Abzû im Test

(Artikel)
Rian Voß, 04. August 2016

Abzû im Test

Meer ist weniger

Journey hat einen ganz besonderen Platz in meinem Herzen. Wenn ich die Augen schließe und an meine gemeinsame Reise mit einem Fremden denke, an die Musik, die an meinem Herzen zupfte, und an die Orte und Kreaturen, die wir gesehen haben, dann wird mir ganz warm im Bauch. Journey bewies mir, dass exploratives und emotionales Spiel einen Platz in unserer Kultur hat - jenseits von Highscores, Skill und Mechaniken. Abzû scheint in dieselbe Bresche zu schlagen. Wir verlassen die karge Wüstenei und stürzen uns Hals über Kopf in einen malerischen Ozean, mit all seiner Schönheit und seinen Gefahren in der Tiefe. Ich war gespannt. Ich schaltete das Handy aus, wurde alles los, was ablenken konnte, und murmelte in mich hinein: "Los, lass mich fühlen!"

Abzû und Journey teilen sich eine Seele namens Matt Nava. Der ehemalige Art Director von thatgamecompany war verantwortlich für alles, was Flower und Journey so künstlerisch gemacht hat. Und er gründete Giant Squid, um diesen Stil mit Abzû auf eine neue Vision zu übertragen. Hat er das geschafft?


Ja, das hat er. Abzû gehört wahrscheinlich zu den schönsten Indie-Spielen auf dem Planeten. Als namenloser Taucher in einem ansonsten menschenleeren Ozean ist man der Gewalt des Lebens an sich ausgesetzt. Der Ozean ist geflutet mit kunterbunten Fischen und organischen Strukturen, mit Wasserpflanzen, die im Licht des Sonnenscheins schaukeln, mit Glitzern, mit Staub, mit gruseligen Untiefen und blauen Himmeln. Wie ein Kind bin ich durch eine gigantische Herde Fische hindurchgedaucht und habe gejauchzt, als ich erst nichts sah außer Mäuler und schwarzer Augen und Schuppen, und dann wieder ins tiefe Blaue entkam, nur um gleich wieder umzudrehen und mich abermals von Flossen streicheln zu lassen. Wenn man eine dieser Wassertier-Meuten zu seinen Freunden macht, kann man auch Anlauf nehmen, gemeinsam durch die Oberfläche brechen und Höhenluft schnappen. Der Anblick ist himmlisch.

Harmonie der Tiefe
Unter Wasser will man erst einmal erforschen - und innehalten. Abzû legt keinen Wert auf Geschwindigkeit. Im Gegenteil: Es gibt Statuen, auf denen der Taucher meditieren kann. Von dort aus schaltet man zwischen allen Fischen der Gegend hin und her, kann sie bewundern und sogar miterleben, wie das simulierte Ökosystem in Kraft tritt. Groß frisst Klein, Klein flieht vor Groß. Die Nahrungskette ist stets am Arbeiten. Dazu noch die Musik, die jeden Moment mit erhebenden Streichern untermalt, und Abzû hat fast schon etwas Spirituelles.

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Die Handlung des Spiels umkreist in weiten Zügen die En?ma eliš, den babylonischen Schöpfungsmythos. Ich bin mir jetzt nicht sicher, ob ich zur Wikipedia-Seite verlinken sollte, denn in gewisser Weise ist es ein Spoiler, andererseits aber auch nicht wirklich...? Wie dem auch sei: Abzû verfolgt größtenteils einen eigenen Plot, der sich nur von Mythologie inspirieren lässt. Gesprochene oder geschriebene Worte gibt es nicht - ihr erlebt die Geschichte mittels Wandmalereien und Szenenbildern. Bedrohliche Farben, Kameraeinstellungen und Musik helfen euch dabei, die Puzzleteile zusammenzusetzen.

Zu nah am Original
Journeyspielern wird das alles sehr bekannt vorkommen: Komische Wandzeichnungen, keine Texte, eindrucksvolle, narrativ gefüllte Szenenbilder sind die Markenzeichen des S-Titels. Da hören die Gemeinsamkeiten nicht auf. Nahezu der gesamte emotionale Ablauf ist dem spirituellen Vorgänger entliehen. Würde man beide Spiele übereinander legen, wären die Ähnlichkeiten frappierend - vom Verlust eines Gefährten zur Bedrohung durch übermächtige Maschinen bis zur Machart des fulminanten Finales. Ich war verblüfft. Und auch etwas gelangweilt. Abzû hält nur wenige Überraschungen bereit. Es ist Kreativlosigkeit umgeben von Kreativität. Es ist der überquellende Kleiderschrank, vor dem man steht und sagt: "Ich habe nichts anzuziehen." Es ist der volle Kühlschrank, in den man hineinschaut und sagt: "Ich habe nichts zu essen." Die Möglichkeiten sind da, aber wirklich genutzt werden sie nicht.

