Vorschau: Vampyr

(Artikel)
Benjamin Strobel, 24. August 2016

Vorschau: Vampyr

Blut ist mein Gemüse

Ja, das ist es! Das echte DONTNOD Entertainment. Das richtige Pariser Entwicklungsstudio. Dasjenige, das ein durchschnittliches Remember Me herausbrachte und dann mit Life Is Strange unvermittelt in Spielerherzen crashte. Ihr neues Spiel Vampyr hatte jede Menge Vertrauensvorschuss bei mir. Auf der Gamescom konnte ich meine Hoffnungen mit der Realität messen.

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Atmosphärische Beleuchtung dank Unreal Engine 4.

How to be subtil. Not.
Vampyr spielt im London des frühen 20. Jahrunderts. Die Stadt wird nicht nur von der Spanischen Grippe geplagt, sondern hat auch ein Vampirproblem. Dass wir es in diesem Spiel mit notorischen Knoblauchabstinenzlern zu tun bekommen, konnte die eigenwillige Schreibweise des Titels ohnehin nicht lang verbergen.

Spielerinnen und Spieler schlüpfen in die Haut eines Arztes, der unter mysteriösen Umständen (mutige These: Biss?) zum Vampir wird. Die typische Vampirdynamik wird durch die Zerrissenheit zwischen dem Hippokratischem Eid auf der einen Seite und Blutdurst auf der anderen Seite wenig subtil in den Vordergrund gestellt. Damit ist ohne Zweifel ein nachvollziehbarer Konflikt etabliert, aber: please. Man bekommt die Idee so weit ins Gesicht gedrückt, dass man sie beim Atmen durch die Nase zieht.

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Cursed with a choice
Das war ein harter Einstieg für ein Spiel, das mich am Ende doch begeistert hat. Der erzählerisch etwas flach geratene Konflikt manifestiert sich gelungen im Gameplay von Vampyr. DONTNOD hat es nie ausgesprochen, aber im Kern werden spielerische und narrative Belohnungen geschickt gegeneinander ausgespielt. Ich denke, dass Spielerinnen und Spieler dabei ganz schön ins Schwitzen kommen werden.

In der offenen Spielwelt begegnet man zahlreichen NPCs, die nach Lust und Laune ausgesaugt werden können. Das ist mit einer großen spielerischen Belohnung verbunden, da man sehr viele Erfahrungspunkte erhält, die man benötigt, um die Fähigkeiten im Spiel weiter auszubauen. Allerdings ist sehr schnell klar, dass wahlloses Töten mit narrativen Konsequenzen verbunden ist: Wer sich an Londons Einwohnern hochnascht, kann sich das gute Ende natürlich klemmen. Einer der Entwickler erklärte uns auf der Gamescom, dass es ein besonderes Ende geben wird, wenn man gar keine Unschuldigen tötet. Vermutlich muss man dann aber aushalten, dass der Skilltree an den unteren Ästen verkümmert.

Es ist ganz einem selbst überlassen, ob, wen und wie viele Menschen man im Blutrausch töten möchte. Und man darf seine Entscheidungen auch ganz fundiert treffen. Eine beeindruckende Besonderheit an Vampyr ist es, dass die Spielwelt nicht von bedeutungslosen Milchgesichtern bevölkert wird, die im Kreis laufen und nur darauf warten, dass man sie snackt. Jede Einwohnerin, jeder Einwohner hat eine eigene Geschichte, Freunde, Familie, Ziele im Leben. Und wenn man sich die Mühe macht, über eine Figur zu recherchieren, kann man sich hinterher eben genau überlegen, ob man lieber den Fleischer mit vier Kindern tötet oder die alleinstehende Bäckerin, die auf ihren nächsten Urlaub spart. Einer der Entwickler vor Ort betonte, dass es darum ginge, den Entscheidungen Gewicht zu geben. Man solle eben nicht das Gefühl haben, hohle NPCs zu töten, sondern tatsächlich Menschen das Leben zu nehmen. Ich bin begeistert von der Idee und hoffe, es wird so gut funktionieren wie es klingt.

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Wer fordert eigentlich mehr Opfer? Die Spanische Grippe oder Vampire?

