Necropolis im Test

(Artikel)
Rian Voß, 30. Juli 2016

Necropolis im Test

Leichenfleddern mit Freunden

Ein Spiel mit Dark Souls zu vergleichen, nur weil es schwierig ist, ist ja inzwischen pfui. Necropolis ist definitiv kein Dark Souls, auch wenn sich gewisse Inspirationen nicht verleugnen lassen. Aber darüber denkt man nicht mehr viel nach, wenn man einen Trank der Langweiligkeit kippt, seine Freunde in Abgründe stößt und sich zur Feier ein großes Stück verrottetes Fleisch zwischen die Kiemen schiebt.


In Necropolis schlüpft ihr in die Rolle eines kleinen Männleins (oder hüftbetonten Weibleins) und erkundet die Nekropole von Abraxis. Zehn Etagen geht es tief, vollgestopft mit Feinden, Fallen, Schätzen und den niemals enden wollenden Seitenhieben des Brazen Head. Diese eindrucksvolle, lebende Pyramide möchte, dass wir das Amulett von Siuol finden. Kaum betätige ich den ersten Fahrstuhl, heißt es aber: "Naja, eigentlich gibt es das Amulett nicht und das ganze Dungeon benutzt einfach nur Abenteurerseelen als Sprit. Viel Spaß!"

Wer sich schon einmal durch ein Souls-Spiel gequält hat, wird sich sofort zu Hause fühlen: Es gibt leichte Angriffe, schwere Angriffe, blocken und ausweichen. Man kann Gegner mit einem Shield Bash von den Füßen holen, mächtige Sprungangriffe platzieren und hat viele verschiedene Waffentypen zur Auswahl. Die Kämpfe sind solide, schnell und fühlen sich gut an, auch wenn sie etwas steif aussehen.

necropolis04Ein aufgeladener Spezialangriff holzt alles um.

Kämpfe gegen einzelne Feinde sind in der Regel kaum ein Problem, da die Nekropolenbewohner ziemlich dämlich sind, sich einzeln aus Gruppen ziehen lassen, an Objekten hängen bleiben, Angriffe lange im Voraus signalisieren und meist einfach nur stürmen. Interessanter wird es, wenn man die Aufmerksamkeit eines ganzen Pulks auf sich gezogen hat. Das kann passieren, wenn man nicht aufpasst und sie hinter einem spawnen (unfair!). Dann muss man gewitzt ausweichen und auch mal einen Superangriff zünden, der die Staminaleiste bis zur nächsten Heilung permanent kürzt. Oder man benutzt ein Item.

Sowohl Tränke als auch Schriftrollen sind überaus mächtig. Viele machen einen für kurze Zeit unverwundbar, verlangsamen alle Feinde in Sichtweite, erhöhen die Schlagkraft oder lassen alle Gegner gegeneinander kämpfen. Die Sache ist: Wenn man nicht gerade eine Identifikationsrolle dabei hat, kann man nicht mit Sicherheit sagen, was ein Gegenstand tun wird. Meist ist es ein positiver Effekt. Manchmal ließ mich ein Trank unkontrolliert kotzen, schränkte meinen Sichtbereich auf ein Drittel des Bildschirms ein oder drehte meine Steuerung um. Das klingt erst mal gruselig, ist aber auch richtig witzig und in Paniksituationen gibt es nichts Genialeres, als wenn ein unbekanntes Item einem den Arsch rettet. Was aber im Singleplayer selten passieren wird, da die Nutzung mitten im Kampf so lange braucht, dass man bis zum Zaubern meist totgekloppt wurde.

necropolis03Mysteriös!

Und darum packt man sich ein paar Freunde als Kanonenfutter ein! Bis zu vier Spieler können die Nekropole gleichzeitig untersuchen. Und während ein einsames Erforschen okay ist und auch Spaß macht, ist es viel lustiger, sich gegenseitig zu unterstützen und den Rücken frei zu halten. Der Multiplayer bringt aber seine eigenen Herausforderungen mit: Beispielsweise bekommt der, der Geld einsammelt, den größten Anteil und gibt nur einen Bruchteil an seine Kollegen ab.

Außerdem ist Friendly Fire immer aktiv. Als ich mit meiner Mitspielerin zum ersten Mal Level 5 von 10 erreicht habe, habe ich uns im Eifer des Gefechts leider eine dicke Bombe ins Gesicht geworfen. Wenn einer das überlebt hätte, wäre das kein Problem - man kann sich gegenseitig wiederbeleben und Mitstreiter respawnen nach einiger Zeit. Wenn aber alle sterben, heißt das: Zurück zum Anfang. Behalten darf man nichts, abgesehen von freigeschalteten Büchern, die verschiedene Skills beinhalten. Davon darf man aber nur einen ausrüsten.

necropolis01Teamwork: Einer zieht die Aggro, der andere läuft weg.

