Zenith im Test

(Artikel)
Vivian R., 10. Oktober 2016

Zenith im Test

Ist das noch Parodie oder kann das weg?

Als Argus Windell von mörderischen Elfen im Wald gestellt wird, die androhen, ihm die Augen zu zerstechen und Arme und Beine auszureißen, wusste er wahrscheinlich noch nicht, dass das noch das am wenigsten Schlimme wäre, was ihm an diesem Tag passieren würde. Denn kaum hilft der sarkastische Arkanologe dem Kaiser zu einem in einem alten Tempel versteckten Zepter, geht alles mächtig schief. Sieben Jahre später ist die Welt ein ganz und gar nicht mehr rosiger Ort. Seinen Humor verliert Argus trotz allem aber nicht.

Zenith Elfen

Im Action-Rollenspiel Zenith schlüpfen wir in die Rolle von Argus Windell, besagtem Arkanologen, der sich gerne ein Bier mehr gönnt und seine Klappe selbst vor Kaisern, blutwütigen Elfenhäuptlingen und hübschen Frauen nicht halten kann. Ein typischer Held wider Willen, der erst aus Versehen ein Chaos herbeiführt, um es dann später wieder rückgängig zu machen, aber eigentlich nur seine Ruhe will.

Der Plot klingt ernst und episch - Zenith ist aber kein Spiel, das mit Ernst besonders viel zu tun hat. Es baut stark auf dem Humor, der vor allem über Argus' Sarkasmus und Anspielungen an die Popkultur realisiert wird. Das aber... mehr schlecht als recht. Humor ist ja durchaus subjektiv und viele Spieler waren von Zeniths Komik erheitert, mich hat das uninspirierte und übertriebene Klamaukhafte aber eher gelangweilt. Nichts gegen absurden Humor, aber Zenith opfert zu viel Zeit für repetitive Witze ohne zündelnde Ideen und Esprit. Am besten kommt da noch Argus weg, dessen fatalistische Sicht auf die Welt mich dann doch einige Male zum Schmunzeln gebracht hat.

Zenith Titus

Die parodischen Anspielungen an Filme und andere Spiele wie Final Fantasy oder The Witcher sind alles andere als subtil, was sicher so gewollt ist, ihnen aber viel des Charmes raubt. Und viele amüsant gedachte Antworten von Argus wirken steif, als wären große Teile des Dialogs nur geschrieben, um endlich diese eine Zeile bringen zu können. Zugegeben, wie der Plot wird auch der Humor mit Fortschreiten des Spiels besser - vielleicht, weil es später einfach ernster wird und man sich mehr an Argus gewöhnt hat. In den ersten vier (!) Spielstunden braucht man aber nicht so viel zu erwarten.

Dass ich so wenig Spaß an Zenith hatte, liegt unter anderem auch am Kampfsystem, das, ehrlich gesagt, unter aller Sau ist. Hier gewinnt Infinigon keinen Blumentopf. Argus wackelt und wobbelt durch die Räume, sodass man Glück hat, wenn er mal dahin trifft, wohin man auch gezielt hat. Am Ende bleibt das Kämpfen ein Wild-auf-die-Tasten-hauen-und-hoffen-dass-der-Gegner-zuerst-stirbt, während man sich mit Lebenstränken über Wasser hält.

Zenith Kampf

Die Perspektive hilft da auch nicht: In manchen Räumen kippt die Sicht fast auf die Seite, sodass man überhaupt kein Gefühl mehr dafür bekommt, wohin Argus jetzt gerade läuft oder zielt. Zenith erzählt mir ständig etwas von coolen Kombos, von denen ich kaum etwas sehe, weil ich sowieso nur ein Klickfest mit einer Taste feier.

Der Fernkampf hätte das hakelige Kampfsystem retten oder zumindest erträglich machen können, aber - und jetzt kommt's - bei jedem FERNkampfangriff macht Argus einen Schritt nach vorne. ??? Besonders Bosskämpfe arten so zu einem "Wer rennt schneller"-Wettbewerb aus. Auch Ausweichen ist eine Katastrophe, da man oft nicht einmal genau sieht, wohin der Gegner schlägt, und die Rolle vorwärts ist zu behäbig, als dass man aus einem beherzten Hechtsprung einen Vorteil für den weiteren Kampf zieht.

