcen, die Katia mitbringt, bauen wir Werkzeuge wie Schaufeln und Brechstangen, damit wir in der nächsten Nacht auch an verschlossene Behälter rankommen, verbessern unseren Herd, damit wir für weniger Zutaten mehr Essen kochen können, oder reparieren eine zerstörte Gitarre, um die Laune unserer Gruppe zu verbessern.

Denn der wahre Feind sind nicht die Kriminellen mit den Gewehren, die uns in manchen Gebieten auflauern, sondern die Stimmungen unserer Überlebenden. Kriegt Raucher Boris keine Zigaretten und Katia ihren Kaffee nicht, passiert es schnell, dass ihre Laune sinkt. Schlimmer wird es, wenn wir Nachbarn, die ab und an an unsere Tür klopfen und um Hilfe bitten, diese versagen, oder ein Überlebender Unschuldige bestiehlt oder sogar tötet. Sind Figuren traurig oder rutschen ganz in eine Depression ab, bewegen sie sich langsamer, brechen Handlungen mittendrin ab oder versagen vollkommen jegliche Aktivitäten, bis sie am Ende sogar Selbstmord begehen.

Schnee

Traurig werden unsere Leute auch, wenn sie kein Essen haben oder krank werden. Da Ressourcen knapp und die Tragelast unserer Erkunder begrenzt ist, passiert es öfter, dass sie mit knurrendem Magen zu Bett gehen oder der Kamin ausgeht, weil nicht genug Feuerholz da war. Eine Weile geht das gut, aber spätestens nach zwei, drei Tagen wird es richtig ungemütlich in der Hütte. Der Zugzwang steigt, sich auch einmal in bedrohlichere, aber dafür lohnenswertere Gebiete zu wagen.

Im weiteren Verlauf wird es nämlich umso schwerer, an Ressourcen zu kommen, da die größten Sammlungen in der Hand von Kriminellen oder Militärs sind. Immer wieder steht zwischen uns und einem vollen Magen entweder Waffengewalt – oder die Moral, die ganz fies in unsere Seite kneift. Das alte Ehepaar von nebenan auszurauben, ist eben einfacher, als ein Lager voll mit Militärs zu stürmen – und Roman braucht die Medizin dringend, weißt du?

Plaza

Hier wiegen wir ab, ob die Traurigkeit, die auf den Moralabfall folgt, oder das Ausbreiten einer unbehandelten Krankheit schlimmer für unsere Gruppe von Überlebenden ist. Pavle ging es nach dem Raub zwar schlecht, aber dafür hatte er einen vollen Magen und konnte am nächsten Tag erfolgreich ein paar Frauen in einem Bordell vor der Zwangsprostitution bewahren. Das fand Katia so gut, dass sie gar nicht mehr traurig war über die alten Leute. Puh.

So wägen wir ab und wiegen auf, werfen unsere Leute in immer größere Gefahren oder tiefer in das Moralloch, damit sie es irgendwie durch den hereinbrechenden Winter schaffen.

Nachbarn

Ihr merkt schon: Zum eigentlichen Gameplay möchte ich gar nicht so viele Worte verlieren. Ganz kurz: Das organisatorische Element, mit wenigen Mitteln alle Bedürfnisse mehr oder minder abzudecken, motiviert, ohne zu frustrieren, und bleibt durch die unvorhergesehenen Ereignisse spannend. Am Ende eines Spieltags sitzt man da mit hundert Zetteln und Rechnungen sortiert nach Baukosten und Dringlichkeit. Je nach Situation müssen wir unsere Prioritäten dann anpassen: Eigentlich wollte ich Boris ein paar Kräuterzigaretten spendieren, gestern Nacht ist aber Katia krank geworden, also gehen die Kräuter für Medikamente drauf.