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Es ist das Problem, mit dem man rechnen müsste, wenn man den Künstler zum Chef macht: Die Kunst hat Vorrang. Alles andere - nicht. Der narrative Verlauf ist nur ein Symptom. Das Pacing ist ein anderes: In Abzû wechseln sich Ruhephasen mit actionreichen Sequenzen auf eine unangenehme und trotzdem vorhersehbare Art ab. Areale zum Herumtauchen, in denen man sehr simple Rätsel löst, folgen auf jede halbe Minute Spannung. Kaum bin ich in einer Stromschnelle drin und schwimme mit Delfinen um die Wette, schon ist der Spaß wieder vorbei und ich muss in der Dunkelheit an Ketten ziehen. Abzû spielt sich die meiste Zeit, als wäre es für Patienten einer Herzklinik entwickelt, die bei anhaltender Anstrengung reihenweise umkippen.

Freunde zweiter Klasse
Wenn man Abzû und Journey einmal nebeneinander stellt, dann fällt etwas anderes auf: Journey hat etwas, das Abzû fehlt. Der Multiplayer. Es ist keine Frage, dass Journey ein gutes Spiel ohne den Multiplayermodus gewesen wäre, in dem ein anderer Spieler als Führer agieren kann. Aber dieses simple Konzept, gepaart mit einer einfachen Ein-Knopf-Sprache und dem Wunsch, nicht alleine gelassen zu werden, sorgte für eine emotionale Bindung zu einem Unbekannten, die manch einer unter Freunden erst noch finden muss.

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Abzû verzichtet auf dieses Konzept. Das ist ja nicht schlimm - kopiert hat das Spiel ja mehr als genug. Es füllt diese Lücke aber auch nicht mit einem eigenen originellen Dreh wieder auf. Es... fehlt einfach. Stattdessen bekommt der Taucher ab und zu Gesellschaft von schwimmenden Drohnen, die seine Ein-Knopf-Signale als Echo zurückgeben. Ein trauriger Ersatz und eine stetige, schmerzliche Erinnerung daran, wie viel besser Journey in diesem Aspekt war.

Ich gehe nur selten auf den Preis von Spielen ein und ich lasse ihn auch in diesem Fall nicht in die Wertung einfließen, aber er ist dennoch erwähnenswert: Abzû kostet derzeit 19,99 Euro im PSN Store und bietet etwa eine Stunde Spielzeit. Zum selben Preis könnt ihr am Wochenende in einen 3D-Filme mit Überlänge gehen und hättet noch genügend Geld übrig für eine überteuerte Schale Nachos.

Fazit
Abzû ist kein schlechtes Spiel, befindet sich aber in der unangenehmen Situation, dass es seinem geistigen Vorgänger in keiner Hinsicht das Wasser reichen kann. Normalerweise sollte ein Fazit nicht nur auf einem einzigen Vergleich zweier Spiele beruhen - in diesem Fall will Abzû aber so offensichtlich Journey sein und kopiert es dennoch nur so oberflächlich, als hätte das Team nicht verstanden, was Journey großartig gemacht hat. Es war frisch, clever und trotz weniger Spielmechaniken doch kein gemütlicher Spaziergang. Abzû ist nur ein Negativ dieses Erfolgs - ein Abzug.

Abzû wurde auf der PS4 getestet. Für den Test hat sich der Redakteur das Spiel selbst gekauft.

Der Meister macht es vor: Journey im Test

Abzû

(Ranking)
B
RANK
Anständig. Stärken und Schwächen halten sich die Waage. Positive Überraschungen sind genauso selten wie negative. Unterm Strich muss man seine Spielzeit keinesfalls bereuen.

Kommentare

Heiler
05. August 2016 um 14:56 Uhr (#1)
Interessant, guter Test Rian.

Ich schaue es mir mal nach Rain an.
Rian
06. August 2016 um 20:56 Uhr (#2)
Danke!
Gast
12. November 2019 um 23:16 Uhr
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Spiele des Artikels

RELEASE
02. August 2016
PLATTFORM
Playstation 4
Plattform - Die Playstation 4 (PS4) von Sony ist eine Spielkonsole der 8. Generation. Sie erschien am 29. November 2013 europaweit als Nachfolger der Playstation 3.

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