Der Gameplay-Alrounder
DONTNOD möchten an vergangene Erfolge anknüpfen und in Vampyr auf eine starke Geschichte fokussieren. Das heißt aber nicht, dass Gameplay zu kurz kommt. Stattdessen findet man ein regelrechtes Action-RPG-Best-of an Spielmechaniken vor: Kämpfe, Stealth, Crafting, Erkundung und ein vollwertiges Dialogsystem. In Gesprächen gibt es sogar mehr als vier Antwortmöglichkeiten, was vor allem Fallout-4-Kritikern gefallen dürfte.

Auf Nachfrage habe ich erfahren, dass Kämpfe leider nicht immer optional sind. Einige kann man durch Stealth umgehen und es ist richtig, dass man keine Zivilisten töten muss. Springen dem Doktor allerdings Vampirjäger in den Rücken, muss er sie bekämpfen - und töten. Die weiße Weste gibt es also nicht ganz ohne Blutstropfen, was ich etwas schade finde. Spiele wie Deus Ex: Human Revolution oder Dishonored ohne Töten durchzuspielen hat etwas Befriedigendes, das ich mir auch für Vampyr gewünscht habe.

Andererseits kann man auf diese Weise guten Gewissens die Kampfmechaniken ausschöpfen, die den ein oder anderen fiesen Kill bereithalten, wie nur Geschöpfe der Nacht ihn aus dem kalten Ärmel zaubern können. Die Versuchung aber bleibt: einen großen Vorteil soll man sich nur dann erspielen können, wenn man sich unschuldigen Hälsen hingibt.

DoucheFace, MD.
Eine kleine Sache stört dann aber doch noch. In Vampyr haben DONTNOD sich erstmals für einen männlichen Protagonisten entschieden. Ich weiß nicht mehr, ob er wohl Jack oder John genannt wurde, aber Generic McDoucheFace trifft es am besten. An einem männlichen Helden ist ja überhaupt nichts auszusetzen, zumal DONTNOD uns schon mehrfach starke Frauenfiguren präsentiert haben. Aber der Typ ist so unfassbar durchschnittlich, dass er von weißer Wandtapete nur schwer zu unterscheiden ist. Aus seinem Mantel hängt ein Schildchen mit der Aufschrift "Gritty Actionhero No 7". Jedes Toastbrot hat mehr Persönlichkeit als die unbearbeitete Standardvorlage eines Protogonisten, die Vampyr uns vorsetzt.

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Darf ich vorstellen? DoucheFace, MD.

Meine - vielleicht unrealistische - Hoffnung ist es, dass die Figur noch nicht final ist und im Entwicklungsprozess weiter ausgearbeitet wird. Ich meine, Life Is Srange hatte so gute Figuren, was ist passiert? Alternativ akzeptiere ich ein Konzept wie bei The Witcher 3, sodass man jedenfalls Bart und Frisur des Helden anpassen kann, um ihn optisch aus seiner langweiligen Durchschnittlichkeit zu retten. Anders als beim Hexer ist das hier tatsächlich nötig.

Vampyr soll erst nächstes Jahr erscheinen und wird vermutlich noch die ein oder andere Veränderung erfahren. Die Ideen sind unheimlich vielversprechend und ich bin sehr gespannt, wie sich das Konzept am Ende ausspielt. DONTNOD haben nach wie vor Vertrauensvorschuss bei mir. Ben

Kommentare

Vivi
25. August 2016 um 11:15 Uhr (#1)
Sogar der "light stubble" ist vorhanden!

Ich bin trotzdem gespannt - klingt super interessant!
Gast
20. September 2019 um 18:42 Uhr
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RELEASE
05. Juni 2018
PLATTFORM
PC
Plattform - PC-Spiele haben mit die älteste Tradition. Heutzutage laufen die meisten Games unter dem Microsoft Windows.
Playstation 4
Plattform - Die Playstation 4 (PS4) von Sony ist eine Spielkonsole der 8. Generation. Sie erschien am 29. November 2013 europaweit als Nachfolger der Playstation 3.
Xbox One
Plattform - Nachfolger der Xbox 360 von Microsoft. Angekündigt am 21. Mai 2013, ist die Heimkonsole am 22. November 2013 in Deutschland und weiten teilen Eruopas erschienen.

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