Was einen Menschen schockiert oder nicht, ist sicher ganz individuell – für mich gab es definitiv ein paar Momente, in denen ich ehrlich mitgenommen war. Zum Beispiel als Pavle den alten Mann und seine Frau ausgeraubt hat und der Mann um ihn herumlief, ohne anzugreifen, und flehte, wenigstens die Medikamente da zu lassen. Oder als der Priester Katia umbrachte, weil sie zu schnell durch eine Tür ging und die Überlebende dort aufgeschreckt hat. Und die Notiz "No more hiding. We see us again in Heaven" hat irgendeinen ganz bestimmten Ton in mir getroffen.

Karte

Die Welt von This War of Mine ist definitiv eine dunkle, düstere und triste, in der die einzige Gnade jene ist, die wir als Spieler selbst anderen Figuren gegenüber zeigen. Dabei ist sie aber nicht übertrieben grausam oder voll von entsetzlichen Schockgeschichten; da ist man sicher Härteres gewöhnt. Dass der Horror des Krieges so subtil dargestellt wird, lässt es realistischer und glaubhafter wirken – und nicht ins Karikatureske abgleiten.

This War of Mine erzählt keine große Heldengeschichte. Tatsächlich wackeln wir ständig am Rand, selbst zum Bösewicht zu werden. Es erzählt von Tristesse und Verzweiflung – die sich von unseren verwundeten oder verhungernden Figuren direkt auf uns überträgt. Obwohl die Figuren recht blass bleiben, beginnt man irgendwann viel mehr in sie hineinzuinterpretieren, als das Spiel uns eigentlich gibt. Ich hänge sehr an Katia und Roman, obwohl ich ihre Geschichte und Tagebucheinträge nur überflogen habe. Vielleicht, weil ich sie am häufigsten mit auf Erkundungen nehme und so nicht nur am meisten Zeit mit ihnen verbringe, sondern sie auch am ehesten in echte Gefahr gebracht habe. Wird eine Figur krank und ich habe keine Medikamente mehr, sitze ich fertig vor dem PC und tüftel, wie ich es irgendwie doch schaffe, sie am Leben zu halten.

Und trotzdem verhärtet man innerlich und wird zum eiskalten Human Resource Manager oberster technokratischer Güte: Nach einer Weile verkommen die Figuren selbst zu Ressourcen: Ich schicke lieber Katia als Zlata in gefährliche Situationen, weil Katia zwar bessere Preise beim Handeln erzielt, Zlata aber wichtiger für die Gruppenlaune ist. Und Kämpfer Roman kriegt jedes Kriegstrauma mit, das ich ihm geben kann, denn als bester Kämpfer hält er jede Nacht Wache oder wird zum Aufräumen in Militärbasen geschickt. Er darf sich die Laune dann mit Extraportionen Essen und Zigaretten aufheitern.

Handel

Fazit
This War of Mine ist also definitiv ein Kriegsspiel der ganz besonderen Art. Hier spielen wir weder einen Helden noch einen Bösewicht, sondern die Leute, die am Rande von epischen Schlachten stehen und unbeachtet in den Trümmern ihr Dasein fristen.

Wem die vorgefertigten Szenarios nicht gefallen oder zu schwer/zu leicht sind, der findet im Workshop eine Fülle an neuen Szenarios (Hunger Games ohne Games und The Walking Dead ohne die Toten) und weitere Inhalte, die von Spielern erstellt wurden. Zum Beispiel neue Figuren (Taylor Swift...) oder Helferchen wie "Mehr Loot" oder "Better Stacking" (damit man mehr als nur zwei Stücke Holz pro Stapel mitnehmen kann...). Wir können auch selbst eigene Figuren oder Geschichten entwerfen und diese dann bequem mit anderen Spielern teilen.

This War of Mine wurde auf dem PC (Windows 10 64-bit, 8 GByte RAM, AMD FX-8150, AMD Radeon RX 470 8GB) getestet. Für den Test hat sich die Redakteurin das Spiel selbst gekauft.

This War of Mine

(Ranking)
A
RANK
Reife Leistung. A-Spiele machen alles richtig oder sind nah dran. Kleine Schwächen werden durch Stärken mehr als wett gemacht. Das ist Spieldesign auf hohem Niveau.

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21. Juni 2018 um 21:38 Uhr
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