Candle im Test

(Artikel)
Vivian R., 21. November 2016

Candle im Test

Eine kleine Kerze gegen den Weltuntergang

Von Steinen zerquetscht, von feindlichen Kriegern mit Haken massakriert, ertrunken, von gigantischen Schlangen gefressen oder auf Holzpflöcken aufgespießt: Candle sieht niedlich und freundlich aus, aber die Entwickler haben wohl einmal zu oft "Die 100 besten Todesarten" gegoogelt... Blut fließt zwar keines und Organe und Extremitäten bleiben, wo sie sind, trotzdem erstarrt man beim ersten gewaltvollen Tod (...überollt von einem riesigen Froschkopf) oder wenn man einen Feind in einen Abgrund tritt: Moment, ich dachte, das wäre ein knuffiges Spiel!

Dorf

Das erste Spiel der Entwickler von Teku Studios erscheint halt auf den ersten Blick überhaupt nicht wie ein ernstes oder brutales Spiel. Und das, obwohl der Anfang eigentlich schon einiges über die grundlegende Stimmung verrät: Als Lichtträger Teku wachen wir in unserem brennenen Dorf auf. Die Wakchas, ein verfeindeter Stamm, hat angegriffen und unseren Schamanen entführt. Wacker stellt Teku sich der Gefahr und macht sich auf, der Spur zu folgen und seinen Freund und Lehrer zu befreien.

Aber schon hier geben uns die letzten Überlebenden des Dorfes, die uns hinterher winken, ein ganz warmes Gefühl, was erst einmal alle düsteren Vorahnungen vertreibt. Danach stolpern wir in eine bunte Welt, die von komischen Wesenheiten bevölkert ist. Stimmungsvolle, südamerikanische Musik begleitet uns. Die sanfte Stimme des Erzählers lullt uns ein. Und bald ergibt sich vielmehr ein Bild des unschuldig Absurden als des unheilvoll Rabiaten – zumindest bis Teku das erste Mal im Magen eines niedlichen Hüpftiers landet.

Abreise

Die Spannung zwischen Geruhsamkeit und Gewalt beißt sich aber nicht. Auf unserer Reise durch Sümpfe, Affenwälder und Städte ist es gerade die im Angesicht von Gefahr mutige Unschuld Tekus, die uns trotz seiner Stille so stark mit dem kleinen Wurzelgnom verbindet.

Candle ist ein wirklich besonderes Spiel. In erster Linie natürlich ein Adventure, das in jeder Hinsicht liebevoll gestaltet ist. Ein großer Meckerpunkt bei vielen Adventures ist für mich immer, wenn Rätsel keinen Sinn ergeben oder einem die Welt keinerlei Anhaltspunkte für die Lösung gibt. Die Entwickler von Candle scheinen das zu wissen und sich dieses Problems ganz besonders angenommen zu haben. Das Ergebnis ist, dass Rätsellösen in Candle einfach Spaß macht.

Froschkopf delicti

Zumindest in den ersten zwei Dritteln bin ich an keine Stelle gekommen, an der ich nicht wusste, was zu tun war, oder frustriert das Spiel beenden musste. Rätsel und ihre Lösungen sind immer logisch, sind durchdacht und präzise choreographiert. Wobei Candle es faszinierenderweise schafft, logisch und kausal oft nicht miteinander zu verknüpfen, und es aber trotzdem Sinn ergibt – oder so.

Das geht so: Die Rätsel sind in Candle einfach Teil der Welt und präsentieren sich auch so. Betreten wir einen neuen Abschnitt, wissen wir sofort: Aha, das hier ist Teil eines Rätsels. Und auch wenn es logisch keinen Sinn ergibt, dass wir mit richtig angeordneten Göttermasken ein Wasserrohr öffnen, dieses Wasser dann auf den Frosch darunter kippen, sodass dieser dann abhaut, um den weiteren Weg freizumachen – sobald wir den Screen mit dem Frosch sehen und darüber das Rätsel mit dem Wasserrohr, wissen wir: Aha, das muss ich lösen, um weiterzukommen. Ganz genau auf die Umgebung zu achten, ist dabei wichtig, da Candle zwar immer Hinweise auf die Lösung gibt, aber ansonsten wenig erklärt – und hingebungsvolles Umschauen lohnt sich sowieso, denn die handgemalten Aquarellhintergründe sind jeden Blick wert.

Rätsel

Dabei bietet Candle eine große Breite an unterschiedlichen Rätseln. Eie schon bei dem Repertoire an Todesarten haben auch hier die Entwickler aus dem Vollen geschöpft: Es gibt Rätsel, in denen wir Farben mischen müssen, Schieberätsel, Schalterrätsel, Logikrätsel, und so weiter – alles da. So bleibt Candle interessant und motiviert, weil es selten zwei Rätsel gibt, die sich ähneln. Jeder kleine Schritt ergibt wieder neue Möglichkeiten, neue Gegenstände, neue Wege – und wirft somit neue Fragen auf.