Auch wenn es der Standard bei Roguelikes ist: Die Wiederholungen schlauchen. Es ändern sich zwar Reihenfolge und Layout der manchmal hübschen und fallengespickten, manchmal öden und leeren Level - aber wenn man den vierten oder fünften Versuch startet, würde man eigentlich lieber in den tieferen Ebenen beginnen. Die Gegner am Anfang reißen es dann einfach nicht mehr und sich dort durchzukloppen grenzt an einen Automatismus.

Da hilft auch nicht, dass im Sinne des Forschertums so ziemlich alles extrem vage gehalten wurde. In den Leveln findet man deaktivierte Obelisken. Was das Einschalten jetzt genau bringt, habe ich bisher noch nicht herausfinden können. Auch die (sehr teuren) Bücher sind so unglaublich obskur beschrieben, dass man keine Ahnung hat, was man sich jetzt eigentlich kauft. Es könnte Müll sein! Waffen sind zwar in Ränge unterteilt, aber es gibt keinen Hinweis darauf, ob Elemente gewissen Gegnern mehr Schaden bereiten oder ob sie überhaupt mehr Schaden machen als andere Typen, was die Spezialangriffe sind und mehr. Es ist alles ein Ausprobieren, was mir eigentlich gefällt, aber Necropolis übertreibt es.

necropolis02An dieser Party möchte ich nicht teilhaben.

Nun hat Harebrained schon angekündigt, dass sie sich um viele dieser Kritikpunkte in Zukunft kümmern wollen. Gegner sollen schlauer werden, weniger gemein nachspawnen, es soll Areale mit mehr Abwechslung geben, eine neue Klasse wird gratis hinzugepatcht und Itembeschreibungen sollen etwas weniger in Ratespiele ausarten. Es gibt aber noch mehr Probleme.

Beispielsweise lässt sich Necropolis nicht mit Fremden spielen. Das Spiel verfügt über ein funktionierendes, flüssiges Jump-In-System, aber ich kann nur meine Freunde in ihrem Kampf unterstützen. Wer nach neuen Mitspielern sucht, muss Foren oder Facebook-Gruppen bemühen. Darüber hinaus ist es einfach nur nervig, dass ein Händler nur von einer Person zur gleichen Zeit benutzt werden kann. Und manchmal ist das Speichern nicht so akkurat: Nach einem Laden war schon mal Ausrüstung verloren gegangen oder zum Neustart hatte ich wesentlich mehr Tokens bekommen als meine Mitspielerin - für die wurden die erreichten Level einfach nicht gezählt.

Lobend will ich noch die ganze Aufmachung erwähnen. Wer auf Low-Poly-Look steht, bekommt hier ein durchaus schmuckes Spiel - auch wenn die Grafik technisch nicht immer einwandfrei ist. Objektschatten stellen beispielsweise erst auf sehr kurze Entfernung scharf und ein paar mehr Lichteffekte hätten es dann doch sein dürfen. Die Musik passt gut zum Spielgeschehen, auch wenn ich beim vielen "Woah, hey, pass auf, aaah, hinter dir, neeeeein, ich bin runtergefallen!" nicht viel davon mitbekommen habe.

Fazit
Necropolis ist ein hübscher Zeitvertreib für einen gemeinsamen Zwischendurch-Dungeoncrawl. Einfach mal ein oder zwei Stündchen Loot sammeln, Spaß haben und sich über die dämlichen Feinde lustig machen. Es fehlt aber trotz prozedural generierter Level an Abwechslung und technisch ist das Spiel einfach noch nicht dort, wo es sein sollte. Das ändert sich hoffentlich in den kommenden Wochen.

Necropolis: A Diabolical Dungeon Delve wurde auf dem PC (Windows 10 64-Bit, 16 GByte RAM, Intel Core i5-4690, Nvidia GeForce GTX 970) getestet. Ein Testmuster wurde uns von Harebrained Schemes zur Verfügung gestellt.

Necropolis: A Diabolical Dungeon Delve

(Ranking)
B
RANK
Anständig. Stärken und Schwächen halten sich die Waage. Positive Überraschungen sind genauso selten wie negative. Unterm Strich muss man seine Spielzeit keinesfalls bereuen.

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21. September 2019 um 19:38 Uhr
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RELEASE
12. Juli 2016
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PC
Plattform - PC-Spiele haben mit die älteste Tradition. Heutzutage laufen die meisten Games unter dem Microsoft Windows.
Playstation 4
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