Zenith steckt voll von vielen kleinen Elementen, bei denen man sich denkt "Das wäre auch besser und geschmeidiger gegangen." Gegner muss man so schnell wie möglich looten, weil ihre Leichen innerhalb weniger Sekunden (!) verschwinden - und das Loot mit ins Nirvana nehmen. Das macht die Kämpfe umso hektischer, weil man neben dem Beten ums Treffen und Nicht-getroffen-werden umherlaufen muss, um Geld, Tränke und Gegenstände einzusacken.

Kommen dann noch Gefährten dazu, mit denen man sprechen kann, wird es umso nerviger, da die Taste für Ansprechen und Looten die gleiche ist und die Steuerung es mit dem Anvisieren von Leuten nicht so genau nimmt. Dazu kommt, dass in Dialogen nicht pausiert wird, ich also das ein oder andere mal draufgegangen bin, weil ein Dialog anfing und mich gleichzeitig Gegner angriffen.

An Warum?!-Schreie muss man sich bei Zenith gewöhnen. Speichern kann man nur an speziellen Kristallen, was auf Grund des hakeligen Kampfsystems und einiger Bugs das Spiel mancherorts zu einer Qual machen und mir den Bock auf Erkunden der ohnehin kleinen Gebiete so richtig vermiest.

Zenith Talentbaum

Und, ah... die Musik. Ich lüge nicht, wenn ich sage, dass sie mich in den Wahnsinn getrieben hat. Die Musik ist enervierend, drängt sich in den Vordergrund und ist damit zu aufdringlich, um Hintergrundmusik genannt zu werden. Ein Stück ist nur ein paar Minütchen lang, sodass der Loop einem zusätzlich auf den Geist fällt. Dazwischen kommen "in den spannenden Phasen" Heavy-Metal-Stücke, die mich jetzt auch nicht richtig entstressen und zu lang benutzt werden, um einen Effekt von Beschleunigung zu erzielen.

In den ohnehin schon entschlackten Optionen können wir nicht einmal den Sound abmischen, um die Musik runterzuregulieren, sodass ich am Ende einfach das Handtuch geworfen, den Ton ganz abgeschaltet und eigene Musik angemacht hab.

Im Gegensatz zur Musik ist das RPG-hafte beim Action-RPG ordentlich entschleunigt. Bis ich meinen ersten Levelanstieg hatte und Punkte verteilen konnte, sind drei Spielstunden vergangen. Danach ging es dann ziemlich schnell, aber die Talentbäume sind kaum interessant genug oder machen einen Unterschied für das Spielerlebnis, um sie wirklich zu erwähnen. Ich kann meine Kombos verstärken, die aber eigentlich keine sind. Hm. Nun gut.

Zenith Portal

Fazit
Zenith und ich - wir hatten einen schlechten Start. Alles in allem ist Zenith wahrscheinlich kein schlechtes Spiel. Für den Humor, der an mir komplett vorbei ging, kann ich eigentlich keine Abwertung verteilen. Blöd nur, wenn ein großer Teil des Spiels auf eben diesem Humor aufbaut. Das Kampfsystem ist definitiv der schwerwiegendste Kritikpunkt. Trotz nettem Mittelalter-Steampunk-Setting und interessanter Story, die sich ganz angenehm während des Spielens entwickelt und clever erzählt wird, vermasselt Zenith aber so einiges, was akzeptables Gameplay ausmacht, und heimst so keine Lorbeeren ein.

Zenith wurde auf dem PC (Windows 7 64-bit, 8 GByte RAM, AMD FX-8150, AMD Radeon R9 280 3GB) getestet. Ein Testmuster wurde uns von Infinigon zur Verfügung gestellt.

Zenith

(Ranking)
C
RANK
Gut gemeint. C-Spiele haben ihre strahlenden Momente, aber in entscheidenden Situationen wird großes Potential verschenkt. Über keine anderen Spiele kann man sich so sehr ärgern.

Kommentare

Ralleee
Gast
11. Oktober 2016 um 18:56 Uhr (#1)
Das ging wohl ein wenig in die Windel(l).
Rian
11. Oktober 2016 um 19:10 Uhr (#2)
Mit deinem Humor liegt wohl was im Argus!
Ralleee
Gast
12. Oktober 2016 um 20:05 Uhr (#3)
Und dabei hat mein humoristisches Niveau noch lang nicht den Zenith erreicht!
Gast
21. Juli 2018 um 15:46 Uhr
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RELEASE
20. September 2016
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PC
Plattform - PC-Spiele haben mit die älteste Tradition. Heutzutage laufen die meisten Games unter dem Microsoft Windows.

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