Auch die Minispiele sind herrlich innovativ und wirklich knifflig, denn auch hier wird uns nichts erklärt: Um eine Truhe zu öffnen, müssen wir drei Regler so verstellen, dass die Kriegerpuppe mit dem Speer das Monster besiegt; in der Stadt müssen wir mit komplizierten Mechanismen Feuer, Wasser und Wind so umleiten, dass wir an der Flamme unsere Kerze anzünden können und einmal müssen wir gegen einen Händler Mühle spielen, damit er uns seine Walnuss verkauft.

Minispiel

Am wichtigsten beim Lösen der Rätsel ist immer unsere Kerze: Teku ist nicht nur Schüler des entführten Schamanen, sondern auch der Lichtträger des Dorfes. Die Kerze in seiner Hand hilft uns, Rätsel zu lösen, Eis zu schmelzen, Monster zu vertreiben und Licht in die Dunkelheit zu bringen. Immer wieder müssen wir Wege finden, die wichtige Flamme zu entzünden und sie vor Regen und Wind zu schützen.

Candle ist auch abseits der Rätsel wenig frustrierend. Haben wir ein schwer zugängliches Areal einmal erreicht, gibt es immer in direkter Nähe eine Möglichkeit, den Rückweg zu vereinfachen. Zum Beispiel überwinden wir in einer Passage einen Abgrund, indem sich Teku an Geysiren langhangelt. Das heiße Wasser tötet Teku leider, also müssen wir abwarten, bis ein Geysir ruht – klassisches Sidescroller-Gedöns. Sobald wir auf der anderen Seite sind, entzünden wir eine Fackel, die auf magische Weise die Geysire ausmacht. Candle belohnt uns also, wenn wir ein kniffliges Rätsel gelöst und einen neuen Abschnitt erreicht haben.

Und bestraft uns auch nicht, wenn wir sterben. Obwohl es großzügig in der Welt verteilte Speicherpunkte gibt, werden wir nicht dahin zurückkatapultiert, sobald Teku mal draufgeht. Das wäre auch fatal für das Spielerlebnis, denn Trial and Error ist wichtiger Bestandteil der Spieldynamik.

Regen

Was passiert, wenn ich auf den Knopf drücke? Oder in die dunkle Höhle gehe? Dem Affen die Kiste unter dem Po wegziehe oder an die Freundlichkeit der Kröte appelliere? Die Antwort ist: meistens nichts Gutes. Gerade weil Candle Logik und Kausalität nicht so astrein verknüpft, kann man nicht immer absehen, was geschieht. Klingt nervig, ist aber tatsächlich ein großer Spaß. Das "Ach, schon wieder tot..." ist eher ein liebevolles Seufzen als ein entnervtes Stöhnen. Candle ist ein oft absurdes, aber kein besonders lustiges Spiel, tatsächlich spitzt sich die Ernsthaftigkeit und Dramatik des Hauptplots immer weiter zu, je weiter wir unserem Schamanen folgen – und trotzdem musste ich immer wieder lachen.

Wie aber schon erwähnt, verfliegt dieser Anti-Frust-Charme von Candle im letzten Drittel zeitweise. Hier habe ich doch öfter die sehr hilfreiche Steam-Community nerven müssen, weil ich schlicht nicht weiterkam. Das lag nicht immer an meiner Holzkopfigkeit, sondern manchmal auch daran, dass sich Aktivitätssymbole überlagert haben, sodass ich schlicht übersehen habe, dass ich an einem Ort etwas tun konnte. Am Ende hat die Lösung immer Sinn ergeben, der Weg dahin war beizeiten aber holprig.

Stadt

Fazit
Candle hat mich in vielen Bereichen sehr an Seasons after Fall erinnert. Beide sind Spiele, die Sidescroller und Adventure geschickt miteinander verbinden, liebevoll designt sind und in denen die Rätsel irgendwie fließen und gleichzeitig knifflig sind. Und obwohl mich Seasons after Fall schon umgehauen hat, hat mich Candle absolut verzaubert. Die Rätsel sind clever konstruiert, die Hintergründe und Musik sind pure Liebe und dazu ist es mit knapp zwanzig Spielstunden auch recht lang. Jeder, der abseits von klassischen Adventures komplexe, innovative und motivierende Rätsel löst und ein wenig Magie in seinem Leben braucht, ist bei Candle absolut richtig. Wer jedoch eine ausformulierte Geschichte mit tiefen Dialogen und Charakteren sucht, ist bei Candle leider fehl am Platze.

Candle wurde auf dem PC (Windows 10 64-bit, 8 GByte RAM, AMD FX-8150, AMD Radeon RX 470 8GB) getestet. Ein Testmuster wurde uns von Daedalic Entertainment zur Verfügung gestellt.

Candle

(Ranking)
S
RANK
Herausragend. S-Spiele erweitern Horizonte. Sie bieten intensive Erlebnisse oder halten den Spieler noch lange am Bildschirm gefesselt. Selbst wenn man sie nicht jedem empfehlen kann, will man doch mit jedem über sie reden.

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21. Juni 2018 um 21:37 Uhr
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